Frethel

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nummer 142-1. Jahrgang Saarbrücken , Mittwoch, den 6. Dezember 1933 Chefredakteur: M. Braun

Aus dem Inhalt

37 in der Todeszelle

Seite 3

Letzter Seufzer

der Kölnischen Zeitung "

Seite 4

An ihren Liedern

sollt ihr sie erkennen!

Seite 5

Labour- Köpfe

Seite 7

Inseratenteil beachten!

Front gegen Rußland

Sehnsucht nach einem europäischen Kreuzzug" gen Osten

In Berlin wurde am Montag vormittag eine Ausstellung Der Osten das deutsche Schicksalsland" er= öffnet. Die Veranstaltung will die Notlage der durch den Ver­failler Friedensvertrag geschädigten Grenzgebiete aufzeigen und die Schicksalsverbundenheit dieser östlichen Gebiete. insbesondere des durch den Korridor getrennten Ostpreußen , mit dem übrigen Reiche beweisen. Darüber hinaus soll aber die Ausstellung die Aufmerksamkeit der Deutschen stärker als bisher auf die Ostprobleme lenten. Das entspricht der neuen außenpolitischen Linie des Nationalsozialismus, im eften und gegenüber Polen zunächst eine Verständigungs­politik zu versuchen, um so die Möglichkeit für Deutschland zu schaffen, sich im Osten auf Kosten Rußlands zu saturieren und Polen für die beabsichtigte Rückgewinnung des Korri­dors durch die russische Ukraine zu entschädigen. Erst wenn Deutschland in den Stürmen

eines europäischen Kreuz­suges" gegen das bolschewistische Rußland zu einer mili­tärisch hochgerüsteten Weltmacht geworden ist, will man fried­lich oder friegerisch mit Frankreich abrechnen.

Es ist kennzeichnend, daß der Chef des außenpolitischen Amts der Nationalsozialisten Alfred Rosenberg , ein fanatischer Saffer des Bolschewismus, die Ausstellung mit einer programmatischen Rede seiner Ostpolitik eröffnete. Er prach zunächst die jest parteiamtlich vorgeschriebenen pazi­fistischen Formeln für den Frieden:

Deutschlan denke nicht daran, die furchtbare politische Lage zu irgendeinem Angriff gegen andere zu benutzen. Es wolle fich nur tiefere Rechenschaft darüber ablegen, was sich auf dem Boden im Osten früher abgespielt hat und wie die Dinge heute liegen, um dann die Frage zu stellen, wie aus dieser für alle furchtbaren Lage ein Weg aufwärts gefunden werden könne. Nach diesem schönen Friedensbild aber entwickelt Rosen­berg die blutige Vision eines umfassenden europäischen Bundes gegen die Sowjetunion . Er gruppiert Europa gegen bie fommunistische Weltanschauung":

Die Tatsache, daß die früher unter russischer Herrschaft stehenden Völker sich von der tommunistischen Weltanschauung staatlich and politisch losgelöst und Europa zuge wandt hätten, sei von weltgeschichtlicher Bedeutung inmitten der großen Entscheidungskämpfe sozialer Art, die durch alle Bölter hindurchgingen. Rosenberg will also, daß ein Staatenblock von den Rand­Staaten an der Ostsee über Polen und die Tschechoslowakei bis nach Ungarn und dem Balkan sich unter deutscher Führung gegen den Bolschewismus zusammenfindet. Auch das übrige Europa soll sich unter der Losung Wahrt eure heiligsten Güter" zusammenschließen. Es ist die alte wil­helminische Parole. Nur daß sie jetzt nicht gegen die gelbe Gefahr" im Fernen Osten geht, mit der man sich im Bunde segen die Russen weiß, sondern gegen die rote Gefahr",

nicht nur der Russen, sondern auch inmitten der eigenen

Völker. Rosenberg spefuliert auf faschistisch- kapitalistische Haßinstinkte gegen den marxistischen Sozialismus, als

deſſen Bollwerf Rußland getroffen werden soll. In Wahr­

heit ist das alles nur Mittel zum Zwecke einer großen all­deutschen Expansion im Osten als Vorbereitung für das erträumte Aldeutschland, das alle deutschsprachigen Gebiete in Europa umfassen will.

Die Nationalsozialisten reden im Bewußtsein der noch mangelhaften militärischen Vorbereitung vom Frieden, aber ihre Politik rechnet mit dem Kriege und ist auch nur frie­gerisch zu verwirklichen.

..Block der Kleinen"

"

beschäftigt sich die Basler National 3eitung" mit In einem Aufsatz Allerhand Ungewißheiten" beschäftigt sich die Basler National 3eitung" mit der Vielfalt der außenpolitischen Probleme in Europa . Das Blatt untersucht sehr kritisch die englische Politik:

Ebenso bedenklich ist die Ungewißheit über das Ver­halten Englands in einem Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich , Sie ifpliert Franfreich- Belgien gegen­über Deutschland und Italien . Je starrer solcherart die Friedenstheorie verteidigt wird, desto näher droht der Krieg in der Wirklichkeit. Auch für England. Denn nie­mals könnte es ein besiegtes und vernichtetes Frankreich neben sich ertragen, die Deutschen am Kanal stehend, Vor­macht in Europa , jederzeit England ihr Gebot auferlegend. Sein ganzes Empire, alle Bedingungen seiner Wirtschaft wären dann in das Belieben der Berliner Weltgebieter gestellt. Niemals könnte England dies dann gestatten, sein Eingreifen wäre ebenso und noch mehr als 1914 unver­meidbar. Aber so wie damals eben der Glaube an Eng lands Neutralität die Reichsregierung zur Intransigenz ermutigte, so hätte bei einer ähnlichen Entscheidung der Zukunft der Glaube an Englands Neutralität die gleichen verhängnisvollen Folgen. Es scheint unfaßbar, daß ein Volk aus dem ungeheuren Fehler einer so nahen Ber­gangenheit so gar nichts gelernt zu haben scheint.

Dann verweist die National- Zeitung" auf den Willen der faschistischen Staaten, bloß das Recht der großen Mächte anzuerkennen. Der Aufsatz schließt:

Der deutsche Ruf nach Gleichberechtigung führt solcher art dahin, daß die faschistischen Staaten eine Einteilung der Staaten in solche erster und solche zweiter Klasse be­gründen wollen, wobei Besiß und sogar Existenz der Kleinen ganz in das revisionistische und eigennüßige Belieben der Großen gestellt wären. Umso nüßlicher wäre eine Organisation der Klein und Mitteistaaten, die als Verteidigung auch dann unerläßlich wäre, wenn Frankreich der Verlockung wider­steht und England spät und hoffentlich nicht zu spät er fennt, wie sehr es sich jetzt an Europa versündigt und sich selbst gefährdet.

Hitler , der Pazifist, sucht eine Unterhaltung zu zweien

Marianne", Paris

Der ,, Rote Wohlhabende"

Jm Gebiet von Odessa liegt eine große bäuerliche Kollektivwirtschaft, die seit ihrer Begründung ,, Krasny Nesamoschnik", Der rote Arme", heißt. Denn es waren die Armen der Dörfer, die diese bäuerliche Kollektivwirtschaft begründet haben. Heuer hatte diese Kollektivwirtschaft eine ausgezeichnete Ernte. Sie hat den Pflichtteil an Getreide an den Staat abgeliefert und hat dabei nicht nur so viel erübrigt, als zur Ernährung der Mitglieder der Kollektivwirtschaft und zur Fütterung ihres Viehes erforderlich ist, sondern auch Ueberschüsse, die sie jetzt auf dem freien Markt zu höheren Preisen verkaufen kann. Die bäuerlichen Mitglieder der Kollektiv. wirtschaft haben dieses Ergebnis ihrer Jahresarbeit mit beschlossen, ihre Rollektivwirtschaft umzutaufen. Sie soll einem großen Fest gefeiert. Bei diesem Fest haben sie jetzt nicht mehr Krasny Nesamoschnik", sondern Krasny Samoschnik" heißen, nicht mehr Der rote Arme", sondern ,, Der rote Wohlhabende".

Diese Umbenennung einer großen Kollektivwirtschaft ist ein Symptom der Wandlungen, die sich eben jetzt, nach zwei sehr schweren, sehr harten Jahren, in der Sowjet­ union zu vollziehen beginnen. Die Bauern wohlhabend zu machen", hat Stalin als die nächste Aufgabe der Sowjetunion bezeichnet. Der bäuerliche Wohlstant ist nun freilich noch immer nur Programm und Verheißung, noch nicht Wirklichkeit. Aber es ist der Sowjetregierung immerhin gelungen, die bäuerliche Anarchie, die nach der Kollektiviſierung der Bauernwirtschaften auf dem Lande eingerissen war, so weit zu überwinden, die kollektiviſierte bäuerliche Arbeit so weit zu organisieren und zu diszipli gebracht werden konnte. Und auf dieser Grundlage unter­nieren, daß heuer eine wesentlich größere Ernte ein nimmt die Sowjetregierung jetzt in der Tat sehr ernsta hafte Versuche, das Lebenshaltungsniveau der bäuerlichen Bevölkerung zu heben.

den bäuerlichen Viehstand zu vergrößern. In den Zunächst wird ein großzügiger Versuch unternommen, Kollektivwirtschaften sind nur der Grund und Boden, die Maschinen und Geräte und das Zugvieh Gemeinbesitz. Dagegen sind Haus und Hausgarten, Milchvieh und Ge Viehstand ist aber im Verlauf des gewaltsamen Kollek flügel individuelles Eigentum des einzelnen Bauern. Der tiviſierungsprozesses sehr arg verkleinert worden. Die Sowjetregierung will nunmehr den individuellen Besitz­stand der Bauern an Milchvieh vergrößern; das ist nicht nur ein wichtiges Mittel, die Bauern wohlhabend zu machen", sondern auch ein Mittel, den Mangel an Milch und Butter, der in den russischen Städten immer noch herrscht, zu überwinden. Zu diesem Zweck nun will die Sowjetregierung im Verlauf des heurigen Wirtschafts­jahres nicht weniger als anderthalb Millionen Kälber auf­Raufen und auf die in den Kollektivwirtschaften organi. sierten Bauern verteilen. Die Bauern sind in Rußland oerpflichtet, bestimmte Mengen Milch und Fleisch zu den gefeßlichen Preisen an den Staat abzuliefern; denjenigen Bauern nun, die dem Staat Kälber abliefern, wird ein Teil ihrer Milch- und Fleischablieferungspflicht erlassen. Dadurch wird zwar vorübergehend die Versorgung der Städte und Industriegebiete mit Milch und Fleisch er schwert werden; aber dafür wird der Staat dadurch in der Lage sein, die anderthalb Millionen Kälber aufzubringen, die er den Kollektivwirtschaften zuweisen wird. Die Rollektivwirtschaften werden die Kälber dann den einzel nen Bauern zuteilen, wobei in erster Linie die Stoß­brigadiere", die besten Arbeiter der Kollektivwirtschaften, berücksichtigt werden sollen. Auf diese Weise soll die Zu teilung von Kälbern auch eine Prämie für gute Arbeit für die Kollektivwirtschaft und dadurch ein Mittel zu weiterer Intensivierung und Disziplinierung der kollektiven bäuer lichen Arbeit werden. Daneben aber sollen insbesondere die­jenigen Wirtschaften berücksichtigt werden, die überhaupt keine Milchkühe haben. Die Liquidierung der Kuhlosig keit" ist eines der Ziele der Aktion. Gelingt die Aktion, so wird sie sicherlich dazu beitragen, sowohl die Lebens­haltung breiter bäuerlicher Schichten zu heben, als auch die Milchversorgung der Städte zu verbessern.

Man hat in der kapitalistischen Presse aller Länder in den letzten Jahren sehr viel über das Elend der russischen Bauern, über die Hungersnot in der Südukraine und im Nordkaukafus geschrieben. Ueber die himmelschreiende