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Freiheit

Nummer 131-1. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Mittwoch, 22. November 1933 Chefredakteur: M. Braun

Kriegsgeist! gore

Aus dem Inhalt

Saccauts Kampf

Seite 2

Göbbels als Greuel

Seite 3

Hamburg

im Hintertreffen

Seite 4

Mussolini und Marx Seite 4

Dr. Richard Kern:

Insecatenteil beachten!

Ob 12 Bestchit das Reich!

Nationalkapita istisches Drama

dex in drei Akien

Moralische Aufrüstung- Kriegerische Verhetzung der deutschen Jugend

Charakteristikum

Ein besonderes Lockmittel hat die Stadt Wupper tal für ihre Werbewoche, zugleich auch als Ein­nahmequelle für die Winterhilfe, ausgedacht. Eine Zinnsoldatenausstellung, in der nicht weniger als 360 000 3innsoldaten vereinigt werden, soll im Rahmen der Werbewoche fämtliche Truppengattungen der ehemaligen deutschen Armee in Friedensuniform vor allem der schaulustigen Jugend vor Augen führe. Nicht weniger als 80 Bentner Blei sind in vierzehnjähriger Tätigkeit von dem Schöpfer dieser Schan, Herrn Wilhelm Wolff aus Godesberg , vers arbeitet worden. Rund 380 Regimenter wird diese Sammlung umfassen, die u. a. auch in Form eines 100 Quadratmeter großen Reliefs ein Stüd Kriegsschauplaß mit allen Einzels heiten im Blei nachgeahmt bringt und die nach den Mitteilungen des Städtischen Preffeamts die größte 3innsoldatensammlung der Welt darstellen wird. Meldung der Kölnischen Zeitung ".

Krieg als Lehrfach

Ein deutscher Volksschullehrer schreibt uns:

Alle irgendwie tauglichen Lehrer müssen zu Wehrsport­fursen einrüden. Sie bekommen als Handbuch der neuen Bissenschaft eine Schrift: Die neue Gruppe", in der nur Ge­fechtsaufmärsche und Stellungen, Feuerwirkungen, neue Rommandos besprochen werden. Zum Wehrsport, der

nach Hitler

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teinerlei militärische Aus=

bildung bezweckt, gehört Schießen mit dem Gewehr 98, in einzelnen Fällen Bekannt­immer aber handgranatenwerfen. machung mit dem neuesten MG.- Modell,

Der Turnunterricht der Schule ist gänzlich umge­stellt auf Wehrsport. Auf den Schulhöfen sieht man die Anaben Uebungsgranaten werfen. Da werden ihnen Gas­und Brandbomben erklärt und vorgeführt, wird ihnen zur Beitergabe an skeptische Eltern mitgeteilt, daß ein Gastrieg gar nicht schlimm sei, es gäbe Schuß genug. Militärische Kommandos beherrschen das Spiel und Märsche.

Anhänger der Sitlerjugend tommen laut amt­lichem Bericht des Preußischen Kultusministeriums vielfach mit Pistole und Messer in die Schule. Im Streit mit Rameraden und Lehrern haben die nachahmungsfähigen Jungen ihre Waffen bezogen. Lehrer wurden mit Waffen­gewalt aus den Schulstuben gejagt. Diese Unzuträglich­feiten" sollen nun dadurch behoben werden, daß die Hitler­ jugend verzichtet" auf Mitführung von Schuß- und Stich­waffen in den Unterricht immer nach dem amtlichen Be­richt. Tatsächlich behalten die Knaben ihre Waffen.

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Die Stahlhelmnachrichtenblätter( z. B. das von Kassel ) er­muntern weiter zur Teilnahme an den kostenlosen- auf Rosten der Reichswehr erfolgenden monatelangen Aurfen. Die SS. in Stahlhelm, mit Karabinern und Pistolen wird nur für Polizeizwede" ausgebildet und geschliffen, besoldet und kaserniert.

Für die Wehrwissenschaft des Kriegsbrüdebergers Banse, der selber feinen Schuß gehört hat, wird in den Lehrer­blättern große Reklame gemacht. Im Sinne dieser Wissen schaft" sollen Lehrer und Studenten wirken, sollen die Schulen Zellen der Wehrhaftwerdung sein.

Bor uns liegen z. B. Heft 1 bis 20,, Schriften zu Deutsch­ lands Erneuerung", herausgegeben von Breslauer Nazi­lehrern erschienen in Heinrich Handelsverlag. Das find ganz billige Hefte mit enormen Auflagen, insgesamt ficher Millionen Exemplaren, bestimmt für die Hand der armen Schulkinder der braunen Barbaret.

Man müßte eigentlich seitenweise abdrucken, um bis zum

Ueberdruß das Maß dieses Tiefstandes zu beweisen. Jedes Seftist friegsfreundlich, fast alle Lieder sind Waffenlieder, die Jugend wird gelehrt, zu rüsten und anzugreifen, zu hassen und blind zu gehorchen. Niemals wurde Wilhelm II. so fnechtisch gepriesen, wie in diesen Lehr­beften Adolf Hitlers .

Nicht zu vergessen, auch von Frieden redet die Serie. Aber in welchem Ton: Die Welt mußte begreifen, daß Adolf Hitler der Welt etwas zu sagen hat.. Das Toben gegen Deutschland verstummte, Adolf Hitlers Stimme drang über die Welt...", als er für Deutschland Gerechtigkeit forderte." An diesem Tage fonnten wir wieder stolz sein, Deutsche zu heißen..."

Jeder versteht nun. was gemeint ist, wenn er in deutschen Städten die zahllosen Plakate, die Bombenmodelle und un­ablässigen Rüstungsforderungen sieht und vernimmt.

Im zweiten Heft, Seite 7, wird Elsaß- Lothringen als uns geraubt bezeichnet. Ein Mustergauner stüd" wird der Raub Oberschlefiens " genannt, gedeckt

von dem franzöfifchen Oberbefehlshaber. So hoffen wir der Stunde Und denken an den Tag, Wo wir die verlorenen Lande vom Feinde fordern zurück,

Und wo wir rächen die Schande..."

Der Elsässer fühlt und bleibt deutsch .... Je mehr die alten Tugenden in Deutschland wieder erwachen, destomehr wird sich der Elsaß- Lothringer nach Deutschland zurück sehnen!" Bleiben die abgetretenen Gebiete( auch Elsaß Lothringen )" für immer verloren, dann geht auch Deutsch­ land zugrunde... Möge es der neuen nationalen Regie­rung gelingen, ein startes Deutsches Reich zu schaffen! Dann wird auch der Tag nicht mehr fern sein, an dem sich die blutenden Wunden an den deutschen Gren­zen wieder schließen werden!" Heft 3, S. 16.

Heft 6 behandelt die Schlageterlegende und schließt mit den friedfertigen Worten:

Und von Helden wird dann melden wieder ein erftarktes Heer! Junges Deutschland, greif zur Wehr!"

Eine Zeile aus Heft 7:

und haben die Götter und alle verlassen,

es ist uns doch einer geblieben.

Der Gott, der Eisen wachsen ließ!"

Nr. 8 ist wie Seft 7 eine Sammlung von Nazi- Lyrif, Schwertgeflirr und Büchsenknall:

Wir brechen die Ketten, wir machen uns frei! Aufdämmert ein Tag und der Rache..."

*

Was ist uns Leben und Sterben wert; Deutsche Jugend, greif zum Schwert. Deutschland erwache, Deutschland steh anf, Rampf um die Freiheit, nimm deinen Lauf!" Bekannt ist das millionenfach gesungene, zum Rundfunk­zeichen erhobene: Volf, ans Gewehr!", das kaum pazifistisch gewürdigt werden kann.

Ein fleiner Troft: Die Ausrottung oder Vertreibung des Fremdvolkes der Juden beabsichtigt der Kanzler nicht." Nr. 14 flagt über die der fremden Willkür preisgegebenen Volksgenossen" in Elsaß ," Oberschlesien , Schleswig , und schließt mit der bemerkenswerten Forderung des Wir schließt mit der bemerkenswerten Forderung des Wir wollen mit allen Deutschen zur Nation aufwachsen und for­dern, daß alle Fragen unseres staatlichen Daseins in der Ausdehnung und Auswirkung unseres ganzen überstaat­lichen Volkskörpers gesehen werden."

Die nächsten Hefte behandeln Theodor Körner , den in einem Zuhälterstreit ums Leben gekommenen Horst Wessel , Fridericus, Blücher usw. Die Hefte sind eine Fundgrube zur Erforschung der braunen Schulkinder auch zur Be= urteilung der Friedensliebe" Hitlers und seiner Freunde!

Sterbende Abrüstungskonferenz Reorganisierter Völkerbund ?

Genf , 21. Nov. Der Präsident der Abrüstungskonferenz Henderson hat nach den ergebnislosen Besprechungen des Sonntag am geftrigen Dienstag Verhandlungen mit dem tschechischen Außenminister Benesch, mit dem Russen Dovgalewffn und dem Amerikaner Wilson gehabt. Es schloß fich am Nachmittag eine weitere Besprechung mit den Ver­tretern der Großmächte an und es wurde für Mittwoch nachmittag das Konferensbüro einberufen. In dieser Sizung wird beschlossen werden, den Hauptausschuß der Konferenz nicht am 4. Dezember, sondern erst am 15. Januar einzu­

berufen.

Paris , 21. Nov. Nach Meldungen aus Genf soll in Völker­bundskreisen der Gedanke, den Völkerbund zu reogarni­fieren, Fortschritte machen. Der Generalsekretär des Völ­terbundes habe mit einem belgischen Juristen verhandelt, der einen neuen Völkerbundplan ausgearbeitet habe. Ob Avenol die Revisionspläne Mussolinis annehmen werde, habe noch nicht festgestellt werden können. Doch hielten die italienischen Kreise es nicht für unmöglich. Der belgische Plan sebe die Koslölung des Bölferbund- Paktes vom Ver­sailler Vertrag vor, wobei der Völkerbund - Pakt so geän­dert werden soll, daß auch die Vereinigten Staaten , Rußland , Deutschland und Japan ihm beitreten fönnten..

Eben hat der Staatsrat Thyssen den großen Raub. zug beendet und das Reich ohne Aufwand eines Pfennigs aus dem Beherrscher der Montanindustrie zu einem ein flußlosen Partner des Stahlvereins gemacht, und schon geht die großkapitalistische Clique zum zweiten und viel leicht noch bedeutungsvolleren Angriff vor. Der Reprivati sierung der Schwerindustrie soll die Reprivatisie. rung der Banken folgen. Die rund eine Milliarde Goldmark, die das Reich nach der Bankenkrise 1931 zur Erhaltung des deutschen Zahlungs- und Kreditmechanis mus aufgewandt hat, mit der es die Mehrheit der Kom merz und Privatbank und der mit der Darmstädter Bank fusionierten Dresdner Bank, sowie die Beteiligung an der Leipziger Adca und der Hamburger Schröderbank erwor ben hat, diese Milliarde und die mit ihr errungene Herr schaft über das deutsche Bankkapital soll entschädi. gungslos, ja mit Hilfe desselben Reiches, das man zu expropriieren gedenkt, wieder der Ver­fügungsgewalt des Privatkapitals überantwortet werden.

Seit der Eröffnung der Berliner Bankenquete wird um dieses Ziel ein heftiger Streit geführt. Dabei gehören so die Vertreter des Reichs selbst zu den Normalisiereren", weil der Reichsbankpräsident Schacht und der Wirt schaftsminister Schmitt keine Vertreter der Interessen des Reichs, sondern eingefleischte Privatkapitalisten sind. Der Streit geht also weniger um das Ziel, als um den Weg.

Zu den Leuten, die durch ben Anschluß an Sitler zu. Einfluß und Bedeutung gelangt sind, gehört ein gewisser Kurt Freiherr von Schröder , der früher als Bankier in der Kölner Firma J. H. Stein ein nicht allzu sehr bekanntes Dasein führte. Er ist bei der Gleichschaltung Präsident der Kölner Handelskammer geworden und seit dem Vorsitzender des Kreditausschusses des Industrie- und Handelstags, aber auch Mitglied des General. rates der Wirtschaft, Mitglied des Verwaltungs­rats der Bank für Internationale Zahlungen, der Reichs­bahn, sowie des Zentralausschusses der Reichsbank, also ein Mann von vielen Graden und dazu ein politischer Wegbereiter Hitlers . Dieser Mann entwickelt im " Deutschen Volkswirt" den Enteignungsplan. gegenden Reichsbesit.

Man kann dabei der Schlauheit und dem Raffinement, mit dem der Anschlag vorbereitet wird, eine gewisse An­erkennung nicht versagen. Von der Expropriation ist natürlich nicht die Rede. Umso geschickter wird auf gewisse antikapitalistische Instinkte und nationalsozialistische Schlagworte spekuliert. Der brave Schröder will natür lich nichts als eine bodenständige Kreditversorgung, namentlich der mittleren und kleineren Betriebe". Dazu: bedarf es aber als gesunder Grundlage des künftigen, nationalsozialistischen Banksystems mit dem Wirtschafts leben des Bezirks eng verwachsene Banken" Deshalb müssen die großen Berliner Banken aufge. teilt, die scheußlichste kapitalistische Konzentration rück­gängig gemacht werden.

Die mittelständlerischen Kinder hören es gerne. Billige Kredite sollen die Kleinen kriegen und recht viel. Wie der Bauer mit der Scholle, so werden auch die Banken künf tig mit dem Boden verbunden sein; Blut und Boden, Heil Hitler! Und jetzt kann Herr Schröder an die Arbeit gehen.

Natürlich läßt er die großen noch existierenden Privat­institute wie die Berliner Handelsgesellschaft oder Häuser wie Mendelsohn und Bleichröder : scheinbar noch selbständige Deutsche Bank und Dis ( trotz der jüdischen Großmutter) in Ruhe. Nur die ja nur kontogesellschaft scheint seinen Appetit zu reizen. Aber die will er sich offenbar für den zweiten Gang reser­vieren.

Jhm geht es um die im Reichsbesitz befindlichen, also dem Zugriff des privaten Kapitals bereits entzogenen Banken. die Dresdner und die Kommerzbank.

Die Filialen diefer Banken sollen zusammengelegt wer den. Die so an den Hauptorten, sagen wir z. B. in Köln oder Stuttgart entstehenden Doppelfilialen werden mit den sonst in der Provinz vorhandenen zu der neuen bodenständigen" Bank zusammengelegt, den Berliner Instituten ihr ganzes Provinzgeschäft genommen. Gie follen nämlich gezwungen werden, ihre Kunden, sowohl die Schuldner als die Gläubiger den neu entstandenen Banken abzutreten. Dabei soll es aber diesen freistehen Herr Schröder ist schrecklich solide nur die guten Risiken zu übernehmen. Schröder gibt, ohne die Miene zu verziehen, ein Beispiel. Die neue Bank, die in Köln entsteht, würde sich von den Berliner Banken 100 milli­ohnen gute Schulden übertragen lassen und 60 Millionen