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Fretheil
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Nummer 1
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2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag Mittwoch, 2./3. Jan. 1934 Chefredakteur: M. Braun
Aus dem Inhalt
Dimitroffs Schicksal
Seite 2
Saackampf 1934
Seite 2
Auf dem Hund
Seite 4
Auch die Urgroßeltern
Seite 5
Und Oesterreich?
Seite 7
geringe Aussichten auf Verständigung
London , 2. Jan. Wie Reuter and Rom meldet, wird Sir
John Simon heute abend in der italienischen Hauptstadt ein: treffen, und am Mittwoch dürfte er mit Mussolini zusammen: treffen. Er beabsichtige, am Freitag die Heimreise anzutreten.
In Rom zeige sich die Neigung, so heißt es in der Meldung weiter, dem Besuch keine übertriebene Wichtigkeit beizu= messen. Dieses Zusammentreffen mit Mussolini werde vor allem der Klärung der beiderseitigen Auffassungen über die Stockung der Abrüstungsverhandlungen und wahrscheinlich auch über den Völkerbund dienen. Gerüchte über das Be: vorstehen einer Viermächtekonferenz seien haltlos.
Wenig Hoffnung
Rom , 2. Jan. Die italienische Presse übt, wie während des mehrtägigen Aufenthaltes von Sir John Simon auf Capri Zurüdhaltung in der Beurteilung der Gespräche, die morgen zwischen Simon und Mussolini beginnen sollen. Man unterstreicht stark den informatorischen Charakter des englischen Besuches. Sowohl Italien wie England komme eine gewisse Vermittlerrolle zu, und man könne damit rechnen, daß die Unterhaltung der beiden Staatsmänner einige Klärung bringen werde. Wie aber die entschiedene Forderung Ita liens auf baldige Reform des Völkerbundes mit der ebenso entschieden ablehnenden Haltung Frankreichs in Einklang gebracht werden soll, wird nirgends angedeutet. Die überraschend schnelle Ueberreichung der französischen Note in Berlin führt man vielfach darauf zurück, daß Paris von den Gesprächen zwischen Simon und Mussolini eine Störung seiner diplomatischen Aktion in Berlin befürchtete und daher eine vollzogene Tatsache schaffen wolle. Von einem Optimismus über die Ergebnisse der Unterhaltungen in Rom und das Schicksal der Abrüstungskonferenz ist jedenfalls kaum etwas zu spüren.
Berlin , 2. Jan. Die Reichsregierung hatte damit gerech net, daß der französische Botschafter Francois- Poncet erst am 5. oder 6. Januar die ihm von Paul- Boncour übergebenen schriftlichen Instruktionen überreichen werde. Daß er schon für den 1. Januar nach den Neujahrsfeierlichkeiten um einen Empfang nachsuchte, entsprach einer Anweisung, die ihm von Paris gegeben worden ist und für die Reichs= regierung überraschend kam. Das von Francois- Poncet übergebene Aide Memoire legt die Haltung Frankreichs in der Abrüftungsfrage genau fest und läßt keinen Zweifel darüber, daß Frankreich nur gewillt ist, im Rahmen von Genf und fachlich dor wo am 14. Oktober durch den Austritt Deutsch lands die Beratungen abgebrochen worden sind, die Ver= handlungen wieder aufzunehmen.
Zur Vorgeschichte
London , 2. Januar. Der diplomatische Mitarbeiter des " Daily Telegraph " bringt heute die Auffassung zum Ausdruck, daß ein Aufschub des für den 21. d. M. vorgesehenen Zusammentritts des Abrüstungsbüros wahrscheinlich sei, es sei denn, daß jetzt in Berlin oder bei der Zusammenkunft des Völkerbundsrates am 15. in Genf ein wesentlicher Fortschritt erreicht werde.
Zu einer französischen Information, daß die britische Regierung am Samstag den Quai d'Orsay gebeten habe, die Ueberreichung der Denkschrift in Berlin um einige Tage zu verzögern und daß dieses Ersuchen abgelehnt worden sei, bemerkt der Mitarbeiter: Der Grund der Anregung war, daß der britische Botschafter in Berlin Gelegenheit erhalten sollte. durch vorherige Besprechungen mit der deutschen Regierung den Weg für den französischen Schritt zu ebnen und es zugleich Sir John Simon zu ermöglichen, mit Mussolini den wesentlichen Inhalt des Schriftstücks zu besprechen, bevor es in Berlin überreicht werde. Die ablehnende Haltung des Quai d'Orsay ist wahrscheinlich folgendermaßen begründet: Die französische Regierung hatte vorige Woche erwogen, das Dokument vor seiner Absendung nach Berlin Großbritan nien , Italien , Belgien und den osteuropäischen Verbündeten Frankreichs zur Zustimmung zu unterbreiten. Dieser Gedanke fand aber in London und Rom feine Billigung, da möglicherweise Berlin darin ein Zeichen für das Vorhandensein einer englisch - französisch- italienischen Einheitsfront gegen Deutschland hätte erblicken können.
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Paris , 2. Jan. Nach der Ueberreichung der französischen Antwortnote in Berlin verhält sich die Pariser Presse noch stark zurückhaltend. Von den großen Informationsblättern nimmt nur der Petit Parisien" Stellung und setzt sich mit der Aufnahme auseinander, die die französischen Vorschläge, soweit sie bisher bekannt sind, in der deutschen Deffentlichkeit gefunden haben.
Die Reichsregierung, so betont das Blatt, werde bei der Feststellung ihrer endgültigen Haltung davon Abstand neh= men müssen, die Angelegenheit mit der Erklärung abzutun, Frankreich verfolge lediglich ein taktisches Manöver. Die französische Regierung habe greifbare Vorschläge, die einen von der bisherigen deutschen Auffassung abweichenden Grund= saß aufrechterhalten. Frankreich sei im Gegensatz zu Teutschland der Ansicht, daß die Abrüftungsbestrebungen nicht zum Scheitern verurteilt felen. Es halte eine Rüdfehr zur Vorkriegspolitik des„ bewaffneten Friedens" für gefähr= lich, weil sie zum Kriege führen müsse. Deutschland sei der Ansicht, daß man niemanden mehr auffordern solle, abzurüsten, sondern die Rüstungsgleichheit nach oben herstellen solle, während Frankreich sie nach unten wünsche. Da die französische Note den befreundeten Regierungen zur Kennt= nisnahme übermittelt worden sei, werde die endgültige Haltung der Reichsregieruna wesentlich durch die Berichte beeinflußt werden, die ihr von ihren diplomatischen Ver.cetern über die Aufnahme der Denkschrift zugingen. Die verschie= denen Großmächte hätten nunmehr die Pflicht, ihr Teil der Verantwortung zu übernehmen. Deutschland stehe nicht ver einer gemeinsamen Front, die ihr eine Lösung rusinengen wolle, sondern befinde sich inmitten von internationalen Verhandlungen. Die Reichsregierung habe nunmehr Gelegen heit, ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, indem sie an der Aufstellung neuer europäischer Militärsagungen mitarbeite. Wenn sie sich weigere, so übernehme sie damit allein die Verantwortung für die Rückkehr zum bewaffneten Frieden. Das„ Deuvre" greift das Gerücht auf, wonach die so plößlich erfolgte Ueberreichung der Note auf einen ge= wissen Druck verschiedener Mächte zurückzuführen sei, die noch in letzter Stunde hätten Abänderungen anbringen wollen. Wenn dies zutreffe, so betoni das Blatt, so habe die französische Regierung fehr richtig gehandürfe, die den kleinen Mächten durch die Großmächte diftiert delt. Ebenso wenig wie Frankreich einer Politik zustimmen sei, ebenso wenig fönne es zugeben, daß man ihm seine eigene Politik vorschreibe.
" Figaro " unterstreicht, daß die französische Regierung
teine negative Haltung einnehme, sondern in ihrer Note einer gewissen Erhöhung der deutschen Streitkräfte zustimme,
während Frankreich bereit sei, in aewissem Rahmen abzu
rüsten. Es sei verfrüht. sich schon jetzt über die Aufnahme zu äußern, die die Denkschrift in amtlichen deutschen Kreisen finden werde. Es sei aber wahrscheinlich, daß auf die Reichsregierung von Rom und London aus Druck ausgeübt werde, damit sie ihre For derungen herunterschraube. Hitler werde sich auf alle Fälle Zeit zur Ueberlegung lassen und erst das Ergebnis der Unterredung zwischen dem englischen Außenminister Sir John Simon und Mussolini abwarten.
Der sozialistische Populaire" fordert die sofortige Veröffentlichung der Denkschrift. Man dürfe keine Geheimdiplo= matie betreiben, sondern die Oeffentlichkeit wolle wissen, wie der Wille des Volkes befolgt und durchgeführt werde.
Wie das„ Echo de Paris" behauptet, hatte die britische Regierung den Wunsch ausgesprochen, die Ueberreichung des Memorandums um einige Tage zu verzögern, um dem britischem Botschafter in Berlin noch die Mög lichkeit zu lassen, mit Hitler weiter zu ver handeln. Diese Weiterverhandlung sollte die Hindernisse wegräumen, die nach Ansicht des britischen Botschafters die Fortführung des deutsch - französischen Meinungsaustauschs stören könnten. Die französische Regierung habe aber eine derartige Verzögerung nicht für opportun gehalten. Einerseits tönnte die Meinung der Regierung und des Parlamentes nicht mehr geändert wer= den und andererseits sei die französische These in so maßvoller und höflicher Form ausgedrückt worden, daß niemand sich belei= Sigt fühlen könnte.
Der Jour" will im Zusammenhang mit der Ueber eichung der französischen Note in Berlin erfahren haben, daß die Unterredung zwischen dem französischen Botschafter einerseits und dem Führer und dem Reichsaußenminister v. Neurath andererseits in Deutschland einen ungünstigen Eindruck hinterlassen habe,
Der Kulturbolschewist
A. Lunatscharski, der zwölf Jahre lang als Volks kommissar für Unterricht der Sowjetregierung angehört hat, ist auf fremdem Boden, wo er Heilung seiner Krankheit gesucht hat, gestorben. Mit seinem Namen ist die gewaltige Kulturelle Umwälzung verknüpft, die Rußland seit der Revolution von 1917 durchgemacht hat eine Kulturumwälzung, die mit der Philisterphrase vom Kulturbolschewismus" nicht abzutun ist.
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Jede große Revolution ist von der Gefahr der Bilderstürmerei bedroht der blindwütigen Zerstörung alter Kulturgüter aus dem Glauben, daß alles Alte vernichtet werden müsse, damit die Revolution eine neue Kultur schaffen könne. Die große russische Revolution ist von dieser Gefahr so wenig verschont geblieben wie die große englische Revolution des siebzehnten, die große französische des achtzehnten Jahrhunderts. Der Mann aber, der sich dieser Gefahr vom ersten Tage an entgegengeworfen hat, war Lunatscharski . Er hat einmal in einer Abhandlung über Dostojewskij geschrieben, daß die Revolution mit all den großen Dichtern des alten, des zarischen Rußland auch den Dichter der gegenrevolutionären„ Dämonen" zwinge, ihren Pfad zu segnen. Selbst Kulturhistoriker und Dichter, hat er es als seine erste Aufgabe begriffen, die überlieferten Kulturwerte durch die soziale Revolution hindurchzuretten und sie, deren Genuß vordem ein Privileg Weniger gewesen war, dem ganzen Volke als sein Erbe zu vermitteln. In der Zeit des Bürgerkrieges war er es, der die großen Kunstschäße Rußlands vor der Zerstörung gerettet, große Dichter und Gelehrte in der Zeit der Hungersnot vor dem Hungertod bewahrt hat. Und was er gerettet hatte, das wurde wirklich zum Erbe des Volkes. Er hat die Kunstschätze aus den kaiserlichen Sammlungen und aus den Schlössern der Aristokraten in neugeordneten Museen vereinigt und es verstanden, das Interesse der Arbeiter, selbst der Bauern für seine Sammlungen zu wecken; nirgends in der Welt sind die Schäße der Museen so volkstümlich geworden wie in Rußland . Er hat die russischen Theater- und Konzertsäle den Arbeitern geöffnet; nirgends in der Welt sind Theaterund Konzertsäle so von Arbeitern und Arbeiterfrauen gefüllt wie in Moskau , in Leningrad , in Charkow . Das italienische Dopo Lavoro und seine Nachahmung, die jetzt in Deutschland versucht wird, sind armselige Kopien seines großen Versuches, dem Arbeiter am Feierabend die höchsten Kunstschätze zu erschließen.
Aber wenn er Altüberliefertes dem neuen Rußland gerettet und den Massen zugeeignet hat, so lag seine eigent liche Leistung doch in der schöpferischen Arbeit an neuem Kulturgut. In Rußland galt es zuerst, den Analphabetismus zu liquidieren. Das erforderte nicht nur die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die das zarische Rußland nicht gekannt hatte; an sich schon eine Leistung von unermeßlicher Schwere, da es vorerst galt, Tausende neuer Schulgebäude zu bauen, Zehntausende junger Lehrer heranzubilden. Aber damit nicht genug, stürzte er sich in den Kampf gegen den Analphabetismus der Erwachsenen. Es ist einer kunstvollen Propaganda gelungen, nicht nur in jede Fabrik, sondern auch, was ungleich schwieriger war, in jedes Dorf die Ueberzeugung zu bringen, daß es jetzt, in dem neuen Rußland , unerlaubte Schande sei, nicht lesen und schreiben zu können, und dank dieser Propaganda Millionen Männer und Frauen, jüngere und ältere, am Feierabend in die Volksbildungskurse zu führen, die ihnen die elementarste Bildung vermittelten. In keinem Lande der Welt ist jemals der Massenanalphabetismus in so wenigen Jahren überwunden worden, wie in dem revolutionären Rußland . Und über dieses Gebäude der Elementarbildung wurde nun ein ganz neues System des mittleren und höheren Bildungswesens aufgebaut. Das Neue daran ist vor allem, daß das alte Bildungsprivileg der besitzenden Klassen völlig zerbrochen worden ist, der Nachwuchs an Mittelschülern und Studenten zu mehr als neun Zehnteln aus Arbeiter- und Bauernsöhnen rekrutiert wurde. Kein Zweifel, dieses ganze neue System des russischen Schulwesens hat seine empfindlichen Mängel. Man hat im revolutionären Sturm allzu kühne