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Freiheit
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Nummer 44-2. Jahrgang Saarbrücken , Donnerstag, den 22. Februar 1934 Chefredakteur: M. Braun
Grenztruppen mobil
Nazis und Heimwehren
Ha ad seafood
mobilisieren an der deutsch - österreichischen Grenze
München , 21. Febr.( Inpreß). Die Formationen der ans Desterreich nach Deutschland geflüchteten Nazis haben fich an der bayerisch - österreichischen Grenze konzentriert. Die Legion ist mehrere tausend Mann start und gut bewaffnet. Sie hält täglich militärische Uebungen ab.
Innsbrud, 20. Febr.( Inpreß). Die Tiroler Sektionen der Heimwehren, durch Polizei und Zollbeamte vers stärkt, find i der letzten Nacht an der deutsch - österreichischen Grenze zusammengezogen und in Alarmzust and ver= jetzt worden. Patrouillen durchstreifen das Gelände,
Bis zum 28. Februar!
Habichts Ultimatum
Wien , 21. Febr. Am Montagabend hat der deutsche Reichstagsabgeordnete a bicht, Führer der österreichischen. Nationalsozialisten vom Reiche her, im Rundfunk an die öfterreichische Regierung ein Ultimatum gestellt. Er hat u. a. gelagt, es werde bis zum 28. Februar, mittags 12 Uhr, von den Nationalsozialisten ein Waffenstillstand gehalten werden. Bis dahin möge die Regierung ihre Friedensbedingungen nennen. Geschehe das nicht oder seien die Bedingungen un befriedigend, so werde zu der angegebenen Stunde ein rückfichtsloser Kampf gegen die österreichische Regierung einfegen.
Die österreichische Regierung läßt darauf erklären, daß sie diese Rundfunkrede ignorieren werde. Sie kümmere sich nicht darum, was im Münchener Rundfunk gesagt wird, und fie steht ferner auf dem Standpunkt, daß der deutsche Reichss tagsabgeordnete Habicht in feiner Weise legitimiert erscheint, Defterreich irgendwelche Bedingungen zu stellen.
Der Heimwehrführer Starhemberg hat sich gegens über einem Sonderberichterstatter des Pariser Journal" und der Vizekanzler Fey gegenüber dem Berichterstatter des Budapester" Függenblenseg" über den Nationalsozia: lismus geäußert. Beide erklärten etwa, daß sich der Standpunkt der Regierung gegenüber dem Nationalsozialismus nicht geändert habe. Man werde gern mit den Nationalsozialisten sich verständigen in der gemeinsamen Ablehnung des Marrismus und der Demos tratie, aber die Nationalsozialisten müßten gewisse Grundansichten des Heimatschutes unbedingt anerkennen. So gebe es beim Heimatschuß teinen Arierparagrafen, auch die Raffenfrage sei bisher nicht aufgetaucht. Wenn er die so
chriftliche Gesellschaft und die christliche Kultur betone, fo ver: stehe der Heimatschutz darunter in erster Linie die Nächstens liebe, das friedliche Zusammenleben und vor allem die Baterlandsliebe zu einem unabhängigen Desterreich.
Es gehen übrigens Gerüchte um, daß Bundespräsident Mitlas zurüdzutreten beabsichtigt.
nach hiesiger Auffassung durch die letzten Erflärungen Habichts ganz besonders erschwert werde.
Der Außenpolitiker des„ Excelsior" schreibt, daß man in Paris , Rom und London der Auffassung sei, daß Dollfuß nunmehr alsbald seinen angekündigten Schritt beim Völkerbundsrat unternehmen werde. Es bleibe allerdings noch die Frage, ob die sich überstürzenden Ereignisse in Mitteleuropa dem Völkerbund überhaupt die Zeit ließen, die vom österreichischen Bundeskanzler vorbereiteten Aften zu prüfen. Der Meinungsaustausch zwischen den Regierungen von Rom , Paris und London werde jedenfalls fortgesetzt, und besonders zwischen Rom und Paris scheine sich die Zusammenarbeit recht eng zu gestalten.
Auch der Figaro" ist der Ansicht, daß man die Zeit nicht mehr mit leeren Worten vergenden dürfe. Die letzte Erklärung der drei Großmächte habe in Deutschland überhaupt feinen Eindruck gemacht und Hitler rechne auf den üblichen 3wiespalt zwischen Frankreich , England und Italien . Er weiß, daß besonders England möglicherweise überhaupt nicht eingreifen werde, und daß Italien über die Neuorganisierung Mitteleuropas nicht die gleiche Auffassung habe wie die Kleine Entente . Alle Fehler müßten jedoch bezahlt werden. Die Unabhängigkeit Desterreichs, die man vor einiger Zeit noch auf diplomatischem Wege hätte sicherstellen können, werde in Zufunft vielleicht durch Waffengewalt gesichert werden müsseit.
Die radifal- sozialistische Ere Nouvelle" erklärt, daß sich der aufmerksame Beobachter bisher immer habe fragen müssen, ob zwischen Berlin und Rom nicht ein Uebereinfommen bestehe. Zahlreiche Ereignisse in den letzten Jahren begründeten diese Frage. Man habe zu oft erlebt, daß Rom den Interessen Berlins Vorschub leistete und umgekehrt. Bisher hätten beide Länder aus dieser Politik Nuzen gezogen, jetzt sei es aber so weit, daß der Apfel der Zwietracht zwischen beide Reisende gefallen sei, und beide bemühten sich, ihn aufzuheben.
Das„ Petit Journal" wirft die Frage auf, ob Doll fuß nicht einen großen Fehler begangen habe, als er den Heimwehren von Tag zu Tag mehr Zugeständnisse machte. Die Geschichte der Männer bestehe aus solchen Irrtümern, die sie über kurz oder lang von der Staatsführung ausschlössen. Es sei nicht unmöglich, daß Dollfuß bald von der politischen Bildfläche verschwinde, denn Fürst Starhemberg und Fen würden sich sicher bemühen, allen Nußen aus ihrem persönlichen Erfolg zu ziehen. An Unterstüßung für sie mangele es nicht, denn Mussolini werde die Heimwehren nicht fallen lassen.
Bilderstürmer
Schändung eines republikanischen Denkmals Wien , 21. Februar.
Die schon seit einigen Tagen mit Tüchern verhüllten Büsten der drei Sozialistenführer Adler, Hanusch und Reumann wurden auf Anordnung der Behörden vom Denkmal der Republik entfernt und in das Rathaus gebracht. Auf den drei leeren Sodeln wurden in den frühen Morgen
,, Sich überstürzende Ereignisse" stunden die Büsten von Dollfus, Fey und StarhemDer bedrängte Dollfuẞ
DNB. Paris , 21. Febr. Die Pariser Presse beschäftigt sich noch weiterhin eingehend mit der Lage in Desterreich, die
berg aufgestellt. Das Denkmal, daß in den Parkanlagen nahe dem Parlamentsgebäude steht, ist mit Fahnen geschmückt worden, die in den österreichischen Landesfarben und in den Heimwehrfarben gehalten sind.
Aus dem Inhalt
Seite 2
aufgelöste Organisationen
Seite 3
Der Kirchenstreit
Seite 5
Sozialistische Programmdebatte
Seite 7
Der Lügen- Kanzler
Göring überführt Hitler des Schwindels
Ward Price , ein Vertreter der„ Daily Mail", hat die drei berüchtigten Führer der deutschen Nationalsozialisten interviewt: Hitler , Göbbels und Göring . Zwei davon, Hitler und Göbbels , haben den Engländer nach Kräften angelogen. Göring hat einmal die Wahrheit gesagt: er hat weder die Aufrüstung Deutschlands noch seine Barbarei auf dem Gebiete des Rechts geleugnet. Die militärischen Aeußerungen des Generals Göring behandeln wir an anderer Stelle. Hier sei nur erwähnt, wie er im Falle Dimitroff den deutschen Reichsfanzler, seinen intimsten Feind, vor der ganzen Welt als einen lügenhaften und einflußlosen Schwäger entlarvte.
Der Reichskanzler hat am 17. Februar auf die Frage des Berichterstatters:„ Ist es Ihre Absicht, daß Dimi troff
, Popoffund Tanefffreigelassen werden sollen?" geantwortet:„ Das Gericht hat ge= sprochen, der Spruch wird erfüllt."„ Glauben Sie," so fragt der Korrespondent weiter,„ daß diese Reute freigelassen und außerhalb der deutsche it Grenzen gebracht werden?" Hitler hat geantwortet:„ Das werden sie sicherlich." Obgleich er glaube, habe Hitler gesagt, daß ihre Freisprechung nicht der Meinung des Volkes entsprochen habe, werde der Spruch des Gerichts erfüllt werden.
Göring hat auf dieselben Fragen dem englischen Journalisten erklärt:„ Dimitroff hat vielleicht den Reichstag nicht in Brand gesteckt. Aber er hat sein Bestes getan, um das deutsche Volk zu entflammen. Er war der tätigste bolschewistische Agent in Deutschland . Ich habe ihm im Gerichtshof gesagt, daß er den Galgen verdiene, sei es auch nur wegen seiner verbrecherischen und aufrührerischen Tätigkeit in Deutschland vor dem Reichstagsbrand. Das ist noch immer meine private Ansicht. Wenn seine Seite gewonnen hätte, dann würde sie uns ohne Gnade aufgeknüpft haben. Ich sehe keinen Grund, warum wir nachsichtiger sein sollen. Jetzt ift er sicher hinter Schloß und Riegel. Er wird dort auf jeden Fall vorläufig bleiben. Dort ist er am besten aufge= hoben. Ein solcher Mann ist zu gefährlich, als daß man ihn auf die Gesellschaft loslassen könnte."
Das heißt: JCH, der Preußische Ministerpräsident, pfeife auf die Lügen des Reichskanzlers, dessen Schwäßereien mich gar nichts angehen. Ich habe vor dem Reichsgericht diesem Dimitroff den Tod geschworen. Mein Wort will ich erfüllen und zu diesem Zwecke bleibt Dimitroff einstweilen im Kerfer."
Dimitroff und seine beiden bulgarischen Mitangeklagten im Leipziger Prozeß sind seit einigen Tagen russische Bürger. Es wird Zeit, daß sich die Sowjetregierung recht kräftig
rührt, wenn Dimitroff noch gerettet werden soll, denn schon
ist sein Gesundheitszustand so schwer erschüttert, daß Gefahr für sein Leben besteht.
( Inpreß.) Die Internationale Juristische Vereinigung, unterstützt vom Komitee für die Befreiung von Dimitroff , Thälmann , Torgler , Popoff und Taneff, sowie von dem Internationalen Untersuchungsausschuß zur Aufflärung des Terrors in Hitterdeutschland, entsendet den Pariser Arzt und Internisten Dr. Cord nach Berlin . Dr. Cord soll sowohl die immer noch in Haft gehaltenen Bulgaren als auch Ernst Thälmann ärztlich untersuchen und dem gesamten interessierten Ausland über ihren Gesundheitszustand und die hygienischen und sonstigen Bedingungen ihrer Haft Bericht erstatten.
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ſchmückt worden, die in den öſterreichischen Landesfarben Gibt es eine Rassenfrage?
,, Nicht ungünstiger Verlauf?"
London , 21. Febr. Die Besprechungen, die zwischen dem Paris über Berlin
englischen Abrüftungsdelegierten Lordsiegelbewahrer Eden und dem deutschen Reichstanzler im Beisein des Reichsaußenministers und des Reichswehr = ministers stattfanden, werden hier mit einigen Hoff= nungen verfolgt. Die Besprechungen sollen einen nicht uns günstigen Verlauf nehmen. In der Umgebung Edens wird ein gemäßigter Optimismus zur Schau getragen.
Man empfindet hier sehr stark die wesentliche Versteifung der franzöfifchen Politik in der Abrüstungsfrage und die Festigkeit der neuen franzöfifchen Regierung. Man glaubt, daß es notwendig ist, den französischen Sicher: heitsforderungen wieder mehr entgegenzukommen, wenn die internationalen Abrüstungsgespräche nicht erfolas los bleiben sollen.
Paris , 21. Febr. Die Pariser Morgenpreffe befaßt sich nur vereinzelt mit dem Besuch des englischen Staatssetretärs im Foreign Office Eden. Die Blätter beschränken sich im wesentlichen auf die Wiedergabe der amtlichen Verlautbarungen, die die Wilhelmstraße im Anschluß an die Aussprache von Dienstag veröffentlicht hat. Der Sonderbericht erstatter des Journal" betont, es liege flar auf der Sand, daß die Reichsregierung großen Wert auf eine deutschs englische Berständigung lege, ohne sich überhaupt weiter um
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Fortsetzung fiebe 2. Seite
Bon Senator Henry Beranger, französischem Bölkerbundsdelegierten, ehemaligen Botschafters, Präsidenten des Senatsausschusses für auswärtige, Angelegenheiten, Vorsitzenden des fran zösischen Komitees für Flüchtlingshilfe. ( Aus einem Gespräch)
Von den 80 000 aus Deutschland geflüchteten Juden hat Frankreich nahezu die Hälfte aufgenommen: 35 000 genau. Wir haben ihnen das Asylrecht gewährt, das allen Völkern immer heilig war, ebenso wie der katholischen Kirche , die ihre Kathedralen im Mittelalter sogar Uebeltätern offen hielt, um ihnen eine Zeit zur Einkehr zu lassen, ehe sie doch die weltliche Gerechtigkeit erreichte. Wenn Frankreich ebensoviel Bedrohte und Verfolgte aufnahm wie die ganze übrige Welt, trotz aller Risiken und Gefahren, die das in einer wirtschaftlich erschütterten Zeit birgt, und wenn es dies mit Stolz tat, so handelte es nur nach den Prinzipien der Menschlichkeit und Toleranz, auf denen es geistig beruht.
Ich wollte mich als Vorsitzender des Flüchtlingskomitees in objektiver Weise über die Judenfrage in Deutschland