Fretheil

Nummer 119-1. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Chefredakteur: M. Braun Saarbrücken, Mittwoch, den 8. November 1933

Aus dem Inhalt

Russischer Protest gegen Göcing

Seite 2

Reichstagsprozeß

Seite 3

Jeuce Heimat...

Seite 4

HoV od ob

Sozialistischer Sieg in Genf

Seite 5

Deutscher Jungenbrief

Seite 8

Blutrichter und Reichsrichter

Mörder und Polizeipräsident als Zeuge Toftgel zu vermeten effe feine floo

Zeuge Edmund Heines

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D.F. Am Montag hat Polizeipräsident Edmund Heines bor dem Reichsgericht auf seinen Eid genommen, daß er mit dem Reichstagsbrand nichts zu tur hat. Wieder eine Lüge des Braunbuches" zusammengebrochen heißt es erfährt das deutsche Publikum, daß die bösen und gewiß nicht immer ganz vorsichtigen verfertiger des Braunbuches" keines­wegs aus eigenem Wissen den Ehrenmann Heines ver= dächtigen. Das Braunbuch" nennt als Gewährsleute Dr. Oberfohren und Dr. Be II. Beide sind leider tot und, mie man weiß, nicht gerade an Altersschwäche oder an­fteckenden Krankheiten gestorben. Der eine ist aus Ver­zweiflung über den Regierungssumpf von hinnen ge­gangen. Der andre ist von Gesinnungsfreunden des Herrn Heines ermordet worden. Das erleichtert Herrn Heines das Alibi und erspart ihm Fragen, die sich nicht gerade auf die legten Tage und Stunden seines Alibis bezogen haben

mürben.

Edmund Heines hat den Senat des Reichsgerichts so be­handelt, wie dieser es verdient. Der SA - Gruppenführer bat den Herrn Reichsrichtern die allerhöchste Unzufrieden heit der SA. und der SS. ausgesprochen und ihnen ge­droht, daß die SA. und die SS. dieses langweilige juri tische Verfahren eines Tages beschleunigen werde, wenn die Angeklagten nicht bald am Galgen enden. Herr Präsi­dent Bünger hat begriffen und sich damit entschuldigt, daß auch in Deutschland das Gesicht der Justiz noch gewahrt werden müsse. Ob die durch Herrn Heines vertretene SA. diese zivilistische Entschuldigung gelten lassen wird, steht dahin. Heines und die SA. wissen nun, daß sie diesem Ge­richtshof alles bieten können, wenn ein Zeuge sich die brohende Unverschämtheit ohne Rüge erlauben durfte. Polizeipräsident Heines hat geschworen. Niemand im Saale hat gefragt, was der Eid dieses verwilderten Men­schen wert ist. Moralisieren wir nicht. Schildern wir ohne Saß diesen Landsknecht wie er ist.

Als er im Jahre 1930 auf dem Reichswahlvorschlag der NSDAP . ein MdR. wurde, schrieb er sich in das Reichs­tagshandbuch so ein:

Heines Edmund; Leutnant a. D., stellv. Gauleiter, Stu­dent der Rechte. Geboren am 21. Juli 1897 zu München ; evangelisch. Besuchte Gymnasium, Realgymnasium, Abi­tur. 1914 als Kriegsfreiwilliger ins Feld, 1915 verwun det, 1918 zum Offizier befördert. Nach dem Krieg im Frei­forps Roßbach( Oberschlesien ); in den Stettiner Feme­mordprozeß verwickelt.

Da hat man diesen Mann: abgebrochenes Gymnasial Studium mit Notexamen, Krieg und Bürgerkrieg, Leut. nant, ein paar Semester Jus ohne jeden Nachweis irgend welcher erworbenen Kenntnisse. Nun ist er Bolizeipräsi dent in einer der größten Städte des Reichs, in Breslau . " In den Stettiner Fememordprozeß verwickelt." Diefe unklare Formulierung charakterisiert den Menschen: er steht nicht zu seinen Taten. Er war nämlich nicht nur in den Fememordprozeß verwickelt". Er wurde in dem Pro deß als einer der verrohtesten Fememörder der Nachkriegs­zeit verurteilt.

Polizei zu verraten, also feine staatsbürgerliche Pflicht zu tun. Wie sich später herausstellte, entbehrte zudem das vage Gerücht jeder Grundlage. Heines verhaftete" den Unglücklichen, verschleppte und mißhandelte das Opfer in Kreise der Spießgesellen der Art der jezigen SA. und im Dunkel der Nacht, im Kreise der Spießgesellenaber lassen wir das Gerichts­protokoll sprechen: Seines preßte dem Schmidt bie Pistole ins Gesicht und drückte zweimal

los"

Der feige Erschossene verröchelte. Der ritterliche Leut­nant Heines ließ den Leichnam notdürftig vergraben und - log überall, er sei bei der Untat nicht beteiligt gewesen. Dennoch wurde er in den Stettiner Fememordprozeß verwickelt", wie er sich bescheiden ausdrückt. Dort wurde ihm die sinnlose Mordtat nachgewiesen. Der Staatsanwalt beantragte Todesstrafe. Die Vorläufer der heutigen Nazi­richter verhängten fünf Jahre Gefängnis. Nach kaum anderthalb Jahren wurde er freigelassen. Aus der NSDAP wurde er wegen homosexueller Handlungen ausgeschlossen. Wie man jagt, durch Herrn Hiller persön

lich. Das war damals, als Röhm noch nicht seine über­ragende Stellung hatte, möglich. Bald aber wurde Heines wieder in die Partei der rauhen Kämpfer aufgenommen. zum Lernen kam er nicht mehr. Vom Jusstudenten erster Semester avancierte er sofort zum Barlamentarier und von da zum Polizeipräsidenten.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erließ der Herr Mörder eine Kundgebung, in der es heißt:

Ich bin der alte geblieben, als derich Euch damals verließ. Mein Haß loht gleich tief im Innern gegen alle meine Gegner." Das war ehrlich, und er hat das Wort gehalten. Die SA. und die SS. wissen es und die marristischen Gefangenen, die in seine rohen Hände fielen, können es bezeugen.

Das Reichsgericht weiß von alledem nichts. Die Ver­teidiger der Angeklagten, auch der Fememordspezialist Dr. Sack, haben zur Qualität des Zeugen Heines nichts zu sagen. Er schwört und geht sporenklirrend von dannen. Immerhin ist anzuerkennen, daß ihn der Senat des Reichsgerichts noch nicht durch Erheben und durch den Faschistengruß geehrt hat. Daß aber die Herren Reichs­richter die Autorität des Rechtsstudenten a. D. Edmund Heines in Fragen der Prozeßführung willig anerkann ten, zeigt erfreulicherweise an, wie sehr wir in Deutsch­ land über das abstrakte Recht hinausgewachsen sind, und, wie Heines Protektor Göring sich ausdrückte, blutvolles" Recht die deutsche Justiz beseelt.

In blutvoller Justiz aber ist Edmund Heines den Reichsrichtern überlegen, weil sie nur Todesurteile ver hängten, während Edmund Heines sie auch mit eigenen Händen vollstreckt.

D'e reglerenden Knoten

In der Basler National- Zeitung"( Nr. 315) schreibt Salander:

Schuft

B

und Verräter"

Te malds W

Am Ende dieser Woche steht der entscheidende Wahltag! Nuze jeder diese Zeit, um das große Neue, das über unser Ehre des einzelnen steht im größeren Verband und ist zu­Volk gekommen ist, auch bis ins Letzte zu erspüren! Die letzt die Ehre eines geeinten Volkes. Wer es am kommen den Sonntag fertigbringt, dem Führer das Ja zu vers weigern, ist ein Schuft und Verräter, der nicht mehr ver­dient, ein Deutscher zu heißen. Willst du, Volksgenosse, diese Schmach ein Leben lang tragen?-

" Westdeutscher Beobachter", 6. November.

Zum 12. November!

Die Parole bleibt

1. Beim Boltsentscheid mit Nein" an stimmen.

2. Zur Reichstagswahl ist der Stimmzettel ungültig zu machen.

Es ist damit zu rechnen, daß unter dem ungeheuren Terror der SA., S.. und des sonstigen staatlichen Macht- Apparates eine riesige Wahlbeteiligung erzwungen wird. Eine Nicht­beteiligung wird schon jetzt als Staatsfeindschaft erklärt und entsprechend geahndet werden. Nichtbeteiligung zu emp fehlen, würde bedeuten, Unmögliches zu verlangen. Das veröffentlichte Wahlergebnis hat mit der Wahrheit nichts zu tun und wird zu inner- und außenpolitischen Zwecken frisiert werden.

Trotzdem die Wahl ein Betrug und eine Komödie ist, glauben wir, bei Abwägung aller Faktoren unseren An­hängern und allen freiheitlich gesonnenen Volksgenossen die Befolgung der oben mitgeteilten Wahl. Parolen empfehlen zu sollen.

Die Zeugenaussage Görings war nichts anderes als eine leidenschaftliche Agitationsrede, ein Plädoyer, in dem das ganze, zweifelhafte Material an Vorwürfen ohne Sichtung wiederholt wurde. Dabei trat eine Feindseligkeit und Net Bewußte Irreführung gung zu persönlicher Verunglimpfung des politischen Geg

Seines ist alter Roßbacher. Das sagt alles. Es gab feit dem Jahre 1920 keinen politischen Mord in Deutschland , dessen Täter nicht aus der blutigen Sphäre der Roßbacherners zutage, wie sie feinem Zeugen sonst durchgelassen würde. kamen. Von dem Freikorpsführer" Roßbach und seinen vielen Heines könnte man wie Cicero von Catilina sagen:

" Kann man einen Giftmischer, einen Gladiator, einen Räuber, einen Messerhelden finden, der sich nicht des Verkehrs mit Catilina rühmte? Welcher Mord in den lezten Jahren wäre ohne ihn begangen worden?" Rollkommandos" Roßbachs erledigten ohne Unter­suchung und ohne Verfahren irgendwelche Leute, die auf Gerede hin als Verräter" galten. Man machte sie betrun ken, verschleppte sie in den Wald, hieb sie mit Holzscheiten nieder, gab ihnen den Gnadenschuß, verscharrte sie.

Dort erhielt Edmund Heines seine Vorbildung als SA. Führer und Polizeipräsident. An Stelle nicht bestandene juristischer Examina kann er die praktische Befähigung dum Henker nachweisen.

Im Jahre 1920 erfuhr er, daß ein Landarbeiter Schmidi " beabsichtigte" einen Waffentransport an die preußische

Die Aussage wirkte denn auch froß der Vereidigung keines­wegs als unparteiische, vornehm sachliche Aufklärung, son­dern als unbeherrschter und einseitiger Verteidigun Am peinlichsten und unerquicklichsten waren die eindeutigen Beschimpfungen wie Bluthunde"," Mordbanditen" und o billige Hohn auf die unterlegenen Gegner.

Diefe Schimpfgewohnheiten machen auf uns Außenstehende den Eindruck einer Haltlosigkeit und gefühlsmäßigen Un­

ausgeglichenheit. Auch der Reichskanzler hat es in den Reden der letzten Wochen nicht unter seiner Würde- gehalten die bedauernswerten Emigranten samt und sonders als Ha= ( unfen, Spizbuben und Schwerverbrecher zu bezeichnen, Leute, von denen jeder von uns einzelne als bedeutende, hochanständige und gebildete Menschen und als schwer geprüfte Opfer einer unverschuldeten Schicksalswende kennt und schäßt. Die Worte des Kanzlers haben durch diese maßlosen Aeußerungen bei uns an Glaubwürdigkeit nicht gewonnen, denn es gibt faum eine weniger ansprechende Haltung als die Beschimpfung der eigenen Opfer.

Eine amtliche Veröffentlichung der Reichsregierung teilt triumphierend mit, daß außer dem Reichswahlvorschlag der NSDAP keine weitere Liste eingereicht worden ist. Die Wahl werde sich also zu einer gewaltigen Kundgebung des gesamten Volkswillen gestalten. Ist das schon eine in jeder Beziehung unberechtigte Schlußfolgerung, so ist eine weitere Bemerkung eine bewußte Irreführung der öffentlichen Meinung. So wird gesagt:

Von keiner Seite ist jedoch der Versuch unternommen worden die Einheitsfront des deutschen Volkes zu durchbrechen und eine Gegenliste aufzustellen."

Von einer Einheitsfront des deutschen Volkes kann gar keine Rede sein. Durch Terror und Gewalt läßt sich zwar jede andere Meinung als die des herrschenden Regimes unter­drücken Niemals aber wird dadurch eine Einheitsfront des Volkes hergestellt. Durch Gesez vom 14. Juli ist die Neugründung von politischen Parteten bei Zuchthausstrafe verboten. Mit drakonischen Strafen wird jede Suwider