,, Dies hier," sagte der Mann und griff nach einem dunkelbraunen, zerspellten Holz­löffel, ist das Schwert eines Kaisers aus der Beit der Dynastie Han. Wer dieses Schwert befibt, wird einst Kaiser des Reiches. Nun hat fich der alte Spruch erfüllt. Und dies hier," er wies cuf einen Feßen Seide ,,, ist der Prunk­mantel meines Vaters, der Fürst von Tschi- Li| war, ein großer, ein weiser Fürst." Der Mann nahm einen Stein in die Hand, ein Stück Kieſel, abgeschliffen vom Wasser vieler Jahrhunderte. ,, Habt ihr jemals einen Diamanten gefehen wie diesen?" fragte er. Ich werde ihn auf der Bruft tragen als Kaiser."

Da zog der Mandarin die Stirn in Falten. Den Traum eines Menschen erfüllen, und sei es auch nur für eine kurze Stunde, bedeutet weder, ihn mit Geld laufen, noch ihn mit Ge­walt zivingen. Stviang- Si- Teng neigte sich tief vor dem Mann, er verstellte seine Stimme, fie Ilang nun sanft wie die eines bittenden Kindes. In deinen Adern glüht das Blut der Kaiser," fagte er. Die höchste Macht des Kaisers ist die Gnade. Gewähre deinem Knecht eine Gnade, Herr."

,, Eine Gnade? Tausend Gnaden," sagte der Mann, und sein Antlitz strahlte.

,, Gib mir einen Tropfen deines Blutes. Nur einen einzigen Tropfen deines erhabenen laiserlichen Blutes."

Die Augen des Mannes brannten und funkelten. Plöglich riß er den Aermel seines Kleides auf und firedte dem Mandarin seine Hand enigegen.

,, Nimm," fagte er. Er griff nach einem hölzernen Messer und reichte es dem Mandarin. ,, Hier hast du ein Messer, öffne meine Adern, nimm dir einen Tropfen meines kaiserlichen Blutes."

Der Mandarin hielt das Messer in seinen Händen. Der Mann stand vor ihm, beobachtete ihn scharf. Ein Leben liegt vor ihm, und er wird glücklich sein, dachte der Mandarin. Doch plötz­lich begann er zu lachen. Er fühlte, wie der Frost wieder an seinem Körper empor troch. Bald wird er wieder im Herzen sizen. Ein alter Mann bin ich, an der Schwelle des Todes, dachte der Mandarin. Und spiele hier mit einem Nar­ten Komödie. Grell wurde das Lachen des Man­darins, ohne Glanz war es und ohne Wärme. Und der Mann Tachte mit. Der Arm, den er dem Mandarin darbot, zitterte. Da fegte der Man­darin mit einer einzigen Bewegung die Steine und Fezzen vom Tisch, stieß den Tisch um, brüllte den Mann an: Narr Narr- Narr" und lief hinaus, auf die Straße, aus der Frost und ein unsäglicher Schauer des Einsamseins aufstieg, der langsam am Leib des Mandarins emporkroch wie ein widerwärtiges Tier.

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Als der Morgen dämmerte, warf sich der Mandarin zu Boden. Er trallte seine Finger in die feuchte Erde. Sie ist groß und weit, dachte er, seit Jahrtausenden rollt sie durch das All. Aber sie hat nicht einen Tropfen Blut für mich. Sie ist ausgebrannt und erfroren, wie ich.

Tau fiel auf die Hand des Mandarins . Der Himmel ſpiegelte fich in dem winzigen Tropfen. Der Himmel weint um mich, dachte der Mandarin.

Ich werde nun sterben, dachte vang- Si­Zeng. Die Diener und Beamten werden die Totengebete sprechen, mit leeren Herzen, und fie werden nicht zu mir dringen und mich er­lösen, bis ich drüben bin.

Da ging vang- Si- Teng heim. Er setzte fich an den Tisch und schrieb mit eigener Hand fein Teftament. Einen Beutel Gold vermachte er dem Bettler an der Pagode. Sein Haus, feine Schäße aber schenkte er dem Narren; mag der Norr fich einen Traum aus ihnen bauen, dies

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ist das einzige, zu dem fie taugen. Nur einen Ring nahm er aus seinen Truhen. Es war ein schmaler, goldener Reifen, in dem ein Rubin brannte. Den Ring fandte er Su, dem Arzt. Kaltes, erstarrtes, erfrorenes Blut, das einzige, das es auf dieser Welt noch gibt.

Dann befahl Kwang- Si- Teng den Die­nern, alle Fenster des Palastes zu öffnen. Die Diener saben einander an, aber fie gehorchten. Ktvang- Si- Leng legte fein Meid ab und hüllte fich in einen Mantel aus weißer Seide. Der Mantel war so dünn, daß der Frost durch ihn hindurchgriff an den Leib des Mandarins und an sein Herz.

Wir erfrieren alle, dachte Kwang- Si- Teng, als er die Finger des Frostes in seinem Herzen spürte. Eine Wolke von Frost umhüllt die Welt. Ein Tropfen glühenden Blutes vermöchte sie zu erlöfen doch muß dieser Tropfen Blut so heiß sein, daß er alles Eis schmilzt, und daß er un­geheure Brände entfacht, in denen die Wälder verflammen und die Häuser einstürzen, in denen

die Menschen sich voreinander verbergen. Ein einziger Tropfen Blut, aber er müßte ein Licht sein, das die Sonne überstrahlt.

Mit geschlossenen Augen lag Kwang- Si­Teng da. Die talte Hand des Windes strich über seine Stirn, sie war barmherzig, denn fie trod nete den Schweiß seines Sterbens.

Der letzte Blid des Mandarins Mwang- Si­Teng fiel auf die Statue der Guan- Yin , der Göttin der Barmherzigkeit, die er zu Füßen seines Lagers aufgestellt hatte. Sie war aus Elfenbein geschnitten, ein kostbares Stüd aus dem Besitz seiner Familie. Sein Vater hatte in schweren Stunden Räucherwerk vor ihr entzün­det und zu ihr gebetet.

Und da war es, als wüchse die Figur, sie wurde größer, als Menschen sind, sie breitete ihren Mantel aus, er umschloß den Mandarin, er umschloß das Zimmer, den Palast, die Pro­vinz, das Reich, die Welt. Ein Mantel aus Purpur war es, vor dem der kalte Atem des Windes in winzige weiße Blütenblätter zerfie!.

Insel im Blutmeer

Andorra . Der spanische Bürger-| Aera in Andorra ? Man würde sich nicht wun­frieg hat für die Bewohner des Zwerg- dern, denn die letzten paar Jahre haben mehr staates eine merkwürdige Folge gehabt; fie Veränderungen gebracht, als ebenso viele Jahr­haben ihren Koprinzen", den Bischof von hunderte vorher: Revolution, Verfassungsände­von Urgel, zum ersten Mal seit 1130 Jah- ring, Umsturzversuche... Freilich, alles in ren, berloren. einem Maßstab, über den wir Nichtandorraner ein wenig lächeln.

Wie seit Jahrhunderten, geht das Leben in Andorra seinen Weg. Es ist vielleicht sogar noch Es begann damit, daß eines Tages franzö stiller geworden, seitdem weit drunten im- fische Ingenieuer eintrafen, in dem hübschen den, hinter den phantastisch gezadten Bergen modernen Hotel der Hauptstadt" Andorra la der Pyrenäen , der Bürgerkrieg tobt: die Wo- Vieja Zimmer mieteten und geheimnisvolle chenend- Autocarz aus Barcelona laden nicht M: Fungen anstellten. Bald darauf war ein mehr ihre Fremden ab, die das furiose Ländchen französisch- spanischer Trust gegründet, der die stets so gern besichtigten. Und doch ist eine ent- ungeheuren Wasserkräfte des Landes ausbeuten scheidende Veränderung in der staatsrechtlichen wollte. Ein riesiges Elektrizitätswerk wuchs aus Situation dieser 5000 Andorraner eingetreten der Erde, es gab Arbeit, aber auch Unruhe. - fie bildet das Tagesgespräch auf dem unge- Andorra war plößlich zum Wertabjekt geworden, pflasterten Marktplatz, im Café, im Regie- zur Schachfigur im Spiel der Großmächte. Die rungsgebäude", der Casa del Valle, die noch ge­nau so dasteht, wie sie 1588 erbaut wurde.

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fleine Gebirgsbauernrepublik hätte schnell ihre Selbständigkeit verloren, wenn nicht die ge­schidie alte Verfassung sie gerettet hätte, durch die Zweiteilung der Souveränität, vergleichbar einem Kräfte- Parallelogramm.

Unter der andorranischen Jugend, die plößlich mit der Neuzeit bekannt wurde, be­gann es zu gären. Sie berlangte das Wahl­recht. Bisher hatten nur die ,, Caps de casa", die Familienoberhäupter, das Recht, die 24 Räte aus ihren Reihen zu wählen, die zwar nur 10 Beseten jährlich Gratifikation erhalten- der Staatspräsident, Syndic general", ebenfalls ein einfacher Bauer, bekommt 80 Beseten im Jahr aber diese Räte gehörten nun einmal zur Schicht der selbständigen Bauern und nah­men in erster Linie deren Interessen wahr. Das gefiel den jungen Andorranern nicht mehr, und fie drohten mit einer gewaltigen Revolution, wenn man ihnen nicht allgemeines Wahlrecht gewähre.

Das Jahr 805 brachte schwere Kämpfe 3ivischen den Franken und den Mauren in Spa­ nien . Die Bauern in den Tälern der Ost­phrenäen griffen zu Bogen und Schwertern und fchloffen sich den Franken an. Als die Sarazenen vertrieben waren, erhielten sie zum Dank dafür eine von Karl dem Großen ausgestellte Charta", die ihnen einen eigenen Staat schuf. den Staat der Täler von Andorra ". Sie soll­te Selbstverwaltung genießen, aber der Staat stand unter der Souveränität zweier Koprin­zen", des Grafen von Foir und des Bischofs der fatalanischen Stadt Urgel. Die Zeit hat es mit sich gebracht, daß die Würde des französischen Koprinzen von den Grafen von Foir auf die Könige, Kaiser und Präsidenten von Frankreich überging, die sie schließlich dem jeweiligen Prä­felten des Departements Ostphrenäen in Ber­pignan überließen. Im allgemeinen fümmerten ſich die Andorraner nicht viel um ihre beiden Diese Revolution fand denn auch wirklich Koprinzen und lieferten ihnen die Steuern ab, statt, allerdings höchst ungewollt. Im April zu denen sie seit 805 verpflichtet sind: jährlich 1932 feierte man das Votivfest, es wurde aus­960 Francs für den französischen Präsidenten, giebig gezecht, und auf dem Heimweg kam eine beziehungsweise seinem Präfekten, eine Ladung Gruppe junger Leute auf den Gedanken, die Schinken und Käse für den Bischof von Urgel. im Regierungsgebäude" tagenden Räte mit 1936 ist das erste Jahr, in dem der übliche Na- dem riesigen Hausschlüssel, der immer am Tor turalien- Tribut zur Erntezeit nicht abgeliefert stedt, zum Scherz einzusperren. Kaum sahen die werden konnte: der Bischof von Urgel hat sich Räte die johlenden Burschen aus dem Fenster bor den. Schreden des Bürgerkrieges in Italien des Ratszimmers, taum merkten sie, daß sie in Sicherheit gebracht. Das ist aber auch das ein- eingeschlossen waren, da sagten sie sich: die Re­aige, was die Andorraner von den Dingen, die volution ist da und beschlossen sofort das sich ringsum abspielen, zu spüren bekommen... allgemeine Wahlrecht... Es wurde zivar, als Ist es der Beginn einer neuen staatsrechtlichen| man später das Mißverständnis entdeckte, der