Freiheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nummer 71-1. Jahrgang Saarbrücken , Sonntag/ Montag, 10./11. Sept. 1933

Chefredakteur: M. Braun

Jesus ist dreimal gekreuzigt. Ein­

mal durch die Juden, dann durch seine Biografen und endlich durch die Christen selbst. Er hatte nie schlimmere Feinde als die

Letzteren.

Multatuli

Der Kirchenkrieg Presseireiheit im Saargeblet

Bedrohung der oppositionellen Pfarrer mit dem Konzentrationslager- Spannung zwischen Rom und Berlin Berlin , 9. September. ( Eig. Drahtber.) alle, die sich gesinnungsmäßig zur Gruppe Evangelium und Bolt rechnen, den Saal.

Der Verlauf der General- Synode der Evangelischen Kirche brachte viel schärfere Zusammenstöße, als öffentlich zuge= geben wurde. Das Berliner Tageblatt", das über die hef= tigsten Kämpfe, wenn auch nur abgeschwächt, berichtete, wurde beschlagnahmt. Auch diese Zeitung hat aber ver­schwiegen, daß der preußische Landesbischof Dr. Müller seinen Gegnern mit dem Konzentrationslager gedroht hat, wenn sie sich dem Führer" und dem Bischof nicht fügen.

Bei der Beratung des Beamtengesetzes, das insbesondere die Arierfrage behandelt, wurde die Stimmung in der Synode immer erregter und führte nach der Abstimmung zu der hef= tigen aus der ganzen Gruppe der Deutschen Christen er= hobenen Forderung, den Führer der Gruppe Evangelium und Volt, Pfarrer Koch, der die ganze Vorarbeit zu dem Beamtengesez als untheologisch" und nicht kirchlichen Maß stäben entsprechend bezeichnet hatte, aus dem Saale zu weisen. Im großen Tumult, der sich anschließt, verließen

Pfarrer Koch ist ein bekannter deutschnationaler Theo­loge, der sich in scharfen Kämpfen gegen den Marxismus und gegen den Kulturbolschewismus" hervorgetan hat.

Die Minderheit befürchtet u. a. schwere Schäden für die lutherischen Gemeinden im Auslande. Die Regierungen der fremden Länder, in denen deutsche lutherische Gemeinden bestehen, würden in der Gleichschaltung der deutschen Evan­ gelischen Kirche deren Herabwürdigung zu einem politischen Instrument sehen und in den ausländischen Gemeinden nur Agenturen dieser deutschen faschistischen Regierungskirche.

Die mangelhafte Durchführung des Konkordats und die heidnischen Reden auf dem Nürnberger Parteitag haben beim Vatikan lebhaft enttäuscht. Eine Reihe von Vor­fällen hat die Differenzen unter den deutschen Bischöfen über die Stellung zum Nationalsozialismus vertieft. Es schweben Verhandlungen zwischen Rom und Berlin , um einen Ausgleich zu suchen.

Heilmann wird gefoltert!

Die Saarbrüder Beitung" von heute morgen versucht wieder einmal durch eine unverfrorene Spiegelfechterei die Linkspresse des Saargebietes des Mißbrauchs der Presse­freiheit zu verdächtigen. Es ist an sich bereits eine etwas unappetitliche Angelegenheit, wenn ein Hitlerblatt sich zum Interpreten der wahren Pressefreiheit macht. Nichts­

bestoweniger ist es an der Zeit, der Gaukelei des ehrenwerten Herrn Ludwig Bruch einmal ein deutliches und kräftiges Wort entgegenzusehen.

" Wogegen wir uns aber mit aller Entschiedenheit und aller Entrüstung wenden," so steht in dem Leitartikel ge schrieben, das ist der Zustand, daß man im Saargebiet eine Verunglimpfung und Beschimpfung der führenden Männer des deutschen Staates gestattet, die in der Geschichte der Oppositionskämpfe ihres gleichen sucht. Wir wenden uns gegen eine Toleranz, die im Widerspruch steht zu der Empfindlichkeit, mit der ans gebliche Bergehen der nationalen Saarpresse geahndet wer den. Wo in aller Welt gibt es eine Regierung, die der Re­gierung eines Nachbarlandes und gar eines Nachbarlandes, deffen Treuhänder man vertraglich ist, als Verbrecher, Banditen, Brandstifter, Mordbeftien, Strolche ufw. he: sudeln läßt. Bis auf den heutigen Tag war es ein selbst= verständliches und in allen Kulturstaaten geübtes Gebot internationaler diplomatischer Gepflogenheit, solche kars nakhaften Exzesse zu unterdrüden. Nur die Regierungss kommission des Saargebietes weiß davon nichts... Sollen wir einmal den Spieß umkehren und König Georg und Macdonald systematisch verbrecheris scher Handlungen bezichtigen?"

So spricht ein ahnungsloser Engel, der nicht weiß, was in der Welt vorgeht. Just die Verunglimpfungen, die ihm ,, in der Geschichte der Oppositionskämpfe thresgleichen" zu suchen scheinen, stellen die gemeinsame Ueber= zeugung der gesamten zivilisierten Welt dar. Die frei heitliche

Die Qualen des früheren preuß. Fraktionsführers der Sozialdemokratie, bitte Gaarpreſſe kann für sich nicht das Berdienst in Ernst Heilmann im Konzentrationslager zu Oranienburg

Das Neue Tagebuch" veröffentlicht in seiner neuesten Nummer einen Aufsatz über das Konzentrations­lager Oranienburg . Wir entnehmen dem Bericht den Teil, der sich mit dem furchtbaren Schicksal des früheren Abge­ordneten Ernst Heilmann beschäftigt. Heilmann, ein Mann in den fünfziger Jahren, ist Kriegsfeilnehmer und Kriegsbeschädigter. Seine Folterknechte sind junge Burschen, die noch die Schulbank drückten, als der jüdische Marrist Heilmann an der Front stand:

Ein Stück des Hofes, 30 Quadrameter, ist mit Fahnen abgesteckt. Das ist der Isolierraum" für die jüdischen Häft= linge, denen durch einen Erlaß des Lagerkommandanten bei Strafe verboten ist, mit einem Christenmenschen zu sprechen".

Nahe bei der Latrine, die täglich von über 2500 Männern frequentiert wird, befinden sich fünf sogenannte Bunter", die Strafzellen des Konzentrationslagers. Es sind frühere Aborte, die durch Aufnagelung eines Brettes für ihren neuen Zweck hergerichtet wurden, ein: einhalb Quadratmeter groß, vollständig dunkel. Gefangene, die sich der Widerspenstigkeit" oder eines anderen Deliktes schuldig gemacht haben, werden von dem Lager: tommandanten zu Tagen oder Wochen Bunker" vers urteilt.

Einzelne Häftlinge wurden in diesen Bunkern bis zu 14 Tagen hintereinander eingeriegelt- 14 Tage in den bestialisch stinkenden Abortzellen, ohne Licht, ohne sich aus­strecken zu können, nur zu den Mahlzeiten auf wenige Minuten ins Freie gelassen. Der Abgeordnete Heilmann,

Trauerfeier für Professor Lessing Prag

, 8. September.

In dem überfüllten Prager Mozarteum veranstaltete die Liga für Menschenrechte in der Tschechoslowakei eine Gedenkfeier für Professor Lessing . Deutsche und tschechische Redner suchten Wesen und Werk des Toten den Hörern, unter denen die deutschen Emigranten zahlreich vertreten waren, nahe zu bringen. Friedrich Bill schilderte Lessing in der Dreiheit seines Bekenntnisses zu Deutschtum, Juden­tum und Sozialismus, das in ihm zu der großen, produk­tiven Einheit verstehender Menschlichkeit verschmolz. Dr. Vanek gedachte des Philosophen Lessing , aus dessen Schriften eine gut getroffene Zusammenstellung ein Bild ermöglichte, das um so aktueller wirfte, als es von Todes­ahnungen umwittert herbe Anklagen gegen das heutige Deutschland richtete. Diese inflage fand abschließend be­sonders nachhaltigen Ausdruck durch die Worte Kurt Großmanns, der für die Deutsche Liga für Menschen­rechte dem gefallenen Mitstreiter Worte der Erinnerung nachrief und an nackten brutalen Zahlen stärker, als es jedes Beiwort vermocht hätte, nachwies, daß das Ende Theodor Lessings nur ein Glied in der vielhundertfachen Kette von

der frühere Führer der sozialdemokratischen Landtagsfrak­tion in Preußen, wurde am Tage seiner Einlieferung nach Oranienburg in einen dieser Bunker gesperrt und war gegen Ende August immer noch nicht erlöst. Heilmann- um seinen Fall vorwegzunehmen wurde auch sonst in der fürchter= lichsten Weise mißhandelt. Die Geheime Staatspolizei hatte ihn gleichzeitig mit den Leitern des Berliner Rundfunks nach Oranienburg gebracht. Raum hatten die Beamten samt den Pressefotografen und den Journalisten, die zur Teilnahme an dem Empfang der prominenten Gefangenen nach Oranienburg geladen waren, das Lager verlassen, als Heil­mann zur Vernehmung" in das Verwaltungsgebäude ge­führt wurde.

Man hörte seine Schmerzensschreie und sein Stöhnen über den ganzen Hof. Nach etwa einer Stunde schleppten zwei SA.- Lente den Abgeordneten hinunter, das Gesicht von Blut überlaufen, die Augen von Fauftschlägen geschlossen, nicht mehr imftande, sich auf den Füßen zu halten. In diesem Zustand wurde Heilmann, der nicht emigriert und in seiner alten Wohnung geblieben war, bis die Ge­ heime Staatspolizei ihn arretierte, in den Bunker" gesperrt. Er wird dort wohl allmählich zu Tode gemartert werden. Zu der sogenannten Vernehmung" Heilmanns war eine besondere Kommission aus Berlin nach Oranienburg ge­fommen, mit dem SS.- Kommandanten Daluege an der Spiße. Zugegen waren der Sturmbannführer Krüger, Sturmführer Nessens, die SA. - Scharführer Ziegelasch und Szameit, ferner zwei Obersturmführer der SS. - Standarte 6 und fünf Mann vom SA. - Sturm 33,

Mordtaten sei, mit denen Unvernunft und Gewaltgeist seit dem Jahre 1918 den Kampf gegen ein neues und besseres Deutschland geführt haben. Als Kämpfer gegen diesen Un­geist sei Lessing nicht umsonst gestorben. Seine Werke werden ihn überdauern und für ihn zeugen!

Einstein

Wie der Temps" berichtet, hat Professor Einstein die Nach­richt erhalten, daß ein Preis von 1000 Pfund für denjenigen ausgesetzt worden sei, der ihn tot oder lebendig den Nationalsozialisten ausliefere.

Die Sigungen des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung des Reichstagsbrandes werden im Court Room( Verhandlungssaal) der Law Society( Juristischen Gesellschaft) in London stattfinden. Dieses Gebäude der angesehenften Juristenvereinigung Eng­lands liegt im Viertel der Anwälte und Gerichte Londons . Der Auftakt zur Verhandlung wird ein feierlicher Empfang der hervorragendsten Rechtsgelehrten, Richter und Persön lichkeiten des öffentlichen englischen Lebens, der Politik und der Gesellschaft sein.

Anspruch nehmen, die Herren des dritten Reiches" entlarpt zu haben, vielmehr muß sie es teilen beinahe mit der ganzen Presse außerhalb des dritten Reiches".

Ja, es ist wirklich in der Geschichte faum jemals da­gewesen, daß die Weltmeinung von der Regierung eines großen Landes derartige Ueberzeugungen besitzt, wie sie durch die Worte Brandstifter, Verbrecher, Mordbestien" nicht schlecht gekennzeichnet werden. Wir selbst möchten solche Ausdrücke nicht anwenden, da es uns nur darauf ankommt, zu beweisen, nicht zu verunglimpfen. Und die Welt verfügt über ausreichende Dokumente und Berichte, um von ver­schiedenen Verbrechen der nationalen Revolution" in Deutschland überzeugt sein zu dürfen. Da ist z. B. der Reichstags brand . Jn England, in Frankreich und in anderen Ländern bringen die angesehensten Blätter seit Monaten Artikel, welche die Schuld der wichtigsten natio nalsozialistischen Führer an der Brandstiftung mehr als wahrscheinlich machen. Unseres Wissens hat die Reichs­regierung keine diplomatischen Schritte unternommen, um die Regierungen der betreffenden Länder zur Maßreglung der betreffenden Zeitungen zu veranlassen. Vielmehr haben die deutschen Stellen mit blamablem StiII= schweigen die allerschwersten Vorwürfe auf fich fizen lassen müssen, weil sie sich einer diplomatischen Auseinander­setzung über diese Angelegenheit nicht gewachsen fühlen.

Der Leitartikel der Saarbrücker Zeitung " hat ein ganz richtiges Gefühl, wenn er es außergewöhnlich findet, daß die Regierung eines großen Staates so unerhört verdächtigt wird und irgendwelche politischen Folgen nicht entstehen. Er geht nur fehl in seinen Schlußfolgerungen, weil er die Voraussetzungen nicht prüfen will oder vielmehr fälscht. Denn er weiß so gut wie wir, daß die Herren Hitler , Göring und Göbbels im moralischen Urteil der Welt ungefähr das Gegenteil von dem darstellen, was König Georg und Mac­donald ihr bedeuten. Diese Wahrheit ist für uns Deutsche die allerschmerzlichste, aber wer kann sich ihr verschließen?

In England ist jeder Staatsbürger durch eine geheiligte Rechtsüberlieferung geschützt; Deutschland ist kein Rechtsstaat mehr, jeder dort lebende Bürger ist mehr oder weniger der Willkür der Machthaber ausgeliefert. Um diesen Zustand herbeizuführen, d. H. um sich von Gesez und Sitte freizus machen, hat man die nationale Revolution" verkündet. Wenn jetzt die Welt Rechtlosigkeit und Willfür in Deutsch­ land verurteilt, so trifft die Schuld einzig und allein die Sie haben Deutschland nationalsozialistischen Führer. moralisch isoliert. Ihre Mißachtung der Menschen- und Bürgerrechte hat einen Abgrund zwischen ihnen und der zivi­lisierten Welt aufgerissen. Keine Regierung denkt daran, der Presse des Landes die Kritik an den deutschen Revolutio­nären zu verbieten; der Schuß ihrer eigenen freiheitlichen Einrichtungen gebietet das Gegenteil.

Es ist selbstverständlich, daß die Regierungskommission des Saargebiets nicht anders handeln kann. Sie ist für die Erhaltung des Rechtsstaats verantwortlich, den sie bei ihrem Amtsantritt vorgefunden hat. Es ist also lächerlich, ihr zu­zumuten, sie solle die Presse unterdrücken, welche die idealen Grundlagen ihres eigenen Regierungssystems verteidigt. Die Saarbrücker Zeitung ", als Organ Adolf Hitlers , ist selbstverständlich zur Opposition verpflichtet; sie ist revolu tionär". Ihre Aufgabe ist, mit allen Mitteln zu unterhöhlen,