denfare

DID

Frethet

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nummer 44-1. Jahrgang Saarbrücken , Donnerstag, 10. August 1933 Chefredakteur: M. Braun

In einigen Tagen erscheint:

,, Revolution gegen Hitler "

die neueste Kampfschrift gegen den Faschismus.

Preis 1, Franken.

Bestellungen an den

Verlag der

,, Deutschen Freiheit".

Europa bleibt bedroht

Der ungelöste deutsch - österreichische Konfliktust him- 201507

Verhängnisvoll

Berlin , 9. Aug.( Eig. Draht). Die gesamte Berliner gleich­geschaltete Presse, mithin alle Zeitungen, erfüllen mit Eifer den Auftrag der Regierung, die Antwort auf die französisch­englische Demarche als einen Sieg entschlossener deutschen Außenpolitik zu feiern. Nur mit Trauer und Sorge sieht man, wie wenig sich die jetzigen Methoden der außenpolitischen Beeinflussung des deutschen Volkes von denen unter Wilhelm II. unterscheiden. Die lärmenden und drohenden außenpolitischen Gesten Wilhelms II. wurden sei­nem Volke 25 Jahre als diplomatische Siege einer kraftvol­len Nation dargestellt. Als dann rings um Deutschland die Koalitionen gegen das Reich vollendet waren und es zum Kampfe auf Leben und Tod kam, glaubte dasselbe deutsche Volt, und glaubt es in seiner großen Mehrheit noch, daß die deutsche Außenpolitik fehlerfrei gewesen sei. Im Kriege wurde die Täuschung des Volkes über die Grenzen der deut­ schen Machtpolitik fortgesetzt. Die Folge war nicht nur eine Verlängerung des Krieges über die Zeit hinaus, die einen erträglichen Frieden ermöglicht hätte, sondern schließlich ein militärischer, finanzieller, wirtschaftlicher und moralischer Zusammenbruch von unerhörtem Ausmaße.

Die nationalsozialistische Regierung scheint diese Fehler genau wiederholen zu wollen. Sie unterrichtet das deutsche Volk so, ais sei die Frage Deutschland und Desterreich durch die kühle deutsche Antwort auf die französisch- englische De­marche erledigt und als habe Deutschland einen außenpoli­tischen Triumph erzielt.

Wirklich national wäre es, das deutiche Volt nicht darüber im Zweifel zu lassen, daß über den jegigen deutsch - östers reichischen Konflikt hinaus die österreichische Frage schwerste Gefahren für den europäischen Frieden in sich birgt. Wer die Kommentare der französischen und der englischen Presse zu lesen versteht, wird deutlich die großen Besorgnisse erkennen. Wenn die französische Rechtspresse der franzöfi­schen Regierung bittere Vorwürfe über den vorläufigen Ausgang des diplomatischen Schrittes in Berlin macht, so haben wir keinen Grund, uns darüber zu freuen; denn es äußert sich darin ein sehr ernster Wille, die Aktionen gegen Deutschland zuzuspizzen.

Die amtlichen Veröffentlichungen der deutschen Regierung sind schon insofern falsch, als sie glauben machen wollen, der englisch - französische Schritt sei auf Grund des Viererpattes erfolgt. Richtig ist nur, daß die beiden intervenierenden Mächte erklären ließen, die deutsche Politik gegenüber der jetzigen österreichischen Regierung widerspreche dem Geiste des Viererpaktes. Tatsächlich aber stützte sich das englisch­französische Vorgehen auf den Artikel 80 des Ver­sailler Vertrages, der die Selbständigkeit Dester­reichs garantiert.

Hier aber wird der für Europa gefährliche Punkt berührt. Die nationalsozialistische Reichsregierung betreibt im Zus fammenspiel mit den Nationalsozialisten Oesterreichs , die mindestens ein Drittel des österreichischen Volkes hinter fich haben, den Sturz des Bundeskanzlers Dollfuß . Nicht um einen beliebigen Regierungswechsel in Desterreich herbeizuführen, sondern um nach dem deutschen Beispiel den trtalen nationalsozialistischen Staat zu schaffen, der in die Totalität des dritten deutschen Reiches aufgehen soll. Als unmittelbares nächstes außenpolitisches Riel will die natio­nalsozialistische Reichsregierung einen deutschen Stahlblock von 73 Millionen Menschen inmitten Europas schaffen.

Die Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland ist und bleibt das Ziel jeder nationalen deutschen Politik, ob sie nun

faschistisch oder sozialistisch ist. Der Unterschied liegt in der

Methode und in der Ueberlegung, ob Deutschland

sich eine Herausforderung von ganz Europa einschließlich

Italien leisten kann.

Hier sollte für jedermann dentlich der Vergleich mit der wilhelminischen Außenpolitik sichtbar werden. Die Gefahr ist größer und näher, als viele Millionen glauben wollen. In dem Augenblick, der die Gleichschaltung Oesterreichs un­ter einem Reichskanzler Hitler bringen würde, wäre der Versailler Vertrag aufs schwerste verletzt und würde sein gesamter Aufbau in Frage gestellt. Es kommt nicht nur dar­auf an, wie man als Deutscher zum Versailler Vertrag steht, sondern welche Folgerungen die vielen Garantiemächte von Versailles aus der Verletzung des Vertrages an einem sei­ner empfindlichsten Stellen ziehen würden.

Man weiß ferner, daß ernsthaft in mehr als einem Lande der Plan erwogen wird, sich gegen die Wiedererstarfung Deutsch­ lands und die Einverleihuna Oesterreichs dadurch zu schützen, daß man vor der Schicksalsstunde gegen das Deutsche Reich vorgeht. Außenpolitische Methoden, wie sie jetzt in Berlin beliebt werden, unterstützen die Forderung auf Prä­

ventivmaßnahmen gegen Deutschland und sind daher den deutschen Interessen abträglich.

Am Ende geht es ja nicht nur um die jetzigen Machthaber, deren Untergang wir leidenschaftlich wünschen, sondern um das deutsche Volt, für dessen nationale und internationale Befreiung wir uns einsetzen. Die englische Regierung hat anscheinend ihrer Presse den Tip gegeben, die deutsche Antwort als einen Bluff zu behandeln, der dem innerpoli­tischen Zwecke einer Rücksichtnahme auf die nationalistis schen Leidenschaften dienen soll.

In der Tat sind die maßgebenden Leute der deutschen Außen­politik gewillt, ein ruhigeres Tempo gegenüber Dester­reich einzuschlagen. Sehr zweifelhaft ist nur, ob sie weitere

Flugzeugaktionen und angriffslustige Rundfunkreden hin dern können, von der Aggressivität der österreichischen Na­tionalsozialisten ganz zu schweigen. Die Gefahr einer Ver­schärfung des Konfliktes liegt nahe.

Hitler- Untaten eines Tages

( Siehe Seite 3)

Ziel der französischen Politik

Entweder Oder

-

Paris , 9. Aug.( Eig. Draht). Der Temp3" schreibt in seiner heutigen Morgen ausgabe:

Es handelte sich darum, den deutschen Anschlägen gegen Oesterreich ein Ende zu machen, einem Feldzug, der eine un­zulässige Einmischung in die inneren Verhältnisse eines dem Reich benachbarten Landes bedeutet, einer Einmischung, die den Frieden bedroht. Die diplomatischen Schritte der Mächte hatten keinen anderen Gegenstand, tein anderes Ziel, und man war bestimmt bemüht, ihnen den freund: schaftlich sten Charakter zu geben, damit das Reich sich nicht über eine Intervention zu beklagen hätte, die ihm demütigend erscheinen konnte. Nicht nur hat der deutsche Außenminister den wesentlichen Inhalt des französischen und englischen Schritts nicht zurückgewiesen, sondern er hat sie zur Kenntnis genommen, indem er immerhin aner: kannte, daß sie auf Tatsachen gegründet seien, was in sich schließt, daß er die Anschläge auf Oesterreich mißbilligt, welche die ganze Aktion veranlaßt haben. Er hat sich nicht nur nicht geweigert, die vorgebrachten Tatsachen zu erörtern, was ihm volle Handlungsfreiheit nach jeder Richtung ge= geben hätte, sondern er hat übrigens auf eine ziemlich peinliche Art- auseinandergesetzt, daß es nicht feststehe, daß die Flieger, welche österreichisches Gebiet überflogen, Deutsche seien, und daß die Radiosendungen der bayerischen Stationen sich an das süddeutsche Publikum und nicht an das österreichische wendeten. Um dem die Krone aufzusehen, wies er auf die Ueberwachung der Stationen wie der Flug häfen hin.

Aber nach Kenntnisnahme des französischen und englischen Schritts hat die Reichsregierung zwar ihren freundschaft: lichen Charakter anerkannt, jedoch erklärt, daß sie jede Ein­mischung in die deutsch - österreichischen Auseinandersetzungen für unzulässig halte.

Im Augenblick ist festzustellen, daß die Aufnahme des frans zösischen und englischen Schritts in Berlin eine ziemlich enttäuschende Erfahrung für die Politik ver: trauensvoller Zusammenarbeit bedeutet, die durch den Ab­schluß des Viererpaktes begonnen werden sollte. Wenn Deutschland dieses freundschaftliche und vertrauensvolle Borgehen nicht begreift und es nicht als zulässig anerkennen

Unruhen in Dublin

Blutige Demonstration gegen Blauhemden

Dublin , 9. Aug. Gestern abend kam es im Zentrum der Stadt anläßlich einer Ballfestlichkeit der Blauhemden zu schweren Ruhestörungen. Vor dem Gebäude, in dem die Fest= lichkeit stattfand, hatten sich schäßungsweise 5000 Menschen eingefunden, die Schmährufe gegen die eintreffenden Blau­hemden ausstießen. Die Menge warf auch mit Steinen gegen das Haus. Zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Polizei unternahm einen Angriff mit dem Gummiknüppel und drängte die Menge zurück. Als der vormalige Präsident Cosgrave eintraf, zeigte sich, daß sein Wagen durch Stein­würfe beschädigt war.

General O'Duffy, der Führer der Nationale Garde" ge­nannten Blauhemdenorganisation, gab gestern eine Erklä­rung über seine politischen Pläne ab. Er sei davon über= zeugt, daß die Zahl der Mitglieder seiner Organisation sich tis Ende des Jahres verzehnfacht haben werde. Es stehe den

will, muß man dann den Schluß ziehen, daß es nunmehr angebracht ist, andere Methoden und andere Mittel der Diskussion anzuwenden?... Ents weder macht die Reichsregierung ihren Umtrieben, welche die Unabhängigkeit Oesterreichs bedrohen, ein Ende, oder fie setzt sich über alles hinweg und beharrt auf ihren anti­österreichischen Aktionen, was ihr politisches Spiel vor aller Welt enthüllen würde. In beiden Fällen werden die gemeinsamen Schritte in Berlin nicht un nüz gewesen sein.

..Nicht taub"

Wenn die Zwischenfälle sich nicht wiederholen

wtb. Paris , 9. Aug. Die Auffassung, daß die französische Regierung die deutsche Antwort auf die Demarchen Frank­ reichs und Englands nicht als kategorische Ablehnung ansehe und daher die Entwicklung der Dinge abwarten möchte, be vor fie fich zu weiteren Schritten entschließt, wird durch die Stellungnahme der Morgenpresse vollauf bestätigt. U. a. argus mentiert der offiziöse Petit Parisien, daß die deutsche Ants wort keine Ablehnung", sondern nur eine Widerlegung" darstelle und daß die Reichsregierung schließlich gegens über den erhobenen Vorstellungen nicht taub bleiben könnte, woraufes im wesentlichen an komme. Wenn also die 3 wischenfälle sich nicht wiederholten, werde die Angelegenheit als geregelt ans zusehen sein, im entgegengesezten Falle bleibe den Mächten immer noch der Rückgriff auf den Völkerbund, der dann aller dings rigoros durchgeführt werden müsse.

Diese offenbar beeinflußte Darstellungsweise wird in der Oppositionspresse scharf fritisiert, Blätter wie Echo de Paris"," Ordre"," Figaro" und andere werfen der Regierung vor, nicht nur äußerst ungeschickt und wenig diplomatisch vor: gegangen zu sein, so daß sie sich eine verdiente Abfuhr geholt habe, sondern fie fordern Ministerpräsident Daladier auch auf, jetzt, nachdem die Unwirksamkeit, ja Gefährlichkeit des Biermächteabfommens durch die eigenartige Haltung Itas liens und die laue Reaktion Englands erwiesen sei, der Reichsregierung feierlich zu erklären, daß Frankreich unter feinen Umständen den An= schluß oder irgend welche Revisionsbestre bungen gestatten werde.

neuen Mitgliedern frei, jeder politischen Partei anzugehö ren, wenn sie sich verpflichteten, innerhalb dieser politischen Parteien für die Nationale Garde" einzutreten. Als Ziele der Nationalen Garde" bezeichnete O'Duffy die nationale Sammlung, Beseitigung der Parteipolitik und entschlossener Kampf gegen den Kommunismus. Eine derartige Politik würde nach seiner Ansicht auch am besten geeignet sein, die schließliche Vereinigung von Süd- und Nordirland herbei­zuführen.

Pleite

Alle Angestellte bei Mosse entlassen

Der große Berliner Verlag Mosse hat ultimo Juli weder Gehälter noch Löhne gezahlt und seinen sämtlichen Ange= stellten gekündigt. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß Karl Vetter, der vor etwa Jahresfrist als Reorganisator in den Verlag aufgenommen wurde, aus seiner Stellung in eine gänzlich unbedeutende Stellung versetzt worden ist.