BUNTE WELT

Nr. 50

Emi Siao:

Unterhaltungsbeilage

1937

Der Freischärler Wai Tu M

Der Trupp näherte sich langsam der schnee­verwehten Stadt. Die Kälte nahm mehr und mehr zu. Der Boden flirrte unter den Hufen der ermüdeten Pferde.

von

der

Oberst Jdo rieb immer häufiger die blau­gefrorenen Wangen mit seinen Handschuhen. Aber selbst der heftige mandschurische Frost ver­mochte seine gute Laune nicht zu beeinträchtigen. Der Oberst hatte anscheinend allen Grund. zufrieden zu sein. Sein Plan der Webersiedlung dreißigtausend Japanern nach Mandschurei war vom Kaiser selbst gebilligt worden und wurde bereits in die Wirklichkeit umgesetzt. Der erste Versuch konnte allerdings nicht als geglückt betrachtet werden die ersten fünftausend japanischen Ansiedler wurden fort­gesetzt von Freischärlern überfallen und waren schließlich gezwungen, in die Stadt zurückzu­kehren. Aber jetzt hatte der Oberst die Durch­führung seines Planes selber in die Hand ge­nommen und war überzeugt, daß er Erfolg haben würde.

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Der Trupp näherte sich den Toren der Stadt. Längs der Straße hatten die Soldaten bon Mandschukuo feierlich Aufstellung ge­

nommen.

Das Orchester stimmte die Staatshymne an. Aus dem Toriveg eilte der Kreischef, in einen langen Belzrock gehüllt, dem Obersten entgegen. Sein aufgedunsenes Gesicht ver­schwamm in einem friecherischen Lächeln. Ihm folgte ein hagerer, japanischer Berater" in ftraffer Haltung auf dem Fuße.

"

Als der Kreischef den Obersten erblickte, bückte er sich und erstarrte in einem Winkel von neunzig Grad.

Die mandschurischen Soldaten hoben ihre Gewehre und salutierten vor dem Obersten. Dies fer nidte dem Kreischef wohlwollend zu und bielt seinen Einzug in die Stadt.

Vor dem mit Flaggen geschmückten Tempel machte der Oberst halt. Hier war ein Festessen zur Feier ,, des Abwaschens des Staubes" bors

bereitet.

Das Effen zeichnete sich durch die Fülle und Gewähltheit der aufgetragenen Speisen aus, denen der Oberst alle Ehre erties. Als der Austausch der feierlichen Begrüßungsreden zu Ende war, erhob sich der Oberst und begann in gebrochenem Chinesisch zu reden. Seine Rede tvar furz, aber vielsagend:

,, Das neue Jahr rüdt heran. Bis Neujahr müssen die Bauern erstens ihre sämtlichen Waf­fen abliefern und zweitens alle Dokumente über ihren Bodenbefits.

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Das Zimmer verschwamm in den blauen Wolken des Opiumrauches. Der Kreischef räkelte sich wohlig auf seinem Lager. In dem Augenblick, wo das Opium zu wirken begann, trat der japanische Berater" ins Zimmer. Er grüßte, setzte sich und sagte in trocken- geschäft­lichem Tone:

"

,, Sie wissen wohl, daß Ihre Bauern mir sehr ungern die Dokumente über ihren Boden­besitz abgeben und auch nicht geneigt sind, die

Ich

bei ihnen versteckten Waffen abzuliefern. habe deshalb dem Obersten geraten, sich selbst aufs Land zu begeben, er braucht aber für die sen Zived Proviant und Geld. Sie müssen bei­des beschaffen."

,, Wieviel?" fragte der Kreischef unsicher. ,, Behntausend Dollar."

Der Vater und der alte Großvater blickten zärtlich auf die kleine geschäftige Hausfrau. Gegen Ende des Nachtmahles öffnete sich die Tür und der Dolmetscher trat ins Zimmer.

,, Du bist vom Schicksal gesegnet", rief er mit schlauem Lächeln. ,, Dem Obersten gefällt deine Tochter. Ich habe den Befeht, sie ihm so=

Der Kreischef nickte zustimmend. Der Japaner erhob sich und ging. Der Schreiber fort in den Tempel zu bringen." wurde gerufen:

,, Im Laufe des heutigen Tages sollen sämtliche Ladeninhaber nach dem Stadthaus ge­holt und mit einer außerordentlichen Steuer zur Ausrottung der Banditen in Höhe... sagen wir, in Höhe von zwölftausend Dollar belegt werden!"

Der Schreiber verbeugte sich und ging.. Die im Zimmer befindliche Frau sah den erstaunt an: Kreischef ,, Zwölftausend?" fragte sie. Der Kreischef lachte schallend: Auch, du Dummchen! Glaubst du, ich werde mir umsonst den Kopf zerbrechen?" Und er schlug sie flatschend auf die nadten Schultern.

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Der Oberst blieb nicht lange in der Stadt. Am folgenden Morgen begab er sich mit dreißig japanischen Soldaten und einer Kompanie mandschurischer Mannschaften nach dem nächsten Handelsplay.

Die Siedlung war einer der beliebtesten Mittelpunkte des Handelsverkehrs im ganzen Kreis, aber jetzt herrschte in den Straßen völlige Ruhe. Nur vereinzelte Bauern, die eilig in ihren Hütten Deckung suchten, kreuzten den Weg des Obersten. Mitten in der Straße erhob sich ein großer Tempel. Ebenso wie in der Stadt wehten japanische und mandschurische Fahnen über ihm. Der Oberst begab sich in den Tempel, um dort zusammen mit seinem Gefolge zu übernachten.

Tiefes Schweigen herrschte im Raum. ,, Aber sie ist doch erst fünfzehn Jahre alt!" sagte der Alte nach einer minutenlangen Bause.

., Je jünger, desto besser", rief der Dols metscher mit einem häßlichen Lächeln und streckte die Hand nach dem Mädchen aus.

Schen Chua schrie entsetzt auf. Wei Tu erhob sich und trat zwischen den Dolmetscher und die Tochter.

,, Gut, gehen Sie. Ich werde sie waschen die Augen des Obersten tritt... Ich bringe sie und ankleiden, damit sie in würdiger Form vor selber hin", sagte er mit heiserer Stimme.

., Gut", erwiderte der Dolmetscher und fügte drohend hinzu: Aber halte dich bloß nicht auf! Vergiß nicht, daß der Oberst befohlen hat, sie sofort hinzubringen!"

Wei Tu blieb inmitten des Hofes stehen. Seine Beine waren plöglich so schiver, als ob er tausend Li*) marschiert wäre. Ihm schien, daß er nicht mehr imstande sei, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten und er sant traftlos auf eine Bank nieder.

Er schloß die Augen... Sein ganzes Leben 30g an ihm vorüber, das entbehrungs­reiche, schwere Leben eines Soldaten: endlose Feldzüge, zufällige Einquartierungen in den Siedlungen, das ganbze gefahrvolle Leben eines Kompaniechefs der nordöstlichen Armee.

Nach dem Essen und einer ausgedehnten Neberall, auf allen Etappen seines ents Ruhepause begab sich der Oberst in die Siedlung. behrungsreichen Kriegslebens hatte Wei Tu Ein von einer hohen Mauer umgebenes Haus davon geträumt, daß er in seine Heimat zu den lenfte seine Aufmerksamkeit auf sich. Schnee- Seinen zurückkehren und sein Geschlecht au bedeckte Tannen ragten hinter der Mauer empor. neuer Blüte bringen würde. Er träumte davon, Ein einer Torweg führte in das Innere des daß seine Söhne dereinst voll Ehrfurcht seinen Hofes. Es war offenbar das Besiktum eines Namen, mit reichen Titeln geschmidt, in die wohlhabenden Bauern. Am Tor stand ein junges Ahnentafel einzeichnen würden. Mädchen. Ihr langer, glänzender Zopf hing bis zu den Hüften herab. Ihr Kleid war sauber, sogar von ausgesuchter Feinheit.

Der Oberst hatte plötzlich kein Interesse mehr für die Besichtigung seines neuen Macht­bereiches. Er kehrte in den Tempel zurüd, rief den Dolmetscher und befahl ihm, unverzüglich das Mädchen zu ihm zu bringen.

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Die an der Decke hängende Lampe beleuch­tete trübe die Ahnentafeln, den Heiligenschrein und das über den Eßnapf gebeugte breite, ge­bräunte Gesicht Wei Tus.

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Die Familie saß beim Nachimahl. Schen Chua eilte geschäftig hin und her ihre flinken Hände schütteten neue Reisportionen in die ge­leerten Näpfe und füllten die Porzellantassen mit Wein.

Seine Frau starb, ohne den glücklichen Augenblick seiner Rückkehr zu ertvarten, es blies ben aber der alte Vater, zwei kräftige Söhne und das Töchterchen Schen Chua.

In der ersten Zeit schien es Wei Tu, daß der Traum seines Lebens Wirklichkeit ge=

worden war. Er fonnte ausruhen von den Ent­behrungen und Sorgen des Kriegslebens. Bald aber sah er, daß er sich getäuscht hatte. Die Japaner gaben weder Ruhe noch Frieden: fie plünderten die Bauern, raubten das Vieh, ver­gewaltigten die Frauen; die Bauern gingen in die Berge und organisierten Freischürlertrupps. Wei Tu war ein geschulter Krieger. Die Frei fchärler brauchten eine solchen und wandten sich

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*) 1 i= 0,6 Kilometer.