Deutsche Stimmen

Feuilletonbeilage der Deutschen Freiheit"* Mittwoch, den 20. September 1933 Ereignisse und Geschichten

Blond hin, blond her!

Elimar Kobielczinski war von langer Gestalt, verfügte fiber weißblondes Haar und wasserblaue Augen, hatte Rassenkunde getrieben und war entschlossen, seine wertvolle biologische Erbmasse so teuer wie möglich an den Mann..., Verzeihung: an die Frau zu bringen. Und so hielt er Muste­rung im Kreise der ihm bekannten Jungfrauen: die Ursel war zwar ein rassiges Geschöpf, aber leider von irgendeiner wertlosen Niederrasse, die sich in brünettem Teint und schwarzem Kraushaar manifestierte. Hildegund, die Rötliche mit den Sommersprossen, schien gleichfalls verdächtig, bei der langen Rita störte ihn eine semitisch gebogene Nase, und so blieb eigentlich nur Dietelinde mit ihren wonnig semmelblonden Zöpfen, die sie zu dicken Knoten aufgesteckt trug. Als gar ein gemeinsamer Badeausflug Elimar davon überzeugt hatte, daß die Brüste seiner Erwählten, weit von jeder Ellipsenform, sich zu strammen Halbkugeln wölbten, zögerte er nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, der in­des weniger aus einer Liebeserklärung, als aus einem rasse­fundlichen Vortrag bestand. Indem Elimar, aufs Knie ge­sunken, die rassischen Perspektiven ausmalte, die aus der Vereinigung zweier so gleichgeschaltet nordischer Erbveranla­gungen sich ergeben mußten, weckte er Dietelindes helle Be­geisterung, die sich schließlich, nach beendigtem Vortrag ihres Freiers, in dem Ausruf entlud: Und er soll Adolf beißen!"

Adolf erschien, zwar etwas später als erwartet, immerhin noch vor Ablauf des ersten Ehejahres. Ueber dem verrun­zelten Geficht des Neugeborenen leuchtete der ersehnte blonde Flaum. Nur die Augen enttäuschten, sie waren nicht von blauer, sondern von brauner Farbe. Elimar gab dieser Umstand einen kleinen Stich. Hatte doch sein Vater, der Butter- und Käsehändler Paul Kobielczinski erstes Ge= schäft am Plage- troß gutem sonstigen Aeußern es auch nur zu einer rehbraunen Iris gebracht, die zum Glück bei Elimar dank seiner Mutter, Frau Anna Kobielczinski, geb. Liedefett, bläulich aufgenordet worden war.

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Aber bei dem kleinen Adolf lag zweifellos ein bedauer­licher Fall des sogenannten Atavismus vor, des störenden Sich- bemerkbar- machens eines Ahnen, wobei die Iris des Kleinen sogar noch um eine Schattierung dunkler ausge­fallen war als die seines Großvaters. Immerhin und haupt­sächlich: das Haar des Sprößlings war blond wie das seiner Eltern und aller vier Großeltern.

Bald nach der Taufe seines Stammhalters mußte Elimar th auf Geschäftsreisen gehen. Im Privatberuf, da man von der Raffeveredlung allein leider nicht leben kann, betrieb er näm­lich eine Agentur in Webwaren. Erst nach Monaten kehrte

Das Fazit eines Zuchtversuchs

so früh in die Erscheinung tretend- gräßliche fünftige Di­mensionen anzunehmen drohte. Er wollte sich auch nach dem Mißlingen seines ersten Zuchtversuches auf einen zweiten nicht einlassen, ehe nicht die Ursache des ersten Fehlschlages aufgeklärt sei. Da seine Geschäftsreisen ihn drei Viertel des Jahres von Hause fernhielten, so wurde ihm die Durchfüh­rung dieses Vorsazes nicht allzu schwer.

Bis er eines Tages in einem Gasthof zu Oschersleben , in dem die Reisenden zu übernachten pflegen, einen Brief mit verstellter Schrift vorfand, die ihm doch irgendwie bekannt vorkam. Der anonyme Absender teilte ihm mit, daß seine Frau in seiner Abwesenheit auffallend häufig den Besuch des Sturmbannführers Greßner erhalte, und zwar gehe das schon von Beginn der Ehe an. Die beiden seien aus früherer Zeit miteinander bekannt...

Elimar kannte den Sturmbannführer. Es war das ein breitschultriger, brutaler Kloß mit stur- schwarzer Haarbürste und funkelnden, tückischen Augen. Ein fürchterlicher Klum­pen von Nase entstellte sein Gesicht, sie war ihm- wie die eines Boxers ein paarmal bei Prügeleien eingeschlagen

worden. Die Sage ging jedoch, daß sie vordem groß und ge­

bogen gewesen sei, fast wie die eines Juden...

Jedoch hätte niemand gewagt, die arische Abstammung des Sturmbannführers in Zweifel zu ziehen. Nicht allein, weil mit diesem Athleten schlecht Kirschenessen war. Nein, Greßner stand obendrein bei dem Gauleiter in hoher Gunst und es ging das Gerede, daß nicht nur dieser, sondern sogar noch höhere Führerpersönlichkeiten von Greßners unverbrüchlichem Schweigen abhingen. Gegen Greßner angehen, das hieß drei Tage Folterung im Quartier der Stabsmache mit an= schließendem Konzentrationslager auf sich nehmen.

Dies bedachte auch Elimar und er hütete sich wohl, unan­gemeldet heimzukehren. Im Gegenteil: als er diesmal, nach­dem er sich durch Klopfen überzeugt hatte, daß er nicht störe, das heimische Schlafzimmer betrat, ging er zum erstenmal seit langer Zeit wieder an das Bettchen, in dem der Kleine schlief, wobei er murmelte: Blond hin, blond her. Auch unser Führer Adolf Hitler sagt, daß er nicht von der Rasse auf die Gesinnung, sondern von der Gesinnung auf die Rasse schließe."

Und behutsam entfernte er einen braunen Glacehandschuh von der Bettdecke des Kleinen, den jemand dort hatte liegen Mucki. lassen.

er von der Tour heim. Sein erster Gang war an die Biege ,, Zu

des Kindes, aber mit einem Schrei der Empörung drehte er sich um: Das ist nicht mein Sohn!"

Etwas Entsetzliches war geschehen: Adolfs blonde Haare waren dunkel geworden. Und sie wurden von Monat zu Monat dunkler, bis sich nicht mehr verhehlen ließ, daß sie schwarz waren. Es gab eine furchtbare Szene zwischen den Ehegatten.

" Deine Mutter hat mit einem Juden gehurt!" brüllte Elimar seine Frau an.

" Unerhört," heulte Dietelinde, deine war es! Ueber­haupt, wo sie noch voriges Jahr in Warenhäusern gekauft hat!"

Elimar lud beide Schwiegermütter zu peinlichem Verhör.

Die Damen, nicht weit von fünfzig, seit ihrer Schulzeit mit­einander befreundet, daher innerlich spinnefeind, besonders seit der Heirat ihrer Kinder, saßen angriffsluftig in den Plüschsesseln von Kobielczinskis guter Stube einander gegen­über, Elimars Mutter dürr und spiß, seine Schwiegermutter fast die Seitenlehnen des Sessels mit ihrer Fülle ausein­anderpreffend. Nebenan lallte der Säugling seine ersten

Laute.

Elimars Mutter begriff zuerst, worum es sich handelte. Sie streckte drei Finger ihrer Knochenhand gegen die andere und piepste spitz:

Aha, der Postadjunkt."

Die Schwiegermutter Elimars wollte losfahren, aber Frau Anna Kobielczinsfi ließ sich nicht beirren:

Streite doch nicht ab, meine Liebe, zwei Jahre hat er da­mals als Zimmerherr bei deinen Eltern gewohnt. Natürlich ist etwas zwischen euch gewesen, das redet mir niemand aus." Aus der Kehle von Dietelindes Mutter rangen sich un­artikulierte Laute. Ihr fettes Gesicht lief rot, dann violett an. Aber schließlich fand sie doch die Sprache wieder, und schrie, ein paarmal von Erftidungsanfällen unterbrochen, während die unförmigen Arme hilflos durch die Luft ruder­ten, als griffen sie nach einem Halt:

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Und du- uih- du willst mir das sagen, wo die ganze Stadt+ uih- heute noch weiß, daß du vor dreißig ge= Jahren uih die Sache mit dem Leutnant- uih habt hast und daß die alte Hebamme

uih

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uih

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die Folgen hat beseitigt-"

uih die Akorny

Mit knapper Not verhinderte Elimar ein Handgemenge. Die Disputation gestaltete sich auch nicht sonderlich klärend, da weder der Postadjunkt, noch der Leutnant, noch einige andere mutmaßliche Erzeuger von Elimar und Dietelinde, die jetzt aus der Vergessenheit langer Jahrzehnte wieder auftauchten, semitischen Blutes verdächtig schienen. Aller­dings schworen beide Frauen, daß auch die Schmach des Ver­fehrs mit jüdischen Untermenschen der andern damals vor einem viertel Jahrhundert durchaus zuzutrauen gewesen wäre. Ueberhaupt, so eine wie die...! Aber mit diesen vagen Bezichtigungen ließ sich nichts anfangen.

So blieb denn unverföhnliche offene Feindschaft zwischen beiden Elternfamilien das einzige positive Resultat dieses Versuches ernsthafter Rasseforschung. Auch in Elimars Ehe Klaffte ein Niß. Nicht nur, daß Elimar jetzt sogar eine Krüm= mung der Nase an seinem Adolf wahrnehmen wollte, die

bescheiden"

In der Basler National- Zeitung" lesen wir diese Glosse: Der Reichspropagandaminister Göbbels hat in Bayreuth der Welt am Radio eine neue beachtenswerte Rangordnung im Reich der Musik verkündet. Danach ist Deutschland das

klassische Land der Musit und die Melodie hier jedem Menschen eingeboren". In der Musik selbst gibt es vier große fünstlerische Genies: Bach, Mozart , Beethoven und Wagner.

Unter Feinden

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Dort der Galgen, hier die Stride Und des Henkers roter Bart, Volk herum und gift'ge Blicke Nichts ist neu dran meiner Art! Kenne dies aus hundert Gängen, Schrei's euch lachend ins Gesicht:

Unnüz, unnük, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht!"

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nie erwerbt:

Bettler ihr! Denn euch zum Neide Ward mir, was ihr 3war ich leide, zwar ich leide Aber ihr ihr sterbt, ihr sterbt! Auch nach hundert Todesgängen Bin ich Atem, Dunst und Licht­ Unnük, unnük, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht!" Friedrich Niebsche( Taschenausgabe Bd. VI, S. 409.)

Thomas Theodor Heine

Nachher haben sie ihn noch beraubt

Ist es nötig, über den Maler und Grafiker Heine, den Begründer und geistigen Führer des Simpliziffi­mus", Anerkennendes zu sagen? Sein Name, sein Stil, sein Wiz und seine Angriffslust sind seit drei Jahrzehnten welt­bekannt. Jede Woche erschienen seine bildgewordenen Rand­bemerkungen zur Zeitgeschichte, die das Unmoralische der Bürgermoral, das Unsoziale der sozialen Zustände, die Dummheit des Standes- und Stammesdünkels und das Lächerliche im lauten Getriebe der Politik, der Wirtschaft und der Kunst in einen immer fertigen, gültigen, angenehm unpathetischen Umriß brachten.

Jede Woche erschienen sie. Erst in dem wunderschönen Frühling 1983 wurde dieser Tätigkeit ein gewaltsames Ende gesetzt, weil ich mich nicht gleichschalten ließ." Heine schreibt es im Vorwort zum Katalog der Ausstellung, die jetzt die Galerie Dr. Feigl in Prag veranstaltet, und er erklärt dort auch, warum er, der jetzt in Prag als Ver­triebener lebt, nur einen kleinen Teil seines Werkes hier zeigen kann. Weil ihm nämlich die braunen Banditen den größten Teil seiner Arbeiten geraubt haben.

Heine drückt das viel vornehmer aus. Kein Wort fällt über den schmählichen Verrat, den seine Mitarbeiter vom " Simplizissimus" an ihm begangen haben. Dieser vom Schicksal hart getroffene Altmeister der Karikatur ist von einer Noblesse, die sternenhoch über der tierischen Wut seiner braunen Verfolger steht. Wer seine Werke kennt, der weiß, daß diese geistige Feinheit, gepaart mit Könnerschaft, Wis, Mut und Menschenkenntnis, der Wesenstern seines Schaf fens ist.

- Demnach gehören Händel , Gluck, Haydn und Schubert Der Dekorationsmaler

offenbar zu den kleineren Propheten. Von den vier großen aber ist Wagner der allergrößte. Schluß! Jeder Widerspruch wäre unhöflich. Und die Begründung? Die Tatsache, daß er die Tetralogie des Rings der Nibelungen komponiert hat,

niemals ermüdend oder gar langweilend( sagt Göbbels ), hebt Wagner an die Spizze aller musikalisch- schöpferischen Menschen" überhaupt. Da fann man nichts machen, und die Liebhaber der Matthäuspassion, des, Fidelio ", des Don Gio= vanni" und gar die in der Täuschung Befangenen, daß die flassische Symphonie- und Kammermusik den höchsten Gipfel des abendländischen musikalischen Schaffens darstelle, haben sich zu bescheiden. 3 u bescheiden!"

Wie in Buchhändlerkreisen erzählt wird, ist das bekannte kleine Konversationslexikon" von Knaur ( Berlin 1982) nicht vergriffen, trotzdem es der Verlag be=

hauptet, sondern die Firma wagt das Werf nicht auszu­liefern, weil unter dem Stichwort Hitler " folgendes zu Iesen steht:

Hitler , Adolf, 20. 4. 1889 in Braunau ( Oberösterr.), Dekorationsmaler, Begr. der Nationalsozialist. dtsch. Ar­beiterpartei."

Wie wärs, wenn der Verlag statt Deforationsmaler" das Wort Kunst maler" einsehen würde?

Gebler- Hüte und Geßler- Mützen

1.

In Starnberg bei München auf dem Bahnhof übt ein Bettler seine Praxis seit Jahren aus. Zu seinem Be­zirk auf dem Bahnhof zählen zwei Gänge, die beide gut fre= quentiert sind. Er wacht tyrannisch darüber, daß kein Kon­furrent in sein Reich eindringt. Um alle geschäftlichen Mög­lichkeiten auszunüßen, steht er an einem der Gänge per­sönlich, indessen er an dem anderen nur seine Mütze hingelegt hat( mit einigen Schachteln Zündhölzern, den herkömmlichen Attrappen des Fechtbruders).

Und siehe: man respektiert die Müze und legt nicht weni­ger hinein als in die Hand ihres Besizers.

2.

In der Lüneburger Heide hatte ein Führer eine Arbeitskolonne zu beaufsichtigen. Viel Freude bereitete ihm das nicht. Die Bauerndeerns um so mehr.

Wenn er abwesend war, wurde selbstverständlich nicht ge­arbeitet. Es ist zu verstehen, daß er darüber nicht erfreut war, denn er mußte dann bei einer Kontrolle eines schwe­ren Rüffels gewärtig sein.

Da er seine Liebeswege jedoch nicht lassen wollte, so legte er einfach auf einen hohen Baumstumpf seine Müze und ging zu seinem Mädel.

,, Hei is weg!" rief einer und warf die Schaufel hin.. Aber gleich schrie ein anderer:, awwers sien Mütz is noch da!"

8.

In Connewiß bei Leipzig saß ein Beamter der Wohlfahrtsabteilung an der Kasse, er brüllte die Leute an und jagte viele rücksichtslos davon.

Ein reisender Handwerksbursche stand draußen, hörte und sah zu. Seine Hoffnung, ein paar Groschen zu erhalten, zer­schmolz vollständig.

Er ging vom Wohlfahrtsamt fort, bog in eine Gaffe ein und bemerkte eine Hakenkreuzmüße in einem offenen Fen­ster liegen.

Blitzschnell kam ihm ein Gedanke: ergriff die kappe, stülpte sie auf, drängte sich bei der Wohlfahrtsstelle rücksichtslos durch die Menschen, brüllte den Beamten an, nahm Geld aus der Kasse und verschwand.

Die Müße fand man in einer Nebengasse wieder; das Geld und seinen Einkassierer aber nicht.

4.

In Berlin war ich Zeuge folgender Szene: Der Sturm ging und ein heftiger Windstoß trug auf dem Domplatz diverse Hüte von ihren untertanen Köpfen davon. Darunter befanden sich auch eine Schußmannskappe und eine Nazimüße.

Rücksichtslos fuhren die zahlreichen Autos über die Kopf­bedeckungen. Selbst die Lederfappe wurde zerdrückt. Aber siehe: Peinlichst wich man Geßlers Müße aus, so sehr. daß beinahe ein Unglück durch Zusammenfahren ge­schah.

Und stolz und zufrieden konnte der SA.- Mann seine un­Und die Kolonne respektierte Geßlers Müze genau so verletzte Kappe wieder auslesen, wobei ihm die Menge ehr­wie den Aufseher und arbeitete fleißig bis Feierabend. Olof Ecke

furchtsvoll zusah.