Pariser Ausgabe

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51, rue de Turbigo( Ecke rue Reaumur. Metro: Arts et Métiers). Telephon: Archives 84-95. 84-96, 84-97. Chefredakteur: M. Braun

Nummer 86-1. Jahrgang Saarbrücken - Paris , Freitag, 29. Sept. 1933

Eins bist du dem Leben schuldig,

handle, oder bleib' in Ruh':

bist du Ambos sei geduldig,

-

bist du Hammer

-

schlage zu!

GOETHE

Untersuchungsrichter bloßgestellt

Dimitroff als Ankläger vor der ganzen Welt

Herr Vogt

D. F. Seitdem der angeklagte Bulgare Dimitroff so energisch gegen die Prozeßführung vorstößt, ist die Atmo­sphäre im Gerichtssaal zu Leipzig gespannt; sie ist vergiffet, seitdem der Untersuchungsrichter Vogt das Wort ge­nommen hat. Wir haben das in einer Charakteristik dieses Menschen in der Nr. 79 der Deutschen Freiheit" voraus­gesagt, denn es ist allzu bekannt, daß Herr Vogt alle Register des seelischen Quälens der Angeklagten be= herrscht und sie raffiniert anwendet. Dimitroff ist nicht der erste, der sich mit Haß gegen die Methoden dieses Untersuchungsrichters aufbäumt. Viele, die in seinem Vernehmungszimmer gesessen haben, sind von denselben Gefühlen beseelt wie der temperamentstarke Bulgare.

Man kann einwenden, die Angeklagten, an denen der Herr Untersuchungsrichter seine seelischen Massagen voll­führte, feien voreingenommen. Gut, lassen mir also nur die gestrige Verhandlung sprechen. Sie allein schon be weist, daß Herr Vogt kein reiner Wahrheitsforscher ist, sondern mit den Mitteln der Unwahrhaftigkeit arbeitet. Wir verdanken diesen Beweis der geschickten und rück­fichtslosen Offensive Dimitroffs.

troff an der Brandstiftung im Schloß beteiligt gewesen sei. Welch ein Theater! Hätte der Bulgare statt dieser Ansichts­karte eine vom Karl- Liebknecht- Haus bei sich gehabt, wäre das natürlich ein Beweis für seine Kenntnis der Kata­komben"( lies: alten Bierkeller) in diesem Parteihaus gewesen. Die Welt wird über solche Polizeikünfte lachen, wie sie lächeln wird über die phantastischen Zusammen­hänge, die man aus dem Geschwätz van der Lubbes mit Wohlfahrtsempfängern vor den Stempelstellen kon­struieren will.

Wie empfindlich ist der Gerichtshof gegen das Aufbe­gehren Dimitroffs, wie schützt der Herr Präsident den Herrn Vogt, den der Angeklagte nicht beleidigen dürfe. Wie furchtbar jedoch wirkt die Anklage des Angeklagten, wenn er in den Saal donnert:

Man hat mich auch beleidigt. Man hat mich mehr als fünf Monate gefesselt. 3ehnmal habe ich verlangt, man solle mir meine Fesseln abnehmen. Drei­mal habe ich eine schriftliche Eingabe gemacht. Alles vergebens. Man fesselt mich gegen Recht und Gesez."

Was tut der hohe Senat? Klärt er die schwere Be­schuldigung des Bulgaren gegen den deutschen Richter Herrn Vogt auf? Nein, die Herren Kollegen des Herrn Bogt ziehen sich zurück und beschließen, dem Angeklagten Dimitroff das Wort zu entziehen.. Sie haben das erste Urteil in diesem Prozeß gesprochen. Formal richtet es sich gegen Dimitroff . Als moralisch Verurteilter aber steht Herr Vogt vor den Schranken.

Es steht fest, daß der Herr Untersuchungsrichter eine in den Akten befindliche, nach den Behauptungen Dimitroffs gefälschte Verlobungsanzeige dem Ange. klagten vorenthalten hat. Es steht fest, daß der Herr Untersuchungsrichter den Versuch gemacht, Dimitroff zu einem Geständnis zu bewegen durch die falsche Angabe, Torgler habe ein Geständnis abgelegt. Für einen hohen Richter war es ein kläglicher Augenblick, als er unter der direkten Frage Dr. Sacks sich wand, Phrasen von richter Eine russische Stimme licher Ehre schleimig von sich gab und dann nicht bestreiten konnte, daß er den übelsten und gewöhnlichsten Trick bei der Vernehmung Krimineller in dieser hochpolitischen Untersuchung angewendet hat.

Mit der in diesem Zusammenhange vorgebrachten Ent schuldigung des Herrn Vogt, daß er nie und nimmer irgend etwas getan habe, was sich mit der Ehre eines deutschen Richters nicht vertragen würde, mögen sich die deutschen Richter auseinandersetzen.

Es steht fest, daß der Untersuchungsrichter die grob un­richtige Mitteilung, die Bulgaren seien an dem Atten tat auf die Kathedrale in Sofia beteiligt ge wesen, in die Zeitungen lancieren ließ.. Daß er die Schuld an dieser Täuschung der Deffentlichkeit auch noch dem buchstäblich gefesselten Dimitroff zuschieben will, ist kenn­zeichnender für das Charakterbild dieses Herrn Vogt als

alles andere.

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· Moskau , 28. Sept. Die Prawda" schreibt über den Leip­ziger Prozeß: Jezt sind bereits fünf Tage vergangen, seitdem der Oberste Gerichtshof in Leipzig tagt. Fünf Tage hätten genügen müssen, um die wesentlichen Punkte des Prozesses festzustellen und aufzuklären. Indessen sind es gerade diese wesentlichen Punkte, die der Gerichtshof fürchtet und offen­sichtlich sucht er eine Aufklärung der Umstände zu vermeiden, die eine direkte Beziehung zum Reichstagsbrand haben. Bis jetzt mußten die Angeklagten Erklärungen abgeben und auf Fragen antworten. Im Augenblick frägt man van der Lubbe nicht mehr. Damit er sich nicht verwirrt, läßt man ihn nicht sprechen, sondern es ist nur der Gerichtspräsident, der spricht.

6. Verhandlungstag in Leipzig

Es steht fest, daß dieser Untersuchungsrichter, noch ehe die Vernehmungen abgeschlossen waren, von einem Ge­richtsurteil gar nicht zu reden, eine Erklärung veröffent ,, Das lichen ließ, und zwar schon am 1. April, Dimitroff , Popoff und Taneff hätten in Verbindung mit van der Lubbe die Reichstagsbrandstiftung durchgeführt. Der Bulgare Dimi­ troff hat das volle Recht, gegen eine solche ungehörige, und wie die Welt glaubt, grob unwahre Mitteilung an die Deffentlichkeit zu protestieren. Warum dann noch ein hulbes Jahr Untersuchung, wenn für den Herrn Vogt schon Ende März die Schuld der Angeklagten feststand?

Dimitroff machte sich auch sonst in dieser Sizung sehr unbeliebt. Er deckte nämlich auf, daß bei den Verneh mungen van der Lubbes nie ein holländischer Dolmetscher zugezogen worden ist. Der zur Verneh­mung stehende Polizeibeamte rühmt zur Erklärung das gute Deutsch des van der Lubbe, der sogar stilistische Fein­heiten erkannt habe. Lubbe und stilistische Feinheiten und ein Kriminalbeamter als Sachverständiger für deutsche Stilkunst! Auch ein Bildchen! Fest steht jeden­falls, daß bei den polizeilichen Vernehmungen des hoch­intelligenten und das Deutsche ausgezeichnet beherrschen­den Bulgaren Dimitroff stets ein bulgarischer Dolmetscher zugezogen wurde, während man bei dem idiotischen, stammelnden van der Lubbe einen holländischen Dol­metscher nicht nötig zu haben glaubte. Das ist ein recht sonderbarer Widerspruch.

Fürchterliche Verdachtsmomente sind allerdings gegen Dimitroff aufgetaucht. So hat der Mann eine An­sichtskarte des Berliner Schlosses bei sich gehabt. Darauf stützte sich, wir zitieren den scharfsinnigen Krimi­nalassistenten Herrn Marowsky, der Verdacht, daß Dimi­

kann ich nicht sagen"

Leipzig , 27. Sept. Wieder hat sich das Publikum zur Ver­handlung im Reichstagsbrandstiftungsprozeß teilweise scho. eineinhalb Stunden por Beginn eingefunden und wartet ge= duldig vor dem Hauptportal, bis es gegen 9 Uhr in den Sizungssaal hineingelassen wird.

Mit besonderer Spannung erwartet man die Auswirkungen der vom Präsidenten Dr. Bünger angekündigten Um­stellung im Verhandlungsverfahren, wonach mit van der Lubbe zugleich die Beamten gehört werden sollen, die im Voruntersuchungsverfahren van der Lubbe vernommen

haben.

Ob heute bereits zur Erörterung des Reichstagsbrandes übergegangen werden kann, läßt sich zur Zeit noch nicht sagen. Er wird jedoch wahrscheinlich im Mittelpunkt der Verhandlungen an den beiden folgenden Sizungstagen, am Donnerstag und Freitag, stehen. Sodann tritt mit Rücksicht auf den in Leipzig stattfindenden Deutschen Juristentag eine Unterbrechung des Reichstagsbrandstifter­prozesses bis Dienstag nächster Woche einschließlich ein.

Nach der Eröffnung der heutigen Sizung weist Senats­präsident Dr. Bünger darauf hin, daß es sich nicht ver­meiden lassen werde, die bisherigen Aussagen van der Lubbes auf Grund der Aussagen der jetzt geladenen Zeugen noch einmal wiederholen zu lassen. Der Vorsißende richtet dann folgende Frage an den Angeklagten van der Lubbe: Wollen Sie nun heute lauter und deutlicher ant­worten als gestern? Der Angeklagte steht auf und erklärt nach längerem Zögern: Das ist möglich. Vor= sibender: Wir haben in der Zeitung gelesen, daß einige Serren gestern Sie im Gefängnis aufgesucht haben und daß Sie mit ihnen viel offener und bereitwilliger gesprochen haben und sich auch munterer gezeigt haben. Ist das richtig?

Van der Lubbe: Das kann ich nicht sagen. Der Vor­sigende ruft danu Professor Soedermann( Stockholm ) auf, der gestern den Angeklagten im Gefängnis in Beglei­tung eines holländischen Journalisten aufgesucht hatte. Bei Lubbe im Gefängnis

Professor Soedermann wird als Zeuge vereidigt und bekundet u. a.: Ich habe mich gestern nach dem Unter­suchungsgefängnis zu van der Lubbe begeben, da man in der Auslandspresse so viel geschrieben hat, daß van der Lubbe mißhandelt würde, das man ihm Morphium- oder Kokainsprißungen gegeben habe und daß darauf sein eigen­artiges Verhalten im Gerichtssaal zurückzuführen sei. Ich habe den Angeklagten in seiner Zelle besucht und alles in bester Ordnung gefunden. Ich kann sagen, daß er besser behandelt wird als die übrigen Gefangenen, z. B. was das Essen betrifft. Van der Lubbe hat mich gleich bei meinem Eintritt gefragt ich habe die Frage wörtlich auf­geschrieben: Warum machen Sie diese Unter= suchung?" Ich sagte ihm: Weil man in der Aus= landspresse sagt, daß Sie schlecht behandelt werden." Da hat van der Lubbe ein bißchen gelacht und mit dem Kopf geschüttelt. Er hat auf mein Verlangen den Oberkörper entblößt.

Ich stellte feft, daß er zwar start abgemagert ist, aber es waren nicht die geringsten Merkmale irgendeiner Miß­handlung zu sehen. Den Unterförper zu entblößen hatte er eine gewisse Schen. Auf meine Frage sprach er den Wunsch aus, daß die übrigen Herren während dieser Untersuchung die Zelle verlassen möchten. Als das ge: schehen war, hat er den Unterförper entblößt. Ich habe ihn untersucht und auch hier keinerlei Spuren gefunden. Ich fragte van der Lubbe:" Fühlen Sie sich körperlich wohl?" Er antwortete:" Jawohl, ich fühle mich wohl." Ich sagte wieder: Aber vielleicht fühlen Sie sich seelich nicht wohl?" Darauf fragte van der Lubbe: Was ist seelisch?" Ich sagte ihm:" Das tommt von Seele." Da sagte er sehr deutlich: Ich fühle mich auch seelisch wohl."

Vorsißender: Er hat also nicht Ihre Frage ab­gewartet, sondern hat Sie selbst gefragt, warum die Unter­suchung vorgenommen werde.

Soedermann erklärte weiter: Mein Begleiter, der holländische Journalist Luger hat auch mit Lubbe gesprochen und ebenfalls vernünftige Antworten bekommen. Van der Lubbe hat einen ungemein schüchternen Eindruck gemacht. Meiner Ansicht nach wirkt der große Apparat dieser Reichs= gerichtsverhandlung einschüchternd auf ihn. RA. Dr. Sack: Können Sie uns sagen, ob folgende Gerüchte, die im Aus­land verbreitet sind, auch nur in irgendeinem Punkte ge­rechtfertigt erscheinen können: Es wird behauptet, daß van der Lubbe schon kaum noch am Leben sei. 3euge: Nein, ich habe den Eindruck, daß er sogar sehr gut lebt. RA. Dr. Sack: Es wird weiter behauptet, daß man an ihm mit langsam wirkenden Giften arbeite. 3euge: Ich habe ihn auch gefragt, ob er irgendwann oder irgendwo nach der Ein­nahme von Essen oder Getränken sich merkwürdig in irgend­einer Weise gefühlt habe. Er hat sehr präzis verneint. RA. Dr. Sad: Es wird weiter behauptet, van der Lubbe zeige typische Anzeichen einer Rauschgiftbearbeitung. Haben Sie sich davon überzeugt, ob van der Lubbe an seinem Körper Injektionseinstichnarben zeigt? 3euge: Ich habe nichts dergleichen festgestellt. RA. Dr. Sa ct bittet, vielleicht auch den holländischen Journalisten mit Rücksicht auf die ausländischen Gerüchte noch zu hören. Dieser wird als Zeuge vernommen. Er heißt Johann Luger und ist Vertreter des" Telegraaf" in Amsterdam . Der Zeuge be­stätigt, was schon Professor Soedermann gesagt hat. Er habe mit dem Angeklagten ein einfaches Gespräch ge führt, es habe sich aber mehr um eine einfilbige Unter­haltung gehandelt. Van der Lubbe habe mit Ja und Nein geantwortet, nur etwas lebhafter als vor Gericht. Im übrigen habe er den Kopf auf die Brust gebeugt gehalten. RA. Dr. Sad: Haben Sie zufällig auch den Angeklagten Torgler gesehen und in welcher Verfassung? 3euge Luger: Ich sah zufällig, wie Torgler aus einem Zimmer tam und eine Zigarette rauchte.

Wieder Kriminalkommissar Heisig

Die Vernehmung des Angeklagten van der Lubbe wird dann fortgesetzt. Zunächst wird Kriminalkommissar Heisig über die Aussagen gehört, die van der Lubbe früher über die Brände im Wohlfahrtsamt, Rathaus und Schloß gemacht hat. Der Zeuge schildert die erste Vernehmung am 27. Februar. Als van der Lubbe festgenommen worden war, wußte man zunächst nur, daß er als Brandstifter des Reichstages in Frage käme. Erst im Laufe der Ver­nehmung bezeichnete er sich als den Mann, der auch am Schloß, am Rathaus und Wohlfahrts= amt Brandstiftungen versucht hatte. Von der Brandstiftung am Rathaus wußte damals die Polizei über­haupt nichts. Van der Lubbe hat genau mitgeteilt, daß er