Preis: 60 f. cts.

Freiheit

Nummer 91. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Freitag, 30. Juni 1933

Chefredakteur: M. Braun

Ein deutscher Arbeiter

berichtet der ,, Deutschen Freiheit" dieses Jubiläum: Heute vor zehn Jahren wurde ich nach mehr­monatiger Gefängnisstrafe von der Besatzung aus dem Rhein­ land ausgewiesen. Grund: Treue zu Deutschland . Jetzt zwingt mich Hitler , Deutschland zu verlassen. Mit anderen gelobe ich: wir kommen wieder.

Freiheit!

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Vorstoß der Junker

Entscheidende Stunden in Neudeck- Hitler soll Garantien für den Großgrund­besitz geben Das Drängen aus der Tiefe

Berlin , den 29. Juni 1933.( Eig. Drahtb.) Als einzige deutsche Zeitung konnten wir gestern über die Hintergründe des Kampfes Hitler- Hugenberg be­richten. Unsere Meldung, daß Hindenburg Widerstand leisten werde, hat sich bestätigt. Unter« Widerstand Hin­ denburg " ist natürlich nicht die schwindende Energie des alten Herrn zu verstehen, dessen Gesundheitszustand entgegen allen Ableugnungen sich verschlechtert hat, son­dern der Widerstand wird von den politischen und wirt­schaftlichen Kräften rings um Hindenburg geführt. Reichsminister Hugenberg , dieser sture Stockreaktionär, war für den östlichen Großgrundbesitz der Garant gegen den Siedlungsbolschewismus" der proleta­rischen SA. und der Intellektuellen ohne Ar und Halm in der Nationalsozialistischen Partei. Angesichts der drohenden Gefahren für den Großgrundbesitz hat man Hindenburg nach Neudeck geschafft, um ihn dort unter

den Einfluß der ostpreußischen Junker, insbesondere seiner pensionierten Generalsfreunde, zu bringen. Unter diesem Druck weigert sich der Reichspräsi­denk noch immer, einen Nachfolger Hugenbergs zu ernennen, wenn nicht der Reichskanzler Garantien für die Weiterentwicklung der Agrarfrage auf dem Boden des Privateigentums und gegen alle sozialistischen Experimente in der Landwirt­schaft bietet. Das ist der Grund der plöhlichen Reise des Reichskanzlers nach Neudeck. Die Umgebung des alten Herrn läßt ihn einstweilen nicht auf den heißen poli­fischen Boden Berlins zurück. Man hofft, daß der Reichskanzler in Neudeck, wo er auch Aussprachen mit führenden Großgrundbesitzern haben wird, sich entgegen­kommender zeigt als unter dem Einfluß der Radikalen Göbbels und Göring in Berlin .

Was sich in Neudeck jetzt vollzieht, ist ein Ringen

zwischen den Kräften, die nur die nationale Revo­lufion gewollt haben und den elementaren Gewalten in der Tiefe, die zur sozialistischen Revolution vor­wärtsdrängen. Noch sucht der Reichskanzler, der für seine Person stets den Sozialismus abgelehnt, ja das Wort Sozialismus, das er an sich für schlecht hält, in seinen Wahlreden möglichst vermieden hat, zwischen national- konservativen und national- revolutionären Kräften zu lavieren. Die Zersetzung des deutschen , Ge­sellschaftskörpers, die unlösbare Agrarkrise im Osten und die verzweifelte Situation großer Teile der deut­ schen Industrie drängen aber zu baldigen Entscheidungen. Diese können nur revolutionär sein, und der Reichs­kanzler fühlt wohl selbst recht deutlich, daß die Ent­wicklung andere Wege nimmt, als er sie gewollt hat. Diese Entwicklung wird wohl auch andere Führer ans Ruder bringen.

Todeskampf des Zentrums

Das Schicksal des Zentrums ist besiegelt

München , den 29. Juni 1938.( Eig. Drahtber.)

In Bayern sind weitere Verhaftungen führender Mit glieder der Bayrischen Volkspartei erfolgt. In der Pfalz werden auch alle führenden Mitglieder des Zentrums ver: haftet. Prominente Führer des rheinischen Zentrums find nach Eupen Malmedy geflohen und haben sich so unter den Schutz der belgischen Regierung gestellt. Der frühere Reichskanzler Dr. Wirth befindet sich unter dem Schuze von Dollfuß in Desterreich, und zwar schon seit Wochen. Sonst würde er zweifellos längst in einem Konzentrations­lager sein, wenn er nicht gar auf der Flucht" erschossen wor: den wäre. Auch im Saargebiet halten sich eine Reihe von führenden Zentrumsleuten und Gewerkschaftlern, auch katholische Pfarrer auf, die sich auf der Flucht vor dem Terror gegen die Schwarzen" in Deutschland befinden.

Die Voraussage, daß das Zentrum nicht mehr kämpfen kann, bestätigt sich. Die Zentrumsführung, oder was man noch so nennen fann, erwägt nur noch, ob die Zentrums: partei Selbstmord begeht oder sich mit der seidenen Schnur der Gleichschaltung erwürgen läßt. Irgend ein Widerstand im Zentrum ist nicht mehr zu spüren. Von Absichten illegaler das Zentrum nicht zu einer aktivistischen Politik. Die Kirche Arbeit kann nicht die Rede sein. Der Vatikan ermuntert auch das Zentrum nicht zu einer aktivistischen Politik. Dir Kirche hält zur Zeit die jetzigen Machthaber für so start, daß die Zens trumspartei kein hinreichender Schuß für den Katholizismus sein kann. Auf den Höhen der katholischen Kirche hofft man, durch die päpstliche und bischöfliche Diplomatie allmählich zu einem erträglichen Zusammenleben auch mit dem National: sozialismus fommen zu können. Unter den deutschen

Bischöfen gab es schon seit Jahren Herren, die das Zentrum durch seine Politik mit der Sozialdemokratie für zu belastet halten, als daß es noch die großen Traditionen der Vers gangenheit aufrechterhalten könnte. Diese Herren und der Vatikan nehmen an, daß auf längere Sicht die katholische Kirche größere Aussichten in Deutschland ohne das Zentrum haben wird als unter der Belastung mit der Parteipolitik des Zentrums.

Die Versuche Dr. Brünings, das Zentrum zu retten, find vollkommen gescheitert. Damit dürfte auch die politische Rolle dieses früheren Reichskanzlers zu Ende sein. Seine Schwäche gegenüber den Nationalsozialisten und seine mangelnde Ent­schlossenheit, tiefgreifende Reformen durchzuführen, tragen an der Katastrophe Deutschlands einen großen Teil der Schuld.

Alarmruf eines Priesters

Katholicher Geistlicher an die Deutsche Freiheit"- Schuld der Kirche und des Zentrums Brünings Versagen

Antifaschisten sammelt euch!

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Ein junger katholischer Geistlicher sprach in diesen Tagen auf der Redaktion der Deutschen Freiheit" vor, um uns seine Sympathie auszudrücken. Er war noch tief erregt von den Vorgängen in jüngster Zeit. Die Erlebnisse, die er in seiner Diözese hatte, seine Zusammenstöße mit Bevollmächtigten der Nazis, seine Beobachtungen der Terrorakte gegen katholische Priester dies alles hatte eine schwere Erschütterung seiner bisherigen politischen An­schauung zur Folge. In den Unterhaltungen mit ihm brach immer wieder die Auffassung durch, daß die kirchliche Hierarchie ebenso wie das Zentrum und die Bayrische Volkspartei ihre Zeit nicht verstanden hätten. Sonst wäre die jetzige« Katastrophe" so drückte sich der junge Geistliche aus- unmöglich gewesen.

Wir fragten den Priester, welcher Art die Vorwürfe feien: die er ihr zu machen habe. Seine Antwort lautete: " Jahrzehnte hindurch hat man in Enzykliken und Hirten briefen den Sozialismus, wie er sich in der Arbeiter bewegung verkörperte, heftig bekämpft. Statt die arbeitenden Menschen mit der Kirche zu versöhnen, hat man ihre Klassentampfidee als unchriftlich" bezeichnet. Dabei mußte doch gesehen werden, daß die Anderen und Stärkeren ihn dauernd schürten. Die Kirche aber schloß, so mußte es wenigstens nach außen hin scheinen, ein Bündnis mit den Besitzenden. Wir Jüngeren waren lange schon rebellisch, wenn wir die wirtschaftliche und soziale Not unseres Kirchenvoltes

sahen. In den Vorständen und bei der gesamten Laien repräsentation sind nach wie vor Leute im Vordergrund, die vermöge ihres praktischen Verhaltens im Wirtschaftsleben bestenfalls als Lippenchriften anzusehen sind."

,, Wollen Sie damit sagen," so fragten wir weiter, daß Sie die Haltung der Kirche zum Nationalsozialismus, zur brutalen Unterdrückung der Sozialdemokratie und der Ge: werkschaftsbewegung nicht billigen?"

" Jawohl," lautete die Antwort. Wir jüngeren Priester sind ergrimmt darüber, wenn wir die mit allen diploma: tischen Finessen abgefaßten Kundgebungen unserer Bischöfe lesen. Wir verstehen nicht, wie man die Männer, die heute

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in Deutschland herrschen, mit dem kirchlichen Obrigkeits- und Autoritätsbegriff in Verbindung bringen kann. Denn sie sind nach meiner Meinung brutale Eroberer und Vernichter aller Boltsrechte, zu denen es loyale Beziehungen für die heilige Kirche nicht geben kann. Wo sind die Proteste da= gegen, daß täglich in Deutschland Menschen mißhandelt und gequält, inkonzentrations= läger gebracht und ihrer Würde beraubt werden? Was wir alle erwarten: das Manifest des Papst es an die gesamte Kulturwelt im Namen Christi, daß die Menschenrechte für die in Deutschland unterdrückten katholischen Volksteile wieder hergestellt werden müßten, ist