Pariser Spaziergang

Violette vom Studentenviertel oder die Reste der Boheme

Der Fall der Studentenliebsten Violette, die ihren Eltern Gift gegeben hat, ist ein Anschauungsunterricht, wohin die Reste der einst vielbesungenen Boheme" geraten sind. Nichts als Puzlumpen sind das über der sterbenden Seele des Mittelstandes, die überall furchtbare Erscheinungen des Ver­falls ihrer Ideale gebiert. Hier ist die typische Jugend= tragödie der aus den Fugen geratenen Bürgerlichkeit; mit Krise, Geldnot, Koketten, Elend und Sexualität im Hintergrund. Seht ihr die lustigen Tanziungens auf den lateinischen Terrassen des Universitätsviertels, die heißen Poussiernachmittage im Garten Luxemburg , in dem, unab­änderlich, die Dichter Frankreichs als Statuen träumen? Seht ihr die Beguine- Bars, die Nacht- Dancings, den Neger­mond von Montmartre ? Seht ihr die Autos; die Ausländer, die Absteiger auf den großen Boulevards um die weißen Stufen des klassischen Tempels der Madeleine? Seht ihr Violette, das anständige Mädchen", die die Stunden im Gymnasium schwänzt und auf den Strich geht, um für Jean, den schlanken Studenten mit den großen Augen und der Hornbrille anzuschaffen?

Die Eltern von dieser Romanfigur: brave Eisenbahner­Eheleute namens Nozieres, mit 165 000 Franken auf der Bant, sparsam, wohlwollend, mit allen Nationaltugenden, wohnen im Osten von Paris , in der nichtsahnenden Mada­gastar- Straße. Violette, die von ihren Kumpanen auf den Lieblingsterrassen des Boul' Mich' mit dem englischen Rose­namen Mady" angeredet wird, ist die einzige Tochter, früh entwidelt, 18 Jahre alt, üppige Schultern und vollbusig, wollüstige Fleischstücke in Nase und Mund. Eines Tages ist das Mädel von Hause weg. Sie treibt sich einen blauen Sommertag in Paris herum, schickt unterwegs einen Rohr­postbrief nach Hause, daß sie nicht vor 1 Uhr nachts heim­tommt und wartet inzwischen in lustigen Festen ab, bis die Eltern sterben: denn sie hat ihnen Gift beigebracht. Ohne Reue, fast sachlich, mit diesem leeren Lebensinhalt, diesem entsetzlichen Tanz- und Zigarettenklaps der heutigen, um ihre wahren Gefühle betrogenen Jugend, geht sie vor. Sie rast durch die Jazz- und Beguine- Kapellen, während daheim die Alten röcheln. Als sie nachts nach wilden Szenen heim­kommt, ist der Vater tot; die Mutter liegt blaß, mit Schweiß und Blut. Das Mädel im Tanzkleid reißt die Gashähne auf; schauspielert einen Gasunfall, weint, schreit, wedt den Flur­nachbar, holt die Feuerwehr herbei, vergebens, die Mutter lebt noch und sagt die Untat der Entarteten der Polizei ins Gesicht.. Verlogen flieht die Mörderin in einem unbewachten Augenblick aus dem Spital, in das man die franke Mutter, gebracht hat, davon.

Violettes Flucht ins Ungewisse hält gana Paris in Aufruhr. Tagelang suchte man sie in der Seine , an den Selbstmörderbrücken, sie aber geht lächelnd, unver kleidet, durch diese seltsame Stadt und spricht die Männer an. Die Refonstruktion dieses Treibens durch die Polizeiakten gibt einen unerschütterlichen Beweis aus dem Treiben der heutigen letzten Boheme. Sie hat erst morgens eine Schul­freundin, eine Stenotypistin, mit einem Auto in deren Büro gebracht, dann hat sie sich in einem großen Warenhaus Dauerwellen legen lassen und neue Kleider gekauft, abends hat sie ihre Freundin abgeholt und mit dieser ver­schwenderisch gespeist und einen Bummel durch die Studenten­lokale gemacht, dann ist sie mit Willy, dem hübschen Archi­tekturschüler und einem anderen Tanzjüngling, oben nach Montmartre gesaust. Dieser Willy ist der Duzfreund von Jean, ihrem Richtigen, ihrem Liebsten, für den sie wahr­scheinlich ein paar Tausende aus der Schublade ihrer Eltern und dem Kleide ihrer Mutter gestohlen hat. Jean ist ein - zwanzigjähriger Rechtsstudent, schmal, länglich, intellektuell, studiert im zweiten Jahr, und später wird er Richter oder Anwalt werden; vielleicht wird er Violette heiraten, fein,

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was? Aber heute ist er noch jung und Violette will zu ihm; will ihn aus den Ferien abholen und ihn reich machen, mit ihm ans Meer, in den sterbenden Sommer im Badekleid, oder sonst wohin. Sie schwärmen viel dort oben mit dem Blicke auf das leuchtende Paris zu ihren Füßen und gehen und lieben sich im Zimmer der Freundin.

Nächtelang rast die Polizei, ein zweiter Kranich des Jbykus, hinter der Mörderin her. Aber die Mörderin fährt kavaliermäßig mit einem reichen Ausländer im Luxus­auto durch die feinsten Viertel der Weltstadt oder setzt ihre Straßenbekanntschaften in Amüsierlokalen fort. Einmal geht sie mit einem schwarzen Saxophonspieler in ein Liebes­zimmer und lebt die Nacht von ihm. Am nächsten Morgen ist ihre erste Sorge eine Pincette, um die Augenbrauen schmal zu zupfen; für 10 Fr. Am Nachmittag bittet sie den Neger um 150 Fr. für ein neues Kleid; er hat aber nur 15. Nachts pennt sie wieder in dem Hotel, es gibt aber eine Szene, weil sie statt der verlangten 20 nur 18 Fr. hat, also muß sie noch einmal weg und bringt dann dem dienernden Kellner den Rest. Wo aber sind die Tausende der Eltern hin? Violette schweigt auf diese Frage. Violette verdient sich weiter Geld und am nächsten Morgen, vor dem angenehmen Frühstück im Cafe, gibt sie dem Zimmermädel 50 Fr. und läßt sich Haut­creme und Toilettensachen holen. Nachmittags steuert sie wieder auf eine Anlagebank los, auf der sie ein neues Stu dententrio kennengelernt hat. Einer dieser Neuen, ein kle= verer Junge, läßt sie bewachen und hochgehen.

Im Gefängnis Petite- Roquette, in der Zelle zu ebener Erde, beäugt die ganze Journalistik ihr Lager. Am ersten Morgen hat sie mit großem Appetit Milchkaffee und belegte Brötchen gegessen. Ihr größter Kummer ist, daß man ihr vorübergehend ihr schwarzes Kleid weggenommen hatte und ihr eine graue Kutte gab. Violette gesteht zynisch, ohne Reue, was man von ihr wissen will. Den armen Vater draußen im Osten, im Charenton- Viertel, belastet sie gemein mit der Lüge der Blutschande; bei der Mutter ist sie vorsich­tiger, die lebt noch, nur ihren Liebsten, den Studenten, ent­lastet sie. Hier wird die Erscheinung ein sozialer Fall.

Natürlich ist dies kein trivialer Liebesroman, keine Hinter­treppengeschichte, sondern der Uebergang der alten Maria­Magdalena- Rolle zur modernen Gesellschafts= tragödie. Die Luft der sterbenden Kleinbürger, die Verwesung der Zeit erfüllen diesen Familienroman mit dem Gift und dem Schlafzimmer und dem Handgeld für künftige Togaträger und dem ganzen Dreck. Pariserisch ist daran nur der Schauplatz und die Straße, an sich hätte die Geschichte ebensogut in Steglitz bei Berlin geschehen können und hätte dann Primaner Kranz- Fall geheißen oder das Horst­Wessel- Milieu der Fischerstraße hätte sie umgeben, und sieht man genau hin, dann sind die Gifte dieses modernen Monstrums gar nicht ihre eigenen, sondern die Giftgaie der früheren Generation, der Odem des Krieges und der Krise, der fast an allem Elend in der Welt schuld ist.-

Seekrieg vor Paris

Den Seekrieg vor Paris führen diesmal nicht die französischen Grunewald - Familien, die mit dem landes­üblichen Rotwein und Eiern hinaus an die Marne fahren, auch nicht die Nachkommen der alten Normannen, die vor einiger Zeit ihre tausendjährige Vereinigung mit Frankreich geführt haben und so viele Blondköpfe und Blauaugen dazu aufboten, wie Hitler in Neutomischel vergebens sucht, sondern die Söhne der alten Gallier, die Flußschiffer, hatten die Enterhaken ergriffen und kämpften gegen die Frachtbörsen und Unternehmer, die ihnen an die Gurgel griffen. Von Rouen und Havre im Süden bis Lille und Dünkirchen im Norden, durch diese ganze verzweigte nordfranzösische Kohlen­und Wiesenlandschaft zog sich alsbald ein System von Wassersperren und Brückenköpfen, denn die alten

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Wetterfesten waren höllisch geladen und machten mit ihren lan, a Bootshaken kurzen Prozeß, und bei der ersten Barri kade an der Mündung der Oise in die Seine wäre es bei­nahe zu einem Kampf gekommen, aber die Aufständischen hielten tapfer stand und erreichten, daß alle Fuhren und

srechte neu geregelt werden, damit der Schornstein ans den Kajüten besser raucht. Diese alten Gallier sind nämlich bisher ein bißchen in den Menschenrechten zu kurz gekommen; es gibt noch eine königliche Verordnung von 1669, die den Schiffern eine Rast von mehr als 24 Stunden im Hafen von Anville verbietet und ebenso den Gebrauch von Angeln und Fischgerät, das heute in dieser Jahreszeit eine geheiligte Angelegenheit von vielen Franzosen ist: Dafür hatten die Flußschiffer also jetzt ihr Seeschlacht nachgeholt; in Frank­ reich folgt die Flottille erst jeßt der Bastille nach: Dies er­reicht, spucken die alten Seebären ihren Knaster, der hierzu­lande natürlich einen französischen Namen führt, mit noch einmal so viel Eifer über Bord, und die vielen Tonnen Rüben und Obst, Kohle und Grubenholz landen seitdem mit noch einmal so viel Stolz unter den historischen Brücken des Kaisers Napoleon an der Seine.

Herbstmode

Auf der berühmtesten Ecke am Montparnasse sind einige Bilder der neuen deutschen Mode ausgestellt. Original­fotos des deutschen Modeamtes, und sie bringen nicht nur Frau Magda Göbbels , die davor geflüchtet ist, sondern auch den Franzosen das Gruseln bei. Mir persönlich ist es völlig schleierhaft, wie der Arier das Nichtvorhandensein von El­lipsen", die ihm verboten sind, feststellen soll, wenn die deutsche Mode aus lauter Säcken besteht. Eckig und weit, züchtig am Hals verschlossen, mit etwa bis über das Herz ge­rutschtem Zwickel, lächeln einen die gleichgeschalteten Tub nelden an. Ach, Adolf, diese Schlacht mit plumpen, langen Röcken, die noch dazu viel Stoff und daher mehr Geld kusten, wirst du bestimmt gegen Wien und Paris verlieren. Denn siehe, die neue Mode kriecht hier ganz billig und zärtlich aus dem Herbstlaub der Krise; so daß sich auch die Ar­beiterfrau jetzt vorteilhaft anziehen kann. In Madrid ist so­gar eine Konkurrenz für das billigste Modekleid nicht über 4 Peseten gewesen, und hier in Paris kann sich jede für 8 oder 10 Stundenlöhne anziehen. Es gibt viel Trikot und Wolle und weniger Seide, lebhafte, sprühende Farben, oft zwiefaches Tuch, etwa rot mit grau oder bläu mit Silber­perlen an der Garnitur, und bunte Blusen zum Komplett und Schleifen sind groß in Form. Leßte Instanz über diese den Frauen so wichtigen Dinge ist wieder Marlene Dietrich , die wieder ganz weiblich geworden ist und die bei der glanz­voll stattgefundenen Pariser Premiere ihres ersten Manulian­Films Das Lied der Liebe", das Ewig- Weibliche in allen Nuancen wieder eingeführt hat. Uebrigens Marlene. Landsmännin, Glücksgöttin: hast du nicht auch ein Herz für deine armen Landsleute, die deutschen Flüchtlinge, die in den Barackenlagern schlafen, während Paris deine Triumphe feiert?

Nachtrag

Seitdem ist etwas Furchtbares geschehen. Violette ist ihrer Mutter vorgeführt worden. Die Mutter hat gesagt: Töte Dich!" Die Tochter hat geschrien wie ein Tier. Die Mutter hat gesagt: Ich vergebe dir erst nach dem Urteil erst wenn Du tot bist." Die Tochter ist umgefallen. Der Untersuchungs­richter, ein alter Praktiker, hat gestanden, daß ein solch furcht­barer Augenblick von ihm bisher noch nicht erlebt wurde. Alle Beamten haben geweint, auch der Irrenarzt und die Poli­zisten. Die Szene ist jetzt klar. Die mit Henna manikürten Fingernägel dieser schrecklichen Zeit enthüllen sich als Raub­tiertagen. Die Hüllen fallen ab, die soziale Katastrophe ist fertig, das Drama der Eltern ist geschrieben. Jean, der Rechtsstudent, wann gehst Du das nächste Mal tanzen? Baptiste,

Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pis in Dud­ weiler ; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken . Rotationsdruck und Verlag: Berlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 8, Schüßenstraße 5.

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