Freiheit

Nummer 60-1. Jahngang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Dienstag, 29. August 1933

Chefredakteur: M. Braun

Kein menschliches Wirken ist verloren, kein für die Idee ver­gossenes Blut ist fruchtlos, kein Traum der Jugend ist eine Täu­schung. Das beständige sehnsüch­tige Wünschen des Menschenge­schlechtes ist für die Gesellschaft, was der Kompaß für das Schiff ist; er sieht das Ufer nicht, allein er führt zu ihm hin.

Lamartine .

Darüber spricht Hitler nicht!

Das ist die fotografische Wiedergabe eines der tausenden Schandzüge, die in diesen Wochen durch die Straßen deutscher Städte johlen.

Im Mittelalter ging der öffentlichen Anprangerung eine Untersuchung und ein Urteilsspruch voraus. Im Mittelalter! Jezt genügt eine Denunziation und ein Trupp SA.

Man sieht auf dem nebenstehenden Bilde sofort, daß der öffentlich Ausgestellte kein Arbeiter ist. Er ist auch kein Jude und kein Marrist. Nie hat er politisch links geftanden. Ims mer war er stramm rechtsnational. Es ist der Prokurist einer Firma in Hildesheim . Junge SA.- und SS. - Lente, mit unreifen fröhlichen Jungensgesichtern haben den gereif ten Mann von seiner Arbeitsstätte fortgeholt und führen ihn nun zur allgemeinen Volksbelustigung vor.

Was hat der Mann, der da aufrecht und mit betont stolzem Gesichtsausdrud vor uns steht, getan? Ach, er hat Kritik ges übt an einigen der jetzigen Machthaber. Er fand im neuen Deutschland nicht alles so, wie er es sich in seinen idealistischen Träumen vorher gedacht hatte. Nicht blind und nicht dumm genug, um die Postenjäger an übersehen, zu ehrlich, um das große Lügen über die aufblühende Wirtschaft mitzumachen, hat er im Freundeskreise einige Worte des Unmuts geäußert. Das wurde ihm zum Verhängnis. Dieses Deutschland wims melt ja von Spigeln und Denunzianten. Ein Teil des Vol­mit dem tes grüßt mit erhobener Hand und der andere Finger vor den Lippen: Schweigen!

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Wo in Europa außerhalb Deutschlands wären solche Auf­züge möglich? In welchem Lande mit staatlicher und richter: licher Autorität fönnten junge Burschen wagen, solche. schändlichen Umzüge zu veranstalten? Tag für Tag redet der Kanzler und lügt unser Volk und alle Welt an über die Zu stände in Deutschland . Nie aber bringt er soviel Wahrheits­liebe und Wahrheitsmut auf, um nur ein einziges Mal gegen die Schandtaten der von ihm organisierten, mit seinem Uns geist erfüllten, mit seiner Roheit gedrillten, von ihm befeh ligten braunen Horden zu protestieren. Sein Propagandas minister und zehntausend gleichgeschaltete Zeitungsschreiber verdächtigen uns der Greuelpropaganda". Nicht wir pro= pagieren Greuel, die SA. und die SS. verübt sie jeden

Mbe

Jch in ein großen Lump ich. meine da Volksgenossen reundet habe!

Tag! Man muß um Deutschland willen die Schande seiner Tag! Man muß um Deutschland willen die Schande seiner jezigen Machthaber aufzeigen, wenn Deutschlands Freiheit und seine Ehre zurückgewonnen werden sollen.

Frauen und Kindern

Ausbürgerung auch für Familienangehörige

Berlin , 27. August. Im Zusammenhang mit den vorgestern gemeldeten Aberkennungen der Staatsbürgerschaft von einer Reihe politischer Flüchtlinge ist die Frage aufgetaucht, ob diese Aberkennung der Staatsbürgerschaft von vorn­herein auch gleichzeitig für die Angehörigen der Betrof­fenen gilt. Da die Aberkennung der Staatsangehörigkeit, so wird vom Reichsministerium des Innern betont, hier durch ein subjektives Verhalten des einzelnen begründet wird, erschien es angebracht, vorzusehen, daß über die Ausdehnung des Staatsangehörigkeitsverlustes auf Familienangehörige von Fall zu Fall entschieden wird. Bei Erlaß der Aberken­nungsbekanntmachung waren für jeden einzelnen Fall die für die Erstreckung auf Familienangehörige maßgebenden Gesichtspunkte noch nicht genügend geklärt. Aus diesem Grunde mußte in der Bekanntmachung die Entscheidung über diesen Punkt vorbehalten bleiben.

,, Auf der Flucht" erschossen

Wiesbaden , 27. Auguft. Wie nunmehr amtlich mitgeteilt wird, unternahm am Abend des 19. August der Kommunist Karl Müller aus dem Verwaltungsgebäude der SA., Standarte 80, wohin er zur Arbeitsleistung kommandiert war, einen Fluchtversuch. Da er auf wiederholten Anruf nicht stehen blieb, machte der mit seiner Bewachung Beauf­tragte von seiner Schußwaffe Gebrauch. Müller wurde durch zwei Rückenschüsse verlegt und ist kurz nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus verstorben.

Alles in Masse

Auch die Trauungen

Berlin , 28. Aug. An drei verschiedenen Stellen zugleich fanden in Groß- Berlin wieder Massentrauungen statt. In der Alten Kirche von Pankow traten 68 Paare vor den Altar. In der 12- Apostel- Kirche im Berliner Westen er­streckte sich die Feierlichkeit auf 35 Paare. Am größten war die Beteiligung bei der Massentrauung in der Hoffnungs firche in Pankow , wo 84 Paare getraut wurden.

Vom Niederwald nach Nürnberg

Feste mit Massen- Furcht vor Massen

Das deutsche Volt bleibt unruhig. Es erlebt Massenaufs märsche und Massenfeste größer und lärmender denn je, und gerade diese flutenden Menschenwogen, die hin und her über das Land geworfen werden, offenbaren, wie wenig gefestigt and geklärt das staatliche und wirtschaftliche Dasein dieses unraftvollen Volkes ist.

In vielen Sonderzügen wurde Saarvolt zum Natio naldenkmal auf den Niederwald gebracht. Der Andrang mag hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein, aber immer noch erreichte er Maffenzahlen, wie sie beruhigte Völker zu politischen Veranstaltungen nicht aufzubringen wiffen. An demselben Sonntag marschierten die Sozials demokraten und die Kommunisten im Saargebiet. Beide getrennt, und doch beide geeint in dem Willen, da s Arbeitsvolk an der Saar nicht der Naches und Blutdiktatur des Hitlerschen Barbarismus auszuliefern. Diese Politit deutscher Freiheit an der Saar wird durch diesen Sonntag der Massenaufmärsche neuen Auftrieb erhalten haben. In Gegenwart des deutschen Reichss kanzlers und vieler Würdenträger des neuen Deutschlands hat der saarländische Staatsrat Simon vor aller Welt ge= droht, daß die Verbrecher" erschlagen werden follen wie tolle Hunde." Der Mensch hatte in seinem Blutrausch noch soviel Feigheit, die Gegner der Hitlerdiks tatur nicht mit ihren Parteinamen zu nennen, aber niemand zweifelt, welchen Gesinnungen diese Morddrohungen gelten, und es darf auch kein Zweifel daran bestehen, daß der Reichs= kanzler selbst diese blutige Rachepolitik billigt. Hat er sie doch jeit Monaten in Deutschland üben lassen.

Man muß dem Herrn Staatsrat aufrichtig dankbar sein, daß er so deutlich angekündigt hat, was den Republikanern und Sozialdemokraten, den Kommunisten und Pazifisten, den Freidenkern und Juden bevorsteht, wenn das dritte Reich" einen Abstimmungssieg erreichen würde. Solche Reden sind ein dokumentarischer Beweis dafür, daß die jeßigen blutbesudelten Machthaber kein Recht einer Minderheit an der Saar anerkennen würden.

Es scheint uns sehr wichtig, das nicht nur festzustellen, fon dern die Tatsache dieses mörderischen Unterdrückungswillens in die Welt hinauszurufen.

Selbst auf ihren feierlichsten patriotischen Kundgebungen toben fie mordluftig gegen ihre Gegner. Auch ihr Reichskanz ler, der größte politische Geldmacher, den die Geschichte kennt, offenbarte wieder einmal feine im Grunde niedrige Gefin nung. Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies er auf die Setres tärsgehälter von ein paar hundert Mart im Monat hin, die von den besoldeten Funktionären der Arbeiterbewegung be zogen worden sind. Noch auf dem Gipfel seiner Macht ein armseliger Verleumder, höhnte er gegen die Tausende, die er bestohlen und mit Frauen und Kindern bewußt dem Hun­gertode ausgeliefert hat.

Aber wenn diese ewigen Redner und Feierer so etwas wie einen wirklich nationalen Gedanken brauchen, dann wenden sie sich an uns. Wenn sie nach einem Liede suchen, das über die Leierkastenmelodie und die Raufboldreime des Horst Wessel - Songs fich erhebt, dann greifen fie nach unseren Ges dichtbüchern.

In der schwarzweißrotumrandeten Saarbrücker Zeitung " wird der tiefste Sinn der Saarfeier am Niederwald so ges deutet:

Und wenn die Fahnen im Winde schlagen und die Wo­gen des heiligen Stromes ihr uraltes Lied um die Reben rauschen, wenn deutsche Geschichte und deutsche Hoffnung, deutsche Sehnsucht und deutsche Kraft lebendig werden, dann wird das Wort Karl Brögers in den Herzen klingen und zum feierlichen Gelöbnis werden:

Nichts kann uns ranber Liebe und Glauben zum deutschen Land.

Es zu gestalten

und zu erhalten

find wir gesandt!

Jawohl: dieses Gedicht an Deutschland schmückte programs matisch die erste Nummer der Deutschen Freiheit", unsres bekanntlich durchaus undeutschen und landesverrätes rischen Blattes. Die großen Patrioten haben es mangels eigener nationaler Kraft uns und dem marristischen Dichter Karl Bröger entwendet. Bröger selbst konnte leider beim be= sten Willen der deutschen Kundgebung auf dem Niederwald nicht anwohnen. Der Reichskanzler Hitler hat einen der deutschesten deutschen Dichter, den Sozialdemokraten Bröger durch seine braus nen Horden mißhandeln und dann in das Kons zentrationslager in Dachau einsperren lass sen. Dort wird Karl Bröger gemeinsam mit seinem Sohne von den pädagogischen SA. zu einem nüßlichen Mitglied der deutschen Nation erzogen. Wird die vom dritten Reich" so begeisterte Saarbrüder Zeitung" dem durch Schläge seiner Freunde geschändeten und seiner Freiheit beraubten Dichter wenigstens ein Belegeremplar nach Dachau senden? Oder vielleicht ein Honorar, damit er sich seine Hungerkost etwas aufbessern kann? Sie wird keines von beidem tun. Immerhin hat das gleichgeschaltete Blatt den Beweis geliefert, daß die tiefsten Empfindungen der Nation in den Konzentrations lagern leben. Dort lebt unzerstörbar und unbesiegbar auch die deutsche Freiheit.

Das nächste Massenfest Deutschlands wird der Reichspars teitag" in Nürnberg sein. Schon füllen pomphafte Anküns digungen die Presse. Freilich hört man nichts von wirklichen Taten, die für Volk und Land in Nürnberg geschehen sollen. Wieder einmal Paraden und sonst nichts. Man lieft von Kilos metern Fahnentuch und Girlanden, von Schlachthäusern und Feldküchen, von Massen und wieder Massen, von Propas ganda und Propaganda und Humbug.

Ein Reich in Festesfreude: oberflächlich fieht es so aus. Man müßte annehmen, daß der wie einst Wilhelm II. von Boltsjubel umtofte Kanzler nach Nürnberg strömen lassen wollte, was nur dahin strömen will. Dem ist aber keinesa