Pentjake

Fretheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

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Nummer 29 2. Jahrgang Saarbrücken , Sonntag Montag, 4./5. Februar 1934 Chefredakteur: M. Braun

Aus dem inhalt

Deutsche Rüstungsleagen

an Frankreich

( Die amtliche deutsche Denkschrift)

Seite 2

Finanz- Skandale

Seite 5

einer Monacchie

Polizei ermordet

Seite 7

4 Kommunisten

Österreich bedroht!

Hitlerdeutschlands Vorstoß gegen Oesterreichs Unabhängigkeit- Vor dem Hilferuf an den Völkerbund - Europäische Verlegenheit

120 000 Bauern marschieren

Die Garde des Bundeskanzlers

Wien , 2. Febr. In 80 Sonderzügen find heute 120 000 niederösterreichische Bauern zu einer Massenfundgebung in Wien eingetroffen. Der gewaltige Bauernzug marschierte über die Ringstraße. Vor dem Heeresministerium nahm der Bundeskanzler Dr. Dollfuß den mehr als zweistündigen Borbeimarsch der Achters und Sechzehner- Reihen ab. Dieser Bauernmarsch von Anhängern der alten chriftlichsozialen Lueger Partei( Lueger war der Führer um die Jahrhundert: wende) ist als ein Gegenschlag gegen den bewaffneten Vor: stoß der Heimwehr in Tirol gedacht. Der niederösterreichische Bauernbund, der unter Führung des niederösterreichischen Landeshauptmanns Reither steht, befindet sich in heftigem Gegensatz zur Heimwehr Starhembergs und des Vizes tanzlers& e y. Diese niederösterreichische Bauern sind scharfe Gegner der Faschisierung Desterreichs. Ans dem nieder: österreichischen Bauernbund ist auch Bundeskanzler Dollfuß hervorgegangen, und diese seine alte Organisation ist wohl nun die einzige Macht außerhalb des Staatsapparates, auf kann.

bie der Bundeskanzler einſtweilen zuverläſfis panen

Die Belegung Innsbrucks durch bewaffnete Heimwehren und der Bauernmarsch in Wien find brohende Maffens erscheinungen des Kampfes um die Vormacht in der Bundess regierung selbst. Es wird um die Frage gerungen, ob die

Amtliche Entgegnung

Gegen das ,, Saarbrücker Abendblatt"

Regierungsfommission

des Saargebiets.

Direktion des Innern

und des Kabinetta.

3. G. II. 58/34. H.

Jm

Saarbrüden, ben 2. Februar 1984.

Saarbrüder Abendblatt" vom 1. Februar 1984 ist unter " Aloist aufgepast ein Artikel erschienen, der den offenbaren Zweck hat, die öffentliche Meinung in bezug auf besonders wichtige Rechte und Pflichten anläßlich der Volksabstimmung im Wege von auf un­richtigen Zitierungen des Friedensvertrages aufgebauten Schlüssen irrezuführen. Es heißt da wörtlich:

" Da nach Artikel 49, Abs. 2 des Versailler Vertrages die Saar­bevölkerung darüber abzustimmen hat, ob sie die deutsche Souve ränität beibehalten oder unter eine andere zu treten wünscht, gilt also bis zur Entscheidung im Saargebiet zweifellos bie deutsche Staatshoheit, welche für das gesamte staats­bürgerliche Verhalten maßgebend ift. Somit hat der für den Wahl­gang verantwortliche Leiter in erster Linie dafür zu sorgen, daß diese vertraglich verbriefte, deutsche Staatshoheit auch restlos ge­fichert ist.

Zunächst hat also auf deutschem Hoheitsgebiet an der Saar alles Tandesverräterische Treiber und insbesondere die landesverräte rische Prene aufzuhören, weil beides zweifellos dem Friedens. vertrag widerspricht und das Wahlergebnis beeinflußt." Temgegenüber ist festzustellen, daß der zweite Abfaz des Artikels 49 folgenden Wortlaut hat:

Nach Ablauf einer Frist von fünfzehn Jahren nach Jufrafts treten des gegenwärtigen Vertrages soll die Bevölkerung dieses Gebietes sich darüber entscheiden, unter welche Souveränität fie an treten wünscht."

Da hierzu nach dem Wortlaut des§ 84 der Anlage zum Friedens­vertrag die Abstimmung über folgende 3 Fragen stattzufinden hat: a) Betbehaltuna der durch den gegenwärtigen Vertrag und die gegenwärtige Anlage geschaffenen Rechtsordnung,

b) Vereinigung mit Frankreich , c) Bereinigung mit Deutschland , fann es feinem Bweifel unterliegen. daß das Eintreten, gleichotel für welche von den drei gesetzlich festgestellten Möglichkeiten, als voll zu schützendes Recht der Beteiligten feinesfalls Landesverrat ge­nannt werden kann und darf. Eine folche Bezeichnung bedeutet einen gefezwidrigen Druck auf die freie Willensbestimmung und wird ge­richtlich geahnbet.

Das Mitglied der Regierungskommission Für die Angelegenheiten des Innern: gez. G. G. Anor.

Für gleichlautende Abschrift Der Direktor bes Innern und des Rabinetts: J. B.: Unterschrift.

t

Zimmer 16

Christlichsozialen der alten gemäßigten demokras tischen Richtung oder die Heimwehr des faschistischen Aurses die Linie der österreichischen Politik bestimmen soll. Der niederösterreichische Landeshauptmann Reither hat, Von Gerhart Seger als er an der Spize seiner Bauern in Wien begrüßt wurde, sich mit den schärfsten Worten gegen die nationalsozialistische und die sozialdemokratische Opposition gewandt. Er forderte die rücksichtsloseste Anwendung des Standrechts gegen die Nationalsozialisten.

Bundeskanzler Dr. Dollfus gab seiner Erwartung Ausdruck, daß die Banern Desterreich gegen den Anfturm gegen den Nationalsozialismus schützen würden. Nach der Ablehnung der österreichischen Forderungen durch die deutsche Antwort werde die öfter= reichische Regierung den Weg der Pflicht im vollen Vertrauen auf ihr Recht weiter: gehen. Als gute Deutsche lehnten die Defterreicher jede Gleichschalterei ab. Der Kanzler schloß mit einem Ruf zur Mitarbeit an die Arbeiter aller Berufsstände.

Wir drucken diesen Abschnitt aus dem im Graphia­Verlag" in Prag erschienenen Buch des aus dem Konzen­trationslager Oranienburg " geflohenen früheren Reichs­tagsabgeordneten Seger ab. Es ist nur ein kleiner Teil der durch Seger bezeugten Erlebnisse. Wir widmen diesen Abdruck dem gleichgeschalteten Pressegesindel, das sich durch ein Komplott des Schweigens zu Mit­schuldigen der braunen Mörderbanden des Führers" macht.

Redaktion der Deutschen Freiheit". Bei unserem Eintreffen im Lager Oranienburg wurde uns von dem Sturmbannführer Krüger gleich versichert, wir wären hier nicht in einem Gefängnis und unterstünden nicht etwa Polizeibeamten, sondern wir wären in einem Ronzentrationslager der SA., und was das zu bedeuten hätte, mürde uns schon noch aufgehen. Es begann uns

Außerordentlicher Ministerrat" aufzugeben, als man uns nach einigen Stunden militäri­Hochspannung in Oesterreich

Wien, 3. Febr. Nach einer halbamtlichen Mitteilung wird ein außerordentlicher Ministerrat bereits in allernächster Zeit ansammentreten, um den endgültigen Bes schluß über eine internationale Aftion Oesterreichs gegen Deutschland zu faffen. Mau erwartet, daß die Sigung noch vor der Abreise des Bundeskanzlers Dollfuß nach Budapest am 7. Februar stattfinden wird. Die allgemein als unmittel bar bevorstehend angesehene Anrufung des Bölfers bundes durch die Regierung wird von der Presse bereits als eine feststehende Tatsache hingestellt.

Bundeskanzler Dollfuß empfing am Freitagabend die Ges sandten Englands, Frankreichs und Italiens . Für Samstag oder Montag wird der außerordentliche Ministerrat erwartet, in dem der endgültige Beschluß über die internationale Aktion Osterreichs gefaßt werden soll.

Die österreichischen seimwehren haben neuer lich die Auflösung der Christlich fozialen Par tei und der Sozialdemokratischen Partei verlangt. In Parteitreisen hat diese Forderung große Erregung hervor. gerufen.

und

In ganz Desterreich haben am Freitag neue gebungen stattgefunden. Wegen Förderung der ver: botenen Betätigung für die NSDAP . ist mehreren Ges werbetreibenden die Gewerbeberechtigung entzogen worden.

Grobe deutsche Antwort Hitler- Deutschland unschuldsfromm reich tief in Sünde

schen Strafererzierens am ersten und zweiten Tag unseres Lageraufenhaltes in einem Tagesaufenthaltsraum unter­brachte, in dem sich die erste Zeit beständig zwei Posten mit geladenem Gewehr aufhielten und aus dem die ersten Gefangenen unseres Transports fortlaufend zu den Ver­nehmungen nach 3immer 16 gerufen wurden.

Zimmer 16! Es ist ganz ausgeschlossen, etwa die Zahl der Mißhandlungen festzustellen, die bis zum Tage vor meiner Flucht in diesem Zimmer verübt worden sind und die zweifellos noch heute verübt werden. Ich vermag nicht die genaue 3ahl der Toten anzugeben, die ihr Leben an den Folgen der ihnen im Zimmer 16 zuteil ge­wordenen Vernehmung" ausgehaucht haben, und ich beschränke mich daher auf die beiden Fälle, die ich genau kenne, von denen ich aber leider sagen muß, daß es nicht die einzigen ihrer Art sind. Einer der ersten jungen an­haltischen Kommunisten, die am zweiten Tag nach Zimmer 16 zur Vernehmung geholt wurden, war der Arbeiter Hagedorn aus Coswig . Wir haben ihn nach seiner Abholung nicht wieder gesehen. Nach der Ver­nehmung wurde er zur Sanitätsstube und dann ins Krankenhaus gebracht. Dort verschied er am Tag darauf, weil ihm vom Sturmbannführer Krüger( Trebbin ) und seinen SA. Helfern buchstäblich bei lebendigem Leib die Nieren zerschlagen worden waren. Drei Tage waren wir im Konzentrationslager Oranienburg , und schon hatten mir bei dem anhaltischen Transport von 42 Mann den ersten Toten.

Am 28. Juni, am vierzehnten Tag unseres Aufenthalts, hatten wir den zweiten Toten den einunddreißigjährigen Arbeiter Sens aus Zerbst . Ich habe ihm in seiner letzten Oester Stunde Wasser gebracht und sonst beigestanden. Die Spuren der Mißhandlungen in seinem Körper, blutunter­Rücken von den Schulterblättern bis zum Gesäß, auf laufene, tiefblaue und schwarz gefärbte Stellen auf dem den Oberschenkeln und an den Waden, habe ich gesehen. Jch kann also bezeugen, daß auch dieser vollkommen ge­sund gemejene kräftige Arbeitersportler vom Sturmbann führer Krüger und zwei SA. - Männern, also mit drei Gummiknüppeln zu Tode geschlagen worden ist. Er ver­schied durch Herzschlag infolge der durch die zahllosen und wahnsinnigen Schläge am ganzen Körper aufgetretenen Blutstauungen.

Die deutsche Antwortnote auf die von der österreichischen Bundesregierung erhobenen Beschwerden ist in sehr schroffem Ton gehalten und hebt sich sehr von der Versöhnlichkeit ab, die Hitlerdeutschland im Verkehr mit der französischen Regierung anzuschlagen pflegt.

Die deutsche Regierung bekennt sich zu der national­sozialistischen Bewegung in Desterreich:

Der Nationalsozialismus, der die Bevölkerung des Reiches mit elementarer Kraft ergriffen und der die deutsche Bevölkerung Desterreichs schon feit langem in feinen Bann gezogen hat, wird von der österreichischen Regierung mit allen Mitteln der Gewalt in seiner legalen Entwicklung und freien Entfal: tung gehindert. Es ist selbstverständlich, daß durch die politische Grenze zwischen dem Reich und Desterreich das Gefühl völkischer und geistiger Berbundenheit nicht bes seitigt und daß dieser Fortschritt voltsbewegender Ideen nicht aufgehalten werden kann.

Die österreichische Regierung fann nichters warten, daß Deutschland einem Regierung 3 system gleichgültig gegenübersteht, daß alles das entrechtet und unterdrückt, was

Fortsetzung fiehe 2. Seite

In welcher Weise gleich zu Anfang unseres Aufenthalts in Oranienburg in diesem Zimmer 16 eine Anzahl der mit uns eingelieferten Gefangenen mißhandelt worden ist, sei außer an den beiden schon geschilderten Todes­fällen noch an weiteren Beispielen gezeigt. Offiziell hieß übrigens diese Folterkammer Polizei- und Vernehmungs­abteilung".

Bei dem ersten anhaltischen Transport befand sich auch ein junger Dachdecker namens Nowak, der durch einen schweren Arbeitsunfall einen Wirbelsäulenbruch erlitten hatte, völlig erwerbsunfähig war und zur Aufrechterhal tung seines Körpers dauernd ein besonderes Korsett tragen mußte. Diesem armen Menschen wurde bei der Vernehmung auf Zimmer 16 ein Stuhl hingestellt. Als