Fretheil
Dentate
Nummer 36-2. Jahrgang
Brief an Hitler
Saarbrücken, Dienstag, den 13. Februar 1934 Chefredakteur: M. Braun
Ein Schweizer schreibt dem Reichskanzler
Ein schweizer Bürger stellt uns folgenden Brief zur Verfügung, den er an den Reichskanzler Hitler ge= schrieben hat:
Aus dem Inhalt
Seite 2
Hitler für Saatteccor
Seite 3
Schicksal des Dollars Seite 4
Sondergericht wütet
Seite 5
In Ihrer Rede vom 30. Januar 1934 vor dem Deutschen Dollfuß zwischen Heimwehr und Sozialdemokratic ass
Reichstag haben Sie, von der Stellung der deutschen Regierung zur österreichischen sprechend, den Satz gesagt:
„ Deutsche aber, die heute im Ausland reisen, find abegesehen von den Emigranten, immer Nationalsozialisten." Da Sie nicht nur von Oesterreich , sondern vom Ausland im allgemeinen sprechen, habe ich als Schweizer die deutschen Männer und Frauen, die vom 30. Januar 1933 bis heute als Gäste in unser Haus kamen, oder die ich als Bekannte in den Straßen unserer Stadt auf der Durchreise traf, gemustert. Es sind 14 Leute aus verschiedenen Gegenden Deutschlands , aus verschiedenen Kreisen der Bevölkerung, von verschiedenen Altersstufen gewesen, so daß ich dieses Grüpplein Deutscher wohl als kleinen, aber bezeichnenden Ausschnitt aus dem deutschen Bolke betrachten kann. Nur fünf von ihnen waren Bekannte von früher, die also unsere politische Einstellung kennen konnten; die anderen traten mir als neue Erscheinungen entgegen. Ich will sie Ihnen in Kürze nach der Reihenfolge ihres Rommens vorstellen, um Ihnen zu zeigen, wie diese im Ausland reisenden Deutschen zum Nationalsozialismus standen und heute stehen:
1. A., um seiner deutschen Gesinnung seit Jahren bekannter Rünstler, älterer Mann, spricht begeistert vom Nationalsozialismus, ist aber nicht Pg. Wir unterhalten uns lebhaft über das neue Deutschland , können uns natürlich gegenseitig nicht überzeugen. Ein Brief dieses Mannes aus dem Herbst dieses Jahres spricht ebenso enttäuscht, ja erbittert von der herrschenden Partei, wie er im Frühjahr begeistert war. 2. B., ältere Frau aus Akademiker- Kreisen in Mittel deutschland , ist sehr besorgt über die neuen Verhältnisse und sucht als Astrologin in den Sternen Trost zu finden, auf keinen Fall fann sie als Nationalsozialistin betrachtet werden.
G., jüngerer faufmännischer Angestellter aus norddeutscher Großstadt, kommt zu einem Krankheits- Urlaub
in die Schweiz mit deutschem Paß und Sichtvermert, hat
vor dem 30. Januar feiner politischen Partei angehört.
Er ist auch heute noch nicht Nationalsozialist
4. D., zirfa 55jährige Dame aus Mitteldeutschland , aus Akademiker- Familie, die wir als gut national fennen. Da wir annehmen, sie werde selbstverständlich Nationalfozialistin sein, vermeiden wir erst politische Gespräche. Bei einem Waldspaziergang am Pfingstmontag, als das ganze Gehölz von Volksliedern widerhallt, überrascht sie uns durch den Ausspruch:„ Gottlob, einen ganzen Tag hört man das Horst- Wessel- Lied nicht," und entpuppt sich als Gegnerin des Nationalsozialismus. 5. E., faufmännischer Angestellter, auf der Radreise durch die Schweiz , besucht er seinen bei uns weilenden kranken Freund G. Großer, blonder Junge, Typus des arischen Deutschen , aber erklärter Gegner des Nationalsozialismus; ist es auch heute noch.
6. F., mitteldeutscher Staatsbeamter, Afademiker, Na= tionalsozialist, Pg. seit Sommer 1932, kommt mit richtigem Auslandspaß als mir völlig Unbekannter zu mir mit der Bitte, ihm zu einer Stellung in der Schweiz behilflich zu sein. Grund: Arier- Paragraph. Jüdische Schwiegermutter, die vor seiner Heirat gestorben war; er ist über das ihm widerfahrene„ Unglück", da seine zwei Kinder, beide Hitler Jugend ", unarischer Herkunft sind, ganz untröstlich, will aber trotzdem von den Seinen nicht lassen. Ich versuche ihn zu trösten, er als Nationalsozialist werde doch keine Schwierigkeiten bekommen, woraut er mir antwortet:" Ich kenne meine Pg., sie find unerbittlich!" Während ich mich um ihn leider erfolglos bemühe, kommt er öfters zu uns, wir und G. wundern uns, wie stark er troß seines Unglücks" noch in nationalsozialistischer Jdeologie lebt. Um ihm seine Stellung flarzumachen, lese ich ihm eine von mir verfaßte, scharf ablehnende Darstellung des Nationalsozialismus vor. Er bemerkt dazu:„ Es ist scharf ,, was Sie geschrieben haben, aber ich muß zugeben, Sie haben Recht." Betrübt reist er nach Verlauf seines Urlaubes nach Deutschland zurück, ließ seitdem nichts mehr von sich hören. Wie ich ihn kennen gelernt habe, wird er heute noch Pg. sein. Mit welcher Begeisterung und mit wie gutem Gewissen, wird sich der Herr Reichskanzler denken können!
7. G., jüngere Frau aus Mitteldeutschland , läßt im Gespräch zwar nichts auf den Herrn Reichskanzler fommen, der nicht alles wisse, was in seinem Namen geschehe",
Widerstand
Wien , den 12. Februar.( Eig. Bericht.)
Die Ernennung des Polizeipräsidenten von Wien , Seidl, zum Bundeskommissar für das Land Wien hat keine un= mittelbare praktische Bedeutung. Seine Zuständigkeit erstreckt sich nur auf das Sicherheitswesen der Hauptstadt, das schon bisher, da es sich um Staatspolizei handelt, der Bundes= regierung unterstand. Durch die Ernennung des Bundes: kommiffars find allerdings instanzenmäßig Schwierigkeiten ausgeräumt worden und die Ernennung kennzeichnet den
Kurs.
Die Erklärungen des chriftlich- sozialen Gemeinderats Kunichat, die in der Sozialdemokratie lebhaften Widerhall gefunden haben, werden nur von einem Teil der Chriftlich- Sozialen, und zwar den Arbeitern und bäuerlichen Schichten, gebilligt. Eine Annäherung zwischen der Sozialdemokratie und dem Bundeskanzler Dollfuß ist nicht erfolgt. Der Kanzler scheint seinen verhängnisvollen innerpolitischen Weg fortsetzen zu wollen, wenn er auch noch immer zögert, die entscheidenden Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie zu treffen. Die schwere innere Krise, hinter der die Gefahr des Bürgerkrieges lauert, dürfte sich aber nur noch einige Tage hinziehen lassen. Mtan rechnet mit der Möglichkeit, daß Bundeskanzler Dollfuß sich bereit finden läßt, die sozialistische Landesregierung Wiens und zum„ unparteilichen" Ausgleich auch den deutschnationa len Landeshauptmann von Kärnten abzusehen und alle Landeshauptleute dem Bundeskanzler zu unterstellen. Die Absetzung der sozialistischen Regierung des Landes Wien würde, wie allgemein angenommen wird, den Kriegsfall für die Sozialdemokratie bedeuten und die Partei veranlassen, ihre Anhänger zum Widerstand gegen den Verfassungsbruch aufzurufen.
Christliche Arbeiter und Sozialdemokratic
Ein Bündnis?
Die Hauptstadt steht unter dem Eindruck des unverhüllten Bündnisses, das die Chriftlich- Sozialen und die Sozialdemokraten, die sich seit vielen Jahren im Wiener Gemeinderat erbittert bekämpfen, durch ihre offiziellen Sprecher abge= schlossen haben. Dieses Bündnis dient der Aufrechterhaltung und der einigermaßen freien Betätigung des Parteiwesens. Die Christlich- Sozialen, die zuerst zum Worte kamen, ließen durch ihr an Dienstjahren ältestes Mitglied erklären:
Der Feind unserer Stadt, unseres Heimatlandes und dessen in der Geschichte als deutsche Sendung verankerten Eigenlebens, das aber ist die Entartung des deutschen Geistes im Nationalsozialismus . Diesem entgegenzuwirken und positiv aufbauend zu wirken an der Seele unseres Volkes und ihm die wirtschaftlichen Bedingnisse des Lebens zu sichern, das ist der Weg, den uns die Stunde zu gehen heißt. Auf diesem Wege gibt es eine Weggemeinschaft, die über viele Gegensäglichkeiten hinweg auch heterogene Elemente zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuführen vermag. Als erste Voraussetzung hierfür gilt der reine Wille und die fittliche Kraft, das Trennende zu meiden, das Einigende zu suchen. Wer andern seine Meinung eventuell auch mit Brachialgewalt aufzwingen will, der allerdings ist für diesen Dienst am Volke, für diesen heiligen Dienst am Vaterland unbrauchbar.
ernster, als viele in der Bevölkerung Wiens und außerhalb Wiens und Desterreich meinen. Es gibt sicherlich Wege, die auch in dieser schon sehr ernst gewordenen Lage zum Ziele führen können. Die Gesinnung, aus der heraus Stadtrat Kunschaf hier gesprochen hat, zeigt, daß es auf allen Seiten Männer gibt, die bestrebtsind, Wege aus dem Chaos zu suchen.
Bürgermeister Seiß faßte den Sinn der Rundgebung in die Worte zusammen:
Eine Stadt wie unser Wien , mit dieser Geschichte, mit dieser Kultur, mit dieser Wirtschaft und mit den internatio: nalen Zusammenhängen in dieser Wirtschaft, kann nicht auf Gewalt eingestellt werden.
Aufsehen erregt ein Aufsatz im„ Volksrus", dem Wochenblatt der christlichen Arbeiter in Tirol, der sich in klaren Worten zum Klassenkampf bekennt. Unter dem Titel„ Bagatelliſierung des Klassenkampfes" schreibt das Blatt:
Blätterstimmen aus jüngster Zeit legten eine ganz eigen: artige Auffassung über den Klaffenkampf an den Tag. Der Klaffenfampf fei tot, er entbehre heute jeder Be rechtigung und ähnliche Auslegungen bevölferten die Spalten der Preffe. Weil es sich hier um Auffassungen han delt, die fi in Zukunft denkbar verhängnisvoll aus: wirken tönnen, weil sie einfach einen Tatbestand ablengnen, sei hier die Frage gestellt: Lebt der Klassenkampf noch? Oder vielmehr: Lebt er noch mit Berechtigung? Was ist der Klassenkampf? Welche Ziele umfaßt er? Der Klassenkampf ist der Kampf gegen das fapi talistische System. Er ist nicht der Kampf um die Herr: schaft einer Klasse. Der Klassenkampf ist der Kampf gegen ein System, das dem Arbeitnehmer die Existenzgrundlage raubt! Der Klassenkampf ist der Kampf gegen ein System, das Tausenden den gerechten Lohn vorenthält! Der Klassentampf ist der Kampf gegen ein System, das die Massen um ihren gerechten Anteil an den Gütern der Erde betrügt! Der Klassenkampf ist der Kampf gegen ein System, das wenig Auserwählte mit allen Schäßen der Erde überhäuft! Mit diesen Tatsachen mögen sich jene auseinandersetzen, die den Klaffenkampf zu einer Bagatelle degradieren. Diese Herrschaften sind sich bei solchem Beginnen scheinbar nicht dessen bewußt, daß sie damit den Kampf der Arbeiterschaft um Gleichberechtgiung zu einer Lappalie erklären und die größte soziale Ungeheuerlichkeit in die Welt setzen.
Die„ Christlich- Soziale Arbeiterzeitung", das Blatt des christlich- sozialen Gemeinderats Kunschaf, behandelt die Butschversuche der Heimwehr - und anderer Wehrverbände sehr ablehnend und erklärt, daß die christlichen Arbeiter und Angestellten diesem hinterhältigen Vorgehen ihr starkes Nein" entgegensetzen.
Dieses Aufbegehren ist erklärlich, weil die Forderungen der Heimwehrführer nach wie vor die Ausschaltung aller ihnen nicht genehmen Volkskräfte, auch die der christlicheit Arbeiter, fordern. Wie in Tirol, so haben beispielsweise in Niederösterreich die Heimwehren, obwohl sie dort nur eine fleine Minderheit bilden, gefordert, daß die ganze öffentliche und beschließende Gewalt an die vaterländischen Verbände
übergehen solle. Alle marristischen Amtsträger sollen ihrer Mandate enthoben, alle staatsfeindlichen" Elemente sollen ihrer Aemter beraubt werden.
Die nicht minder scharfe Kampfstellung der Heimwehren gegen den Nationalsozialismus hält an. Zwei Kirchenfürsten, der apostolische Administrator von Nordtirol und Vorarl berg , Bischof Dr. Waiß und der Bischof Dr. Gföllner von Linz , haben sich zu den Forderungen des Heimatschutzes bekannt und gleichzeitig sehr entschiedene Erklärungen gegen die Nationalsozialisten abgegeben. Deren Presse beschuldigt sie infolgedessen, daß sie ihr Hirtenamt mißbrauchten und
Die Sozialdemokraten ließen durch Danneberg, einen seit Jahrzehnten führenden Parteigenoffen antworten: Die Zeiten sind gewiß ungewöhnlich ernst, vielleicht viel parteiisch politisch Stellung nähmen.
ist aber feine Nationalsozialistin, sogar scharfe Gegnerin der Deutschen Christen ".
8. H., früherer Gewerkschaftsführer aus Süddeutschland , Typus des sozialdemokratischen Arbeiters: Emigrant. Seine Stellung zum Nationalsozialismus ist damit gegeben, aber vielleicht interessiert Sie, Herr Reichskanzler, seine Antwort auf unsere Frage, was er zu Ihren Friedensfundgebungen im Reichstag meine. Er sagte:„ Er muß schon Frieden halten, denn wollte er das deutsche Volk bewassnen, so würden die Gewehre
in der falschen Richtung losgehen!" Eine EmigrantenAnsicht, die uns doch überraschte!
9./10. J. u. K., süddeutsches Lehrers- Ehepaar. Er ist Kriegsteilnehmer, uns seit Jahren als idealgesinnter Deutscher bekannt. Aber weder er, noch seine Frau sind. Nationalsozialisten: er hat seither ent= pflichten lassen, da er nicht guten Gewissens dem heutigen System in der Schule dienen könne.
11.., junger Schriftsteller aus Berlin , bittet mich, ihm literarische Arbeit zu verschaffen. Ich frage, ob er