Martin Andersen- nexo:
In der folgenden Skizze nimmt Andersen Nerö, dieser blauäugige nordische Recke, an dem Hitler und Göbbels lernen könnten, was germanische Rasse heißt, zur Judenfrage Stellung. Er widerlegt den Antisemitismus nicht mit Argumenten, sondern er erledigt ihn, indem er ihn der Lächerlichkeit überantwortet. Es ist ein gut Ding, Freunde außerhalb der Landesgrenze zu haben. Gerade in der Fremde bewahrheitet sich ja das Sagawort, daß ohne Rückendeckung der Bruderlose fei. Um so mehr Grund habe ich also, die Freundschaft des Herrn von Germanenstolz zu würdigen; seine Verbindungen reichen weiter als die meinen, und er hat eine hilfreiche Hand.
Urbrigens ist unsere Bekanntschaft älter als unsere Freundschaft. Es gab eine Zeit, wo wir uns nicht treffen fonnten, ohne uns in die Haare zu geraten. Für einen neuzeitlichen Großfaufmann und Industriellen war Herr von Germanenstolz sehr belesen und kultiviert, ein ganzes Stück von einem Denker; aber auf gewissen Gebieten haute er böse daneben. Er glaubte z. B. eine Zeitlang seinem Lande sei eine göttliche Aufgabe etwa die Wiedergeburt der Welt zugeteilt worden! Und diese Ueberzeugung machte ihn gelegentlich den Kaufmann abstreifen und den Berserkergang gehen.
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Wenn die Anfälle über ihn kamen, troch er wie Don Qui jote in eine gewaltige Rüstung, und paßte man dann nicht gründlich auf ihn auf, zog er los und richtete Unheil an. Na, es hat ja jeder seine Mucken, aber es war nicht immer leicht, mit ihm zu verkehren. In mir als Nordländer sah er einen entarteten Deutschen und konnte nicht begreifen, daß es ihm nicht gestattet set, mir den Kopf abzuschlagen und den Deutschen in mir wiederzugebären- mich wiederherzustellen", wie er es nannte.
Sonst aber war er, wie gesagt, ein ganz famoser Kerl, und es hat keinen Wert, jetzt noch bei diesen kleinen Sonderlichfeiten zu verweilen. Um so weniger, als er seither seine Auffassung geändert hat und nun eher geneigt ist, die fleinen skandinavischen Völker als die eigentlichen Träger des Urgermanischen und folglich auch der Erneuerung der Welt zu betrachten.
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Jest will er mir nicht mehr an den Kragen, wenn wir zusammentreffen, sondern schenkt mir seine ungeteilte Bewunderung. Obgleich er weitaus der größere und kräftigere ist, hat er doch herausgefunden, ich sei„ urwüchsig". Jest dürfte ich seinen Kopf abschlagen wenn ich nur schwören wollte, ihn als urechten Germanen wiederherzustellen". Aber dazu hatte ich nicht den mindesten Drang. Ich fann ihn ganz gut teiden, so wie er ist, besonders, wenn er sich das menschlichste von allem
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eine kleine Unsicherheit zulegen würde. Der Mensch sollte in nichts so sicher sein und am wenigsten in Betreff seiner Stammtafel! Wie es nun fam, daß er in seinem Rassenhochmut schwankend und dann wieder gestärkt wurde? Ja, die Vorsehung drehte ihn dreimal eine Nase, und das war entschieden das eine Mal zu viel.
Natürlich war Herr von Germanenstolz Antisemit, das Wort
Meinung war die Eröffnung der Chetto- Tore die größte Dummheit der Weltgeschichte, und er führte einen energischen Bertilgungskrieg gegen die Juden. Er organisierte die antisemetische Bewegung und war jahrelang ihr Präsident. In jeinen ausgedehnten Unternehmungen wurden feine Juden angestellt und er unterhielt überhaupt keine Geschäftsverbindung mit Beuten jüdischer Abstammung. Auf dem Bürgersteig vor seinem Geschäftshaus stand, deutlich in Mosaik eingelegt:„ Besuche von Juden verbeten!" In ienen Jahren tonnte man in den großen norddeutschen Gasthöfen Aкschläge sehen, wie:" Juden werden nicht bedient!" Und wer tennt nicht die berüchtigte antisemitische Kneipe, die vor einigen Jahren in der Friedrichstraße lag? Eine Bierstube mit beschimpfenden Wandverzierungen und einem aufge hängten gewaltigen Knüppel, unter dem geschrieben stand: „ Die Lösung der Judenfrage!"
Alles dies und noch viel mehr war das Werk des Herrn von Germanenstolz. Er gab mit brutalem Humor das Losungswort aus:„ Deutschland für seine eigenen Kinder!" Er selber hatte zwar feine, nicht einmal das allerkleinste Mädel, geschweige denn einen Sohn, der einst das ganze übernehmen konnte. Das war ihm und seiner Frau ein aufrichtiger Rummer, und sie scheuten teine Anstrengungen und Ausgaben; aber es half alles nichts. So gaben sie denn die Mühe auf und beschlossen ein fremdes Kind anzunehmen.
Gerade zu dieser Zeit hatten sie ein Dienstmädchen, das in anderen Umständen war und eigentlich hätte fortgejagt werden sollen. Nun wurde die Sache aber so eingerichtet, daß die Frau und das Mädchen nach dem Süden reisten und nach entsprechender Zeit fam Frau von Germanenstolz zurück als Mutter des niedlichsten kleinen Jungen, der zu allem hin noch schwarze Haare hatte, gerade wie ihr Mann. Das war ein großes Glück, denn niemand sollte anders meinen, als daß der Bub ihr eigener sei. Solch ein Kind erobert sich fa schnell sein Geburtsrecht und Herr von Germanenstola tam auch wunderbar schnell darüber hinweg, daß das Kerlchen nicht sein leibliches Kind war. Es wurde ihm ganz warm ums Herz, wenn er die Leute sagen hörte:„ Nein, was es doch seinem Vater ähnlich sieht!" Und das tat es auch wirklich. Die Augen waren ganz die gleichen- und das Haar.
Nur die Nase wollte nicht die richtige Form eines trompetenden Elefantenrüffels annehmen, sondern ging ihre eigenen Wege und wurde alle Tage frümmer. Und als der Junge erst drei Jahre zählte, war kein Zweifel mehr möglich. Das Dienstmädchen hatte sie bemogelt, oder sie hatten
versäumt, sich aller Möglichkeiten zu versichern. Wer konnte auch in seiner wildesten Fantasie- hat die Welt denn je einen Juden in Holzschuhen gesehen?
Herr von Germanenstolz verhehlte nun nicht länger, daß der Junge nur ein Pflegekind sei und daß sie Pech damit gehabt. Sie hatten zwar alle beide den Wechselbalg lieb gewonnen aber als Präsident der Antisemiten! Kurz gesagt, der Junge wurde in die Küche verwiesen und nur noch heimlich geliebkost. Ihn ganz aus dem Hause zu schicken, fonnte Herr von Germanenstolz doch nicht übers Herz bringen.
Ich besuchte sie gerade zu jener Zeit; die peinliche Geschichte hatte ihn sehr angegriffen. Wie der Mann Hiob fühlte er sich vom Herrn verlassen wer sollte nun seine ausgedehnten Unternehmungen übernehmen und weiterführen? Aber mit einem Schlage bekam alles ein anderes Aussehen, als seine Gattin ihm endlich mitteilte, sie befinde sich in gesegneten Umständen. Es kam wieder etwas vom alten Schwung über Germanenstolz.
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Ereignisse und Geschichten
Er empfing seinen leiblichen Sohn mit allen Ehrenbezengungen. Nordische Mythologie fing damals an in Deutsch land in die Mode zu kommen, und der Junge erhielt den Namen Heimdal , nach dem wachsamsten der Asen; es war nicht weit davon, daß er in eine goldene Wiege gelegt wurde. Nun erst trat das Leben in sein Recht! Im Charakter des Pflegekindes war so manches, dem man fremd gegenüberstand und für das man keine Verantwortung übernehmen konnte; aber dies war ganz ihr eigen Fleisch und Blut. Der Erbe glich seinem Vater aufs Haar, sowohl inals auswendig; er hatte genau die gleichen Augen und Haare. Wenn man dies feststellte, geriet der Vater ganz aus dem Häuschen vor Entzücken.
Germanenstola junior wurde ein prächtiger fleiner Bursche; er füllte die Stuben mit Jubel, und es war fein Flecken noch Mackel an ihm. Ein kleiner Himmelsstrick war er: er verfiel auf alle möglichen Tricks, um sich irgend etwas zuzuwenden, und sein Vater versprach sich viel davon. Vielleicht war hier endlich der Germane geboren, der durch
sinnreichen Geist und Geschicklichkeit die gemeine jüdische Ge schäftsschlauheit besiegen und das finanzielle Uebergewicht in deutsche Hände aurückerobern fonnte
Schon als kleiner Kerl offenbarte der Junge eine ausgeprägte Fähigkeit, Menschen einzuschäßen. Und wenn er einen so mit den Augen tagierte, verdichtete sich sein Blick und seine Nasenspizze bog sich klug herunter, als wolle sie sich mit dem Mund unterreden. Das tat er immer öfter, bis es zu einem seiner Ausdrücke wurde. Und ob nun ein Fall oder sonst irgend etwas Schuld daran war der Nasenrücken bekam einen Buckel. Des fleinen Heimdals Nase erhielt immer mehr Aehnlichkeit mit der seines Pflegebruders.
Es wurde nicht gesprochen darüber, die Ehegatten unterhielten sich und taten, als ob gar nichts Besonderes los
wäre, und die Besucher zeigten eine erstaunliche Gewandtheit, die Nase des Jungen zu übersehen. Es war, als ob er überhaupt gar keine Nase hätte. Aber Herr von Germanenstolz wurde merkwürdig kleinlaut und eines schönen Tages legte er recht unmotiviert sein Mandat als Präsident der Antisemiten nieder.
Ganz unvorbereitet platte ich bei meinem nächsten Besuch mitten in dies alles hinein.„ Was ist denn mit Heimdals Nase los?" fragte ich unbefangen. Mein Freund sandte mir einen hinsterbenden Blick, antwortete aber nicht. Da verstand ich mit einem Mal die Sachlage.„ Es werden wohl Polypen sein", sagte ich, um ein wenig aus dem Zusammenbruch zu retten. Mein Freund klammerte sich direkt an das mit den Polypen, und eines Tages mußte ich mit nach Leipzig . Er wollte den Jungen untersuchen lassen, legte aber offenbar keinen Wert darauf, diese Untersuchung in Berlin vornehmen zu lassen, wo Gott und die Welt ihn kannte. Der Chirurg ein berühmter Spezialist, dessen Namen ich mich hüten werde zu nennen konnte jedoch keine Polypen finden.„ Der Nase fehlt überhaupt gar nichts", erklärte er, ,, sie ist die vollendetste Judennase, die man sich nur wünschen fann. Ich möchte Ihnen nur nicht raten, sie Herrn von Germanenstolz vorzuführen".
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Der unglückliche Vater sah aus, als sollte er vom Schlage getroffen werden.„ Sie müssen sich irren", stöhnte er. „ Weder meine Frau noch ich sind Juden wir sind Urgermanen." Der Arzt betrachtete ihn lächelnd.„ Dann gehören Sie und ihre Gattin jedenfalls in das Prähistorische Museum. Urgermanen- Jotte- Jott!- Nein, hier bei uns sind die Karten von viel zu vielen gemischt worden, mein guter Mann".
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„ Nun, davon wird man doch wohl kein Jude", brummte Germanenstolz.
„ Nicht? Doch, doch, Sie können darauf schwören, daß wir alle miteinander mehr oder weniger Juden sind- jedenfalls dem lieben Gott gegenüber. Die Juden haben im Lauf der Zeiten ihr Ei in jedes Nest hineingeschmuggelt; ein Kuckucksjunge wie dieser hier, taucht ab und zu in jeder Familie auf. Ich möchte Ihnen nicht raten, sich den Kopf über das Wie zu zerbrechen Sie könnten sonst leicht dazu kommen, die Tugend Ihrer eigenen Großmutter zu be= zweifeln. Nennen Sie es einfach den ewigen Juden auf seiner Wande ung unter uns! Wenn Sie aber wollen, kann ich ihn wieder verschwinden lassen, dies ist. soviel ich weiß, das einzige, dem Ahawer nicht zu widerstehen vermag." Der Chirurg spielte mit einem scharfen Instrument.
Darauf wurde der Jude lokal betäubt, und der Arzt führte das Instrument durch das eine Nasenloch hinauf und schnitt mit großer Geschicklichkeit ein Stück vom Nasenrücken unter der Haut weg. Es blutete nur ganz wenig und der Jude war gründlich totgeschlagen! Herr von Germanenstolz stellte das mit einem gewissen Stolz fest- wie wenn es seine eigene Tat gewesen wäre. Aber nur mir gegenüber, wie dies alles ja ein Geheimnis zwischen ihm und mir ist.
Der Junge erholte sich wunderbar schnell, er entwickelte sich gut und wird jeden Tag mehr ausgeprägt germanisch. Und der Vater ist jetzt dabei, den Kampf gegen die Juden mit allen Mitteln weiterzuführen.
Bajuwaren mit Judenbäcten!
Man soll nicht glauben, daß die Herrn
so fest im Sattel fizzen, wie sie tun. Die Zeit rollt furchtbar schnell und gern, und gegen Zeit sind diese hohen Herrn auch nicht immun.
Die Zeit sägt an den Füßen der bequemen Seffet. Die Zeit zerfrißt die aller stärkste Fessel. Die Zeit macht Dampf in ihrem Kessel! Und wie sich die Herrn auch ängstlich bemühn und den Bizeps im Rundfunk spielen lassen- Die Zeit macht Inventur in allen Kassen! Die Zeit pfeift auf Beamtenmassen. Die welten schon, die heut noch rosig blühn...
Man soll nicht glauben, daß Zeit allein- Denn die Zeit ist verflucht abstrakt. Man selbst muß das Schwungrad der Zeiten fein im klaren, historischen Takt.
Heut unter der Erde und morgen im Licht, heut noch maskiert, morgen frei das Geficht! Hent noch Gespenst und morgen schon Fauft Hent nur ein Wind, daß die Herren leicht zittern, morgen ein großes, dumpfes Gewittern: Morgen das Schwungrad, das einstampft und braust!!
Man soll nicht glauben, daß die Herren nicht wüßten, was morgen ist. Die Zeit wird sie aus den Winkeln zerren, die Zeit, die nicht vergißt!
Vorläufig untergegangen
Dieser neue Mensch ist ein Mensch des tätigen und handelnden Diesseits. Es bietet ihm so viele ungelöste Aufgaben, und es fordert so sehr seine ganze Kraft, daß er wenig Zeit dazu bat, sich um die jenseitigen Dinge zu kümmern. Das Volk der Dichter und Denter ist vorläufig in ihm untergegangen."( Die Tat", Jena , Heft 8.)
Das bayrische Kultusministerium hat sich mit einer merfwürdigen Frage zu befassen. Im Jahre 1984 finden in Oberammergau die weltberühmten und für das ganze Land äußerst einträglichen Passionsspiele statt. Die Darsteller sind Dorfbewohner, die sich, um möglichst wie Juden auszusehen, lange Bärte und lange Haare, sogar echt jüdische Schmachtlocken wachsen lassen. Nun sind in letter Zeit Belästigungen solcher Apostelfiguren durch durchreisende landesfremde Nazis vorgekommen: ostpreußische Heißsporne haben sogar einen solchen falschen Kaftanjuden am Bart gezerrt und mißhandelt. Aber die Darsteller können ihre Bärte nicht abschneiden, weil sie sonst die Tradition verlegen. Andererseits sind einige der jüngeren Darsteller inzwischen Nationalsozialisten geworden und leiden Gewissensqualen, weil sie Juden darstellen sollen. Der bereits gemachte Vorschlag, anstelle der Passion Christi das Leben des Führers Hitler darzustellen, wurde abgelehnt, da man annahm, dieses Thema werde keine Fremden herbeilocken. Man sucht eine Lösung dadurch zu erreichen, daß die Parteileitung der Nationalsozialisten die Darsteller zu ihrer Schauspielerarbeit kommandieren wird. Die Passionsspiele sollen durch wiederholtes Absingen des HorstWessel- Liedes dann doch den notwendigen rassigen Schimmer erhalten.
Besonders bei den Germanen
„ Das Feuer ist ja seit je bei fast allen Völkern, be= sonders aber bei den Germanen, das Sinnbild reini gender Kraft."( Aus dem Artikel„ Deutschlands Sonnenwende" in Nr. 26 der„ Süddeutschen Sonntagspost", München .)
Pitigrilli erlaubt
Italienische Pornographie in Deutschland .
Der Berliner Verlag des italienischen Schriftstelles Pttigrilli macht darauf aufmerksam, daß von der natio= nalen Regierung noch nirgends irgendwelche Beanstandungen gegen diesen geistreichen Autor des uns befreundeten Italiens laut geworden sind". In Deutschland kann der Keuschheitsgürtel" und die Jungfrau von 18 Karat", die ebenso saftige wie oberflächliche Schweinereien aus der Bebemanns- Athmosphäre bringen, ruhig weiter vertrieben werden, während die Ethik des Spinoza und die Relativitätstheorie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.