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Flieder

Die Geschichte einer Liebe von Walter Schreiner

Stephan war fünf Jahre alt. Er lebte in einem schönen Haus am See zusammen mit der grauen Kaße Fridolin, dem Hunde Wolf , einer Anzahl von Vögeln und vielen, vielen Blumen. Es war eigentlich ein recht vergnügtes Leben, das nur hie und da durch sogenannte Erwachsene etwas gestört wurde. Da war näm­lich auch noch ein großer, starker Herr, der ummer sagte: ,, Lärm nicht so, Stephan." Und eine Dame war da, eine sehr hübsche, manch­mal auch recht freundliche Dame, die füßte ihn zuteilen und schickte ihn dann in den Garten.

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febt hatten, aber dem Mädchen imponierte das alles gar nicht. Das ist nur so Kleinzeug", sagte sie, und die Tulpen duften nicht ein­mal. Da haben wir zu Hause einen Flieder strauch den solltest du mal sehen! Ueber und über voller Blütendolden, wunderschöne lila Blütendolden! Und wie das duftet! Flieder ist herrlich Flieder liebe ich von allen Blumen am meisten! Aber ihr habt ja hier gar feinen Fliederstrauch- du müßtest das deinem Vater sagen. Ein Garten ohne Flieder ist doch nichts ach Gott, was gäbe ich jetzt für einen Flie­

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üblen Lage, wobei der Boden der schönen, neuen, hellgrauen Hose vollends in Trümmer ging. Dann wurde Stephan ins Haus gezogen, samt seinem Flieder, den er krampfhaft in den Armen hielt, und er bekam nicht nur Schelte, weil er gestohlen hatte, was man nicht tun dürfe, sondern auch ausgiebige und schmerzhafte Prügel. Was ihn aber bitterer schmerzte alz die Hiebe, das war die Tatsache, daß die schöne Inge lächelnd zusah, während er verhauen wurde. Für sie war er über den Zaun geklet­tert, für sie hatte er den Flieder gestohlen, für sie seine schönen Hosen zerrissen, für sie bekam er Brügei, und sie lächelte! Und der Flieder wurde in den Müllfasten geworfen!

Am anderen Morgen reiste die schöne Inge mit der Tanie wieder ab. Als sie Stephan zum

Geh ſchön ſpielen, Memey laun, beg bare detail baht ausgezeichnet zu meinem Abschied die Hand reichte, fagte ſie ſpöttiſch:

hieß- Vater und die Dame Mama, und es wäre ganz gut mit ihnen gegangen, wenn sie nich so merkwürdige Ansichten darüber gehabt hät­ten, was ein kleiner Knabe tun darf und was nicht. Jedenfalls war mit der grauen Katze Fridolin, dem Hunde Wolf und den vielen Blumen leichter auszukommen, als mit Vater und Mama, die immer zu ermahnen und zu korrigieren hatten und der Meinung waren, fleine Jungen müßten immer frisch gewaschen sein. Man ging ihnen deshalb am besten aus der: Wege.

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Teint, findest du nicht?"

,, Fliederdieb!"

Nun wußte Stephan zwar nicht, ob lila Stephan schlich sich mit der grauen Stazze Coufine paßte, aber er sagte natürlich in, mußte Fridolin und dem Hunde Wolf , die er am Tag sich jedoch gleich sagen lassen, daß er davon zuvor so sehr vernachlässigt hatte, in den Gar nichts verstünde, weil er noch ein ganz unber- ten und weinte.. nünftiger Kleiner Junge wäre. Stephan taten solche Worte weh; er fah ja ein, daß die schöne Inge schon beinahe erwachsen war, aber es war doch nicht notwendig, ihn immer wieder an seine fünf Jahre zu erinnern. Er konnte ja schließlich nichts dafür, daß er noch nicht älter war!

Aber noch mehr zu denken gab ihm der Wunsch Inges nach einem Strauß frischen Flie ders. Oher wußte sehr wohl, wo es Flieder gab: im Garten nebenan, beim Onkel Kapitän, der schon manchmal mit ihm ein paar Worte über den Zaun gesprochen hatte. Wie, wenn er zu dem Onkel ginge und ihn um einen Flieder­Strauß bäte? Aber da fiel ihm ein: der Onkei war ja weggefahren, weit, weit fort, und in dem Hause war niemand als eine töse alte Frau und der Hund Stropp, der immer so wild kläffte, wenn er am Baun war. Schade, sehr schade!

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Schätze,

die der Zufall entdeckt

Wie viele Menschen, und darunter solche, die in größter Armut kümmerlich ihr Dasein fristen, mögen wohl über Schätze, ja sogar über Reichtümer verfügen, ohne darum zu wis­sen! Immer wieder hört man von Fällen, in denen ein Notverkauf, eine Entrümpelung oder irgend ein Zufall zur Entdeckung eines Schakes führte: einer Kostbarkeit, die man, in Unkennt nis ihres wahren Wertes, für Krimskrams ge= halten. Vergilbte Drudwerke, alte Bilder, Müns zen, Gefäße, Schnitzereien, Plastiken oft handelt es sich da um wertvolle Dinge, und wie lange müssen sie mitunter in einem ver­stedten, verstaubten Winkel ruhen, ehe ein Zu fall den Entdecker spielt!

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Den ganzen Tag ging ihm nicht aus dem Wie dieser Tage aus Neusüdwales gemel Kopf, daß die schöne Inge den Flieder so sehr det wurde, zwang bitterste Not den arbeits= liebie, und daß er ihr keinen bringen konnte. Losen Paul Fraser, seine letzten Einrichtungs­Oder konnte er am Ende doch? Der Flieder- gegenstände zu verkaufen. Unter diesen befand strauch ſtand ja gar nicht weit vom Zaun ent- jich auch ein Bild, in dem der Händler, an den fernt im Winter hatte man ihn sehen kön- Fraser sich gewendet hatte, einen alten Meister nen, als an den Haselsträuchern noch feine zu erkennen glaubte. Auf Anraten des Mannes Blätter waren! Wenn er über den Zaun flet- wandie Fraser sich an den Direktor der Natio= terte... Und so fraß sich der Gedanke in sei- nal- Bildergalerie in Sydneh, der feststellte, daß nem kleinen, verliebten Herzen fest: er mußte es sich um ein Original von Claude Josef Ver­der schönen Inge einen großen, großen Flieder net handle, im schäßungstreifen Wert von fünf­ſtranih nez dem Nachbargotten helen! Laß das humbert fund. Es besteht die stojicht, das bei Tage nicht ging, verstand sich von selbst also warten, bis es dämmerig, bis es dunkel

Nun tam aber in das schöne Haus am See eine Unruhe, nämlich ein Logierbefuch. Eine Frau, die Tante hieß, und ein junges Mädchen namens Inge. Ingeborg" fagte sie selber, aber die Tante und die Mama und der Water sagten mur Inge. Stephan interessierte sich für die Tante nicht sehr, und als sie ihn füssen wollte, sträubte er sich sogar ein wenig. Aber das Mädchen Inge gefiel ihm. Es war ein sehr schönes Mädchen mit blonden Loden und blauen Augen und so unheimlich weißen Händen, daß Stephan unwillkürlich an den Brunnen ging und seine eigenen mit Seife bearbeitete. Ein sehr schönes Mädchen war nur etwas schwierig, mit ihr umzugehen. Die graue Kaße Fridolin nannte sie einen bäß­lichen alten Stater, und zum Hunde Wolf sagte fie:., Bleib weg, du Köter! Du machſt mir ja mein Kleid schmutzig!" Und über die Vögel wußte sie gar nicht Bescheid und um die Blu­men auch nicht. Die jungen Amfeln in der Jasminhede fand sie sehr häßlich, und wenn sie nicht so schön gewesen wäre, hätte sie Stephan am liebsten ein bißchen verhauen. Aber fie bar wirllia) su ſchön, beſonders wenn ſie das fleine Näschen nach oben zog, die großen Vergißmeinnicht- Augen zusammenfniff und sagte: Laß nur, Stephan mich interessiert wurde. das nicht sehr. Denn, weißt du, ich bin ja vier Jahre älter als du da spielt man nicht mehr mit Katern und Hunden. Ich habe jeden Tag meine Freundinnen zu Besuch da solltest du mal sehen, wie gut die erzogen find!" Da wurde Stephan noch kleiner, als er schon war, und das Herz tat ihm weh, daß er nicht auch fo gut erzogen war, wie die Freundinnen der schönen Inge. Aber er war voller guter Vor­säße, und am Morgen bestand er darauf, daß er seine schönsten Hosen anziehen durfte schöne, hellgraue Hosen, die er bis jetzt nur ein einzigesmal getragen hatte. Inge, die er auf die Hosen aufmerksam machte, fand sie auch ganz nett; ihr Cousin Thomas trug Tennishosen von der gleichen Farbe, aber natürlich viel feiner im Stoff. Stephan hatte eine Wut auf den Cousin Thomas.

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Dann hinüber, und einen großen Strauß zusammengerafft! Der böse Stropp würde schon nicht gerade dazukommen! Wäre es nur schon endlich Abend!

.. Die Ertvachsenen faßen nach dem Nachtmahl noch zusammen. Den kleinen Stephan hatte man ins Bett geschickt, Inge dagegen, die schöne Inge, durfte noch ein Viertelstündchen bleiben, weil sie erstens zu Besuch und zwei­tens schon neun Jahre alt war.

Auf einmal drang durch die offenen Fen­ster ein mörderisches Geschrei, das unverkenn­bar von Stephan stammte. Und der Hund im Nachbargarten fläffte wütend. Der Mann, den Stephan Vater nannte, rannte in den Garten und fand den kleinen Mann mit dem Hofen­boden in dem Stacheldraht hängen, der den Zaun nach oben abschloß. In den Armen hielt er frampfhaft einen Strauß Flieder. Auf der Die Kinder gingen durch den Garten und anderen Seite des Gartens aber lief Stropp Stephan fuchte das Interesse der schönen Inge wütend auf und ab und bellte, was er konnte. auf die Blumenrabatten zu lenfen, auf die Es war eine wirkliche, richtige Tragödie. Tulpen, auf die Maiglöckchen, die schon ange­

Der Vaier befreite Stephan aus seiner

Gemälde zived Verkaufes nach Europa zu senden.

Ein ähnlicher Fall wurde vor zwei Jahren aus Szegedin berichtet: Ein Mann namens Formaher litt größte Not und als er sich keinen anderen Ausweg mehr wußte, ging er zur Szer gediner Filiale der Ungarischen Nationalbank, um eine französische Goldmünze, die ihm seine Mutter als einziges Erbstück hinterlassen hatte, zu verkaufen. Glücklicherweise traf er in der Bank auf einen münzenkundigen Beamten, und dieser stellte an Hand eines Werkes fest, daß es sich um eine Fehlprägung aus dem Jahre 1806 handelte: während eine Seite das Bildnis Na­ poleons I. zeigte, befanden sich auf der anderen Seite die Symbole der französischen Republik . Ein italienischer Sachverständiger schätzte den Wert der Münze, von der angeblich zehn Stück in den Verkehr geraten waren, ohne indes jemals wieder zum Vorschein zu kommen, auf drei Millionen Lire...

Daß ein Unkundiger zwischen Kostbarkeit und Gerümpel nicht zu unterscheiden vermag und meist auch gar nicht daran denkt, fich ber Sachverständigen Rat zu holen, ist selbstver=