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Aus dem Inhalt
Tragödie
Freiheil
Nummer 43-2. Jahrgang
österreichischer Juden
Seite 3
Deutsche Keisenzahlen
Seite 4
Göcings Begnadigungsrecht
Seite 5
Frankreichs Situation
Seite 7
Saarbrücken, Mittwoch, den 21. Februar 1934
Chefredakteur: M. Braun
Der Lügen- Kanzfer
Seine Märchen und seine Schande
Wer ist der größere Verbrecher? Der Knabenschlächter Haarmann in Hannover oder der Frauen- Massenmörder Kürten in Düsseldorf ? Auf diesem Niveau bewegt sich eine Aussprache, die zur Zeit in der internationalen Preise zwischen dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler und dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß geführt wird. Es ist ein edler Wettstreit um die Frage, wer von beiden die wenigsten oder die meisten Volfsgenossen hat niederschießen und niederschlagen lassen. Der deutsche Reichskanzler ist in dieser Frage außergewöhnlich bescheiden. Er beteuert:
" Wie sind die Tatsachen? Die Gesamtzahl unserer in Unruhen getöteten Gegner betrug 27, und die Zahl der Verwundeten 150. Unter ihnen befanden sich weder eine Frau noch ein Kind. Auch ist kein Haus aerstört, fein Laden geplündert worden. Genau also 27 Tote der deutschen Revolution! Auf welches Material stützt sich der Reichskanzler? 3ur selben Stunde, in der Hitler diese Zahl dem Korrespondenten der„ Daily Mail", Ward Price , nannte, log der deutsche Reichspropagandaminister denselben Korrespondenten desselben Blattes an, daß Hitler in Wirklichkeit mit faum einem Duzend Toten die größte Revolution der modernen Weltgeschichte durchführen fonnte".
Göbbels schwindelt so sehr wie Hitler . Das, was die beiden wahrheitswidrig eine Revolution nennen, hat tausenden Deutschen durch feige Ermordung oder durch bestialische Folterungen das Leben gekostet. Min destens tausend solcher Nazimorde sind jetzt schon nachweisbar. Die Liste wird sich um Tausende vermehren, wenn einmal die Freunde und Hinterbliebenen der Opfer in Freiheit reden können.
Kein Haus ist zerstört, kein Laden geplündert worden." Das wagt der deutsche Reichsfanzler der Welt vorzulügen angesichts der Tatsache, daß zehntausende Arbeiter= wohnungen und Arbeiterbüros verwüstet und zerstört worden sind. In jedem einzelnen Falle ist im Auftrage der nationalsozialistischen Regierung die Bolizei hinter den Bewohnern her gewesen und hat ihnen unter Drohungen mit Gefängnis und Konzentrationslager verboten, Fotografien der Verwüstungen herstellen zu lassen. Dennoch liegen fotografische Beweisstücke hinreichend vor.
Der deutsche Reichsfanzler erzählt der Welt, daß viele Tausende aus den Konzentrationslagern bereits wieder freigelassen worden seien. Er unterschlägt aber, daß mehr neue Verhaftungen als Entlassungen vorgenommen wurden. Nichts sagt er der Welt von den sadistischen Orgien, die nativnalsozialistische Führer auch jetzt noch an wehrlosen Gefangenen sich austoben lassen.
Eben erst ist uns von einem früheren Mitgefangenen des einstigen preußischen sozialdemokratischen Fraktionsführers Ernst Heilmann ein Bericht über dessen Folterungen zugegangen. Die genauen Angaben fönnen erst jetzt erfolgen, da sich unser Gewährsmann zunächst im Ausland in Sicher heit bringen mußte. Der Bericht eines Augenzeugen, den wir dem verlogenen deutschen Reichskanzler widmen, lautet:
,, Nachdem Ernst Heilmann , Friz Ebert und einige andere Prominente schon bei ihrer Ankunft im Lager ordent: lich mit den Kolben traktiert worden waren, sollten Heilmann und Ebert auf ihre Arbeitsfähigkeit geprüft werden.
Zu diesem Zwed hatte man eine drei Meter tiefe Grube hergerichtet. Dort hinein mußte zuerst Ebert und dann nach
Zählen( 1-2-3) Moor auswerfen. Und siehe da, was die vertierte SA. nicht geglaubt, Ebert konnte mit der Schippe umgehen. Nun mußte Heilmann hinunter. Da er an einer Kriegsverlegung leidet, war es ihm nicht möglich, das von oben durch Zählen angegebene Tempo beis zuhalten. Deshalb bekam Ebert das Kommando, seinen Genossen zu verprügeln. Ebert lehnte das jedoch ab. Da fielen 10-15 der Bestien über Heilmann und Ebert her und schlugen sie solange, bis die beiden Unglück: lichen sich fast nicht mehr bewegen konnten.
Nach einigen Tagen mußte Heilmann in eine Grube, in die Klosettkübel entleert wurden und in der die Jauche dreiz viertel Meter hoch stand. Er mußte unter Nachhilfe mit Kolbenstößen den Kot mit den Händen klein kneten und nach Holzstückchen durchsuchen. Alle 3-4 Minuten mußte er den Schnurrbart mit fotbeschmierten Fingern aufstreichen.
Und so ging es jeden Tag mit Heilmann. Beim Waschen im Waschraum konnte man sehen, daß am ganzen Körper kein heiles Fleckchen mehr war. Trotzdem gab es jeden Tag neue Mißhandlungen. Einige Tage später ftülpte man Heilmann einen Korb über den Kopf und dann richtete eine Beftte in Menschenge, alt die Frage an ihn:„ Wie heißt der Gruß der 2. Internationale?" Heilmann gab teine Antwort. Unter Kolbenhieben wurde ihm erklärt, der Gruß heiße„ Wauwan". Und dann wurde Heilmann solange mißhandelt, bis er wauwan sagte.
Nach diesen Torturen war Ernst Heilmann nicht in der Lage, zu gehen. Er torfelte wie er schwer Betrunkener. Beim Gehen zog er stets das linke Bein nach und fiel immer wieder nach hinten über.
Dergotteslästernde Priester"
In Schutzhaft, weil er einem zum Tode Verurteilten zu viel religiöse Tröstungen gespendet hatte...
Das Gaupresseamt der NSDAP . teilt folgendes mit:„ J Hessen mußte der katholische Anstaltspfarrer eines großen Gefängnisses in Schußhaft gea nommen werden, weil er sich anläßlich der Hinrichtung eines kommunistischen Mörders die denkbar größten Entgleisungen zuschulden kommen ließ. Dem geistigen Herrn lag kraft sei
ner Eigenschaft als beamteter Anstaltspfarrer die Pflicht ob, einen Kommunisten, der einen Hitlerjungen bestialisch mit dem Messer abgeschlachtet hatte, vor seiner Enthauptung feelsorgerisch zu betreuen. Der Delinquent war ein übelberüchtigter Messerheld, der schon einmal einen Menschen durch einen Dolchstich lebensgefährlich verletzt hatte und bet dem kirchliche Regungen und christliche Nächstenliebe niemals beobachtet worden waren. Der Geistliche hatte seine Aufgabe nicht darin gesehen ,, für den dem Gesetz verfallenen Mörder die Gnade des Ueberirdischen zu erbitten. Er hat vielmehr in dem Verurteilten die Vorstellung erweckt, daß er ein Märtyrer sei, dem Heiland gleich, der mit Ruhe seinen letzten Leidensweg antreten könne und ausgelitten habe wie sein Herr und Heiland.
Mit diesem„ leßten Gebet" hat der Geistliche unter der Maske eines gottergebenen Seelsorgers den kommu nistischen Mörder gegen die irdische Gerech= tigkeit aufzuheben versucht. Der Vergleich eines Mörders mit Christus bedeutet aber zudem eine gemeine Blasphemie und Geschmacklosigkeit, die das Ansehen des Priestergewandes in den Augen rechtlich denkender Menschen und Christen auf das schwerste zu gefährden geeignet ist.
Für solche Priester ist kein Platz im Dienst des dritten Reiches". Die an den kommunistischen Mörder verschwendete christliche Nächstenliebe wird wahrhaft christlich empfindende Volksgenossen abstoßen.
Selbstverständlich ist dieser gotteslästernde Priester ans jeinem Staatsamt mit Nachdruck für dauernd entfernt worden."
Eines Tages jedoch mußte E. H. Entsegliches passiert sein, denn er wurde von einigen SS. - Lenten in den sogenannten Bunker gezerrt. Als er wieder herausfam, war sein Gesicht nur noch eine verzerrte Frage, die furchtbar anzusehen, daß auch die tapfersten Sozialdemokraten nicht mehr die Tränen zurückhalten konnten. Es wird nun angenommen, daß.. Ein Wort des Gedenkens
Bunker gezerrt. Als er wieder heraustam, war sein Geficht Freundschaft!
mit dem Leben Schluß machen wollte, um diesen Torturen zu entgehen.
Nachdem er einige Abschiedszeilen an seine Frau zu Papier gebracht hatte, wankte er wie ein Krüppel durch die Poftentette hindurch ungeachtet der Haltrufe. 20 Karabiner gingen in Anschlag. Ein SS.- Führer schrie:„ Nicht schießen! Bedenkt, Heilmann ist kein Unbekannter in der Welt. Es würde im Ausland Aufsehen geben." Aber trotzdem krachten mehrere Schüsse und seilmann brach zusammen. Es war gut, daß die Bestien die Karabiner immer in Bauchhöhe hielten. Ernst H.
hatte einen Oberschenkelschuß und wurde nach Papenburg ins Krankenhaus geschafft. Weihnachten lebte er noch. Sollte er wieder herauskommen, dann nur als Krüppel. Das ist nur ein Fall.
Im selben Lager wurden auch Eggerstädt, Polizeipräsident von Altona , Heinz Alexander aus Breslau und sieben andere Sozialdemokraten gemordet."
Weiß von alledem der deutsche Reichskanzler nichts? Er weiß es wohl. Die Bestien, die solche Schandtaten verüben, find in Hitlers Geiste erzogen und grüßen mit„ Heil Hitler!" Hinter den Stacheldrähten der Konzentrationslager wird gefoltert und gemordet. Keiner der Täter wird auch nur gerügt, geschweige denn bestraft. Der Reichskanzler schüßt seine Kameraden, wie er die Mörder von Potempa begnadigt hat. Vor der ausländischen Presse aber spielt er den Mann der Zivilisation und des Friedens.
,, Die Leutnants Mussolinis"
Die wahren Hintergründe DNB. Paris, 20. Febr. Die radikalsozialistische Republi
que" beschäftigt sich mit der Lage in Desterreich und den Erklärungen, die Vizekanzler Fey der Presse gegenüber ab
gegeben hat und in denen er betonte, daß er gegen die
Nationalsozialisten ebenso vorgehen werde mie gegen die Sozialisten Das Blatt schreibt in diesem Zusammenhang: Wir erlauben uns, diese Worte als die Worte Mussolinis zu bezeichnen. Bundeskanzler
Dollfuß , Major Fey und Fürst Star hemberg sind in Oesterreich die Leutnants Mussolinis, ebenso wie Göm b68 in Ungarn . Man kann deshalb behaupten, daß sich nicht Major Fey an den Führer der österreichischen National sozialisten Habicht gewandt hat, sondern Mussolini an Hitler . Das ist es, was wir seit langem erwarteten. Der von uns vorausgesehene Kampf wird sich weniger zwischen Racismus und Faschismus entspinnen, als zwischen Deutschland und Italien .
Und der arme Mann im zerrissenen Gewand,
Er wirft auf mein Grab die Schollen.
Er wirft sie darauf mit seiner Hand,
Der harten, der schwielenvollen.
Einen Kranz auch bringt er aus Blumen und Main , Zu ruhen auf meinen Wunden.
Den haben sein Weib und sein Töchterlein Nach der Arbeit für mich gewunden.
Freiligrath
heute vor dem leichenbesäten Feld, auf dem die SozialWie an der Gruft des treuesten Freundes, so stehen mir
demokratie Desterreichs, das edelste Reis am Baume des internationalen Sozialismus, niedergesunken ist: eine stolze Rebellenleiche. Jahrzehntelang hat sie vornean ge standen, in kühnem Kampf wie in segenschaffender Aufbauarbeit. Nun aber teilt sie, nach rühmlicherem Widerstand, das Schicksal der größeren reichsdeutschen Bewegung.
reichsdeutsche Sozialdemokratie ist sie entstanden. In den Ihre Wurzeln lagen im Reiche. Im Anschluß an die achtziger Jahren zerfiel sie unter dem Druck des Aus nahmezustands in zwei einander hart bekämpfende Richtungen: eine scharf, bis zum Terrorismus revolutionäre und eine matt reformistische, im Hilfskassenwesen stecken gebliebene.
Es war die große Leistung und die Lebensarbeit Bik for Adlers, diese beiden widerstrebenden Fraktionen zu einer starken, einheitlichen Partei zusammenzufassen, die beider Vorzüge vereinigte, ihre Mängel vermied. Diesen großen und gütigen Menschen machten eindrin gende theoretische Erkenntnis, tapfere Entschlossenheit, kühl- praktisches Können und tiefinnerlichste Menschenliebe zu einem politischen Führer von unerreichter Vollkommenheit. Auf dem Hainfelder Parteitag( 1889) trat die geeinte Partei ins Leben. In jahrzehntelangen Kämpfen um Wahlrecht und Koalitionsfreiheit, um Brot und Bildung, gegen Willkür und Gehässigkeit, Schlam perei und Dummheit der verschiedensten Gegner, in opfervollster Kleinarbeit in Stadt und Land wie in kühnem Geistesflug der besten Köpfe ist sie, jeden erkämpften Fußbreit Landes sorgsam untermauernd, erst zu kleinen Erfolgen, dann zu großen Siegen geschritten und zum vollkommenſten Glied der Arbeiterbewegung aller Länder
geworden.
Jn Desterreich entfalteten sich alle Zweige der Bewe gung, die im Reich sich zumeist erst in nutzlos quälenden Fortsetzung siehe 2. Seite Reibungen mit verknöcherten Theorien durchringen