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Freiheit
Nummer 70-1. Jahrgang
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Samstag, den 9. September 1933 Chefredakteur: M. Braun
Nichts kommt dem, der die menschlichen Dinge mit einem philosophischen Auge betrachtet, erstaunlicher vor, als die Leichtigkeit, womit die Vielen von den Wenigen regiert werden; und die blinde Hingebung, womit Menschen ihren eigenen Sinn und Willen dem Sinne und Willen ihrer Beherrscher überlassen. Hume.
Der Leidensweg zur Inflation
Neun deutsche Währungen
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Das„ Narrenkleid" der Reichsmark
Die Teuerungswelle- Die Umsatzschrumpfung -
Dr. G. Sch. Der augenblickliche Stand des deutschen Währungsproblems wird am treffendsten durch den ständigen Wettlauf zwischen den Preiserhöhungen im Inlande und der Gewährung immer neuer Dumping- Export- Prämien charakterisiert. Der Ausgangspunkt dieses Wettrennens ist die im Zeichen riesiger Rüstungsausgaben, zunehmenden Exportschwundes und staatlicher Finanzmißwirtschaft immer weiter getriebene Verminderung der Raufkraft der Reichsmart. Diese Kaufkraftverminderung versucht man nun wenigstens gegenüber dem Auslande dadurch zu verschleiern, daß man immer neue Valuta- Sorten erfindet.
Ihre Zahl beträgt jetzt insgesamt neun, so daß eine führende englische Finanzzeitschrift fürzlich erklärte, daß das Gewand der deutschen Mark durch das Aufsehen immer nener bunter Flicken jezt geradezu einem Narrenkleide gleiche.
Diese zahlreichen Sorten von Auslandsvaluten stellen fast durchweg erhebliche Erportprämien dar, weil sie in den verschiedensten Abstufungen ein Disagio von 10 bis 55 Prozent gegenüber dem offiziell notierten nominellen Reichsmart- Kurse aufweisen und trotz dieses Disagios von ben deutschen Erporteuren als" Mart" in Zahlung genommen werden können. Trotz aller Boykottbestrebungen müßte eine solche Exportprämie von 25-50 Prozent zu einer Zertrümmerung der Absatzmärkte für die anderen Industriestaaten führen, wenn die Warenpreise in Deutschland selbst ständig auf dem gleichen Niveau gehalten werden könnten.
In Wirklichkeit ist dies aber schon seit langem nicht mehr der Fall und tatsächlich kann man feststellen, daß fast jede Einführung einer solchen neuen Hilfsvaluta eine weitere Preissteigerungswelle im Inlande auslöst oder jedenfalls
begleitet.
So nimmt dieser Wettlauf ein immer rapideres, Tempo an. Jede neue Preissteigerung wird durch neues Dumping vorübergehend ausgeglichen und jeder solchen Dumpingprämie folgt eine neue Preissteigerung. Der Winter muß zwingend eine weitere Verschärfung dieses Tempos bringen, da immer weniger Devisen zur Rohstoffeinfuhr zur Verfügung stehen. Immer schärfer wird der 3.Jang zum Export. Immer unmöglicher wird eine echte Aususteigerung. Hieraus ergibt sich allein schon die Notwendigke't eines. immer schärferen Schrumpfungsprozesses in der deutschen Wirtschaft, über den auch Erklärungen, wie diejenige des Herrn Dr. Schacht, daß Deutschland heute us Ausland nicht mehr brauche, und daß der sogenannte deutsche Goldstandard" unter allen Umständen gesichert sei, nicht hinwegtäuschen können.
Steigende Preise und schrumpfende Umfäße sind heute am
den Rückgang des Wertes ausländischer Einlagen im Zusammenhang mit der Dollarschwäche handelt, sind völlig abwegig, da der Kursrüdgang der amerikanischen Valuta im Juli nur wenige Prozente ausmachte. Auch die Annahme, daß die inländischen Einleger ihr Geld nur deswegen zurückgezogen haben, um es in der Produktionswirtschaft zu in= vestieren, findet keine Bestätigung, denn eine solche Erhöhung der Investitionen fönne nicht eine Schrumpfung der Bankbilanzen, sondern nur die gegenteilige Wirkung ausgelöst haben. Alle anderen Ziffern der Bankbilanzen bestätigen dieses Bild, so insbesondere der Posten Vorschüsse auf Waren und Warenverschiffungen", der Ende Juli 1988 nur 778 000 RM. betrug gegen 840 000 Ende Juni d. J. und 1187 000 RM. Ende Juli 1982.
Der Abrechnungsverkehr bei der Reichsbank belief sich auf 4272 Mill. gegen 4606 Mill. RM. Ende Juni d. J. Die Eins nahmen der Poft aus dem Fernsprechverkehr zeigen ge= waltige Rückgänge; ähnliches gilt von den Einnahmen der Reichsbahn und denen der Kommunen.
Hier schreitet man an immer größeren Steuererhöhungen, ohne jeden sichtbaren Erfolg. Selbst die vom Reichsfinanzminister angegebene Zahl von einer Mil liarde RM. als Defizit der deutschen Gemeinden dürfte hinter der Wirklichkeit weit zurückbleiben. Aehnlich ist das Bild bei den Ländern, die jetzt noch schnell vor der Umwandlung in Reichsprovinzen, also vor der endgültigen Liquidation ihrer Finanzen, gewaltige Steuererhöhungen vorgenommen haben.
Ein auch nur einigermaßen zutreffendes Urteil auf Grund präziser Daten ist bei der Reichsbank nach wie vor nicht zu gewinnen, da man sich natürlich ängstlich hütet, eine irgendwie erhebliche Erhöhung des Notenumlaufes offiziell auszuweisen.
- Der schwere Krisenwinter
weg der deutschen Mark . Herr Dr. S ch a cht hat die Garantie für die Wechsel übernommen, die zur Arbeitsbeschaffung ausgegeben wurden. Er versucht allerdings mit allen Mitteln, die Durchführung dieses Arbeitsbeschaffungsprogrammes zu verlangsamen, aber wenn er hier auch gewisse Teilerfolge erzielt haben mag, so wird dieser Kampf doch immer schwieriger werden, wenn die zunehmenden Nöte des Winters die politischen Machthaber zwingen, ihre demagogischen Versprechungen einzuhalten. Von der Reichsbank garantiert find weiter die Steuergutscheine des Herrn von Papen, sowie die riesigen Ausgaben für die Osthilfe. Hier waren bis Ende Juli allein 269 Millionen Mark nur für den Großgrundbesiß der Provinz Ostpreußen bewilligt, während Ende März d. J. dieser Betrag sich nur auf 196 Mill. RM. belief. Garantiert von der Reichsbank sind weiter eine große Anzahl von verschiedenen Krisentrebiten und nicht zuletzt die Finanzierung der Russenwechsel. Die Reihe der von der Reichsbank bewilligten Garantien ist ziffermäßig schon deswegen nicht genau zu er fassen, weil nur in Bruchteil offiziell und zahlenmäßig ver öffentlicht worden ist.
Allein aus diesen publizierten Angaben aber ergibt sich eine Garantiesumme von keinesfalls unter fünf Milliarden, also in ungefähr gleicher Höhe, wie der gesamte deutsche Notenumlauf, soweit er in den offiziellen Auss weisen der Reichsbank angegeben ist.
Hinter den großen Worten von der Unabhängigkeit vom Auslande und von der unbedingten Aufrechterhaltung des deutschen Goldstandards ist also schon bisher deutlich zu erkennen, daß die wirkliche Situation der deutschen Währung ein ganz anderes Bild bietet. Erst der Spätherbst und vor allem die Wintermonate werden zeigen, ob und wie lange trotz aller Hilfskonstruktionen der paritätische Kurswert der Reichsmark im Zeichen dieser ständig schärferen Preissteigerungen, des Kaufkraftschwundes, des Exportverfalles, der Umfaßschrumpfungen und nicht zuletzt dieser Garantieverpflichtungen der Reichsbank wirklich aufrechterhalten
Weit wichtiger als der eigentliche Notenumlauf ist aber die Verpflichtung der Reichsbant, für die Einlösung zahlreicher großer Wechsel grade zu stehen. Soweit dies bisher zu beurteilen möglich ist, vollzieht sich auf diesem Wege über die Einlösungsverpflichtungen der Reichsbank der neue Leidensthe Beidens. werden kann.
12 aus
Reichsregierung gegen Regierungskommission
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Binnenmarkt das Kriterium der deutschen Volkswirtschaft. Einstellung luxemburgischer politischer Polizeibeamten?
Am deutlichsten wird die Preissteigerung am Lebensmittelmarkt zugegeben, weil man sie hier aus propagandistischen Gründen, also aus Rücksichten auf die Landbevölkerung, offen zugibt. Nach den Erklärungen des Staatssekretärs im Reichsernährungsministerium, von Rohr, hat sich der Butterpreis jetzt im Großhandel von 84 auf 123 Mart, der Milchpreis von 6,5 auf 10 Pfennig erhöht. Entsprechende Preissteigerungen sind beim Fleisch, beim Getreide, den Futtermitteln, 3uderrüben, Kartoffeln, Celen und Fetten eingetreten. Gegenüber dem April d. J. ist der Butterpreis von 1,05 bis 1,10 auf jett 1,42-1,54 RM. gestiegen. Der Margarinepreis, der im März je nach der Sortenwahl zwischen 25 und 60 RPfg. je Pfund lag, ist heute 66 RPfg. bis 1 RM. Von den Fleisch preisen sei nur derjenige für Hammelfleisch erwähnt, der vom April sich bis jetzt fast verdoppelt hat.( 1,00 bis 1,10 RM. gegen 60-70 Pfg.) Für industrielle Fertigfabrikate werden amtlich Preiserhöhungen von„ 20, 30, ja auch 40 Prozent" in allgemein gehaltenen Wendungen und verbunden mit Drohungen über die Festsetzung von Mindest= preisen zugegeben. Detailliertes Material ist hier kaum veröffentlicht worden, weil dem natürlich propagandistische Rücksichten entgegenstehen dürften.
Auf der anderen Seit: zeigt sich nun tros dieser Preis fteigerungen, die nicht mit Lohnerhöhungen, sondern im Gegenteil mit einem jetzt immer schärfer gervertretenden Abban der öhne verbunden sind, eine zunehmende Umfahschrumpfung.
Schon im Juni waren die Kreditoren in den deutschen Bankbilanzen um 60 Millionen zurückgegangen; im Juli ergibt sich ein neuer Rückgang um 143 Millionen. Die Argumentation, daß es sich hierbei nur um
Seit mehreren Tagen wird im deutschen Rundfunk gemeldet, daß Entlassungen saarländischer Polizeikräfte und die Einstellung von Ausländern in die saarländische Polizei bevorständen. Heute nun wissen die gleichgeschalteten Zei tungen im Saargebiet zu melden, daß die Regierungskommission sich nach Luxemburg gewandt habe, um lugemburgische Polizeibeamte zur Verfügung gestellt zu erhalten. Es sei beabsichtigt, vorerst einen Kommissar und fünf Brigadier als Kriminalbeamte in Saarbrüden einzu stellen. Im ganzen sei ein Betrag von nicht weniger al 3 600 000 Franken für zehn Beamte ausgeworfen worden. Die Ausländer" sollen, wie behauptet wird, zunächst nicht uniformiert werden, sondern gewisse polis tische Ueberwachungsdienste, möglicherweise sogar innerhalb der Polizei selbst leisten.
In schmeichelhafter Ueberschäßung unseres Einflusses werden wir als Urheber dieser angeblich geplanten Maßnahme bezeichnet. Uns aber ist von den Absichten der Regierungskommission nichts bekannt. Wir können deshalb auch nicht eingehend Stellung nehmen. Immerhin glauben wir folgendes sagen zu dürfen:
Wenn es zu einer Reorganisation der Polizei im Saargebiet in der gemeldeten oder einer ähnlichen Art kommen sollte, so tragen diejenigen die Schuld, deren Politif in wildem Terror besteht. Eben erst ist bei der Kundgebung am Niederwalddenkmal von dem nationalsozialistischen Saarführer Spaniol für das Jahr 1935 Mord und Totschlag ( wie tolle Hunde") allen denjenigen angedroht worden, die
etwa die Absicht haben sollten, gegen die Barbarisierung des Saargebiets durch die Nationalsozialisten zu stimmen. Daß dabei die Nationalsozialisten ihre Führerclique mit Deutsch land " verwechseln, sei nur nebenbei erwähnt.
Wären die Terrorpolitiker und ihre Angstnachläufer im Saargebiet noch vernünftigen Erwägungen zugänglich, so müßten sie sich selbst sagen, daß die Polizeibeamten des Saargebietes in eine unmögliche Lage kommen. Man versetze sich in die Schwierigkeiten eines Mannes, der unparteiisch den Polizeidienst ausüben soll. Auch er ist nur Mensch und nimmt Rücksichten auf seine Existenz. Welch eine geradezu heroische Auffassung von Pflichtgefühl und Aufopferung wird ihm zugemutet, wenn er weiß, daß jedes Einschreiten gegen Nationalsozialisten von diesen im Jahr 1935 grausam gerächt werden wird. Jeder saarländische Polizeibeamte liest täglich, daß tausende und abertausende deutsche Beruf3beamte, nur um ihrer Gesinnung willen, aus dem Amt geworfen werden. Er kennt das Elend dieser Beamtenfamilien, die einer trostlosen Zukunft sich gegenübersehen. Zwar hat der Völkerbundsrat den saarländischen Beamten für 1985 Sicherungen zugesagt. Aber aus begreiflichen Gründen kann diese Zusage nicht voll beruhigend wirken. Man weiß, daß das de he faschistische System nationale und internationale Verträge bricht und zudem keine Garantien für die berüchtigten„ Einzelaktionen" übernehmen kann.
Die Verantwortung für etwaige unangenehme Umstel lungen in der saarländischen Polizei und für die auch von