Aus England.

London , den 19. April.

Die Minorität der Trades Union Kommission) hat nicht lange angestanden, dem Parlament eine Gelegenheit zu geben, sich unumwunden über die Trades Unions auszusprechen. Sie hat eine Bill vorbereitet, welche von Thomas Hughes und Mundella im Parlament befürwortet und wo möglich znm Gesetz erhoben werden soll. Es wird vorgeschlagen, daß alle Ausnahmegesetze gegen die Gewerbe- Verbindungen aufgehoben werden sollen, und daß keine Verbindung als solche ſtrafbar sein soll. Gesetzwidrige Handlungen sollen den allgemeinen Landesgesetzen unterworfen und auf dem gewöhnlichen Wege gerichtlich verfolgt und bestraft werden. Unter der Bedingung, daß sie ihre Statuten alljährig einreichen und Rechnung über ihre Einnahmen und Ausgaben ablegen, sollen die Unions die Frei­heit haben, sich als Gewerks- Verbindungen registriren( einschreiben) zu lassen, welches gleichbedeutend ist mit gesetzlicher Anerken­nung. Findet der Regiſtrator die Rechnungsablage richtig, so ist er verpflichtet, im Laufe eines Monats ein Zeugniß auszu­stellen. Er darf Einsicht in alle Bücher verlangen und darf

das Zeugniß nur dann verweigern, wenn er begründete Ur­sache hat zu glauben, daß Ausgaben stattgefunden haben, die nicht in der Rechnungsablage angegeben sind. Die großen Vereine, die ihre Sachen drucken lassen, haben seit Jahren ihre Rechnungsablagen veröffentlicht, nicht allein um den ein­zelnen Mitgliedern eine vollständige Einsicht in ihren Vereins­haushalt zu geben, sondern auch um Propaganda zu machen. Eine solche Rechnungsablage wurde vor einigen Tagen von dem Sekretär der Vereinigten Schreiner und Zimmerleute veröffent= licht. Diese Union ( Gewerksgenossenschaft) besteht gegenwärtig aus 218 Zweigvereinen mit einer Gesammtzahl von 8736 Mitgliedern und 17,179 Pfd. St. in der Kasse. Sie besteht feit 1860 und hatte am Ende des ersten Jahres 618 Mit­glieder und einen Kassenbestand von 321 Pfd. St. Die Ein­nahmen des verflossenen Jahres beliefen sich auf 19,692 Pfd. St., die Ausgaben auf 17,665 Pfd. St. Davon kamen 5874 Pfd. St. auf die Unterstützung von arbeitslosen Mit­gliedern; 4204 Pfd. St. für Krankenunterstützung; 830 Pfd. St. Begräbnißtoften; 800 Bfd. St. Pensionen für arbeitsunfähige Mitglieder; 619 Pfd. St. Vergütung für verlorene Werkzeuge bei Feuersbrünsten und 455 Pfd. St. wurden verausgabt um Mit­glieder gegen Uebervortheilung durch ihre Arbeitgeber zu schützen. Der ,, Morning Star" Organ des Herrn Bright, bemerkt, ,, nichts würde mehr dazu beitragen, die gesunde Lebenskraft der großen Gewerksgenossenschaften zu entwickeln, als daß sie von Seiten der Gesetzgebung als ein integrirender Theil unseres sozialen Systems anerkannt würden." Was wäre der Fond dieser Geſellſchaft, vertheilt unter ihre Mitglieder? Hätte Je der seine zwei Pfund in der Tasche und stände seinem Ver­wender( employer Arbeitgeber) als Individuum gegenüber, wie lange könnte er aushalten? Nur dadurch, daß die 17,000 Pfd. St. Kassenbestand jedem Einzelnen, sämmtlicher verei­nigter Individuen im Falle der Noth zu Gebote stehen, wer­den die Uebergriffe der Kapitalisten theils abgewehrt, theils im Keime erstickt. Wie viel würden die 8000 Mitglieder

nicht während eines schlechten Geschäfts- Jahres an Arbeits­ Lohn verloren haben, hätten die Bauunternehmer es wagen dürfen, die Arbeiter im Einzelnen anzugreifen? Jedes Mit­

*) Die bereits erwähnte vom Parlament ernannte Kommission zur Untersuchung des Wesens und der Wirksamkeit der Trades' Unions ( Gewerks- Genossenschaften.

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glied kostet es nur einen Schilling( 10 Sgr.) die Woche, alle dergleichen Angriffe zu beseitigen.

In Manchester herrscht gegenwärtig große Verwirrung denen Zweige der Bauarbeiter vereinzelte Forderungen, die im Baugeschäft. Seit einigen Jahren stellten die verschie= ihnen vereinzelt bewilligt wurden, So ist es gekommen, daß die Einen 10 Stunden des Tags arbeiten, die Audern 9 Stun­den, Andere noch weniger. Selbst der Lohn wird nicht zu derselben Stunde bezahlt. Die Schreiner, Anstreicher und An­dere erhalten ihr Geld am Freitag, die Steinhauer am Sonn­Stunden bezahlen und 54% Stunde die Woche arbeiten las­abend. Die Bauunternehmer wollen vom ersten Mai an nach sen; die Steinhauer haben Gegen- Notiz gegeben, daß sie nur Tagearbeit. Die Schreiner und Zimmerleute verlangen nur 48 Stunden die Woche arbeiten wollen ohne Lohnabzug und eine Verkürzung der Arbeitszeit von 24 Stunde die Woche, ebenfalls ohne Lohnabzug. Die Steinhauer stellten die Ar­beit vorigen Sonnabend ein, oie Schreiner und Zimmerleute sind mit den Unternehmern übereingekommen, die Sache ei­nem Schiedsgericht zu übergeben.

Personen sind außer Arbeit und eine Firma hat Notiz gege­In Preston hat sich noch nichts geändert. Gegen 9000

ben, am Ende dieses Monats den Lohn um 5 Prozent zu

verkürzen. Diese Notiz betrifft 3000 Personen. Ein einziger Mann hat, durch die bestehenden Eigenthumsrechte, über den Broderwerb von 3000 Personen zu verfügen! Und dennoch halten es Leute, die uns weis machen wollen, sie hätten ehr­liche Absichten, für Unrecht, daß die Tausende sich zur Ver­theidigung gegen die Angriffe der Einzelnen verbinden sollten. Der größte Sklaven- Besitzer des Alterthums, und der mäch tigſte Feudalherr, des Mittelalters hätte keinen ähnlichen Streich ausführen können, wie der moderne Kapitalist, der im Nu Tausende aller Subsistenzmittel berauben kann, ohne auch nur einen Finger zu bewegen. Die Bourgeois- Dekonomen bezeichnen gerne die Zustände des Mittelalters als die feudale Anarchie

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würde das verkommenste Geschlecht von Leibeigenen sich haben gefallen lassen, was sich der moderne Lohnarbeiter ge fallen läßt? Wahrlich die modernen Lohnſklaven sind sehr langmüthig in den Kämpfen mit ihren Unterdrückern. Was ist der politische Absolutismus der Fürsten gegenüber der Bourgeoisie, verglichen mit der Tyrannei der Kapitalisten gegen­

über den Lohnarbeitern!

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Ein Bericht über einen Vorgang, der die Lage des mo dernen Lohnarbeiters bezeichnet und unsere Zustände charakteri sirt, hat im Laufe der Woche die Runde durch die Presse ge­macht. Drei hundert und zwanzig Personen versammelten sich vorigen Dienstag auf einer hiesigen Eisenbahn- Station, um auszuwandern und jenseits des großen Weltmeers, in den Wüſten von Canada , eine neue Heimath zu suchen. Der Pfiff der Maschine das Zeichen, daß sie ihr geliebtes Bater land auf immer verließen-war zugleich die Veranlassung eines allgemeinen Jubels. Drei donnernde Hochs erschütterten die Luft, als der Augenblick gekommen war, sie von dannen zu führen. Das ist die Begeisterung, die der moderne Lohn­arbeiter hat für die Scholle, auf welcher er geboren ward und Weltmeers ist aber auch nicht Alles Gold was glänzt. Ein wo er die Tage seiner Kindheit verlebte. Jenseits des großen alter Bekannter von mir, ein Irländer, der vor einem Jahr auswanderte, sagte vor einigen Tagen in einer Massen- Ber sammlung zu New- York , daß die Ausbeutung der Arbeiter in der Republik viel unverschämter vollzogen werde als in Europa , unter aristokratischen Regierungen*).

*) Weil der gesetzliche Schutz ein geringerer; dafür haben aber die