BUNTE WELT
Nr. 21
Guido Reif:
Unterhaltungsbeilage
Der vergessene Hof
., Wird sakrisch heiß sein unter dem Zelt", sagte der Michl nach einer Weile. ,, A Glück, daß a Bier auf der Welt gibt."
,, Unter welchem Zelt?" fragte der Bauer verständnislos zurück.
Drückende Hiße lag über der Landschaft. Die Sonne stand im Zenith. Kein Lüftchen regte sich. Müde hingen die Blätter von den Bäumen.'s Das Dorf war in einen Dunstschleier gehüllt. Am Kirchturm blizte und blinkte das neue Kreuz aus Meffing, das der Einödenbauer knapp vor seinem Tode auf der Kirchturmspige hatte anbringen lassen, wobei er wohl hoffte, daß ihm für diese fromme Tat Vergebung für alle Sünden zuteil werden würde, die er zeit seines Lebens begangen hatte.
Josef stand, aufgeſtützt auf seine Heugabel, und wartete, bis endlich Michl käme, damit die Fuhre fertig würde. Sein Blick glitt über den Ort, der sich drüben ausbreitete, streifte den Wald, ging über die Felder, die er kritisch musterte, und blieb schließlich auf seinem Hof haften, der kaum zweihundert Schritt von ihm entfernt lag. Zufrieden stellte er fest, daß im Hof, und auch außerhalb desselben, peinlichste Ordnung herrschte. Ja, die Mizzl", lachte er vor sich hin und streckte seine junge kräftige Gestalt. Nur dem Michl sollts nit so viel zu fressen geben, der Kerl arbeit sonst überhaupt nimmer." Er stieß die Gabel in die Erde und war eben im Begriff, zu seinem Hof hinüber zu gehen, als Michl dort aus dem Tor trat und gemächlich dem Felde zuschritt. ,, Na, sput dich doch!" rief ihm der Bauer entgegen. Kaum merklich beschleunigte der Knecht Michl sein Tempo und stand kurz darauf vor dem Bauer. ,, Fürcht dich nit. Steig nur auf. Getreid hat noch kein Menschen bissen."
Michl brummte etwas vor sich hin, kam der Aufforderung des Bauern nach und kletterte auf den Wagen. Als er die erste Garbe ein= schichtete, meinte Micht:„ Luderhib, ber= fluchte, damische. Das Wasser rinnt eim direkt in die Augen."
., Wirst dir a Brillen anſchaffen müſſen, damit dirs Arbeiten flotter geht", gab ihm der Bauer zur Antwort, während er ihm die nächste Garbe entgegenhob.
Michl hüllte sich fortan in Schweigen. Nur die Zurufe an die Pferde unterbrachen dieses, wenn der Knecht dem Bauer nachfuhr, der ohne die Hibe zu spüren Garbe um Garbe zu Michl hob, der sie aufeinander schichtete.
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,, Wie machst es nur, Bauer, daß dir die safrische Hitz nig tun kann? fragte der Knecht
endlich.
„ Es ist wurscht, ob a Hib is oder Kält oder sonst was. Man hat seine Pflichten und die muß ma erfüllen. Da derf einen nir ſtörn."
Michl hörte die gelehrt klingenden Worte, die er nicht ganz begriff, und schwieg. A verfluchter Kerl is der Bauer, dachte er, a ganz verfluchter! A jeder sizi daham, weil er Angst hat,' s funnt ehm der Schlag treffen oder weil er sich vorm Schwißen fürcht, setzte der Knecht seinen Gedankengang fort, nur mei Bauer tut, wie wenn a Märztag war und im März tut er, wie wann September sein tat.
Als der Wagen vollbeladen war, stieg Michl herab und gesellte sich zum Bauer, der die Bügel in die Hand nahm, und dem Hofe zufuhr.
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,, Na weißt, Bauer",- Michl warf seinem Herrn einen veriveisenden Blick zu ,, na weißt, wie du nur fragen kannst! Unterm Belt von dem Zirkus. Hast es denn noch nit gjehn?"
,, Ah schau! Jetzt wissen wir ja, wo der Knecht heut in der Früh a lange Stund lang stedt is!" antwortete Joſef und hielt den Wagen an.
Michl wurde verlegen. ,, Na ja.. weißt, Bauer, mir ham ja in der Schul was glernt, daß es so wilde Biecher gibt, so Löwen und Dromedarer und Affen und so. Aber gsehn ham mir ja doch mei Lebtag nur Ochsen und Küh und Biegen und Pferd. Na und heut früh fan's doch kommen, die vom Zirkus nämlich, und da dacht ich-"
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1937
,, Da staunst, gelt!" war die Antivort des Bauern. Dann stand er vor seiner jungen Frau. ,, Wenn man weiß, was ein zu Haus erwartet, hat mans verteufelt eilig."
,, Sei stad, du! Wenn dich jemand hört, müßt er meinen, mir fan eben aus der Kirch tommen."
,, Wanne nit beinah so war!" lachte der
Bauer.
,, Na, a Jahr is und bleibt a Jahr." ,, Da hast wieder recht und auch nit recht."
Dann herrschte Schweigen. Josef und seine junge Frau standen, eng umschlungen, inmitten des Zimmers. Genau so, als wären sie eben aus der Kirche gekommen... Als der Abend hereinbrach, fuhr die letzte Getreidefahre in Josefs Hof, die Arbeit war geſchafft.
,, So", sagte der Bauer beim Abendessen. ,, So. Und den Eintritt in' n Zirkus zahl ich euch."
Die Knechte und Mägde waren' 3 zu
,, Daß du allerweil denken mußt, Ker!! Immer wannſt denkst, kommt an Rausch oder a andre Blödheit raus. Wann du dir das Den- frieden.
Genug
Ich freue mich im stillen, weil alle ihr nicht wißt, was wirklich mir am Leben wertvoll und wichtig ist. Ein Bers, der mir gelungen, ein spielerisches Wort: mit dieser Lebensernte geh ich zufrieden fort.
Max Barth.
ten abgewöhnen wirst, wirst erst an richtiger Mensch werdn. Vorläufig bist nur an Menscherl." Der Bauer schnalzte mit der Peitsche und die Pferde setten sich wieder in Bewegung.
Ms sie in den Hof einfuhren, kam Micht wieder auf das vorhin abgebrochene Thema zu sprechen. Du gehst doch a, Bauer, was? Stell dir vor an Neger habns mit. Der Gustl vom Vierhofbauer hat schon probiert, ob er echt is. Er is' 3 a! I man halt, da wirds viel zu sehn gebn."
Der Wagen hielt. Viel flinker, als man hätte glauben können, war der Michl hoch oben und begann, ihn abzuladen. Aus dem Getreide speicher lachte ein Mädl. Hast schwikt, Micherle? Hast schwitzt?" Sei stad, dumme Urschl, sonst gschieht dir was!"
"
Der Bauer war ins Haus eingetreten. Sorgfältig klopfte er den Staub von den Schuhen, bevor er in das Wohnzimmer trat.
,, Das is aber schnell gangen!" rief ihm eine Frauenstimme entgegen.
Eine halbe Stunde später war der Hof des Bauern leer. Nur der alte Wastl saß bor der Tür zum Gesindehaus, rauchte seine Pfeife und wunderte sich baß über die albernen jungen Leute, die mit Pferd, Kuh und Ziege nicht ge= mug haben wollten und in der Nacht auszogen, um sich Löwen und Affen und anderes Viehzeug anzusehn, das sowieso nur Schwindel war. Rolf, der Hund, lag zu seinen Füßen und blinzelte zum Sternenhimmel.
Josef und seine Frau waren beim Zirkus angekommen. Dort herrschte schon reges Leben. Nicht nur die Jugend des Dorfes drängte sich vor dem Zelt und den sechs Wagen, die daneben standen; auch die Erwachsenen konnten ihre Neugierde nicht zügeln. Als eine Glocke endlich einen ohrenbetäubenden Lärm entfachte und ein Clown vor dem Eingang zum Zeit erschien, um mit quietschender Stimme zum Eintritt aufzufordern, zögerte niemand, der Einladung Folge zu leisten. In kurzer Zeit waren die Bänke rings um die Manege voll besetzt. Neben dem Eingang und neben einem Vorhang diesem gegenüber, auf dem die geheimnisvolle Inschrift Zu den Ställen Eintritt lebensgefährlich“ angebracht war, befanden sich je zwei Logen. In einer derselben hatte Josef mit seiner Frau Platz genommen. Neben der Bäuerin saz Michl, während die übrigen Knechte und Mägde auf den Bänken weiter rückwärts Platz genommen hatten.
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Die Vorstellung begann. Zuerst erschien ein Mann mit einer endlos langen Peitsche, roten Hosen und schwarzem Rock, und verkündete dem Publikum, daß es eigentlich für das, was es sehen werde, viel zu wenig gezahlt habe. Denn das, was nun folge, sei unübertroffen und von ganz Europa und Amerika bestaunt worden. Die Bauern, die zuerst gefürchtet hatten, daß sie noch einmal zahlen müßten und beunruhigt waren, gewannen ihre Ruhe wieder, als der Mann mis
ades. 00