Fretheil

Nummer 13-2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Mittwoch, 17. Januar 1934

Chefredakteur: M. Braun

Aus dem Inhalt

Kecker und Verbannung Seite 2

Beaune Gottlosenbewegung

Seite 3

Deutsches Massenelend

Seite 4

Staviskys cätselhafter Tod

Seite 4

Nazi- Emigrant spricht Seite 7

Insecatenteil beachten!

Keine Rückkehr nach Genf

Hitlerdeutschland setzt seine den Frieden gefährdenden Provokationen fort

Berlin berät

Aber ablehnende Antwort nach Genf zweifellos Berlin , 16. Jan. Die Reichsregierung hat eine Ent­scheidung über die Einladung des Völkerbundes zur Teil­nahme an den Saarverhandlungen noch nicht getroffen. Wie die Morgenblätter jedoch übereinstimmend berichten, dürfte die deutsche Antwort negativ ausfallen, da seit dem deutschen Austritt aus dem Völkerbund eine grundsätzliche Aende rung in dessen Haltung nicht eingetreten ist, durch die etwaige deutsche Teilnahme aber ein gefährlicher Präzedenz fall geschaffen worden wäre. Die Reichsregierung hat keinen Anlaß, dem Völkerbund die Berantwortung für die Reglung der Saarfrage abzunehmen.

DF. Eine dramatische Außenpolitik, wie sie Deutschland am 14. Oktober in Genf eingeleitet hat, als es mit einem Faustschlag auf den Tisch den Völkerbund verließ, trägt ihre unausbleiblichen Konsequenzen in sich. Selbst wenn die Reichsregierung damals noch die Absicht gehabt haben sollte, gelegentlich einzuleuten, wird sie inzwischen begriffen haben, daß die Abreise leichter war als die Rückkehr in das inter­nationale Genf . Gewiß sind andere Staaten, wie Japan , schon vor Deutschland aus dem Völkerbund ausgeschieden, aber für die expansive Großmacht im Fernen Osten sind die Verlegenheiten geringer. Sie liegt weit außerhalb der europäischen Interessensphären, während Deutschland auf Schrift und Tritt in die europäischen Probleme hinein­gezogen wird. Es kann den Verhandlungen einfach nicht ausweichen. Wenn es sich in Genf wie ein ungezogener Junge weigert, muß es sich anderwärts mit den Staats­führern seiner Nachbarn unter ungünstigeren Bedingungen zusammenseßen oder es muß seine eigenen Interessen preis­

geben.

Ein solcher Verrat nationaler Interessen durch die nationale Reichsregierung liegt nun evident für alle in Deutschland noch Dentfähigen vor. Die Saarfrage ist

Es ist kindlich, wenn jetzt die deutsche Presse nach den un­lauteren Gründen sucht, die angeblich den bösen Nachbarn

Frankreich zu seiner liebenswürdigen Geste an das Deutsche Reich veranlaßt haben. Die Franzosen sind nicht verpflichtet, deutsche Politik zu machen. Deutsche Politik sollte die Haupt­aufgabe der deutschen Reichsregierung sein, und wenn diese nicht die Hoffnung haben sollte, das Saargebiet militärisch zurückzuerobern, fann sie es nur über die Volksabstimmung und durch den unvermeidlichen Weg über den Völkerbund erreichen. Daran unter anderm mußte sie am 14. Oktober denken, und darum trägt sie die Verantwortung für alles, was nun in Genf etwa ohne sie geschehen sollte.

Ueber die Saarfrage hinaus lehrt die geschmeidige franzö sische Einladung und die kategorische Ablehnung, die aus Berlin bevorsteht, wie verzweifelt gering die Aussichten sind, Deutschland nach Genf zurückzubringen. Es sei denn, daß Frankreich die Absicht hätte, seinen diplomatischen Gesten eine Kapitulation vor dem Hitlertum folgen zu lassen. Auch das gehört zu den unausweichlichen Konsequenzen der am 14. Oktober demaskierten Außenpolitik der deutschen Reichs­regierung, daß sie kleine Konzessionen nicht mehr akzeptieren fann. Sie ist in ihren eigenen Entschlüssen gefangen, die durch das schwindelhafte aber großartig aufgemachte Plebiszit vom 12. November noch gefestigt sind. Diese Entschlüsse gelten, da eine rasche Abrüstung der anderen nicht zu erwarten ist, der deutschen Gleichberechtigung durch gewaltige Aufrüstung. Die starke Dynamit dieser deutschen Außenpolitik, die durch eine unvergleichliche nationalistische Massenpsychose in Tempo gesteigert wird, stellt Europa vor unausweichliche Entscheidungen. Noch amüsiert sich die Diplomatie an ver­bindlichen Finessen Frankreichs und an dem schlecht ver­Hehlten Aerger, mit dem die plumpen deutschen Nationalisten sie ablehnen. Aber auch dieses ebenso unterhaltsame wie gefährliche Spiel nähert sich seinem Ende. Europa wird für seine Schicksalsstunden reif.

nach des Reichskanzlers wiederholter mit Serztönen vor Die internationale Saarfrage

getragener Ueberzeugung der einzige Differenzpunkt zwischen Frankreich und Deutschland . Wenn man von den fleinen Meinungsverschiedenheiten in der Abrüstungs- und Sicherheitsfrage absieht, die der Herr Reichskanzler wahr­scheinlich im Feuer seiner glühenden Beredtsamkeit ein­schmelzen will. Die Rückgliederung der Saar wird tagtäglich mit allen Mitteln der Propaganda dem deutschen Volke als das nächste nationale Hochziel dargestellt. Aller politischen Voraussicht nach, ist dieses Ziel früher oder später nur durch eine Volksabstimmung zu erreichen. Zeitpunkt und Einzel­heiten dieser Abstimmung werden im Völkerbundsrat fest­gesetzt, wo später auch die letzte Entscheidung über die Er­füllung der von der Bevölkerung geäußerten Wünsche fallen wird. Es ist auch für den Einfältigsten klar, daß Deutsch­ lands Interessen und das Schicksal der Deutschen an der Saar eine wirklich nationale Regierung verpflichten müßten, auf diese Entschlüsse Einfluß zu gewinnen. Das ist natürlich nur im Völkerbundsrat möglich, in dem frühere republika­nische Regierungen nach vielen Jahren endlich einen Sizz für Deutschland erkämpft haben.asia)

Diese Position ist leichtfertig aufgegeben worden, und es offenbart sich nun, wie schwer sie wieder einzunehmen sein wird. Frankreich hat am Montag in der geheimen Sizung des Völkerbundsrates durch seinen Vertreter Massigli vor­geschlagen, das starf interessierte Deutsche Reich sofort zu der

Französische Stimmen

Paris . 16. Jan. Die Berliner Korrespondenten der großen französischen Nachrichtenblätter fündigen an, daß Deutschland die Aufforderung zur Teilnahme an einer Saardebatte in Genf zurückweisen, sich vielleicht aber nach der Schaffung eines Volksabstimmungsausschusses für sie wieder in­teressieren könnte.

Die Republique hofft, daß der Völkerbund dafür sorge, daß die Voltsabstimmung nicht zu einer lächerlichen Sache herabgewürdigt werde. Wenn das Saargebiet vom Hitlerterror" erobert werde. dann werde auch Desterreich gewonnen werden, und bald nach ihm ganz Mitteleuropa . Bisher habe sich Genf nicht sehr entschieden gezeigt, das könne es jetzt noch wiedergutmachen, wenn es den Frieden rette.

Le Jour spricht von einem deutschen und einem fran­ zösischen Paradoxon. Hitler widerstrebe es, in der Saarfrage im Rahmen des Versailler Vertrages zu triumphieren. Er wolle einen weniger internationalen Erfolg und würde sich freuen, wenn Frankreich dem Versailler Diktat den ersten Messerstich beibrächte. Der Quai d'Orsay halte nun an der internationalen Behandlung der Saarfrage feit und wolle in diesem Falle keine direkte deutsch - französische Verstän­digung selbst wenn eine solche an sich unmittelbar wünschens­wert wäre.

Saarbrüden, 16. Januar.

Raistagung einzuladen, die sich mit der Vorbereitung der Freiheitsfront nach Geni Saarabstimmung befaßt. Mit ausgesuchter Höflichkeit stellte der Franzose seinen Antrag. In einmütiger Zustimmung nahm ihn der Rat auf, und nun sißen die Herren in Berlin und sitzen und beraten. Nicht ob sie die freundliche Ein­ladung annehmen sollen. Das ist für sie nach dem Eklat vom 14. Oktober unmöglich. Nur wie sie die ihnen von Genf her beigebrachte diplomatische Nieder­lage mit einigem Geschick verschleiern können und zugleich nicht jetzt schon europäische Verantwortungen übernehmen, die ihnen am Ende des berühmten deutsch - französischen Ge­spräches drohen. Das allein ist die Regierungsforge. So hat denn die deutsche Reichsregierung glücklich sich aus den Vorfragen zur Saarabstimmung ausgeschaltet, und die Saar­bevölkerung steht mit etlichem Erstaunen, wie seit der Gleichschaltung Deutschland zwar die lärmende Agitation, die anderen aber die entscheidende Politit

machen.

Die Freiheitsfront des Saargebietes" und die sozialdemo= kratische Landesratsfraktion haben zur diesmaligen Bölker­bundsratstagung wiederum eine Delegation nach Genf entsandt, und zwar den Führer der saarländischen Freiheitsbewegung Mag Braun, Saarbrücken , und den Landesratsabgeordneten Hermann Petri, Neunkirchen . Sie werden in der Völkerbundsstadt insbesondere das Recht der Saarbevölkerung auf eine freie, unbeeinflußte und geheime Abstimmung vertreten und verlangen, daß nicht nur die Antifaschisten der Saar gemäß ihrem ver: brieften und vertraglich gesicherten unveräußerlichen Rechten geschützt, sondern auch die Abstimmungsvorbereitungen und geschützt, sondern auch die Abstimmungsvorbereitungen und die Datumfestsegung erst dann erfolgen, wenn diese n n= die Datumfestsegung erst dann erfolgen, wenn diese nn= abänderlichen und unabdingbaren Beitim: mungen des Vertrages erfüllt End,

ded

Oberst Bed , der polnische Außenminister, leitet als Präsident die Tagung des Völkerbundsrats.

Hitlers Nein

Die Abrüstungskonferenz in der Sackgasse

A. Sch. Wie verworren die heutige außenpolitische Lage auch ist, in einer Frage kann es keinen Zweifel geben: eine außenpolitische Stabilisierung des deutschen Faschis mus ist nur auf dem Wege einer Verständigung mit Frankreich möglich. Diese Verständigung würde heute allerdings einen ganz anderen Sinn und auch einen an­deren politischen Inhalt haben, als wenn das andere Deutschland , das nichtfaschistische, das republikanische Deutschland Frankreich die Hand zur europäischen Zu­sammenarbeit reichen würde. Denn es geht jetzt nicht mehr um die deutsch - französische Zusammenarbeit, um den Neuaufbau Europas , um die Lösung des kontinental- euro­päischen Problems. Der deutsche Faschismus hat alle diese Möglichkeiten zerschlagen. Es geht heute nur noch um die Verständigung in der Waffenfrage, die den Krieg verhindern könnte. Die Grenzen dieser deutsch - fran­zösischen Verständigung sind nun sehr eng geworden, aber auch diese einzige Frage scheint heute unlösbar zu sein.

Das deutsch - französische Kompromiß in der Rüstungs frage ist entweder auf Grund einer englisch - italienischen Vermittlung, oder auf dem Wege der direkten Verein­barung möglich. Die englisch - italienische Vermittlung kann nicht einmal als gescheitert angesehen werden, ein solcher Versuch ist überhaupt nicht unternommen worden. Es ist kein Geheimnis mehr, daß die Verhandlungen zwischen Simon und Mussolini ganz ergebnislos verlaufen sind. In seiner Tagung vom 10. Januar hat der Abrüstungs ausschuß des englischen Kabinetts davon Kenntnis ge­nommen. Es gibt keinen Mussolini - Plan, der Frankreich , und Deutschland vorgeschlagen oder der Abrüstungs konferenz angeboten werden könnte. Es gibt auch kein Mussolini- Simon- Kompromiß. Die Bermittler, die Schiedsrichter stehen mit leeren Händen da.

Es bleibt also nur noch der Weg der direkten deutsch­französischen Aussprache gangbar, und auch dieser Weg ist durch die Taktik Hitlers aussichtslos geworden. Hitlers Antwort auf den französischen Gegenvorschlag ist noch nicht überreicht worden, aber in Paris weiß man bei den zuständigen Stellen schon ganz genau, wie sie aussehen wird. Hitlers Parole heißt zunächst ausweichen und die Verhandlungen möglichst in die Länge ziehen. keinen Umständen darf die deutsche Antwort bei dem Zu­sammentritt der Hauptkommission der Abrüstungs­konferenz durch diese geprüft oder diskutiert werden können: so beurteilt die Pariser Presse die Taktik der Wilhelmstraße.

Unter

Aber dieses Manöver wird illusorisch bleiben, weil die deutsche Presse bereits ausgeplaudert hat, was nach allem äußeren Zögern die deutsche Antwort doch enthalten wird: das Verlangen nach der restlosen und sofortigen Rüstungs­angleichung. Das wird aber das glatte Nein, die Ablehnung des französischen Gegenpor iglags bedeuten. Hitlers Verhandlungstaktik ist auf