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Freiheit

Nummer 20-1. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Donnerstag, den 13. Juli 1933 Chefredakteur: M. Braun

Was wir in sozialer Be­ziehung wollen, das kann durch politische Ereignisse, feien diefelben noch so bedeutend, nicht be­rührt werden. Mag vorgehen in der Politik, was da will: der Gegen­satz von Kapital und Arbeit und mit diesem Gegensatz die Aus­beutung des Menschen durch den Menschen, bleibt ja immer.

Tean Baptist v. Schweitzer, geb. 12. Juli 1833.

Die Revolution lebt!

Der nationalsozialistische Polizeiminister gegen revolutionäre Nationalsozialisten Goebbels gesteht die Lebens kraft des Marxismus zu- Bauernaufmarsch abgesagt- Drohungen mit der Staatsautorität- Furcht vor Unruhen

Berlin , 12. Juli. ( Eig. Drahtber.) Die von uns schon vor Wochen an Tatsachen aufgezeigte Rebellion in der SA. wird jetzt in zwei amtlichen Rund­gebungen zugestanden. Der Reichsminister Dr. Goebbels schreibt in seinem Angriff":

Die Partei ist im Begriff, eine innere Umformung zu vollziehen. Von den bielen Hunderttausend, die seit der Machtübernahme zu uns kamen, wird der brauch­bare Teil nach und nach in den Parteikörper ein­geschmolzen; der andere Teil, soweit er unbrauchbar ist, aus ihm wieder aus­geschieden. Auch das dauert seine Zeit, aber in wenigen Monaten schon wird die ganze Organi­sation wieder von derselben wuchtigen Schlagkraft und vorwärtsstürmenden Aktivität erfüllt sein wie in den Zeifen unserer Opposition.

Damit ist zugestanden, daß die Partei der National fozialisten sich zur Zeit in einer inneren Krise befindet. Goebbels bezeichnet dann nicht die SA. und die SS., lon= bern die nationalsozialistische Betriebszellenor gas nisation als die Körperschaft mit den nächsten großen Aufgaben. Er bezweifelt aber selbst, ob die NSBO. so aus verlässig ist, wie man sie haben möchte. Denn in den industriellen Betrieben, wo die proletarischen Massen zus fammen arbeiten, zusammen leiden, zusammen diskutieren und zusammen kämpfen, lassen sich die Menschen auf die Daner nicht durch Hitler- Phrasen täuschen. Goebbels sagt das in folgenden Worten:

Man wird darauf zu achten haben, daß der Marxismus , seiner organisatorischen Möglich­keiten beraubt, hier nicht ein neues ideologisches Tummelfeld findet. Auch da ist mehr Wert auf die Qualität als auf die Quantität zu legen. Nicht jeder, der ein NSBO.- Abzeichen ansteckt, ist damit ein freuer Hitlersoldat. Und zu glauben, daß der Marrismus nach dem Ende der SPD. und KPD. auch welt. anschaulich restlos ausgerottet wäre, das mag man anderen, nur nicht uns alten Nationalsozialisten zumuten. Das ist die flare Absage an das triumphale Gerede, in bem sich gerade Hitler ab und zu gefällt, von dem fläglichen Tod

Widerstandes lebt in den Köpfen des dents ichen Arbeitsvoltes und wächst von Tag zu

Tag. An die nationalsozialistische Presse ist die amtliche Auf forderung ergangen, sich in Zukunft sozialistischer Fordes rungen zu enthalten und vor allem nicht die Bergesells schaftung großer Betriebe zu verlangen. Insbesondere an die nationalsozialistische Presse im Ruhrgebiet , die glaubt, den Massenstimmungen Rechnung tragen zu müssen, ist die Anweisung ergangen, sich zurückzuhalten. Der Reichs Polizeiminister Dr. Frick Hat in einem amtlichen Erlaß an sämtliche Reichsstatthalter und sämtliche Landes: regierungen nicht nur jede revolutionäre Betätigung, sondern auch jedes Reden über die Fortiezung der Revolution ver boten und unter schwerste Strafe gestellt. Wir bringen den Erlaß an anderer Stelle wörtlich. Er ist ber offene Verrat an dem Glauben von 17 Millionen Hitlerwählern, die in der Einfalt lebten, die National: sozialisten wollten eine sozialistische Umgestaltung der deutschen Wirtschaft. Damit ist es nun vorbei. Es bleibt bei Herren und Knechten. Zwar ernennt Dr. Ley die deutschen Proletarier zu Herrenmenschen", aber diese Herrenmenschen stehen nach wie vor hungernd vor ben Stempelstellen, leisten Zwangsarbeit im Arbeitsdienst oder schnften zu den niedrigsten Löhnen Mitteleuropas in

den Betrieben.

Ein Zeichen für die gefährliche Spannung ist auch das Absagen des für den heutigen Mittwoch geplanten Aufmarsches der Bauern im Lustgarten zu Berlin . Der Reichsernährungsminister begründet die Absage mit ben dringend notwendigen Erntearbeiten. Das ist natürlich

eine Ausrede, denn auch schon vor Wochen wußte man, daß der Juli ein Erntemonat ist. Die Absage erfolgte in letter Stunde, weil zur Zeit Massenansamm lungen auf dem heißen Boden Berlins zu Ruheftörungen Anlaß geben könnten.

Wir rechnen nicht damit, daß wir schon binnen kurzer Frist Explosionen erleben werden. Aber es ist auch nicht zu übersehen, daß die kritische Stimmung gegenüber dem jezigen Regime im Wachsen begriffen ist. Neben polizei­

lichen Verboten der revolutionären Propaganda soll das Lügenministerium des Reichsministers Goebbels mit uns begrenzten Mitteln ausgestattet werden. Nicht weniger als dreizehn Landesstellen und achtzehn Nebenstellen werden errichtet. 3.1 neue nationalsozialistische Parteibon zen erhalten fette Pfründen und sollen dafür den Zorn des Volkes, der fich allmählich gegen die Hitlerbonzokratie au regen beginnt, auf den Margismus ablenken.

Greuelmärchen"

Das ,, Attentat auf den Straßburger Sender" und die

harmlose Zentrumspresse

Unsere Meldung von einem in der Nacht zum 1. Mai ge­plant gewesenen Attentat auf den Straßburger Sender. hat die autonomistische Elsaß- Lothringer Zeitung" ver­anlaßt, von Sensationsmache" zu sprechen. Das Blatt schreibt:

,, Man beachte die unklaren Angaben! Wenn die Sache auf Wahrheit beruhte, müßte das Blatt die Namen der Verschwörer nennen. Doch keine Namensnen nung ist erfolgt! Man spricht nur von Ludwigs: hafen und vom 27. April. Beides ist nicht nachzukon trollieren; Angaben, die eine Kontrolle ermöglichen würden, fehlen vollständig."

Die Saar- Zeitung", ein Zentrumsblatt, das sich in bezug auf sich selbst den guten Witz leistet, von jeder unabhängige Journalist" zu schreiben, schließt sich mit Begeisterung dem Straßburger Heimatorgan an.

Wir stellen dazu fest: Wir haben bis ins Ein zelne gehende Angaben über den Atten­fatsplan in unserer Hand. Das Straßburger Blatt und die Saar- Zeitung" sollten sich doch nicht so ein­mit der Veröffentlichung dieser Angaben zurückhalten.

Sobald wir mit Einzelheiten kommen, liefern wir gewisse Menschen, die sich in der

Gewalt der drüben herrschenden Verbre cherbefinden, entseglichen Grausamkeiten

aus.

Das saarländische Zentrumsblatt spricht von einer Stich probe". Wir nennen dem christlichen Blatt eine andere Stichprobe. Am 10. Juli haben wir unter genauesten An­gaben mitgeteilt, daß in Pirmasens die kranke Frau des Abgeordneten Ludwig von ihrem 68jährigen Vater und ihrem 6jährigen Kinde weg als Geisel ins Gefängnis geworfen worden ist. In diesem Falle konnten wir, ohne Unbeteiligte zu gefährden, die Namen nennen. Warum entrüsten sich die Organe, die sich ihres Christentums rühmen, nicht über diese Schandtat? Warum verschweigen sie ihren Lesern diese offenbaren Greuel? Warum machen sie sich durch Beschönigung solcher Zustände an dem Verbrechen mit­schuldig? Wahrscheinlich, weil sie gar so unabhängige Journalisten sind.

Banden, die Frauen und Kinder als Geiseln nehmen, dürfte doch wohl auch ein Attentat auf den Sender zuzu­trauen sein, der die Wahrheit in die Welt ruft. Wir halten unsere Angaben aufrecht.

Frick befiehlt:

Schluß mit jeder Nebenregierung- Nieder

mit den Kommissariaten- Sicherung der kapitalistischen Wirtschaft Der Reichsminister des Innern Dr. Frick hat an sämtliche Reichsstatthalter und sämtliche Landesregierungen( für Preußen an den Ministerpräsidenten und an den Minister des

Innern) folgendes Rundschreiben gerichtet:

Die NSDAP . ist der alleinige Träger des Staates ge­worden. Alle Macht dieses Staates ist in den Händen der von dem Herrn Reichskanzler allein geführten Reichsregierung, in der alle entscheidenden Aemter mit zuverlässigen Natio= nalsozialisten besetzt sind. Damit ist die siegreiche deutsche Revolution in das Stadium der Evolution, d. h. normaler gesetzmäßiger Aufbauarbeit getreten. Wichtigste Aufgabe der Reichsregierung ist es nunmehr, die in ihr vereinigte totale Macht geistig und wirtschaftlich zu untermauern. Diese Auf­gabe wird jedoch auf das schwerste gefährdet, wenn weiter: hin noch von einer Fortsetzung der Revolution oder von einer zweiten Revolution geredet wird. Wer jetzt noch so redet, muß sich darüber klar sein, daß er sich damit gegen den Führer selbst auflehnt und dementsprechend behandelt wird. Solche Aeußerungen stellen eine glatte Sabotage der nationalen Revolution dar und sind insbesondere geeignet, die deutsche Wirtschaft, die dank den von der Reichs­regierung zur Lösung des Arbeitslosenproblems getroffenen Maßnahmen in erfreulichem Wiederaufleben begriffen ist, neuen Beunruhigungen auszusetzen und damit das deutsche Bolt in seiner Gesamtheit zu schädigen. Jeder Versuch einer Sabotage der deutschen Revolution, wie er namentlich in

unbefugten Eingriffen in die Wirtschaft und in Nichtachtung von Anordnungen der Träger der Staatsautorität zu er

blicken ist, muß daher auf Grund der Verordnung zum Schuße von Volk und Staat vom 28. Februar 1933

zu den schärfften Maßnahmen( mindestens Schußhaft) gegen wen immer geahndet werden. Soweit Eingriffe nötig und berechtigt sind, dürfen sie von nun an nur von den Trägern der Staatsautorität und auf deren ausdrückliche Anordnung und unter ihrer alleinigen Verantwortung erfolgen. Aufgabe der Herren Reichsstatt­halter und der Landesregierungen, insbesondere der zu­ständigen Minister des Innern ist es, wie der Herr Reichs­fanzler am 6. Juli ausdrücklich betont hat, mit allen Mitteln zu verhindern, daß irgendwelche Organisationen oder Par­teistellen sich künftig, noch Regierungsbefugnisse anmaßen. Im besonderen Auftrag des Herrn Reichskanzlers ersuche ich die Herren Reichsstatthalter und die Landesregierungen, die Autorität des Staates auf allen Gebieten und unter allen Umständen sicherzustellen und jedem Versuch, diese Autorität zu erschüttern oder auch nur anzuzweifeln woher er auch kommen mag rücksichtslos und unter Einsatz aller staatlichen Macht mittel entgegenzutreten.

Ich bitte ferner, dafür zu sorgen, daß aus diesen Gründen fünftig auch von der bisher geübten Einsehung von Kom­missaren und Beauftragten Abstand genommen wird, da der unter ausschließlicher nationalsozialistischer Leitung stehende Staatsapparat in der Lage ist, die in Frage kommenden Aufgaben allein durchzuführen. Ich bitte daher in eine be­schleunigte Prüfung darüber einzutreten.