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Fretheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nummer 160-1. Jahrgang Saarbrücken , Donnerstag, 28. Dezember 1933

Chefredakteur: M. Braun

Aus dem Inhalt

Gebt sie frei! Seite 3

Menschenökonomie

Seite 4

Hänschen Luther spricht Belgien auf neuen Wegen

Seite 5

Weihnachten

im Christenkampf Seite 8

Polizei gegen Bischöfe

Der verbotene Hirtenbrief

Wir sind heute in der Lage, den Hirtenbrief der bayerischen Bischöfe in seiner ursprünglichen Fassung mitzuteilen; er ist in dem verbotenen Amtsblatt der Erzdiözese München Freising 8. November enthalten und lautet:

Dom

Reichskanzler Adolf Hitler hat das deutsche Volk zu einer Abstimmung am 12. November aufgerufen, um vor der ganzen Welt den Friedenswillen des deutschen Volkes und seine Zustimmung zu den Friedensreden des Reichs: fanzlers zu bekunden. Die deutschen Bischöfe, die von jeher in ihren Predigten und Hirtenbriefen für den Völker­frieden eingetreten sind, begrüßen dieses öffentliche Be: fenntnis zum Frieden. Darum werden die Katholiken aus vaterländischem und christlichem Geist ihre Stimme für

beftürmt werden, strenge an Art. 32 des Reichskonkordats Gegen direkte Verhandlungen!

halten."

Am 11. November wurde im bayerischen Rundfunk ver­kündet, die Bischöfe hätten aufgefordert, mit Ja" zu stimmen. Gleichzeitig erschienen bei den Stadi pfarrämtern Polizisten, die den Befehl über­brachten, den Hirtenbrief in den Kirchen nicht zu verlesen, die Landpfarreien wurden telegrafisch verständigt. Der Ministerpräsident sprach scharf gegen den Hirtenbrief, be­zeichnete ihn als politische Tätigkeit" und erklärte, daß im nationalsozialistischen Staat derartige politische Ueber griffe der Kirche nicht mehr geduldet werden würden.

den Völkerfrieden, für die Ehre und Gleichberechtigung des Prälat Bares

deutschen Boltes erheben, das

Bei der Abstimmung am 12. November handelt es sich nicht darum, ob wir alle jene Vorkommnisse der Verord= nungen der letzten Monate gutheißen, die uns mit Summer und Sorge erfüllen; nicht darum, ob wir die gegen die katholischen Vereine ge richteten Maßnahmen in Bayern und die Ent: heiligung des Sonntags billigen. Wir Bischöfe hegen das Vertrauen, daß das Reichskonkordat auch in bezug auf den Schutz der Religion und öffentlichen Sittlich: teit, in bezug auf die Heiligung des Sonntags, in bezug auf die Bekenntnisschule, in bezug auf die Freiheit und das Eigenleben der katholischen Vereine durchgeführt werde, daß überhaupt die Belastungen des fatholischen Gewissens anfhören und die Gleichberechtigung der Katholiken vor dem Gesez und im Staatsleben anerkannt werde. Mit dem gleichen Vertrauen werden auch die Katholiken unserer Bistümer am 12. November sich an der Boltsabstimmung beteiligen und mit ihrer Stimme für den Frieden unter den Völkern, für die Ehre und die Gleichberechtigung des deutschen Volkes eintreten. Die Katholiken bekennen damit aufs neue ihre Treue zu Volt und Baterland und ihr Einverständnis mit den weit: schauenden und kraftvollen Bemühungen des Führers, dem deutschen Volk die Schrecken eines Krieges und die Grenel des Bolschewismus zu ersparen, die öffentliche Ordnung zu sichern und den Arbeitslosen Arbeit zu beschaffen.

Was dagegen die Abstimmung zur Reichstagswahl am 12. November betrifft, handelt es sich dabei um eine parteipolitische Frage, die wir mit Rücksicht auf

Zu der Berufung des bisherigen Bischofs von Hildesheim Bares zum Bischof von Berlin wird uns von katholischer Seite aus dem Reich geschrieben:

Nur im Rahmen des Völkerbundes

Paris , 27. Dez. Die politische Arbeit ist in Frankreich auch an den Feiertagen nicht zur Ruhe gekommen. Zur Vor­bereitung des heute nachmittag stattfindenden Ministerrates, dem große Bedeutung für die außenpolitische Entwicklung bei­gemessen wird, haben die an militärischen Fragen interessier ten Minister gestern eine Beratung abgehalten, über die sich in der Morgenpresse ausführliche Angaben finden. Ueber­einstimmend wird erklärt, daß Frankreich die Fortsetzung des informatorischen Meinungsaustausches nicht ablehne, daß es aber gegen direkte deutsch - französische Verhandlungen sei. Alle Beschlüsse hinsichtlich des deutschen Programms könnten nur im Rahmen des Völkerbundes gefaßt werden. Das Echo de Paris" will ankündigen können, der heutige Ministerrat werde sich in seiner Gesamtheit in aller Form gegen die deutschen Anregungen als Ausgangspunkt für Verhandlungen aussprechen. Der sozialistische Populaire" erklärt, daß die gekennzeichnete ablehnende Haltung, die der Auffassung Poul- Boncours entspreche, nicht mühelos durch­drang, denn einer der Minister, der an der Besprechung teil­nahm, sei für direkte Verhandlungen gewesen. Vielleicht werde der französische Botschafter in Berlin eine Denkschrift zur Uebermittlung an die deutsche Regierung erhalten.

Die Berufung von Bischof Bares auf den zur Zeit wich­tigsten politischen Bischofsstuhl, den Berliner , darf als An­zeichen dafür gewertet werden, daß die katholische Kirche mit einer Verschärfung der firchenpolitischen Lage rechnet und deshalb einen Mann mit besonderer Kampferfahrung an den Brennpunkt stellt. Bischof Bares genießt das besondere Ver­trauen der Diaspora in Norddeutschland. Die mehr oder minder vereinzelten und zahlenmäßig häufig sehr schwachen Gemeinden der Diaspora wiffen aus eigenem Erleben, daß Ignotus: in Nazi- Deutschland nicht um Einordnen der Kirche in Abwehr von Eingriffen in die Organisation der Kirche, son­dern, daß es darauf ankommt, einem allgemeinen geistigen Auflösungs- und Zerseßungsprozeß Widerstand zu leisten, der die Existenz der Kirche und den Bestand der christlichen Lehre insgesamt bedroht. In diesem Kampf ist Bischof Bares eine der wichtigsten Figuren der katholischen Kirche . Als Sekretär der Bischofskonferena ist er ein hervorragender und geschulter Gegenspieler der Staatsgewalt, so gut wie gegen­über allen anderen Organisationen außerhalb der Kirche

eine neue Staatsform gerungen wird, auch nicht nur um die

und auch sein Einfluß auf die innerkirchlichen Organisationen darf nicht als gering gewertet werden. Bischof Bares war es auch, der seiner Zeit sehr energisch eingriff, als der Ver­such gemacht wurde, Brüning aus Berlin zu vertreiben. Er bot dem gehegten Erkanzler ein sicheres Asyl an

Art. 32 des Reichskonkordate dem freien Ermeifen Keine Freistellen

und Gewissen der Wahlberechtigten über­laffen.

Borstehendes darf nur im vollen Wortlaut, nicht ans­zugsweise nachgedruckt werden. München , den 8. November 1988.

Die bayerischen Bischöfe für die Erzdiözese München und Freifing:

M. Card. Faulhaber. Anmerkung: Obige Kundgebung ist nicht zum Bor: lesen auf der Kanzel bestimmt. Geistliche und Ordenslente werden sich, wenn sie wieder mit Anfragen

an nichtarische Schüler

Darmstadt , 22. Dez. Mit Wirkung vom neuen Schuljahr an dürfen nach einer Verfügung der hessischen Ministerial­abteilung für Bildungswesen unter keinen Umständen Frei stellen an nichtarische Schüler und Schülerinnen verliehen werden. Es ser selbstverständlich, daß im nationalsozialisti­schen Staat öffentliche Mittel nur an Volksgenossen gegeben werden könnten, insbesondere, wenn es in öffentlichen Be­langen wünschenswert erscheint, unbemittelten Schülern und Schülerinnen mit besonderer Begabung den Weg zu einer höheren Ausbildung zu bahnen.

Die Katastrophe von Lagny

Ueber 200 Tote und mehrere Verletzte

Am Weihnachtsabend ging eine furchtbare Botschaft durch die Welt. Ein Eisenbahnunglüd von einer Größe, wie es sei der Eristenz des rollenden Schienenrades sich noch niemal ereignet hat, war geschehen. Destlich von Paris , in der Näh der Kleinstadt Lagny, noch in der Bannmeile von Paris , wa der Straßburger Schnellzug mit einer Geschwindigkeit vo mehr als hundert Stundenkilometer auf den Expreßzu Paris Nancy aufgefahren. Dieser Zug wurde nahezu ger malmt. Nur mit Grauen betrachtet man die ersten Bilder de Ratastrophe, ein Gewirr von Eisen und Holz, Roffern, le dungsstücken und den Spuren vernichteter Menschen. M sträubt sich, Einzelheiten zu schildern. Sie sind nicht imitant die grauenhafte Wirklichkeit wiederzugeben. Nur ein er schütterndes Beispiel von der Bucht des Zusammenpralls Man fand ein Herz und eine Lunae, aber nicht mehr den Menschen, dem sie gehörten

Am Weihnachtsabend wurden bereits 180 Tote gemeldet. Inzwischen ist die Zahl der Opfer auf 201 ge: tiegen. Wieviele von den furchtbar verstümmelten Opfern noch sterben werden, weiß niemand. Unter den Toten befinden sich einige Deputierte, ein früherer Mi: tifter, der Bürgermeister von Berbun, zahlreiche Solbaten and viele Rinder.

In ganz Frankreich herrscht unsägliche Trauer. An der Un­idsstelle ist man unter Buhilfenahme von Kranvorrich gex fieberhaft tätig, um das Gemirr der zerstörten Wager heben. Immer noch findet man Tote. Bis auf 28 find jet e refognoisiert. Auf einer Länge von nahezu 200 Mete itfaltet sich bei Tagesnebeln und unter nächtlichen Fackelr in schauerliches und erbrüdendes Bild der Zerstörung.

Die Nickclmünzen

Ein englischer Historiker sagte, daß man den mora­lischen Zustand der Welt am besten nach dem Umfang des Handels mit Opium und mit Nickel beurteilen kann. Allerdings ist heute das Opium weniger kennzeichnend als das Nickel, und die Entwicklung des Nickelhandels spricht eine völlig eindeutige Sprache: Die Welt rüstet auf. Oder soll man wirklich glauben, daß die ganze enorme Steigerung der Nickelproduktion auf die Prägung von Nickelmünzen in Deutschland zurück­zuführen ist? Aus Kanada wurde vor kurzem gemeldet, daß dort Herr Berg von der J. G. Farbenindustrie über den Ankauf von 10 000 Tonnen Nickelerz verhandelt, was der Menge von 5000 Tonnen reinen Nickels entspricht. Will die J. G. Farbenindustrie auch Nickelmünzen prägen? Die Welt rüstet auf. Man weiß ganz genau, daß die Aufrüstung Deutschlands seine Nachbarn zu Gegen maßnahmen veranlaßt. Man las die Berichte über Ber­teidigungsmaßnahmen in Belgien , in der Schweiz , in der Tschechoslowakei . Es geschieht aber zweifellos noch vieles, wovon nicht berichtet wird. Als Baldwin vor einigen Wochen im englischen Parlament davon sprach, daß ein neues Wettrüsten unbedingt verhindert werden soll, war dieses Wettrüsten schon da. Es ist kein Platz für die Bogel Strauß- Politik mehr. Die Lage muß so gesehen werden, wie sie in Wirklichkeit ist: die. Gefahr eines neuen Krieges ist ernsthaft und akut.

Wenn gefragt wird: wer will denn den Krieg?, so ist die Frage selbst ganz falsch gestellt. Wer hat 1914 bewußt den Krieg gewollt? Von den verantwortlichen Leitern der Politik niemand. Jeder wollte seine Ziele ohne den Krieg erreicht haben. Das Unglück bestand aber darm, daß manche von diesen Zielen ohne den Krieg nicht zu erreichen waren, so daß ihre Verfolgung zum Kriege führen mußte. Auch heute versucht Japan sein imperialisti­sches Programm, solange es geht, ohne den Krieg gegen Sowjetrußland zu verwirklichen. Wie lange wird es aber noch gehen? Nicht anders ist es mit den politischen Zielen, die von der Hitlerregierung verfolgt werden. Die Frage, ob Hitler den Krieg oder den Frieden will, ist eigent­lich ohne jede Bedeutung. Selbstverständlich würde er am liebsten die Ziele seiner Politik ohne den Krieg er reichen, und er will erst recht keinen Krieg, solange die anderen unzweifelhaft viel stärker sind als Deutschland . Für die Entwicklung ist aber die Gesamtheit der politi­chen Ziele des nationalsozialistischen Deutschland ent­cheidend und nicht seine laut verkündeten unmittelbaren Forderungen: die Gesamteinfuhr von Nickel und nicht die Rickelmünzen.

Die außenpolitische Aktivität des nationalsozialistischen Bertschung Seite 3 Deutschland erzeugt, mit seiner Aufrüstung verbunden, die