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Freiheil

Nummer 130-1. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Dienstag, 21. November 1933 Chefredakteur: M. Braun

Mittwoch, 22. November,

ist im Saargebiet gesetzlicher Feiertag( Buẞtag). Es dürfen an diesem Tage keine Zeitungen ge­druckt werden. Wir bitten, davon Kenntnis zu nehmen.

Alle Deutschen uniformiert!

Kein Scherz, sondern neuester Plan der Deutschen Arbeitsfront "

Salbamtlich wird angekündigt, daß am 27. November ein neuer großer Schritt zur Vereinheitlichung des deutschen Boltslebens erfolgen wird. Alle Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront ", also alle irgendwie erwerbstätigen Deutschen lowohl Unternehmer wie Arbeiter werden verpflichtet, ein einheitliches Festgewand zu tragen. Es sollen schwarze Anzüge mit aufgeftidten Hakenkreuzen sein.

Diese Uniform aller Deutschen ist nur der äußere Aus­druck der geplanten geistigen Uniformierung. Es handelt sich um nichts geringeres, als um den Versuch, die großen Bolts: maffen um die freie Verfügung über ihre Freizeit zu brin gen. Das geschieht unter dem Vorwand, es gehe darum, dem deutschen Arbeitsmenschen in der Freizeit alles das zur Berfügung zu stellen, was zur Erholung, zur Belehrung und Entspannung dient, Das faschistische Italien , in dem ähnliche Versuche mißglückten, soll durch einen gewaltigen Organisationsappart weit übertrumpft werden. Die Finan= zierung soll durch die großen Wirtschaftsorganisationen, also im wesentlichen durch die Beiträge der Arbeiter, Angestell­ten und Beamten erfolgen.

neren Kreise privat zum Gedankenaustausch zusammen zufinden.

Die Freizeit soll von nationalsozialistischen Veranstaltun gen ausgefüllt werden: Versammlungen, Vorträgen, Kon­zerten, Theater, Sonntagsmärschen und ähnlichem. Angeblich wird Zwang nicht ausgeübt, aber es ist schon ein genaues Kontrollsystem ausgearbeitet. Jede Beteiligung und

jedes Fehlen wird vermerkt, je nachdem erwarten Vorteile

oder Nachteile den Kontrollierten.

Der neueste Plan gilt zugleich als ein Schlag gegen die mehr und mehr vordringende illegale Arbeit. Da nach der Berwirklichung dieser gewaltigen Feierabendpläne an den allermeisten Tagen des Jahres buchstäblich nur noch wenige Nachtstunden zur freien Verfügung jedes Volksgenossen bleiben, hofft man, alle Anfäße freier politischer Regungen zu zerstören.

Ein halbamtlicher Kommentar schließt:

Im nationalsozialistischen Deutschland soll ein Bolt leben, das seinem Führer und seinem Staate bient, weil es weiß, daß Führer und Staat teine höhere Pflicht tennen, als für die Nation zu arbeiten und der Nation die Wege zur Freiheit und zum Glüd au bahnen."

Abwärts!

Die Reichspost widerlegt die amtlichen Lügen­berichte über die Siege in der ,, Arbeitsschlacht"

Die Reichs post meldet: In dem Vierteljahr Juli bis September zeigte sich in einzelnen Betriebszweigen eine Verkehrssteigerung gegenüber dem 1. Vierteljahr, doch wurden die Verkehrszahlen des Vorjahres - von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht ganz erreicht. Auf allen Gebieten des Posts und Fernmeldewesens fonnten im In- und Auslandsverkehr wieder zahlreiche Verkehrs- und Betriebsverbesserungen durchgeführt werden. Die Gesamteinnahmen betrugen im Berichtsvierteljahr rund 407, die Ausgaben rund 409 Millionen Mart.

dritten Vierteljahr noch hinter dem des Jahres 1932 zurüd­Aus diesen Zahlen geht hervor, daß der Postverkehr im schaft noch immer abwärts gleitet. geblieben ist. Das ist der Klarste Beweis dafür, daß die Wirts

Der Nationalsozialismus hat nie verheimlicht, daß er den Menschen von Kindesbeinen bis zum Greifenalter unter Einfluß halten und jede andere Weltanschauuna ausschalten will. Er kann dies natürlich bei den höheren Schichten der Bevölkerung, die er unmöglich auf Schritt und Tritt zu kons trollieren vermag, nicht erreichen. Dagegen entwickelt er für die breiten Volksschichten seine Pläne bis zur Vollendung. Der Arbeiter, Angestellte, Beamte ist während der Arbeits­zeit ununterbrochen unter nationalsozialistischer Kontrolle. In seiner Wohnung hat er nicht einmal das Recht, sich Na­dionachrichten nach Auswahl anzuhören. Man drängt ihm Ein österreichischer Ley? den sogenannten Boltsempfänger auf, der nur das Abhören deutscher Meldungen ermöglicht. Soweit dieser Apparat noch nicht allgemein eingeführt ist, droht Verhaftung und Bestra: fung, wenn jemand sich auf Straßburg , Luxemburg oder gar Moskan einstellt. Die Presse ist längst gleichgeschaltet. Nun soll auch noch die Möglichkeit genommen werden, sich im klei: : hilo ba

Wie man ficht, ist vom Menichen nicht mehr die Rebe. Aufmarsch der Gesinnung

Der Deutsche soll ein gehorsames gebantenloses Gliedchen des Staatsgößen werden. Er darf nur noch eines: Neben der Arbeit zu dem vergotteten Führer beten.

and D

Wien, 18. Nov. In gut unterrichteten parlamentarischen Kreisen verlautet, in Regierungsfreisen dis futiere man den Plan, einen Bundeskommissar für den klerikal- faschistischen Putsch gegen die Gewerkschaften die Gewerkschaften zu bestellen. Man will auf kaltem Wege und ihre Kaffen.

Kein Fortschritt in Genf

Beharren auf dem bisherigen Standpunkt

Die Sonntagskonferenz in Genf

wtb. Genf , 19. Nov. Der auf heute nachmittag von Hender­son einberufenen Zusammenkunft der vier Mächte wohnten für England Sir John Simon und Unterstaatssekretär Eden, für Frankreich Außenminister Paul- Boncour und Massugli, für Italien di Soragna und Admiral Ruspoli, für Amerika der Berner Gesandte Wilson, der Hauptberichterstatter Benesch, der Generalsekretär des Völkerbundes Avenol und der Direktor der Abrüstungsabteilung Aghnides bei. Am Ende der Beratung wurde der Presse ein Communique über­geben, in dem es heißt:

Der Präsident entwarf einen Gesamtüberblick über die Situation und hat sich dabei auf die Entscheidung des Haupt­ausschusses vom Juni bezogen, bezüglich der Notwendigkeit, größeres Maß von gemeinsamem Boden zu erreichen, be­bor zu einer zweiten Lesung des englischen Konventionsent­wurfs geschritten wird.

ein

Nachdem jeder Vertreter seinen Standpunkt( point de bue) zum Ausdruck gebracht hat, wurde beschlossen, die Kon­ferenz bis morgen zu vertagen.

meinen

Aus den sehr spärlichen Erklärungen der Presse gegenüber ist lediglich zu vermuten, daß die Delegierten im allge­Standpunkt verbarren. Der französische und der englische Außenminister sollen morgen abend bereits Genf berlassen müssen, da ihre Anwesenheit anderswo erforderlich

auf ihrem bisher eingenommenen

jei.

Keine Einigung

Genf , 20. Nov. 1988.

Die geftrige Susammenkunft von Vertretern der Groß­mächte bei Henderson hat schwere Meinungsverschieden heiten gezeigt, die auf den veränderten Standpunkt Eng­anda zurückzuführen sind. ranfreich hat erflären lassen, daß es die äußerste Grenze der möglichen Konzessionen erreicht habe. Es halte sich an die Vorschläge, die am 14. Oktober auf die Initiative der britischen Regierung im

Hauptausschuß der Abrüstungskonferens angenommen wor den sind. England dagegen will seinen damaligen Ent­wurf preisgeben und auf den ursprünglichen Text des MacDonald- Plan zurückzugehen, der ein stärkeres Entgegen kommen an Deutschland bedeutet. Italien wünscht Ver­tagung, da es eine Ronvention in Abwesenheit Deutsch­ lands für zwecklos und gefährlich hält. Der amerika­ nische Delegierte wiederholte die schon aus früheren Ver­lautbarungen befannte Erflärung, daß Amerita die Ab­rüstungsfrage nur noch als eine europäische Angelegen heit betrachte.

Die englische Außenpolitik rückt nunmehr in den Mittel­punkt der Erörterungen. Es scheint, daß die gesamte eng­ lische Regierung zu der Ansicht gekommen ist, si e babe sich in Paris zu sehr französischen Wünschen ge= fügt nd habe sich dadurch zu weit von den Ge­dankengängen des britischen Abrüstungs­entwurfs entfernt. In einem Teil der öffentlichen Meinung Englands will man die Schuld dafür dem jetzigen Außenminister John Simon zuschieben, dem man vor­wirft, er sei nicht der geschickte Staatsmann, den die Situ­ation erfordere. Wenn man trotzdem nicht wagt, ihn zur Demission zu veranlassen, so deshalb, weil man nach dem Uebergang der Samuel- Biberalen in die Opposition vermeiden will, daß auch die Simon Liberalen eine Oppositionsstellung einnehmen. Zwar würde die Ver­stärkung der liberalen Opposition an der großen Mehrheit für die jetzige britische Regierung nichts ändern, aber das Rabinett MacDonald würde dadurch den Charakter einer nationalen Ronzentrationsregierung endgültig verlieren. In diese Problematik der englischen Gesamtpolitik spielt auch die Erschütterung der Autorität MacDonalds hinein, der mehr und mehr als verbraucht gilt. Es ist die Möglichkeit, daß aus einer Simonfrise eine allgemeine Kabinettskrise entstünde Diefe Gefahr soll vermieden werden.

Die englischen Vertreter in Genf beurteilen jedenfalls die Aussichten der hiesigen Verhandlungen ungünstig.

Siehe auch Seite 3.

Randnoten zur Reichskulturkammer

von Andreas Howald. Am Mittwoch wurde mit dem üblichen neudeutschen Fest­gepränge im großen Saale der Berliner Philharmonie die neue Reichskulturkammer durch den Herrn Propagandaminister eröffnet. Die Ueberschrift dieser Be­trachtung ist keine böswillige Erfindung. Göbbels selbst hat sie gebraucht. Der Aufmarsch, den wir begonnen und vollendet haben, ist ein Aufmarsch der Gesinnung, der Gesinnung der Tat, die eine Umwertung der Werte ein geleitet hat, um ihre Neuwertung vorzubereiten." Alle maren da, die sich mit Hand und Herz dieser Neuwertung verschrieben haben. Hitler und sein Kabinett, der baye­ rische Kultusminister Schemm, neben Auwi saß Gerhart Hauptmann , und hinter dem Sproß aus königlichem Hause und dem goldenen Harfner sah man die theatra­lische Prominenz: Werner Krauß , Käthe Dorsch , Paul Wegener , Heinrich George . Wie lange ist es her, daß einige dieser Bannerträger des neuen heroischen Theaters nicht weniger leidenschaftlich ihr blutrot für Moskau schlagen­des Herz offen zu Schau trugen! Hans Grimm , der Mann ohne Raum, Hermann Stehr , der schlesische Mystiker, Hanns Johst , der den Browning vor der Kultur zückt, Karl Friedrich Blunck, der zur Hamburger Sozial­demokratie ein Verhältnis von unbeschreiblicher Kordiali­tät unterhielt, Richard Strauß , der seine Opernterte dem Halbjuden Hugo von Hoffmannsthal verdankt, Wilhelm Furtwängler , der mit Göbbels taktisch mohl vorbereitete Briefe über die Freiheit der Kunst abseits von rassischen. Erwägungen wechseltewahrhaftig, es war ein Triumph. Mit vollem Recht brachte der einstmals der Freien Volks bühne dienende Friedrich Kayßler die Schillerschen Verse: Ueber das Erhabene" zum Vortrag. Welch eine Summe von Händedrücken ging der Jnaugurierung der Reichskulturkammer voran! Alle hämischen Lästerzungen, daß Deutschland das Land der Unkultur und der Bar­barei sei, müssen verstummen. Es gibt in diesem Deutsch land nur eine politische Thematik, aber auch nur eine Weltanschauung, die, wie Göbbels sagte, die Ziel. setzung dieser Thematik in der Wissenschaft und in den Künsten verwirklichen muß. Ja, Geist und Kunst müssen sogar in der Vorhut mitmarschieren", wenn sie nicht unter die Kanonenräder der schweren Artillerie geraten wollen.

Die Rede des Reichspropagandaministers war von einer Behendigkeit, die mehr war als ein diabolischer Meister­trick, um Schwankende und Zögernde zu fangen. Wer die geistige Verfassung von Künstlern kennt, der weiß, daß sie es als persönliche Schmeichelei empfinden, wenn man vor ihnen das Leistungsprinzip in der Kunst" anerkennt. Göbbels war klug genug zu sagen: Nur geweihte Hände haben das Recht, am Altar der Kunst zu dienen." Beifall brauste auf, als er sich gegen den Dilettantismus eines Heers von Nichtkönnern wandte, die der Herr in seinem