Jums! A sibele

Fretheil

Cautare

Nummer 95-1. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Dienstag, den 10. Oktober 1933

Chefredakteur: M. Braun

Horst- Wessel - Film

verboten!

Seite 2

Pard: 1odis

Lügen aus dem Reichsgericht

Seite 3

sid

Frankreich amüsiert sich

über Göbbels

Seite 4

Pariser Berichte

Seite 7

Englisch - französische Drohreden

Schwere Krise der Abrüstungskonferenz- Zusammenbruch der Hitlerschen Außenpolitik

Die Acchtung

Die nationalsozialistische Reichsregierung ist Deutsch­Tands Verderberin. Ihre außenpolitische Unfähigkeit und die daraus entspringende Unbelehrbarkeit bringen Deutsch­ land in Gefahren, die selbst den Bestand des Reiches aufs Spiel seßen werden, wenn nicht rechtzeitig die überspannten und verantwortungslosen Cliquen abgeschüttelt werden, die Deutschland ruinieren und die Welt gegen das deutsche Volk aufbringen.

In Genf hat sich nun das Büro der Abrüstungs­Tonferenz versammelt. Der deutsche Hauptdelegierte, Nadolny, ist eingetroffen. Er sieht sich geradezu geächtet. Niemals hat im Völkerbund eine solche Einmütigkeit gegen eine Regierung bestanden, wie zu Beginn dieser Woche gegen die deutsche . Es ist bekannt, daß sie in ihrer Unkenntnis der internationalen Psychologie auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und England spekuliert, aber es ist eben­so gewiß, daß diese Spekulation zusammengebrochen ist, wie wir vorausgesagt haben und wie jeder normal denfende Mensch voraussehen mußte. Die mündlichen Aeußerungen zur Abrüstungsfrage, die der deutsche Geschäftsträger Fürst Bismarck , der mit seinem Großvater nur den Namen ge­mein hat, dem britischen Außenminister, Sir John Simon, machte, haben in England die Stimmung gegen Hitler­deutschland noch tiefer unter den Gefrierpunkt gebracht. Deutschland weigert sich, eine Bewährungsfrist zu akzep­tieren, die sowohl von Frankreich , Groß­ britannien und den Vereinigten Staaten an= geregt ist. Infolge dieser deutschen Weigerung hält man die deutsche Antwort auch als Verhandlungs­grundlage für un annehmbar. Man bezweifelt nun in England, ob Deutschland überhaupt eine Abrüstungskon­vention will. Sofort nach dem Besuche des Fürsten Bis­mard hat Sir John Simon die Botschafter Frankreichs und Italiens empfangen, um beide auf den großen Ernst der Lage hinzuweisen. Ferner hat das britische Auswärtige Amt die deutsche Antwort dem Führer der Konser vativen und zweiten Chef der Regierung Macdonald, dem Herrn Baldwin mitgeteilt, um ihm das Stichwort zu einer großen außenpolitischen Rede auf dem konservativen Parteitag in Birmingham zu geben. Baldwin hat in Bir­ mingham geradezu drohende Ausführungen gegen Deutsch­ land gemacht:

Wenn die Abrüftungskonvention unterzeichnet wird, wird die Nation, die sie bricht, keinen Freund in der zivili fierten Welt haben, und ich möchte dies hinzufügen: Das felbe gilt von irgendeiner Nation, die vor: fäßlich das Zustandekommen eines der= artigen Abkommens dadurch verhindert, daß fie Forderungen vorbringt, die nach einiger Zeit annehm

bar sein könnten, die aber heute für die anderen Unter= * zeichner nicht annehmbar sein würden."

Inzwischen hat am Sonntag der französische Ministerpräsident Daladier in Vichy mit einer Deutlichkeit an die Adresse der deutschen Reichsregierung ge­redet, wie sie seit langem aus dem Munde eines franzö­fischen Staatsmannes nicht mehr gehört worden ist. Eine deutsche halbamtliche Gegenäußerung stüßt sich insbesondere auf einen Satz Daladiers: Die Verhandlungen über die Garantien, die die Abrüstungskonventionen enthalten foll, sind im Gang." Die deutsche Regierung befürchtet, daß dieses Wort Garantien ein beschönigender Ausdruck für Sanktionen sein soll. Wenn dem so ist, so hat aller­dings die Plumpheit der Reichsregierung viel getan, um die Forderungen Frankreichs auch den fremden Regierungen verständlich zu machen, die starke Bedenken gegen Sanktionen haben.

Ueber Nacht scheinen nun doch einige Leute in Berlin er­kannt zu haben, was auf dem Spiele steht. Amtlich wird

erflärt

Es ist völlig falsch, daß Deutschland nach Ablauf von fünf Jahren die Parität mit Frankreich verlangt. Deutsch­ land verlangt nach Ablauf von fünf Jahren nur eine weitere Abrüstung der anderen. Was die Musterwaffen anbelangt, so muß jede Diskriminierung schon jetzt aufhören. Aber Deutschland fordert nicht die­selbe Zahl von Waffen, die die anderen Länder besitzen. Diese amtliche Abschwächung ist zwar verschämt an die Ver­einigten Staaten gerichtet, wo angeblich falsche Gerüchte über die deutschen Abrüstungsforderungen verbreitet sind, aber es

ist klar, daß diese Verlautbarung um etwas besseres Wetter in England und in Frankreich bittet. Die deutsche Reichsregierung gibt damit den Grundsatz der Gleichberechtigung Deutschlands prei3. Sie gesteht Frankreich das Recht auf höhere Rüstungen zu, ein Standpunkt, der unseres Wissens niemals von einer republikanisch- demokratischen Regierung Deutschlands ver­treten worden ist, auch von keiner eingenommen zu werden brauchte.

So bewegt sich die jeßige deutsche Reichsregierung ständig in Widersprüchen und Zweideutigkeiten, die sie in der ganzen Welt als unaufrichtig und unzuverlässig erscheinen lassen. Sie weiß sehr wohl, daß ihre moralische und nach vielen Beweisen auch technische Aufrüstung jede Abrüstungs­konvention unmöglich macht, sofern nicht gleichzeitig eine Bewährungsfrist mit Kontrollmaßnahmen gegen Deutsch­ land

, wenn auch in den Formen einer allgemeinen Rüstungs­kontrolle, eingebaut wird. Die deutsche Reichsregierung wagt aber nicht, dem deutschen Volke die volle Wahrheit über die Situation zu sagen. So bewegt sich dieser Hitler ständig zwischen friegerischen Paraden im Inland und zwischen Friedensbeteuerungen an das Ausland, zwischen dem Auftrumpfen mit deutschen Rechten und gleichzeitigen Versicherungen an das Ausland, so ganz ernit sei das doch nicht gemeint.

Es scheint, daß die Welt dieses Doppelspiel satt hat, und die deutsche Reichsregierung in Genf vor Entscheidungen stellen wird.

Es war und ist eine Forderung des ganzen deutschen Volkes, daß Deutschland auch in der Abrüstungsfrage die volle Gleichberechtigung anzustreben hat. Deutschland war durch Stresemanns und Hermann Müllers und auch noch durch Brünings Außenpolitik auf dem besten Wege, dieses Ziel etappenweise zu erreichen. Wenn nun alle verheißungsvollen Anfänge zerstört sind, wenn Deutschland vor der ganzen Welt diffamiert wird und so etwa dort wieder angelangt ist, wo es bei der Unterzeichnung des Ver­sailler Vertrages war, so trifft der Fluch den deutschen Reichskanzler Hitler , den Vertreter Deutschlands .

Daladiers Alarmruf

Wenn in den vorhergegangenen Monaten das Ansehen Frankreichs vor allem im Ausland sehr groß gewesen ist, so liegt das daran, daß wir eine klare und vernünftige Außenpolitit befolgt haben. In einem unruhigen, hin und her gerissenen Europa , in dem so viele Rufe an die Gewalt ertönen, in dem der Kultus der Kraft wie der einer Gottheit gefeiert wird, ist es unsere Pflicht so zu handeln, daß wir unserm ruhigen und friedlichen Land unter allen Umständen seine eigene Freiheit sichern. Die ganze Welt fennt unse: ren Friedens willen, erklärte er. Wir denken weder daran, irgend ein Volt zu bedrohen noch es zu demütigen, welches auch das Regime fein mag, das dieses Volt sich gibt. Deshalb find wir entschlossen, teine nene Herabsehung unserer Streitkräfte ohne ein neues loyales internationales Abkommen zuzu= laffen, das eine progressive Abrüstung organisiert, die durch eine ständige automatische Kontrolle gesichert wird. Eine vierjährige Periode, während derer die Kontrolle organisiert und in Tätigkeit treten soll, während deren verschiedene Heerestypen sich progressiv in ein Heer mit furzfristiger Dienstzeit umwandeln würden, Forts fall der militärischen Verbände, Unterwerfung der Staaten, die gegenwärtig Rüstungsfreiheiten haben, unter das Verbot, neues schweres Kriegsmaterial herzus stellen, und wenn die Kontrolle sich als wirts jam herausgestellt hat, Vernichtung des tünftig für alle Staaten verbotenen Kriegs­materials: infiadora said si do is g das sind die wesentlichen Gedanken, denen das sind die wesentlichen Gedanken, denen heute die Zustimmung Englands, Ameris tas, Italiens , Rußlands und vieler andes rer Länder zufällt.

Priester gegen Wahrheit

Wahrhaftiger Mund besteht ewiglich, aber die falsche Zunge besteht nicht lange.

Sprüche Salomonis 12, 19.

D. F. Das verbreitetste deutsche Familienblatt im Staate Neuyork ist die Aurora und Christliche Woche". Das Blatt ist keineswegs mit der unwürdigen Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Barbaren­regierung Hitler einverstanden. Es redet eine sehr deut­liche Sprache. Wir haben wiederholt von Aufsätzen dieser christlichen Zeitschrift Notiz genommen.

Nun hat sich der Herr Kapitularvikar Dr. Steins mann, der zurzeit das Bistum Berlin verwaltet, hin­gesezt und einen langen Brief an das Blatt geschrieben, um es von der sogenannten Greuelpropaganda" abzu­lenken. Vorsichtig wie ein hoher Priester nun einmal ist, gibt er zu, daß Uebergriffe und Ausschreitungen vor­gekommen sind. Dann aber hat der hohe katholische Priester die vielleicht deutsche, aber sicher unchristliche Kühnheit, fortzufahren:

Die obersten Führer der Bewegung aber haben diese bedauernswerten Vorfälle aufs schärffte verurteilt und mit allen Kräften sich dafür eingesetzt, daß minderwertigen Elementen, die bei jeder Millionenbewegung sich in den Vordergrund zu drängen bemühen, das Handwerk gelegt wird.

Sie müssen ferner bei der Beurteilung dieser Vors kommnisse sich darüber klar sein, daß sich in der natio: nalen Revolution in Deutschland ein Vorgang vollzogen hat, wie ihn die moderne Geschichte im gleichen Ausmaß nicht kennt.

Diese Revolution ist legal begonnen und be endet worden. Die Massen waren stets in der Hand ihres Führers, und so ist dem deutschen Bolte ein Bürgers frieg erspart geblieben, der drohend vor der Tür stand.

Wir fragen Sie Herr Kapitularvikar , mo hat der deutsche Reichskanzler die Mörder, die Folterknechte, die Räuber in seiner Revolution" zur Verantwortung ge­30gen? Hat er nicht seine viehischen Parteigenossen, die Mörder von Potempa, antelegrafiert, sie Kameraden genannt und sie begnadigt? Wo hat der Reichskanzler oder einer seiner Unterführer etwa den Mord an dem Abgeordneten Stelling mißbilligt? Wo ist einer der Witwen oder einer Waise das Beileid ausgesprochen worden? Wo hat der neue Staat für die Hinterbliebenen der Erschlagenen etwas getan? Wo hat einer der verant wortlichen Staatsführer je ein Wort gesagt gegen die massenhaften Erschießungen auf der Flucht? Wo sind die Proteste gegen die Bestialitäten in den Konzentrations­lagern?

Nein, Herr Kapitularvikar: der Reichskanzler hat geschwiegen, weil er diese Roheiten nicht nur nicht mißbilligt, sondern weil er sie mill und sie durch pierzehn Jahre Haß und Blutheze vor bereitet hat. Und auch Sie haben geschwiegen, Herr Kapitularvikar, und Ihre ganze Kirche und ihre Kirchen­fürsten haben sich durch Verschweigen und Beschönigen und Vertuschen vor dem Urteil der Geschichte mitschuldig gemacht an den Untaten, die Deutschland und seine Kultur vor der ganzen Welt schänden.

Vorsichtshalber, und das ist kennzeichnend für Ihre Methode, sagen Sie, Herr Kapitularvikar, kein Sterbens­wörtchen von den Judenverfolgungen und von ben Judenprangern in zahllosen deutschen Städten. Wo Herr Kapitularvikar hat der Reichskanzler je Einspruch erhoben gegen die Schweinereien des ihm befreundeten ,, Stürmer"-Streicher in Nürnberg . Wo denn Herr Kapitularvikar? Hitler und die Seinen haben grinsend hingenommen, wenn jüdische Greise und Frauen und Mädchen dem braunen Böbel als Schaustücke vor­geführt wurden, und Sie Herr Kapitularvikar und ihre Mitchristen haben dazu geschmiegen.

Dagegen erzählen Sie jetzt den Amerikanern: Diese Revolution ist legal begonnen und beendet worden". Das ist eine grobe Geschichtslüge. Diese Revolution hat sich unter Verfassungs- und Eidbruch, unter dem Niedertreten und Niederknüppeln von Mil­lionen deutschen Volksgenossen vollzogen. Sie müssen Fortsetzung fiebe 2. Seite wissen, Herr Kapitularvikar, daß der Reichskanzler Hitler Ueber

die Garantien, die das Abrüstungsabkommen enthalten muß, find Verhandlungen im Gang. Mit Freuden würden wir den baldigen Abschluß dieses Wertes der inter­nationalen Zusammenarbeit begrüßen.