H. N. Brailsford, London

Wie Hitler den Russen zu Hilfe kam

Adolf Hitler hat uns allen durch Vermittlung einer ameri­fanischen Zeitung erzählt, daß er uns vor einem Weltbrand bewahrt habe, als er den Reichstagsbrand löschen ließ. Er habe sich nämlich davon überzeugt, daß die Kommunisten im Begriff waren, alle öffentlichen Gebäude in die Lust zu Sprengen, die in Europa ebenso wie die in Amerika . Die Falturwelt zeigt ihrem Retter wenig Dankbarkeit. Denn die bemerkenswerteste diplomatische Entwicklung der letzten Nonate ist, daß Rußlands Stellung in der Welt sich im gleichen Maß erhöht hat, wie die Stellung Deutschlands ge= sunten ist.

Diese entgegengesetzten Bewegungen stehen miteinander in engem Zusammenhang. In der Eröffnungssigung der Lon­ doner Weltwirtschaftskonferenz machte Hugenberg seinen ein­fältigen Vorschlag, Deutschland zu erlauben, die Länder an seiner Ostgrenze zu folonisieren. Bevor die Konferenz zu Ende war, konnte Litwinow ankündigen, daß Rußland Nicht­angriffspakte mit nicht weniger als acht seiner Nachbarn ab­geschlossen habe. Wahrscheinlich war das eine direkte Folge der Enthüllung der begehrlichen Naziwünsche, denn wenig stens vier dieser Pakte wurden mit Ländern geschlossen, die als zukünftige Kolonien des Dritten Reiches gedacht waren. Diese Patte fassen das Wort Angriff" in so weitem Sinne auf, und bestimmen es doch so sorgfältig, daß sie, solange Papier in der Diplomatie noch gültig im Umlauf ist, einen weit größeren Wert besitzen als der vage Kollegg- Pakt. Ihre wirkliche Bedeutung aber ist viel einfacher. Sie bedeuten, daß Polen , Estland , Lettland und Litauen die Gefahr eher im Westen als im Osten sehen. Diese Länder vermuten, daß Herr Göring und seine Sturmtruppen die wirklichen Brand­stifter sind, die öffentliche Gebäude in Brand setzen. Was sie in Berlin getan haben, könnten sie auch anderswo tun.

Noch bemerkenswerter war das Benehmen des eng= Iischen Auswärtigen Amtes, dessen Tempo sonst gewöhnlich langsamer ist. Als die Konferenz begann, war England in einen heftigen Streit mit Rußland begriffen. Es hatte seinen Gesandten aus Moskau zurückberufen und ein Verbot auf die russische Einfuhr nach England gelegt. Der englische Außenminister Sir John Simon dürfte nun die Rebe des Herrn Hugenberg gehört haben denn er tat den ersten Schritt und lud Herrn Litwinow zu einer freundschaftlichen Aussprache ein. Das Ergebnis war zufriedenstellend. Die Russen erkannten, daß sie sich durch Ausweisung der beiden höchst verdächtigen englischen In­genieure, die sie eingesperrt hatten, ausreichend gegen Spio­

nage sichern konnten, und das Einfuhrverbot wurde darauf­hin aufgehoben. Diese Woche wurde mitgeteilt, daß ein neuer Gesandter nach Moskau entsendet werden wird. Sir E3­mond Ovey, der bisherige Gesandte, dessen melodramatische Methoden an dem größten Teil der Schwierigkeiten schuld waren, wird nicht zurückkehren und kein weiteres Unheil stiften dürfen. Sein Platz wird durch Lord Chilston, den bis­herigen Budapester Gesandten, ausgefüllt, der, wie man hört, ein ruhiger und weniger unternehmungslustiger Herr ist. Was noch besser ist, die englische Regierung verhandelt über ein neues Handelsabkommen mit Rußland auf vielverspre­chenden Grundlagen, die jeden zufünftigen Bruches hat deren in der Vergangenheit zwei gegeben- unwahrscheinlich machen würden.

All dies ist ebenso überraschend wie erfreulich. Während der Mandschureiaffäre, als man sich vergeblich bemühte, die Gründe zu entdecken, warum Sir John Simon seinen parteiischen Sympathien für Japan Ausdruck gab, obwohl er damit den Völkerbund sabotterte, dachten manche, er sei durch eine Erwägung beeinflußt, die allen Reaktionären nahe­liegt. Sie bewundern Japan , weil sie Japan als ben zu­fünftigen Sieger Rußlands im Fernen Osten betrachten. Sie nennen Japan den Gendarm der Zivilisation" und meinen damit die Sturmtruppe des Kapitalismus. Heute scheint dieser Verdacht weniger begründet, Wenn das Aus­ wärtige Amt in London den Angriff auf Rußland in naher Zukunft vorbereiten wollte, dann hätte es mit Leichtigkeit den Streit wegen der zwei Ingenieure lebendig erhalten können und hätte dabei noch den Beifall der lärmendsten Gruppe unter den Konservativen gehabt. Es tat das Gegen­teil. Wenn also das Außenamt jemals derartige Pläne ge­habt hat- Hitler hat es auf andre Gedanken gebracht.

Das gilt auch für andre Regierungen. Es wird zuversicht­lich behauptet, daß Präsident Roosevelt , der bereits den amerikanischen Kredit in den Dienst der Förderung der amerikanischen Ausfuhr nach Rußland gestellt hat, im Be­griff ist, Rußland diplomatisch anzuerkennen: etwas, was keiner seiner Vorgänger gewagt hat. Wenn die amerikanische Industrie wieder aufsteigen soll, dann braucht sie auswärtige Märkte und denkt dabei besonders an China und Rußland . Gleichzeitig war der französische Ministerpräsident Dala­ dier gegenüber Litwinow bei dessen Besuch in Paris demon­strativ freundlich und das mag manche wertvolle diplo­matische Früchte tragen. Man hat hier wohl die französische Antwort auf Papens tindischen Vorschlag vor sich, den er

-

Württemberg gegen Preußen eine andere Wiethode vor sich.

' Abrücken von den schwindelhaften ,, Siegen " in der Arbeitsschlacht

Nach einer Erklärung des württembergischen Wirt­Ichaftsministeriums sind bereits mehrere Oberamtsbe­airte ganz oder fast völlig von Arbeitslosen frei. Um feine falfchen Hoffnungen zu erweden, wird Württemberg aus grundsäglichen Erwägungen heraus mit derartigen Meldungen auch in Zukunft zurückhaltend sein. Wie aus Berichten der letzten Wochen über die Be­mühungen des württembergischen Wirtschaftsministeriums hervorgeht, wird in Württemberg das Schwergewicht auf eine dauernde Beseitigung der Arbeitslosigkeit gelegt." Mit welchen Mitteln die Arbeitsschlacht" geliefert wird, zeigt folgender Bericht in der Bossischen Zeitung" vom 18. August:

Verschiedene Gemeinden und Landkreise sind dazu über­gegangen, während der Erntemonate den Bezug der Wohlfahrtsunterstüßung zu sperren, weil sie der Ansicht sind, daß jeder Arbeitsfähige als Erntehelfer ein Auskommen finden kann. So zahlt der Kreis Wittgen­ftein an alle Erwerbslosen unter fünfzig Jahren keine

Wohlfahrtsunterstüßung mehr, und nur dann wir bie

Unterstützung wieder gezahlt, wenn von mindestens drei­Big Landwirten des Streises die schriftliche Erklärung bei­gebracht wird, daß sich der Unterstüßungsempfänger bei ihnen vergeblich um Arbeit bemüht hat. Man weiß, daß sich viele Gemeinden in einer recht schwierigen Finanz­lage befinden. Besonders den kleinen Gemeinden wird es schwer, die Unterstüßungslasten aufzubringen. Ob die ausgemergelten Leute die schwere Landarbeit Teisten können, danach wird nicht gefragt. Entweder sie gehen als Sklaven zu den Bauern, oder sie müssen ganz verhungern.

Dic Affensprache

Bon Michael Sostschento.

Schwierig ist die russische Sprache, teure Mitbürger! Ach wie schwierig! Und hauptsächlich deshalb, weil es so teuflisch viel Fremdwörter darin gibt. Nun nehmen Sie einmal die französische Sprache. Alles ist klar und verständlich. Resteja, mersi, fomst alles, wie Sie sehen, rein französische verständliche Worte.

Und bitte schön, nehmen Sie mal einen russischen Satz da­also nicht zu glauben. Alles durchsetzt von Fremd­gegen wörtern. mit unverständlichem nebelhaftem Sinn. Man stolpert über Worte, verliert den Atem und rui­niert seine Nerven.

Da habe ich gerade vor einigen Tagen ein Gespräch mit angehört. Das war auf einer Versammlung. Meine Nach­barn unterhielten sich.

Es war zweifellos eine sehr kluge und intelligente Unter­haltung, aber ich als Mensch ohne höhere Bildung hatte die größte Mühe, ihr Gespräch zu verstehen und kam aus dem Staunen nicht heraus.

Es begann folgendermaßen. Mein Nachbar, ein Mann in mittleren Jahren, neigte sich zu seinem Nachbarn und fragte Höflich:

In Hamburg geht die Befreiung von Arbeitslosen durch Der Hamburger Senat hat befchloffen, künftig in same

burg allen Personen, die noch Mitgliedsbeiträge für die SPD. , KPD. oder deren Nebenorganisationen leisten, feinerlei Unterstüßungen mehr auszuzahlen. Weder Ar­beitslosenunterstützung, noch Invaliden- oder Kriegsbe­schädigten- Unterstützung. Wer nicht eine von der Obrig­feit vorgeschriebene Gesinnung zur Schau trägt, soll zum Verhungern verurteilt werden.

Diese neue Verfügung wird wieder Anlaß geben zu unendlichen Denunziationen. Jeder, der einen guten Freund hat, wird der Beitragszahlung an eine der gar nicht mehr bestehenden Organisationen beschuldigt werden.

Der nationalsozialistische Pressedienst empfiehlt die Ver­fügung des Hamburger Senats zur allgemeinen Nach­ahmung, denn kein Mittel soll unversucht bleiben, um die rote Pest mit Stumpf und Stiel auszurotten.. Die barbarischen Kampfmethoden der nationalsozialistischen Machthaber werden immer gemeiner.

seinerzeit Herriot in Lausanne machte: daß Frankreich den Deutschen Waffen zur Niederwerfung Rußlands zur Ver­fügung stellen solle. Im Gegenteil findet eher eine Rückkehr zum Vorkriegsgleichgewicht der Kräfte statt. Paris und Moskau reichen sich die Hände über das dazwischen liegende Hindernis Deutschland hinweg. Es wird zwar feinen neuen Zweibund geben, aber eine etwas widerspruchs­volle Freundschaft der beiden Mächte ist möglich.

Man sieht aus diesen Schachzügen die ersten Zeichen einer neuen Gruppierung, die an die berühmte Einfreisung" er­innert, über die sich das kaiserliche Deutschland vor dem Krieg beklagte. Gewiß ist dies ein untaugliches Mittel zur Erhaltung des Friedens; obendrein ist diese Gruppierung offenfundig unsicher, denn ebenso wie vor dem Krieg spielt Italien sein eigenes Spiel, einmal auf dieser Seite, einmal auf jener. Das Ganze ist ein Symptom unserer europäischen Krankheit und nicht ihr Heilmittel.

Das englische Handelsabkommen mit Rußland wird durch die Versprechungen fompliziert, die England den Kanadiern in Ottawa gegeben hat, denn das kanadische Holz kann ohne wirtschaftspolitische Unterstüßung mit der russischen Ware nicht fonfurrieren. Vielleicht wird irgendeine geschickte For mel gefunden werden, um diese Schwierigkeiten zu umgehen. Es ist bereits bestimmt, daß ein fires Verhältnis zwischen der russischen Einfuhr und Ausfuhr von und nach England ge= schaffen wird. Bis jetzt hat Rußland dreimal soviel an Eng­land verkauft, als es gekauft hat, obwohl die russischen Maschinenkäufe seit einigen Jahren zunahmen und wenig stens sechzigtausend englische Arbeiter in der Maschinen industrie beschäftigten. Das neue Verhältnis soll die russischen Käufe nach England mit zehn zu zwölf festsetzen. Ein ähn liches Prinzip hat England auch im Vertrag mit Dänemark verfolgt: es ist ein Beispiel der neuen Tendenz zum Natural­tausch. Englische Maschinen werden gegen russisches Holz, Del und Pelze eingetauscht werden. So müssen im internatio nalen Handel sogar höchst fapitalistische Regierungen eine ge wisse Planwirtschaft einführen, um einen Ausweg aus dem Wirrwarr der letzten Jahre zu finden. Man kann das be­grüßen; eine Arbeiterregierung würde auf diesem Wege jedenfalls noch viel weiter gehen. Im Fall Rußland wird dies ein Schutz gegen neue Versuche der Konservativen sein, eine Beziehung zu zerstören, die für beide Länder zweifel­Ios vorteilhaft ist. Und dafür, gewiß mehr als für unsere angebliche Rettung vor den kommunistischen Brandstiftern", müffen wir Adolf Hitler dankbar sein.

Seld gut zu Tieren quält lieber Menschen!

Das Verbot der Vivisektion ist bereits am Mittwoch in Kraft getreten durch einen Erlaß des preußischen Minister­präsidenten Göring . Die Reichspressestelle der NSDAP . teilt darüber mit: Der preußische Ministerpräsident Göring hat einen Erlaß herausgegeben, wonach vom heutigen Tage ab die Vivisektion von Tieren aller Art für das gesamte preußische Staatsgebiet verboten wird. Der Minister präsident hat die zuständigen Ministerien beauftragt, ihm unverzüglich ein Gesetz vorzulegen, nach dem die Vivisektion mit hohen Strafen belegt wird. Bis zum Erlaß dieses Ge­sebes werden Personen, die trotz des Verbots die Vivisektion veranlassen, burchführen oder sich daran beteiligen, ins Ronzentrationslager abgeführt.

Hier steht kleinen Vivisektionsübungen an Menschen weiter

wächst Haß. Die Hungerpeitsche regiert, und wo sie hinschlägt, nichts im Wege.

Judenschweine"

Plakat an der Hauptpost

In der Bezirks- und Fremdenstadt Konstanz a. B. be. findet sich an ganz auffälliger Stelle, an der Hauptpoft, ein Plakat folgenden Inhalts:

-

Konstanzer Christenmädels

die mit Judenschweinen verkehren, werden fotografiert und im Stürmer" veröffentlicht. Das Plakat wird von SA.- Leuten bewacht.

-

-

-

- Sieh mal an, verwunderte sich der erste, habe mir doch gleich gedacht, es sah mir gleich nach Plenar aus. Ja, Sie können ganz beruhigt sein, sagte der zweite streng, heute ist eine absolut plenare Versammlung. Und ein Quorum hat sich zusammengefeßt, einfach hervorragend. Ist das möglich? fragte der Nachbar. Auch ein Quorum ist vorhanden?

-

Bet Gott ,

sagte der zweite.

-Und was ist denn das mit dem Quorum, wenn ich fragen darf?

-

Na so, sagte der Nachbar ein wenig verlegen.- Es hat sich eben zusammengesetzt, weiter nichts.

-

- Was Sie nicht sagen, sagte der erste Nachbar nachdenklich den Kopf schüttelnd, und in welcher Hinsicht eingentlich, wie? Der zweite Nachbar zuckte mit den Achseln und sah seinen Nachbar streng an, dann fügte er mit freundlichem Lächeln hinzu:

- Sehen Sie, Genosse. Sie scheinen mit diesen Plenar­fizungen nicht ganz einverstanden zu sein. Aber mir liegen sie sehr. Wissen Sie, da ist alles minimal den Anforderungen des Tages entsprechend. Obgleich, aufrichtig gesagt, ist meine Ein­stellung diesen Bersammlungen gegenüber in letzter Zeit eine ziemlich permanente. Da tft legten Endes doch sozusagen gewissermaßen nichts wie Industrialisterung, es wird boch nur leeres Stroh gebroschen.

Nun das kommt darauf an,

entgegnete der Zweite.

Sagen Sie, Genosse, ist das eine Plenarversammlung Wenn man sich allerdings auf einen gewiffen Standpunkt oder nicht? stellt, und von diesem Standpunkt aus. gewiß, dann Blenar, erwiderte der Nachbar leichthin, fann man von Industrialisierung sprechen, tonfret.

, Edle Tat"

Der Weltbund zum Schuße der Tiere und gegen die Vivisektion E. V., Berlin , und Verband vivisektionsgegne­rischer Tierschutzvereine Deutschlands haben an den Reichs­kanzler Adolf Hitler folgendes Telegramm gerichtet: Für das Verbot der gesamten Vivisektion in Preußen, für das wir jahrzehntelang aussichtslos fämpften, sagen wir im Namen aller Tierschutzler Ihnen, Herr Reichskanzler, unseren tief­gefühlten Dant. Wir sind überzeugt, daß diese edle Tat auch edle Früchte tragen wird. In treuer Gefolgschaft unserem Führer Sieg- Heil!"

-

Sowohl konkret, als auch faktisch,

zweite streng.

-

-

verbesserte der

Da haben Sie vielleicht recht, gab der erste zu. Das lasse ich gelten. Konkret und faktisch. Das heißt, es tommt darauf an... manchmal...

-

-

-

Immer, verehrter Genosse, immer, erwiderte kurz der Zweite. Besonders, wenn die Erregung in der Unter­sektion nach den Vorträgen minimal geworden ist, dann nimmt die Diskussion und das Geschrei kein Ende.

Auf der Tribüne erschien ein Mensch und machte ein Zeichen mit der Hand. Alles schwieg. Nur meine Nachbarn fonnten sich nicht gleich beruhigen. Sie fonnten nicht darüber einig werden, ob die Erregung in den Untersektio nen minimal oder anders wäre. Es wurde ihnen durch Zischen bedeutet zu schweigen. Sie zuckten die Achseln und schwiegen. Dann neigte sich der erste Nachbar zum zweiten und fragte:

-

Wer ist das dort, der eben hinausging? Der? Das ist das Präsidium. Ein ganz scharfer. Und ein erstklassiger Orator.

Der Redner erhob die Hände und begann zu sprechen.- Und jedesmal, wenn er stolze Fremdwörter mit nebelhaftem Sinn aussprach, nidten meine Nachbarn ernst mit den Köpfen. Wobei der zweite Nachbar streng zu dem ersten hinüberblickte, als wollte er ihm zeigen, daß er in dem eben stattgefundenen Streit doch Recht behalten hätte. Ja, schwer ist es, Genossen, russisch zu sprechen.

( Aus dem Russischen übertragen.)

ind