34 Jahre Zuchthaus Wirtshausstreit mit Schlägerei, die einem SÄ.» Mann das Leben kostete I» dem Prozeß um die Tötung des SA-Mannes Erich T a g a s s e r, der am 28. Dezember in dem kommunistischen Berkchrslokal in der Havelbcrger Straße erstochen wurde, sollte das Berliner Schwurgericht nach dreitägiger Verhandlung das Urteil. Wegen Totschlags in Tateinheit mit Raushandel wurde der 28jährige Chausseur Willy Brychcy zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt? der 21jährige Arbeiter Georg W i l t e r zu 8 V» Jahren Zuchthaus und S Jahren Ehrverlust? der 25jährige Dreher Fritz Schröder zu 8 Jahre» 9 Monate Zuchthaus und 18 Jahren Ehrverlust, der 22jährige Arbeiter Alexander Geisler zu 7 Jahren 1 Monate Zuchthaus und 6 Jahren Ehr, verlast. Der Borsttzende wies daraus hin, äußerlich seie» die An- greiser junge deutsche Menschen gewesen, aber verhetzt durch eine internationale raffefremde Meute von Intellektuellen, denen alles fremd und verhaßt war, was deutsch ist. ..Im KirmcssDii" Die nachsichtige Geheimpolizei Der Dberlandjägermeister Gerlach und der Landjäger- «eister Römming in Weiden bei Kürten wurden in der Nacht vom 81. Juli zum 1. August von einem SS. -Manu angeschossen. Der Täter, der in voller Uniform war, stammt aus Wermels» kirchen und heißt Otto Klus. Er feuerte in voller Trünke», heit und aus allernächster Entfernung aus die genannten Beamten mehrere Schüsse ab, die zum Glück fehl gingen. Die Geheime Staatspolizei Köln , mit der Untersuchung be, auftragt, hat diese sinnlose Tat als»im Kirmessuff be- gangenen Scherz" bezeichnet! Was wäre mit diesem Trunken- bold geschehen, wenn er nur im leisesten Verdacht, Marxist zu sein, gestanden hätte?. Wie sie hämmern! .Gespenst der Zelt" Der„Marxismus " Ein verständnisvolles Wort über den Marxismus äußert in den Schweizer „Republikanischen Blättern" Redakteur I. B. Rusch, wenn er sagt:„Marxismus , Gespenst der Zeit! Ter katalanische Dichter Maragall schildert in einem seiner Spottlicder auf die Torheit der Zeitgenossen einen Menschen, der vor sich einen mächtigen Schatten am Boden sieht. Statt sich umzudrehen und zu sehen, wer diesen Schatten hinwerfe, fühlte er sich durch den Schatten selbst gesährdet, stampfte mit seinen Füßen auf ihn, schlug die Erde mit seinem Stock, in der Meinung, dem Schatten nieh zu tun. Derweilen packte ihn rücklings der, welcher den Schatten geworfen hat, einer der Räuber auf den Paßwegcn der Pyrenäen , und würgte ihn zu Boden. An Maragalls Ge- dicht muß ich immer denken, wenn ich das Gezisch und Ge- kläff wider den Marxismus heute vernehme... Es diinkt mich grenzenlos blöd und lächerlich, wenn heute jeder Tol- patsch vom Marxismus spricht und darüber rundum urteilt, dem, wenn nicht IM, so doch 95 Prozent aller Voraus- - setzungen zum Verständnis dessen fehlen, worüber er seinen Schnabel wetzt. Das sind alles die Leute, die den Schatten schlagen, den Schatten des Räubers der Hochstraße des wirt- schaftlichen Lebens, des Großkapitalismus, von dem nie- wand mehr spricht, seit die Menschheit den Millionengaunern den Liebesdienst erweist, statt den Strolch im Auge zu be- halten, auf den Schatten des Strolches einzubengeln! Ist Das Schwert zerspringt nicht, es wird härter! der Marxismus schnld, daß die Abrüstungskonferenz er» stickte? Ist der Marxismus schnld» daß die Weltwirtschaft«- konserenz ihren Geist ausgab, ohne einer Depeschenagentur mitzuteilen, wie viel Anstrengung sie das gekostet habe? Oder hat die so bitter notwendigen Völkervcrftändigungs- bemühungen von Gens und London » wie alle zuvor, nicht der Grobkapitalismus» der drachengroße Blutegel der Völker, vereitelt?" ver I. August In Frankfurt Trotz Einsatz von Streifendienst, trotz verstärkter Ueber- # wachung der verdächtigen Mal- und Klebekolonnen, trotz Hinzuziehung von SS.- und SA.-KommandoS haben die Kommunisten dennoch am Antikriegstage Hunderte von kleinen Handzetteln mit verschiedenem Text in der Stadt verteilen können. Die Geheime Staatspolizei fühlte sich diesem Treiben gegenüber im wahrsten Sinne des Wortes ohnmächtig! Konzentrationslager Papenburg Am 1. August holte das Lagerkommando 150 Schuyhäft- linge ab, verlud sie mittels Sonderzug, der um 1.30 Uhr in Dörpen-Ems eintraf. Die Inhaftierten stammen größten- teils aus den Bezirken Aachen -Düffelborf. Wovon man nicht sprach Davon ist nie gesprochen worden. Knaben, während des Krieges geboren, sind heute Jünglinge, Leute, die damals Kinder waren, Männer. Schon versucht man wieder, ihnen den Krieg, den sie nicht kennen, schmackhaft zu machen. Darum ist es Pflicht, auszusprechen, was ist. Ter gußeiserne Soldat aus den Kriegsdenkmälern, der mit heldischer Bewegung eine Handgranate wirft, die blecherne Göttin, die eine blecherne Fahne schwingt— so sieht der Krieg nicht aus. Dreck ist Dreck. Am 20., 21. und 22. August 1911 kämpften wir auf dem Crny vrh, nördlich Prtboj. Am 21. wurde das Gefecht beider- seits abgebrochen. Die Serben marschierten nach Norden gegen eine dort eingefallene Gruppe, wir nach Bosnien zurück, nach Rudo . Das ganze 16. Korps lagerte auf Stoppel- feldern unter Zelten. Auf allen Bäumen ringsherum wachsen Zwetschen. Wir haben während der drei Gefechtstage Zwetschen gefressen, Zwetschen und immer wieder Zwetschen, weil wir nichts anderes hatten. Nachmittags ging Major Beith mit mir rund um das Lager. Jener Major Veith, der ein Gelehrter war, die Schlangen der Herzegowina und die Geschichte Julius Cäsars studierte, nach dem Krieg Ehrendoktor der Würz- burger Universität wurde und auf einer Forschungsreise in Kleinasien von Räubern erschlagen ward. Grimmig wies er mit seinem Reitstock ringsum. Die von einem dreitägigen Gefecht todmüden Leute hatten keine Latrinen ausgehoben. Die Zwetschen! Zwischen den Zelten, an den Lagerrändern, ein paar Schritte davon entfernt lag der Dreck in Hausen, stank in der bosnischen Augustsonne, und dazwischen schliefen wir, aßen wir, lebten wir. Veith fragte mich:„Weißt du, wieviel Ttuppen wir in Galizien haben?" „Ich schätze, eine Million." „Meinetwegen. Seit drei Wochen ist Krieg. Einundzwanzig Tage. In dieser Zeit hat die Armee in Galizien einund- zwanzigmillionenmal hingeschissen. Kannst du dir das vor- stellen? Siehst du, das ist der Krieg, nicht so, wie er in den Lesebüchern steht." Das ist nicht zum Lachen, meine Herren, verflucht noch einmal, nicht zum Lachen. Das ist zum Weinen. Am 11. September 1911 erstürmten wir die Höhe Jagovnik jenseits der Drina. Die Bora blies, schräg kam unendlicher Regen und wir hatten wieder seit einigen Tagen nichts als Zwetschen im Magen. Das halbe Bataillon war gefallen, die andere Hälfte blutete aus den Därmen. Und wir mochten uns hinhocken wie wir wollten— die Bora blies unS unseren blutigen Dreck klatschend gegen die Beine. Wir weinten vor Wut, Frontsoldaten, die am Von Ast Tage vorher Geschützstellungen erstürmt hatten. Hurra, der frischfröhliche Krieg! Heil dem Ttahlbad! Hoch der Seelen- ausschwungl 1916 schmiß man uns von SüdNrol nach Ostgalizien . Wir lagen vor Delatyn im Walde. Tie Russen schössen mit Fttnfzehner-Haubitzen. Eine Granate krepierte in der Latrine, der Gefreite Rozhon auch. Als der Stahltopf in der Jauche barst, bekamen wir sie in schweren Ladungen ins Genick, ins Gesicht, den Gefreiten aber hob die Explosion hoch, schleuderte ihn kopfüber in den Dreck und er erstickte darin. Gefallen auf dem Felde der Ehre. O, glorreich ist der Krieg! Von seidenen Fahnen knatternd ttberbauscht, genau so wie auf den Gemälden im Heeres- museum. Nur so etwas hat niemand gemalt: auf Doberdo hatten wir die Cholera. Die Leute starben wie die Fliegen. Latrinen mußten aus dem Karst' gemeißelt, gestemmt, ge- sprengt werden. Man nahm daher, was sich bot. ^ 1915, August. Eine Straße bei Doberdo , die durch ein Tälchen führt. In einem Steinbruch stehen zwei Dreißig« zentimetcrmörser. Der Straßengraben ist als Latrine her- gerichtet, Pflöcke sind kreuzweise in den Boden getrieben und tragen lange Stangen, auf denen zwanzig, dreißig Männer gleichzeitig sitzen können. Der Straßengraben ist strichvoll, alles ist wegen der Cholera mit Kalk bestreut. Gegen Abend hängen immer nackte Männerhintern reihen- weise über die Stangen. Etappisten, die vorüberkommen, fotografieren das manchmal, Frontschweine sehen es gar nicht mehr. Auch die Leute sehen es nicht, die von einem Sanitäts- gefreiten in langem Zug vorbeigeführt werden. Ter Sani- täter hält das Ende eines Strickes in der Hand, an dem sich Dutzende schmutziger Fäuste festhalten. Sie gehören Dützen- den von Leuten mit verbundenen Augen: im Karst wirkt jede Granate zehnfach, im Aufschlag Stahltrümmer und Steinsplitter verstreuend. Und immer gehts in die Augen. Abend für Abend defiliert ein Zug so Verwundeter vor den dreißig nackten Hintern. Die Dreißiger hießen Max und Moritz, waren in Frank- reich und Belgien gewesen und feierten auf Doberdo ihren tausendsten Schuß. So: abends wurden die tagsüber hoch- gereckten Läuse zum Entladen quer gestellt. Auch an dem Tag, an dem gefeuert und gefeiert worden war. Dabei trat ein besoffener Bormeister auf die Abzugschnur. Der Schuß ging los. fuhr unweit des Mörsers in die Erde, die Explosion verwand das Ricsengeschütz in den Lagern und warf es um, tötete einige zwanzig von der Bebienungs- Mannschaft, verwendete an die hundert, legte die Männer mit den nackten Hintern in die Choleralatrine und deckte sie mit Karsttrümmern zu. Soldatenfest im Felde. Wer auf Doberdo war, weiß, baß es die Hölle war. Be- sonders 1915, zur Zeit der ersten und zweiten Jsonzoschlacht, als wir noch so gut wie ungedeckt kämpfen mußten. Der unbarmherzige Karst nahm uns nicht auf wie die Erde in Serbien , in die wir uns verkriechen konnten. Auf den Latrinen hockte der Tod. Sie lagen natürlich eiwas abseits. Um so leichter wurde man dort getroffen, von Zielschüssen und Gellern. Täglich starben mir dort Leute. Und wenn sie nicht starben— ein Mann bekam dort einen Bauchschuß. Nennen wir ihn Huber, er lebt noch in Wien . Wir hoben ihn aus dem Dreck und konnten ihn bergen. Im Hinterland schnitt man ihm die Därme stückweise heraus. Als Rekonvaleszent lag er in den Simmeringcr Baracken. Er hatte keine Sehnsucht nach der Front. In der Baracke war ein Zugführer, Bazillenträger, tnphusverdächtig. TyphuS erkennt man, wenn man den Stuhl des Kranken ausschwemmt und einer bestimmten chemischen Behandlung unterwirft. Sind Bazillen im Stuhl, dann zeigt die Lösung jedesmal den Aerzten bekannte Erscheinungen. Und so machte der Zugführer gegen angemessene Bezahlung den andern Kranken in die Töpfe, damit der Arzt auf Typhus - verdacht erkenne. Das ist nicht zum Lachen. Und auch das nicht. Im Juli 1915 lagen wir aus Doberdo den Italienern so nahe gegenüber, baß wir einander beim Namen kannten. Der Raum zwischen unseren Stellungen war von einem Geknäuel dorthin geschmissenen Stacheldrahtes ausgefüllt, in dem Leichen der unseren und der Italiener in der Hitze faulten und stanken. Wir lagen hinter einem Mäuerchen, das Liegende eben deckte. Stahlhelme gab es noch nicht. Dafür Schnaps und Bier. Davon so viel als wir nur wollten. Begreiflich. Wären wir nicht besoffen gewesen, wären wir nicht dort geblieben. Und wir dachten uns etwas, wenn abends der Generalstabsbericht durchs Telefon kam und meldete:„Eine Patrouillennnternehmung des Gegners gegen unsere Stel- lungen auf Kote 11 endete damit, daß die feindliche Abtei- lung gefangengenommen wurde, wobei unsere Truppen die erstaunliche Feststellung machten, daß die Italiener schwer alkoholisiert waren." Der Draht voll verwesenden Fleisches war unsere einzige Deckung. Das Mäuerl nicht. Wer den Kopf hob, war hin. Drüben wars genau so. Keine Rede davon, daß man auf die Latrine konnte. ES war übrigens gar keine da. Wir schoben uns die Spaten wie Leibschüsseln unter, liegend, und schmissen dann das, was drauf war, zu den Italienern hinüber. Und sie revanchierten sich pünktlich. Manchmal flog der Dreck bis in die Stel- lungen, manchmal auf die Leichen zwischen uns. Helden- ehrung. So ist der Krieg. So und nicht anders. Und davon wurde nie gesprochen. Darum habe ich es hier getan.
Issue
1 (05/08/1933) 40
Download single image
avaibable widths