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Nummer 75-1. Jahrgang
Fretheil
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Freitag, den 15. September 1933 Chefredakteur: M. Braun
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Der Deutsche zeigt sein angeborenes Talent selbst im Verkehrten, es nicht verlassend, sondern ausbildend bis zur E vollkommenen Erscheinung seiner Nichtigkeit. Die Ausartung alles Hohen und Erhabenen, die Erlöschung desselben bis auf den Begriff selbst in I weltlichen Geschäften und Dingen, ist ein Beweis mehr von seiner Konsequenz. Daher haben hier verderbliche Grundsätze auch weit verderblicher eingewirkt und in der Tat die ganze Masse der Nation verkehrt, wie ein wenig Sauerteig eine ganze Masse säuert.
Schelling.
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Neulich schrieb ein großes ansländisches Blatt, das der bentschen Reichsregierung mindestens neutral gegenübers steht, die Deutschen ständen jegt in ihrem Wirtschaftskampfe etwa bei 1915. Im Kriege hätten sie noch jahrelang Wider: stand geleistet, weil sie im Gegensage zur übrigen Welt nicht wußten, daß die Entscheidung längst gegen sie gefallen war. Dadurch sei für Deutschland und die übrigen Kriegführenden noch viel Unheil angerichtet worden. Auch jetzt wüßten die Deutschen ihre wahre Lage nicht. Auf 1915 werde aber 1918 folgen.
Es geschieht jetzt in Deutschland vieles, was an 1915 ers innert:
Die wirtschaftliche und politische Abgrenzung von faft der ganzen übrigen Welt und der dem Volke vorgeredete und von großen Massen gläubig hingenommene Wahn, Deutschland fönne fich allein helfen und sich gegen die übrige Welt allein behaupten. Hinzu kommen wachsende Tenerung und einsts weilen zaghaft einfegende Inflation, die von den meisten so wenig bemerkt wird, wie einst im Jahre 1915. Ferner eine unter schärffter Zensur stehende Presse, die alles ungünstige fortlassen muß, um die Stimmung nicht zu verderben und den„ Burgfrieden" nicht zu stören, und nun ist zu allebem auch die in befter Erinnerung stehende„ Kriegsanleihe" wies der aufgetaucht. Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Wir meinen mit dieser neuen Kriegsanleihe" das große Winterhilfs wert, für das der Reichstanzler und der Reichspropagandaminister soeben große Sprüche geredet haben. Der„ Burgfrieden", der jest nationale Solidarität“ heißt, feiert noch einmal feine Triumphe. Den Straßenbettel und die Brieflotterie und sogar das Eintopfgericht hat er wieder hervorgeholt. Nur die Steckrüben und das Dörre gemüse fehlen noch; fie bleiben einstweilen in Reserve, denn wir schreiben ja erst 1915.
Ein Sonntag in jedem Monat soll den Hilfsbedürftigen gewidmet sein. An diesem Tage soll jeder Deutsche nur ein Eintopfgericht im Werte von höchstens 30 Pfennig pro Person zu sich nehmen. Das an Braten und Pudding Ers sparte soll der allgemeinen Sammlung zufließen. Freilich darf man dabei nicht vergessen, daß nur eine Minderheit des Volkes in der Lage ist, für eine Mahlzeit 30 Pfg. pro Person aufzuwenden. Allzuviel kann die Bettelei nicht bringen. Man muß also andere Quellen erschließen. Das geschieht ganz im Stile der Kriegsanleihe durch Zwangs- und Reklamezeichnung von größeren Summen. Nur mit dem Unterschiede, daß weder Zinsen noch Rüdzahlung versprochen wird, aber man weiß ja allgemein, daß
Die erste Liste für das Winterhilfswerk sieht so aus:
1. NSDAP. - Reichsleitung München 100 000 Reichsmart, 2. Verlag des„ Völkischen Beobach= ters", Zentralverlag Franz Eher Nachf., München , 100 000 Reichsmart, 3. Gau Groß- Berlin der NSDAP .
50 000 RM., 4. Gau München - Oberbayern der NSDAP . 50 000 RM., 5. Kreis- und Ortsgruppen des Gauez Groß- Berlin der NSDAP . 100 000 Reichsmart, 6. Daimler- Benz A.-G., StuttgartUntertürkheim, 50 000 RM., 7. Reichstreditgesell schaft A.-G. und deren Schwesterunternehmungen 30 000 Reichsmart, 8. Commerz- und Privatbank A.-G., Berlin , 30 000 RM., 9. Deutsche Bank und Disconto- Gesellschaft, Berlin 50 000 RM., 10. Dres dener Bank, Berlin , 50 000 RM., 11. Deutsche Arbeitsfront 200 000 RM, 12. Vereinigte Glanzstoffabriken Elberfeld 50 000 RM., 18. J. G. Farbenindustrie 1 Million RM., 14. Bayerische Motorenwerte 50 000 RM., 15. Bayerische Stidstoffwerke München - Berlin 50 000 RM, 16. Viktoria Feuerversicherungsgesellschaft, Berlin , 50 000 RM. Es sind somit bereits am ersten Tag über zwei Millionen RM. für das große soziale Hilfswerk der Reichsregierung gespendet worden. Mehrere Großunternehmungen, die mit ihren Schwestergesellschaften ausammen genannt werden wollen, haben bereits heute für den morgigen Tag gleichfalls größere Summen angezeigt. Sieht man genauer hin, so findet man: die NSDAP . gibt einen kleinen Teil der Beiträge wieder her, die sie vorher den Massen abgenommen hat. Die Banten stiften einen winzigen Prozentsatz der Stüßungssummen, die ihnen aus Reichsmitteln zugeflossen sind und die Automobilindustrie zeigt sich unter gelindem Druck mit dem Bruchteil eines Prozentes erkenntlich für die Auftragszuweisungen Arbeitsbeschaffungsprogramm, aus öffentlichen Mitteln. Die Bayerischen Stidstoffwerte eröffnen den Reigen der aus Reichstassen gespeisten Rüstungsindustrie, deren Hauptspender wohl noch auftauchen werden. Man sieht, die Aehnlichkeit mit dem Zeichnen für die Kriegsanleihe ist frappant und wird sich noch deutlicher zeigen.
aus dem
Wir sagen nichts gegen die Solidarität mit den Armen, Menschen werden sich auch im jezigen Deutschland massenhaft finden. Noch immer hat der Minderbemittelte am meisten für seine noch ärmeren Volksgenossen übrig gehabt. Caritativ betrachtet ist der Wille des Hilfswerks anzuertennen, und wir wünschen den Sammlungen besten Erfolg. Anders steht es mit der wirtschaftlichen Betrachtung. Da ergeben fich folge: e Schlüsse:
wo fie fich in wirklicher Hilfsbereitschaft zeigt. Hilfsbereite„ Bewaffneter Aufstand"
1. Reich, Länder, Gemeinden, Sozial: versicherung und private Fürsorge sind nicht mehr in der Lage, die Millionen der Krisenopfer aus regulären Mitteln vor dem Verhungern zu schüßen. Die Kassens lage muß also allgemein sehr schlecht geworden sein und die die Zahl der Unterstützungsbedürftigen viel größer als bis: her, was die Siegesberichte aus der Arbeitsschlacht, die ohnes bin kein Kundiger glaubt, öffentlich Lügen straft. 2. Miletto
Bettelpfennigen, auch wenn sie durch zahlungskräf tige Geber und durch die Spenden großer Massen zu Mil lionen Mark werden, kann man zwar viele Portionen Suppen kochen, aber für die deutsche Wirtschaft ist das bedeutungslos. Weder ergibt sich eine Steigerung der Kauf: fraft, noch eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit. Der traft, noch eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit. Der öffentliche Bettel, so wohlwollend man ihn ethisch beurteilen mag, ist ein Zeichen wirtschaftlichen Tiefstandes, die Ohn machtserklärung der Machthaber, durch Arbeit und Lohn die jetzt noch Erwerbslosen über den Winter zu bringen. Der ganze„ Sozialismus" des dritten Reichs" besteht in einer ins riesenhafte wachsenden Organisation für die öffents liche Bettelei. Das nennt der Propagandaminister Not: und Brotgemeinschaft" und eine„ beglüdende Wirklichkeit". Unter dem Zeichen des Bettelsacks soll die Parole„ Gemeinnug geht vor Eigennug" verwirklicht werden. Diejenigen aber, die diese Phrasen dem deutschen Bolte zumuten, fahren in den teuersten Wagen Europas vor und genießen die höchsten Ministergehälter, Staatsrats= und Parlamentsdiäten, die einem armen Volt abgepreßt worden find.
„ Sozialismus“ ist nicht Bettelei der Armen bei den Reichen. Er ist nicht eine elende Teilerei zwischen Reichen und Armen in dem Sinne, daß ein paar Brosamen für die da unten ab= fallen. Der Sozialismus ist nicht der arme Lazarus, der mit Schwären vor den Türen der Reichen liegt. Sozialismus ist gemeinnügige Organisation der Erzeugung und Vers teilung der Güter, die überreich in Deutschland und in aller Welt produziert werden könnten, wenn die kapitalistische Wirtschaftsanarchie überwunden wäre. Und diefes gewaltige Menschheitsziel wollen die Göbbels und sitler durch Straßenbettelei aufhalten? Sie werden sich noch wundern. Nicht die Bettelsäcke, sondern die leuchtenden Fahnen sozialistischer Gemeinschaft werden Deutschland in ein neues Reich führen.
Die Arrivierten
12 000 Mark pro Mann
Gleichzeitig mit dem Beginn der Winterbettelei wird das Programm der feierlichen Einführung des preußischen Staatsrates bekanntgegeben. Es zeigt deutlich, daß Ministers präsident Göring sich bemüht, die Reichstagseröffnung im März möglichst zu kopieren, damit er nicht gegen den Reichs= fanzler zu sehr in den Hintergrund tritt: Glodengeläute, Parade, Fahnenweihe, Standartennagelung, Aufstellung von Blutfahnen", Vorbeimarsch, Kranzniederlegung am Dent mal Friedrich des Großen, Feftreden, Feftoper( stilgerecht: „ Lohengrin "), schulfreier Tag und arbeitsfrei für alle Staats- und Gemeindebeamten, damit sie an dem Festakt wenigstens durch den Rundfunk sich erbanen können.
soundspeger
D. F. Der Gesamtverband deutscher antikommunistia scher Vereinigungen hat ein Buch mit dem Titel„ Bewaffneter Aufstand" erscheinen lassen, das aus Propagandamitteln des Reichs bezahlt wird und in viele Sprachen übersetzt werden soll. Sein Zweck ist, nachzuweisen, daß die Brandstiftung im Reichtstagsgebäude von den Kommunisten verursacht worden ist, um einen bewaffneten Aufstand einzuleiten. Um es gleich vorweg zu nehmen: in dem Buche ist trotz aller scheinbaren Ent hüllungen nicht ein einziges Dokument, das die Kommu nisten mit dem Verdacht der Brandstiftung belastet und führende Männer des Reichs, insbesondere Herrn Göring , von der Beschuldigung entlastet, die Urheber des Reichstagsbrands zu sein..
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Es werden eine Reihe von Polizei also Spigelbe richten über Sigungen einer geheimen Kampfleitung" und ähnlicher Gruppen mitgeteilt, die dartun sollen, daß die K. P. ausgerechnet für Ende Februar oder Anfang März den bewaffneten Aufstand geplant habe. Diese sämtlichen Berichte sind reichlich ungenau und apokryph. Bemerkenswerter sind die Teile des Buches, die mehr oder minder parteiamtliche Rundgebungen der KPD. zusammenstellen, aber sie bringen nichts Neues, denn die KPD. hat nie verheimlicht, daß sie ihre Ziele durch den bewaffneten Aufstand erreichen will. Um das zu erforschen, brauchte man keine Polizeispitzel und kein Enthüllungsbuch. Solche Erklärungen stehen massenhaft in der legalen kommunistischen Literatur und sind dugendfach von den Parlamentstribünen und auch in Versammlungsreden von allen kommunistischen Führern abgegeben worden.
Man darf auch als wahr unterstellen, daß sich die KPD. organisatorisch und technisch auf den bewaffneten Aufstand vorbereitet hat. Bei der Unzuverlässigkeit vieler kommunistischer Funktionäre und der Durchsetzung des Apparates mit Polizeispizeln konnte diese gar nicht ge heim bleiben. Funde von Waffen und Sprengstoffen sind nicht selten bei Verhaftung von Kommunisten gemacht worden. Solche Funde gab es aber, wie aus zahlreichen Prozessen bekannt ist, auch bei den Rechtsorganisationen, die terroristische Politik betrieben.
Soweit das Buch„ Bewaffneter Aufstand" wirklich echtes Material der Kommunisten bringt, beweist es, daß sich die Kommunisten im Februar dieses Jahres nicht im Angriff, also nicht im Stadium eines nahen kommunistischen. Aufstandes bewegten, sondern in der Verteidi gung gegen faschistische Terrorakte. Das ist nach dem gegenseitigen Kräfteverhältnis ganz klar. Jm ganzen Reiche hatten damals schon die SA.- und SS. Formationen das Vielfache der Mitgliederzahl der antifaschistischen kommunistischen Kampforganisation. Daß sich die Kommunisten strategisch in der Verteidigung mußten, zeigt deutlich ein in dem Buche als besonders beweis kräftig herangezogener Aufruf der KPD. - Führung Mittelrhein.
11500
„ An alle UB.- Leitungen! An alle Instrukteure von Groß- Köln! Alarm im ganzen Bezirk Mittelrhein! Alarm in ganz Deutschland ! Alarm an jeder Werkbank, in jedem Arbeitsamt, in jedem Büro! Antifaschisten am Mittelrhein! Jezt nicht gefackelt! Wir: Kommunisten schlagen vor: in den nächsten Tagen überall und unverzüglich zu gemeinsamen Betriebsstempelstellen und Häuserblock- Versammlungen zusammenzutreten. Wir schlagen vor: gemeinsame Antifaschistische Aktionskomitees in allen Betrieben und in allen Häuserblockvierteln. Angesichts des Göringschen Schießerlasses gegen das Proletariat proklamieren wir das wehrhafte Massenund Notwehrrecht gegen den faschistischen Terror. Wenn sie anrücken, bringt die Züge zum Stehen mit allen Mitteln! Haltet die Lastwagen auf! Verhindert die Automobiltransporte! Reißt das Straßenpflaster auf! Legt Bäume über die Marschstraßen! Handeln erfordert das Gebot der Stunde!
Diese großartige und kostspielige preußische Feier in Zeiten des angeblich durch die Reichsstatthalter längst vollzogenen Einheitsstaates. Man sollte die Staatsräte mit ihren 12 000 Mark jährlichen Schweigegeldern, die Reichsstatthalter mit ihren Ministergehältern, den ganzen Troß der nationalsozialistischen Pfründner in anderthalb Dugend deutschen Ländern von der Staatskrippe entfernen. Das wäre ein Dieser Aufruf ist deshalb wichtig, weil er aus einem Gebiete stammt, das nach den Behauptungen des Buches wirklich guter und erfreulicher Auftakt des Winterwerks. pils mit dem Aufstand beginnen sollte: der entmilitari Dämliche Wohltätigkeitstees fierten 3one. Der Aufruf mobilisiert zur Abwehr
Zum Besten ihrer Wohltätigkeitsarbeit veranstalteten die verbündeten Vereine für Mittelstandsfürsorge im ModeAtelier, Tiergartenstraße 15, einen Tee- Empfang. Die Vorsigende, Frau Anna Charlotte Lindemann, begrüßte die Frau des Justizministers Kerrl , die Frau des Generalmusikdi rektors Kleiber, die Turnierreiterin Frau von Becker, Gräfin von Degenfeld, Baronin von Hohenberg und Frau Dr. Piccard. In hübschen, mit Herbstblumen und echtem Porzellan geschmückten Teetischen saß man beisammen und ließ eine Modeschau an sich vorüberziehen, die ein übersichteine Modeschau an sich vorüberziehen, die ein übersicht liches Bild deutschen, modeschöpferischen Könnens bot.
gegen eine nationalsozialistische Offensive. Er propagiert den„ Massenselbstschutz", wie damals das kommunistische Schlagwort hieß.
Kennzeichnend für die Fantasien des Enthüllungsbuches ist die Behauptung, die geheime Leitung des bolschemistischen Aufstandes sollte in Düren und in Krefeld sein. Das sind gang überwiegend katholische Städte, in denen die Kommunisten eine ohnmächtige Minderheit der Bevölkerung bildeten, wie die Kommunisten überhaupt im größten Teil der entmilitarisierten Zone organisatorisch besonders schwach waren. Nur vollendeter Jrrsinn,