Confere Freiheit
Nummer 96-1. Jahrgang
sadde
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Mittwoch, den 11. Oktober 1933
Seite 2
Die Regierung tut nichts
Seite 3
Kater nach den Festen
Seite 6
Onkel Lahusen
200
Seite 7
Chefredakteur: M. Braun
Eintopf- Reichskanzler
Volkskanzler ohne Gehalt- Gemeinnutz geht vor Eigennutz
Neben der Brutalität ist Heuchelei ein Hauptcharakterzug der in Deutschland Regierenden. Der Eintopf- Sonntag ist ein Sinnbild dieser Heuchelei. Die Männer oben werden den Massen als idealistische spartanisch lebende Helden dargestellt. Menschliches, allzumenschliches darf nicht bekannt werden. Als neulich in Bacharach schwer bezechte Naziführer um einer Frau willen aufeinander schossen und zwei von ihnen in der Weinschenke tot auf dem Plaze blieben, wurde ein Unglücksfall mit sentimentalem Selbstgericht konstruiert. Der eine, aus Eifersucht Erschossene, wurde in feierlichem Staatsbegräbnis beigefeßt, die Massen wurden als Trauerparade tommandiert und der Bischof segnete diese große Lüge.
Auf den Zinnen des großen Moraltempels steht der Reichskanzler. Zu Lebzeiten schon unter die Götter versett, lebt er von des Himmels Tau. Bei seinem Amtsantritt hat er auf sein Gehalt verzichtet. Er sagte bescheiden, daß er von seinen Ginkünften als Schriftsteller leben werde. Nicht bekannt gegeben wurde, daß der Reichskanzler feineswegs verzichtet auf die rund 200 000 Mark, die als Aufwandsentschä= digungen und Dispositionsfonds im Etat des Reichskanzlers stehen. Dazu sind neuerdings 7200 Mark Reichstagsdiäten gekommen. Verschwiegen wurde, daß Hitler auch gewaltige Einkünfte als Zeitungsverleger bezieht, daß er ein Gut in Oberbayern besitzt und ähnliche Eintommensquellen mehr. Was für ein Geschrei würde erhoben worden sein, wenn etwa Hermann Müller oder Stresemann oder Brüning als Reichskanzler ein Zeitungsgeschäft betrieben haben würden. Jeder würde mit Fingern auf sie gezeigt haben, daß die Position als ReichsKanzler sich in Profit für den Zeitungsverlag auswirken müsse.
Wie steht es mit Hitlers Schriftstellerei? Der arme Schriftsteller, Reichskanzler geworden, brauchte feine 3eile mehr zuschreiben sondern es genügte für ihn, die Tantiemen der Neuauflagen seines längst erschienenen Buches Mein Kampf " regelmäßig einzufassieren.
Wie man weiß, haben sämtliche Schülerbibliotheken, alle Reichswehrstellen usw. das Buch anschaffen müssen, auch auf die Beamten wird gedrückt, wehe dem Beamten, der überführt wird, das Buch nicht auf seinem Amtstisch oder daheim Ignotus: liegen zu haben. So kann denn der Verlag zum 2. Oktober das Erscheinen des Einmillionsten Exemplars ankündigen.
Von dieser Million entfallen weit mehr als die Hälfte der angegebenen Exemplare, wahrscheinlich 700 000 bis 800 000 auf die acht Monate Hitlerscher Reichskanzlerschaft. Es sind also im Wege der berühmten Freiwilligkeit", mit der das dritte Reich" von seinen Untertanen alles Gewünschte erpreßt, in jedem Monat zirka 100 000 Stück abgesetzt worden. Nun wissen wir zwar nicht, wieviel der Schriftsteller Hitler vom Eremplar erhält, aber so ganz wenig kann das nicht sein, denn dem allmächtigen Diktator wird der Verlag Ehr schon etwas andere Bedingungen machen als etwa einem Lyriker vom Münchener Schwabing . Rechnen wir jedoch einmal 50 Pfg. Autorenhonorar pro Exemplar( was wahrscheinlich weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibt), so ergibt selbst nur diese Annahme bei einem monatlichen Verkauf von 100 000 Exemplaren 50 000 Mart in einem einzigen Monat, d. h. mehr, als das ganze Jahresgehalt des Reichskanzlers beträgt.
An den bisher verkauften Millionen Exemplaren muß Hitler bereits ein schwerreicher Mann geworden sein. Nun kündet der Verlag noch fremdsprachige Ausgaben für das Ausland an- Feindbund" geld riecht nicht!- das wird, wenn auch nicht soviel, noch Dollars, Pfunde und andere Valuten in die Kasse dieses verschämten Armen bringen.
Mit zwölffa che m Reichskanzlergehalt aus Tantiemenda ließ sich leicht die Komödie des Verzichts auf das ein= fache Gehalt durchführen. Aber die alten Weiber beiderlei Geschlechtes in Deutschland heulen vor Rührung über den spartanisch armen Reichskanzler.
, den 10. Oktober 1933.
Das Büro der Abrüstungskonferenz ist am Montag in Genf zusammengetreten. Die Sigung brachte im wesentlichen einen Bericht Hendersons. Allgemein ist die Ueberzeugung, daß die Konferenz sehr schweren Belastun= gen entgegengeht. Man rechnet damit, daß in dieser und der kommenden Woche nur wenig öffentliche Sizungen sein werden, damit Gelegenheit bleibt, über die Hauptschwierigfeiten unmittelbar zwischen den Vertretern der großen Mächte zu verhandeln.
Die Zeichen für die deutsche Politik stehen schlecht. Nicht Fur Frankreich, sondern auch alle kleineren europäischen Staaten sind beunruhigt. Man starrt geängstigt auf die gewaltige moralische Aufrüstung Deutschlands und verweist außerdem auf die technischen Vorbereitungen, die unter anderem deutlich daraus zu ersehen sind, daß Deutschland bei sonst sehr geschrumpfter Einfuhr nur die für Rüstungszwecke notwendigen Rohstoffe in sehr gesteigerten Mengen einführt. Alle diese sich bedroht fühlenden Völker verweisen darauf, daß die in Deutschland herrschende alldeutsche und milis tariftische Ideologie zu einer expansiven Außenpolitik führen müsse. Mussolinis Vermittlerrolle hält man für gescheitert. Man ist allerdings überzeugt, daß direkte Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland in Gang kommen werden und fich auch fleine Zugeständnisse an Deutschlands Standpunft erwirken lassen. Aber man bezweifelt, daß die französische Regierung so weit gehen kann, wie es die deutsche Reichsregierung verlangen muß, wenn sie einigermaßen vor ihren Wehrverbänden, um deren Schicksal ja mitgewürfelt wird, bestehen will.
Die Ankunft des britischen Außenministers Simon wird am Dienstag oder am Mittwoch erwartet. Er bringt die Ergebnisse des britischen Kabinettsrat vom Montag mit, die hier als ein letztes Wort Englands betrachtet werden. Die englische Politif will verhindern, daß Deutschland , wenn es zum Zusammenbruch der Konferenz kommen sollte, die Verantwortung dafür andern Mächten zuschieben kann.
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Krieg oder Frieden?
Es wäre unnütz und gefährlich, den ganzen Ernst der gegenwärtigen Lage zu verschweigen: wir stehen mitten drin in einer außenpolitischen Krise, die ihrer Schärfe nach, nur mit der Krise von 1914 verglichen werden kann. Die Welt steht vor der Frage: Krieg oder Frieden? Noch ist die Entscheidung nicht gefallen, noch sind die Versuche, das Fürchterlichste zu verhüten, nicht aufgegeben. Wir nähern uns aber dem kritischen Punkt, von welchem ab der Krieg für unvermeidlich gehalten wird. Und dann gibt es -wie alle geschichtlichen Erfahrungen lehren keinen Halt mehr. Noch ist man vielleicht! nicht so weit, die Entwicklung in der Richtung zu jenem gefährlichen Punkt vollzog sich aber in den letzten Tagen in Riesenschritten.
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Am 6. Oktober wurde in London und Rom die deutsche Antwort auf die französisch- englisch- amerikanischen Borschläge oder, wie es in diplomatischer Sprache heißt,„ Anregungen" mitgeteilt. Und diese Antwort war inhalt lich gleichviel in welcher Form und in welchem Ton es ges schah- eine schroffe Ablehnung. Das ist selbst an sich eine außerordentlich wichtige Tatsache, ihre ganze Tragweite wird aber erst klar, wenn man den Zusammenhang kennt, in dem die deutsche Mitteilung erfolgte.
Die deutsche Antwort wurde schon für einen früheren Termin in Aussicht gestellt, hat sich aber verzögert, so daß die schon angesagte Beratung des englischen Ministerrates vertagt werden mußte. Warum diese Verzögerung? Schwerlich läßt sich dafür eine andere Erklärung finden, als daß in Berlin um den Inhalt der deutschen Antwort ein heftiger Kampf ausgefochten wurde, der offenbar mit dem Sieg der unversöhnlichen Richtung endete. Dazwischen geschah aber folgendes: Am Donnerstag hat die Konferenz der englischen Konser. le pativen Partei in Birmingham einmütig eine Enttschließung angenommen, in der die Verteidigung des Bri கா tischen Reiches als unzureichend bezeichnet wurde. Diese Stellungnahme der Regierungspartei, die über die überwältigende Mehrheit im Parlament verfügt, hat naturgemäß einen höchst alarmierenden Eindruck gemacht. Faktisch haben die Konservativen eine Entschließung gegen die Abrüstung und für die Verstärkung der englischen Rüstungen angenommen, und der einzige Grund für diese Entschließung, der nicht ganz offen ausgesprochen war, konnte nur die Ueberzeugung sein, daß Deutschland aufrüſte.
Man erwägt noch, in welcher Form man Deutschland ein erleichterndes Angebot machen könnte, etwa in der Abfür zung der vierjährigen Probezeit und in der Möglichkeit, daß Frankreich schon während der Probeperiode eine gewisse quantitative Abrüstung durchführe und außerdem gewisse quantitative Abrüstung durchführe und außerdem schon jetzt erkläre, welche Abrüstungsmaßnahmen es nach Ablauf der Probezeit vornehmen werde.
In den Hauptdifferenzen aber läßt England keinen Zweifel darüber, daß die Konferenz auf die geistige Verfassung der Welt Rücksicht nehmen müsse. Die englische Politik berücksichtigt, daß die Ereignisse in Deutschland eine starke Wandlung in der englischen öffent: lichen Meinung zur Abrüstungsfrage verursacht haben. Tas Reuter- Büro bestätigt, daß die gesteigerte Beunruhigung der französischen Regierung und des französischen Voltes in Bezug auf Sicherheit bei der britischen Regierung beachtet worden ist und die drohende Rede Baldwins im Einverständnis mit dem britischen Kabinett erfolgt ist. England hofft, bei aller Berücksichtigung der widerstreitenden Elemente, daß der Vorschlag für eine vor herige Periode zur Herstellung von Vertrauen Annahme finden wird. Man glaubt auch, daß es möglich sein werde, ein Versprechen wesentlicher Abrüstung zu erreichen für den Fall, daß die Bewährungszeit gut funktioniert hat. Der bri tische Plan ist mit Frankreich , Italien , Deutschland , den Ver einigten Staaten , Polen , und anderen Staaten erörtert worden.
Zwischen England, den Vereinigten Staaten , Frankreich und Italien ist eine weitgehende Annäherung erfolgt. Ob Deutschland so weit entgegenkommen wird, wie es notwendig ist, steht sehr dahin. England und Italien geben sich zu Mühe, Frankreich und Deutschland einander au nähern. England ist entschlossen, nunmehr die Entscheidung herbei zuführen. Es würde sich einer Vertagung der Vollkonferenz aus einem Grunde wie immer widersetzen. Ebenso wird die britische Regierung der Umwandlung des Entwurfes einer Abrüstungskonvention in eine Rüstungskonvention nicht zu
stimmen.
Der Kampfgedanke der von uns schon kurz besprochenen Baldwinschen Rede in Birmingham war, daß der Erfolg der Abrüstungskonferenz das einzige Mittel ist, die Entwicklung zum neuen Krieg aufzuhalten, der nach seiner Ueberzeugung das Ende der Zivilisation bedeuten würde. Als„ unreif und kindisch"(„ erude and childist") hat er die Auffassung bezeichnet, daß sich England von Europa zurückziehen und abseits stehen bleiben könnte. Die technische Entwicklung hat das endgültig unmöglich gemacht. Und an einer anderen Stelle seiner Rede hat Baldwin erwähnt, daß in der Welt Befürchtung vorhanden ist, daß England nicht genug Rücksicht auf seine, von den in verschiedenen Abkommen in der Nachkriegszeit übernommenen Verpflichtungen genommen hat. Baldwin erklärt, daß England zum Vertrag von Locarno steht und daß namentlich jener Verpflichtung Belgien gegenüber für es heilig ist. Wir verstehen die ganze Bedeutung dieser Erklärun gen, wenn wir uns an die Vorwürfe erinnern, die gegen England nach dem Ausbruch des Weltkrieges gerichtet wurden. Hätte England, so sagte man, frühzeitig erklärt, daß es am Kriege gegen Deutschland teilnehmen wird, so wäre es überhaupt zu keinem Krieg gekommen. Nun hatjezt Baldwin das für England feierlich erklärt und durch die namentliche Erwäh nung von Belgien keinen Plag für eine andere Deutung feiner Rede gelassen. Seine Rede war die Antwort auf die deutschen „ Erwägungen" und eine Warnung an Deutschland , wie sie nicht eindringlicher sein könnte.
Die Lage ist zu ernst, um mit verschleierten Formeln zu arbeiten. Der Gegenstand des Streites muß offen und ein.