DAS BUNTE BLATT
NUMMER 103= 1. JAHRGANG TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE DONNERSTAG, DEN 19. OKTOBER 1933 polisdnotollinets
Mut
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Mut ist eine schöne Eigenschaft. Eine männliche EigenTchaft. Man seßt sie beim Manne als Selbstverständlichkeit voraus. So heißt es ja wohl. Aber es trifft nicht immer zu. Nicht immer. Manchmal ist die Angst vor der eigenen Courage größer als der Mut. Oder der Mut offenbart sich lezten Endes als ein einziges großes Maulaufreißen. Auch das mit der männlichen" Eigenschaft stimmt nicht mehr so ganz. Heutigentags nicht mehr. Wir wissen, daß das weibliche Geschlecht diese edle Eigenschaft auch für sich in Anspruch nehmen darf. Das braucht durch Beispiele nicht erst erhärtet zu werden. Vielleicht schnitte das stärkere Geschlecht nicht einmal gut dabei ab.
Mut steht heute sehr hoch im Kurs. Es wird wenigstens wieder sehr viel davon gesprochen. Gesprochen, wohlverstanden.
Die Mutigen, sind das nun immer nur die, von denen man gerade spricht? Sind es nicht vielmehr die Tausende, die Unbekannten? Sind es nicht alle, alle die Hoffnungslosen, die ohne Zukunft, die Alternden? Sind es nicht im Grunde genommen alle, auf die seit achtzehn Jahren ununterbrochen eine furchtbare Not hämmert? Unaushaltsam, ohne Lichtblick.
Wir müssen uns jeden Tag mit neuen Ratastrophen ab
straßauf und-ab ziehen? Und singen. Singen:„ Es geht
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schon wieder beffer"- und der Hunger frampft ihnen den Rufe aus dem Krieg
Magen zusammen. Ist das kein Mut? Eigentlich ein Widerspruch. Mutig sein bedeutet doch nichts andres, als keine Angst haben. Dabei schnürt die Angst gewiß so manchem dieser Armen die Kehle zu. Um so größer also dieser stille, bescheidene Mut.
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Aber wer spricht schon von diesen Mutigen? Man hat einfach die Pflicht, mit dem Schicksal zu kämpfen, eine moralische Selbstverständlichkeit so sagen die Satten, die Gesicherten. Ethik zu predigen, dazu gehört ein voller Magen, ein ruhiges Gemüt. Mit leerem Magen, mit zerquälter Seele einen furchtbaren Kampf um das nackte Leben aufzu= nehmen dazu gehört Seelengröße. Man braucht nicht zu fragen, was schwerer ist. Darum: Ehrfurcht vor diesen endLosen grauen Kolonnen des Elends. Unter dem grauen Himmel dieser grauen Tage ziehen sie immer wieder hinein in diese unaufhörliche brutale Schlacht, die wir widerspruchsvoll genug Leben nennen. Es achtet keiner mehr auf den andern. Wer stolpert, fällt.
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Eigenes Unglück macht uns gefühllos. Wer spricht von dem Mut dieser stillen, zähen Kämpfer, die ruhig und unbemerkt die harte Pflicht des Kämpfens auf sich nehmen? Viel stiller und bescheidener als die Zufriedenen und Satten, die mit so lauter Stimme ihre Moral verkünden.
Artur Hein.
finden. Mit großen, mit kleinen. Mit öffentlichen, mit Lachen nicht verfernen
privaten. Es läßt uns kaum aufatmen, das Schicksal. Es macht uns stumpf, gefühllos, mitleidarm. Diese Notzeit, dieser Lebenskampf, furchtbar und erbarmungslos wie noch nie, legt uns eine Pflicht auf: den Kopf oben zu behalten. Eine harte Pflicht. Eine nette Redensart! Behalte einer mal den Kopf hoch mit dieser Angst im Herzen, mit dieser großen unbestimmten Angst vor dem Morgen, dem Uebermorgen.
Und doch wird immer und immer wieder von uns gefordert: Mut, Hoffnung! Wie viele lebten( wenn man es leben nennen konnte) nun schon seit Jahren von der Hoffnung? Bis sie erkennen mußten, daß es, genau genommen, nichts andres war als Selbstbetrug. Nur ein Hinauszögern, eine verlängerte Qual.
Biele allerdings gaben es auf. Sie zogen die letzte, die bitterste Konsequenz. Sie gingen aus dem Leben, das kein Leben mehr für sie war. Das waren die Schwachen, die Zaghaften, die Zerbrechlichen.
Aber die andern, die Robusten, die nahmen den Kampf auf, diesen furchtbaren, oft so aussichtslosen Kampf. Vielleicht ohne Hoffnung aber mit Mut. Bestimmt mit Mut. Gehört nicht etwa ein großer, ein starker Mut dazu, diesen Kampf zu führen? Der fleine Angestellte, der unverdrossen feiner Arbeit nachgeht, mit bleicher, banger Furcht im Herzen, jeden Ultimo seine Stellung zu verlieren- ist er nicht mutig? Ist das kein Mut, sein kleines Geschäft zu betreiben, unentwegt, trop den erdrückenden Steuerlasten und der verzweifelten Wirtschaftslage? Ist er nicht hoch zu bewerten, der Mut der Hausfrau, dieser Mut, mit dem sie jeden Tag den Haushalt bestreitet, trotz Abbau und Teuerung? Und der stille, anspruchslose Heldenmut aller der nach Arbeit Fragenden? Die fich immer wieder bemühen, zäh und verbissen.
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Und alle die Alten, Gebrechlichen, Kranken, sie alle, die den letzten Kampf führen wer spricht von ihnen? Sie alle fonnten eigentlich das Leben von sich werfen; sie sind ja ohne Hoffnung. Trotzdem sie haben noch Mut und ertragen dieses Leben.
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Da stehen sie in den Höfen, auf den Straßen und singen. Noch nie ist in Deutschland so viel gesungen worden. Freilich, sie singen nicht aus Uebermut, jene Armen. Man fragt fich oft, wie mag es wohl im Herzen dieser Menschen aussehen, die da in abgerissener Kleidung, bei Wind und Wetter,
Fontamara
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Der Held schrieb an verschiedene Adressen nach Rom und erhielt die Nachricht, daß Bedarf an Erdarbeitern vorhanden sei. Dafür bekam man zehn Lire im Tag.
" Behn Lire sind nicht viel," sagte Berardo zu mir,„ aber das wird der Durchschnittslohn sein. Wenn man mehr als die andern schafft, wird man auch mehr verdienen. Was die Ausgaben angeht, will ich den Gürtel schon aufs letzte Loch ziehen."
Berardo bat mich um 100 Lire zur Abreise und ich lieh sie ihm unter der Bedingung, meinem Sohn dafür mitzunehmen. Berardo willigte ein und bekam auch noch weitere 50 Lire von Elvira.
Am Abend vor der Abreise suchte ich ihn, um ihm wegen meines Sohnes noch einiges zu sagen und fand ihn wie gewöhnlich in der Färberei, neben Elvira, die auf dem Stroh lag.
Ich möchte nicht, daß mein Sohn länger als zehn Stunden am Tag schwere Arbeit tut," begann ich Berardo zu erklären. „ Ich möchte nicht, daß er in einem Gasthof logiert, wo schlechte Weiber ein- und ausgehen..." Hier mußte ich unterbrechen, weil Raffaele Scarpone eintrat. Er war von anderen Leuten begleitet, die vor dem Hause warteten.
Noch unter der Tür rief Scarpone zu Berardo hinüber: " In Sulmona ist die Revolution ausgebrochen."
" Was für eine Revolution?" fragte Berardo.
Wieso, was für eine Revolution...?"
Die Revolution der unsern?"
Im Wechsel der Zeit
Sie wissen nicht den Vornamen Ihrer Frau?" Der Ehemann schüttelt den Kopf:
" Dreißig Jahre sind wir verheiratet. Die ersten zehn Jahre nannte ich sie Schäßchen und Liebste, die nächsten zehn Jahre rief ich sie Frau oder Mutter und die letzten zehn Jahre nenne ich sie nur Alte, Ihren richtigen Rufnamen habe ich dabei völlig vergessen." ( Neue J. 3.")
Ein guter Mensch
Der unbekannte Dichter ging mit zehn dicken Dramen zum bekannten Verleger.
Der Verleger gab sie nach Einblick zurück. Ich bin ein guter Mensch," sagte er. " Wieso?"
D23
( Neue J. 3.")
" Ich nehme prinzipiell von meinen Mitmenschen niemals das Schlechteste an." Lebenswende
Ja, Kinder, ich habe Philosophie studiert. Aber dann ging ich zum Kabarett, als ich entdeckte, daß ich die Leute zum Lachen bringen konnte."
„ Ach, das war wohl beim Examen?"
So oder so
" Ich weiß, daß ich mir was antue, wenn ich die Else nicht bekomme." Aber, lieber Freund, weißt du denn auch, was du dir antust, wenn du sie bekommst?" ( Fliegende und Meggendorfer Blätter ")
"
Der Ordnung halber
" Mutti, Mutti, wir müssen Vati wecken!" Aber warum denn?"
" Er hat sein Schlafpulver nicht eingenommen!"
Das verwechselte Frühstück
( Buen Humor")
Der zerstreute Professor gab Biologie und sagte:„ Wir wollen heute das bekannte Frosch- Experiment machen. Ich habe zu diesem Zweck einen toten Frosch mitgebracht!" Er greift in die Tasche, holt ein kleines Päckchen hervor und öffnet es. Heraus rollt ein Brötchen. " Nanu," sagt der Professor verdußt, ich erinnere mich doch genau, mein Frühstück schon gegessen zu haben!"
Leicht übertrieben
(„ Tit- Bits")
" Der Atlantik? Herrlich, sage ich dir. Ueber den bin ich so ost gefahren, daß ich beinahe jede Welle kenne..." ( Kasper")
" In Sulmona haben sich die Cafoni erhoben," erklärte Scarpone mit ernster Stimme.
„ Wer hat dir das gesagt?" fragte ihn Berardo. " Baldissera."
Und wer hat es Baldiffera gesagt?"
" Das ist sein Geheimnis," erwiderte Scarpone. " Dann ist es erlogen," schloß Berardo.
Scarpone trat auf die Straße und bat Venerdi Santo , der auch draußen geblieben war, den Schuster zu holen. Während des Wartens fiel kein Wort.
Baldissera ließ sich lange bitten und dann erschien er und gab uns folgenden Bericht:
„ Ich bin heute in der Hauptstadt gewesen, um Leder zu kaufen. Auf dem Plazz begegnete mir Donna Zizzola, die aus der Kirche kam. Wie ihr wißt, war ich als Junge im Hause ihrer Eltern; daher sind wir noch besser bekannt und bleiben immer beieinander stehen, wenn wir uns begegnen.„ San Antonio schickt dich," sagte diesmal die Frau des Don Carlo Magna mit leiser Stimme. Komm einen Augenblick zu mir, ich will dir etwas sagen." Gehorsam, aber ohne etwas zu ahnen, ging ich gleich nach meinem Einkauf zu ihr.„ Weißt du schon die große Neuigkeit?" fragte sie mich beim Oeffnen der Türe. In Sulmona ist die Revolution... Alle Carabinieri von hier und aus der Umgebung sind hingeschickt binieri von hier und aus der Umgebung sind hingeschickt worden"... Nach Donnas Zizzolas Erzählung scheint es auch in Sulmona eine Art Impresario gegeben zu haben, der alle ins Elend brachte. Die Revolution hat vor drei Tagen auf dem Marktplatz begonnen und geht noch weiter. Ist vielleicht auch die Stunde der Vergeltung für unsere Briganten gekommen?" fragte dann Donna Zizzola und meinte damit wohl unsern Impresario... Darauf habe ich ihr keine Antwort gegeben. Dann raunte sie mir ins Ohr:„ Seit zwei Monaten habe ich Tag und Nacht zwei Kerzen vor San Antonio brennen, damit er ihm ein Unheil schicke. Aber das Un
Wir stehen in den Straßen mit stumpfem Gesicht. Unsere Augen weinen nach innen.
Wer stahl uns das strahlendlebendige Licht? Wißt ihr das nicht???
Man hat uns geleimt wie ein Möbelstück, Nun finden wir nicht mehr ins Leben zurüc Mit halbverloschenen Sinnen. Verstümmelte Glieder schrein nach Gericht. Hört ihr das nicht???
In unseren Lungen, die längst nicht mehr ganz g Da kreist der Bazillen graufiger Tanz,
Da frißt die Tuberkulose.
Welch trostlose Sprache das Leben uns spricht,
Fühlt ihr das nicht???
Der Lärm des Krieges ist kaum vorbel, Der tausendstimmige Jammerschrei, Die berauschende Blutnarkose
Beginnt wieder die Arbeit, Schicht um Schicht. Merkt ihr das nicht???
Die Internationale der Kriegsindustrie, Krupp, Schneider und Viders und Compagnie, Nicht zuletzt die J. G. Farben
Den neusten modernften Tod euch verspricht. Freut euch das nicht???
Hyänen des Kriegs, fehn fie nur den Profit, Was fümmert sie's, was eine Mutter je litt? Was fümmert es sie, daß wir starben? Ihr aber, Proleten tut eure Pflicht!!! Kennt ihr die nicht???
Tod eines berühmten Hirtenmäddfiens
In Myra bei Själaved in Nordschweden ist dieser Tage Sara Erikson gestorben, die, ohne eine Jungfrau von Orleans zu sein, sich doch als Hirtenmädchen wegen ihres Mutes in ganz Schweden einen großen Namen gemacht hatte, weil sie bei einem großen Waldbrand im Jahre 1890 durch thre Tapferkeit und Umsicht der ihr anvertrauten Rinderherde das Leben rettete. Das Mädchen hütete mit andern Hirtinnen eine große Herde von Kühen und Ochsen, als ein Waldbrand ihr den Heimweg zum Gehöft versperrte. Die andern Mädchen brachten sich in Sicherheit, ohne sich um die Rettung der Herde zu kümmern. Sara Erikson trieb die Tiere zunächst in einen zur Tränke best ten Teich, führte sie dann mit triefend nassem Fell du den erst teilweise vom Brand betroffenen Wald, wobei sie selbst sich am Kopf und Füßen Verwundungen zuzog, bis zu einem fleinen See, in den fich die verängstigten Tiere stürzten. Das Mädchen tonnte nicht schwimmen, hielt sich aber an einem der Ochsen fest und gelangte so auf das andre Ufer, von wo aus fie, nun den brennenden Wald im Rücken, die Herde in das Dorf zurücktrieb. Dort hatte man sie und das Vieh schon für verIrren gehalten.
Der deutsɗfie Hundeadef
Ueber die in Leipzig abgehaltene Rassenhunde- Ausstellung schreibt die Weser- Zeitung" ein rührendes Feuilleton. Da heißt es u. a.:„ Wer sind Rolf v. Heiligen Born, Siegbert vom Heidelstein, Artus von der Schnepfehardt, Aster von der Elmburg? Es sind dies nicht adelige Personen, wie man den klingenden Namen nach vermuten könnte, es sind vielmehr die Namen raffiger Hunde, die in das dieser Tage erschei nende Stammbu ch deutsche Rassehunde für das Jahr 1938 aufgenommen find. Wer weiß, daß es einen deutschen Hundeadel gibt, der streng gehütet und gepflegt wird?" Mit anderen Worten: Heil dem nordischen Rassenhund!
heil kommt noch nicht." Da ich weiter schwieg, begann sie offen mit mir zu sprechen:„ Jezt ist der Augenblick zum Handeln da... Die Carabinieri sind fort nach Sulmona ... Die Unzufriedenheit mit dem Impresario ist allgemein. Man wartet nur auf ein Zeichen... Nur die Fontamaresen fön nen es geben. Als ich dich oben vor der Kirche traf, wußte ich sofort, den hat San Antonio gesandt." Ich erklärte ihr, daß ich nur um Leder in die Stadt gekommen set. Aber Donna Bizzola dachte an etwas anderes.„ Es ist San Antonio selbst, der dich geschickt hat," erklärte sie mir. Als ich heute morgen mein gewöhnliches Gebet sprach, hat mir der Heilige Folgen des eingegeben: Ich kann nichts für dich tun, nur die Fonta maresen können diesem Räuber die verdiente Lektion geben.. und beim Verlassen der Kirche habe ich dich dann getroffen." Die Frau des Don Carlo Magna hatte dem alten Schuster durchblicken lassen, daß die Fontamaresen, wenn sie Petro leum oder Waffen durch eine Vertrauensperson beziehen wollten, es schon bekommen würden..
Nachdem Baldissera geendet hatte, sagte Raffaele Scar pone hastig zu Berardo:„ Was hälst du davon?"
„ Und du, was meinst du?" fragte Berardo schnell zurück. „ Ehe wir herkamen, haben sich Luigi della Croce, Antonio Spaventa, Venerdi Santo , Gasparone , Antonio Zappa und ich zusammengetan... Sie stehen vor der Tür. Auch in ihrem Namen sage ich dir, daß wir dem Beispiel von Sul mona folgen müssen und daß wir Niemandes Hilfe ausschlagen dürfen," antwortete Raffaele. Er hatte schon einen Plan für einen nächtlichen Angriff auf die Kreisstadt fertig, der mit Zerstörung der verschiedenen Gebäude des Impre sario begann.
„ Und warum das alles?" wandte Berardo ein. Das war so dumm, daß wir uns alle erstaunt ansahen. " Und warum das alles?" wiederholte Berardo gelassen.
( Fortsetzung folgt.)