Linzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands ummer39 2. Jahrgang Saarbrücken , Freitag, den 16. Februar 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Massen und Führer der Sozial­demokratie in Oesterreich schlugen sich heldenhaft. Mißtraut den faschistischen und den kommunistischen Ver­leumdungen! Oesterreichs sozialistischer Hero­ismus leitet eine neue Epoche des Kampfes für den Sieg des Sozialismus ein. Den Gefallenen der februarschlacM Der Tag wird kommen! Der Tag wird kommen! Für die Menschheit seid im schweren Kampfe ihr dahingesunken, in diesem Kampfe, der seit grauer Zeit noch stets der Besten Herzblut hat getrunken, in jener Schlacht, die gegen Tyrannei die Unterdrückten aller Länder schlagen, Es kommt der Tag, der Sklave atmet frei, ihr habt das Banner ihm vorangetragen. Der Tag wird kommen! Eure Schatten gehn durchs Erdenrund und werben rastlos Streiter; allüberall wo niedre Hütten stehn, wo Leid und Pein und Hunger die Begleiter bedrängter Menschenkinder sind, da kehrt ihr ein, um in die Herzen Glut zu werfen. Es kommt der Tag! So flüstert ihr und lehrt der Arbeit Volk zum Kampfe Waffen schärfen. Der Tag wird kommen! Mögen fort und fort die Mächtigen den Schrei der Not verachten! Mag ihre Faust durch Kerker und durch Mord die freien Geister zu vernichten trachten! Was frommt die Kette und was frommt der Strick, wenn alle die Enterbten Schwerter schwingen? Es kommt der Tag! Sein künftiges Geschick wird sich das Volk in Sturm und Kampf erzwingen! Der Tag wird kommen! Euer Schweigen wird machtvoller sich als euer Reden zeigen. Die Kerker fallen, keine Kette klirrt, kein Angstschrei tönt, kein Haupt braucht sich zu neige in feiger Furcht, ein freies Menschentum hat diese Welt zu eigen sich erworben. Es kommt der Tag, für den zu eurem Ruhm rld unsrer Schmach besiegt ihr seid gestorben. Drescher. Schlachtfeld des Heldenkampfs Kampf bis zum letzten Hann- Die Regierung läßt Frauen und Kinder erschießen- Rachefeldsug der Mörder Tausende Tole 350 Opfer im Karl-Marx-Hof dnb. London , 15. Februar. Der Wiener Korrespondent derTimeK" sagt in einem Bericht: Die Berlustliste muß eine schreckliche Höh« erreicht habe«. Schätzungen der Sozialisten geben di« Zahl ihrer Toten nur bis Dienstag« abend aus nicht weniger als 1500 an, und es ist bekannt, daß die Schlacht, die jetzt in Kloridsdorf tobt, die blutigste von allen ist. Es heißt, daß in dem Karl« Morx-Hof genannten großen Wohngebäude allein SSV Personen getötet wur« den. nicht nur Schutzbündler» sondern auch Bewohner. Die Regierungsstreit- tröste haben ebenfalls schwere Verluste erlitten. Im weiteren Verlaus seiner Schilderung sagt der Korrespondent: Eine derartige Zusammenbrängung menschlichen Leidens auf engem Raum kann es in ganz Europa seit dem Kriege kaum gegeben haben. Abgeschlachtet" Die Schuld der Mörder dnb. London , 15. Februar. Au den blutigen Ereignissen in Oesterreich vetgsfentlicht Reuter eine Meldung, in der es heißt, unzwciselhast seien viele von den Toten und Verwundeten nicht am Kamps beteiligt gewesen. Sin höherer Ossizier der regulären Armee habe in Kloridsdorf im Gespräch mit einem Vertreter des Reuterbüros zugegeben, daß die meisten Verluste wahrscheinlich unter unschuldigen Personen zu verzeich« uen seien, die nicht aus ihren von der Artillerie des Bun» desHeeres beschossenen Wohnhäusern entkommen konn» t e«. Die Reutermeldung gibt der Ansicht Ausdruck, daß ein Ergebnis der Ab« schlachtung von Richtkämpsern eine Zunahme der Erbitterung der Arbeiterklasse gegen die Regierung Dollsuß sein werden. Dailp Telegraph" bringt einen Aufsaß seines Korrespondenten für Zen- troleuropa Gedye, in dem ausgeführt wird, daß man in Oesterreich nicht von einem kommunistischen Ausruhr sprechen könne. Der Aufruhr sei viel- mehr von den Heimwehrsührern ausgegangen» die Dr. Doll- fuß gezwungen hätten, die Bestrebungen durchzuführen, die sie in ihrem eige- neu Putsch vom IS. September ISIS ersolglos zu verwirklichen versucht hätten, einen Putsch, aus den keine Todesurteile und nicht einmal Verurteilungen zu Gefängnisstrafen gefolgt seien. Der Korrespondent sagt, die Regierungs- artillerie führe jetzt das Ende der demokratischen Republik herbei, wenn auch für einen furchtbaren Preis von Menscheuleben. Wen« Dr. Dollfuß dieses Schlachtfeld hinter sich habe, werde er sich einem anderen von äußerster Tat» kraft und Entschlossenheit erfüllten Feinde gegenüberseheu, nämlich dem Nationalsozialismus. * Wien , 15. Februar.(Eigener Bericht s In der Nacht zum Donnerstag hat der Bundeskanzler Dollsuß höchst persönlich im Wiener Rundfunk einen Bericht über feine Mordarbeit gegeben. Die Zahl der Toten und der Ber - mundeten, unter denen sich viele Frauen und Kinder befinden, hat er ver- schwiegen. Die furchtbare Ziffer wird amtlich niemals wahrheitsgemäß bekannt- gegeben werden. Als der Bundeskanzler sprach, war der Kamps zwar mili« tärisch schon zugunsten des Heeres und der Polizei entschieden, wie bei deren Uebermacht niemand hatte anders erwarten können, aber die sozialdemokra- tischen Schutzbündler leisteten und leisten noch immer an zahlreichen Stellen heldenhaften Widerstand. Der Bundeskanzler brachte nicht einmal die ritterliche Geste auf, den tapferen Kämpfern freien Abzug zu gewähren. Er machte ihnen ein verletzendes Angebot, das die gemeine Gesinnung der Bundesregierung deutlich offenbart: Wer sich von jetzt ab, 11 Uhr abends, jeder ungesetzlichen oder feindseligen Handlung strikte enthält, und morgen, Donnerstag, den 15. Februar von 7 Uhr früh bis Ii Uhr mittags den Exekutivorganen stellt, kann, ausgenommen die verantwortlichen Führer, auf Pardon rechnen." Dollsuß will also die sozialdemokratischen Kämpfer aus ihren Posi- tionen herauslocken, um sich dann diejenigen auszusuchen, die er vor seinen Standgerichten aburteilen und wenige Stunden nach dem Urteilsspruch hän- gen lassen will. Schon hat der Henker seine Arbeit begonnen und viele, viele wird der fromme Bundeskanzler Dollsuß den Weg zum Galgen antreten lasten. Nach amtlichen Meldungen sind allein in Wien 2 0 0 0 Personen festgenommen worden. Dieselbe Meldung behauptet, daß die Sozialdemokraten einen Angriff mit Chlorgas geplant gehabt hätten. Wenn das der Fall gewesen sein sollte, so würde« sie sich lediglich ähnlicher Waffen wie die Regierung bedient haben, denn deren Truppen haben die Wohnblocks vergast, in denen sich die Verteidiger von Gesetz und Recht und Freiheit verschanzt hielten. Ohne Rücksicht ans Frauen und Kinder sind die Regierungstruppen mit den furchtbarsten Mitteln moderner Kriegführung vorgegangen. Viele Frauen und Kinder befinden sich unter den Toten. Wenn es wahr ist, was die Negierung behauptet, daß Frauen auch aktiv an den Kämpfe« sich beteiligt haben, und wie es heißt,also keines- wegs unschuldige Opfer waren", so ist dies ein hohes Heldenlied auf die kämp- senden Proletarierinnen. Die Regierung will aber mit ihrer Behauptung nur