Freiheil

Nummer 50-2. Jahrgang

Aus dem Inhalt

Becaubung der Kriegsopfer

Seite 3

Wie wird emigriecten

Intellektuellen geholfen

Seite 4

Die Wiener Greuel

Seite 5

Kriegsgefahr im Osten

Seite 7

Deutschnationale Frau schreibt

Seite 7

Chefredakteur: M. Braun

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Donnerstag, den 1. März 1934

10252

Monarchic in Oesterreich ? Dimitrofis Sieg

Scharfe französische Warnung

Paris , 28. Februar 1934.

Die Rückkehr der Habsburger nach Desterreich soll nach hier vorliegenden, vorläufig noch unbestätigten Meldungen, unmittelbar bevorstehen. Die französische Außenpolitik ist dadurch über Nacht gewissermaßen auf Alarmstufe gebracht worden, wie die drohende Sprache der Presse beweist. Frank­

fügig gewordenen Deutschlands offen läßt, bildet für die mit Frankreich verbündeten Staaten der Kleinen Entente , namentlich die Tschechoslowakei , eine geradezu lebensgefähr= liche Bedrohung.

reich kündigt mit den schärfften Wendungen an, daß es nicht Zur Vorgeschichte

gewillt sei, sich durch eine monarchistische Ueberraschung in Defterreich von Italien diplomatisch an die Wand spülen zu laffen.

" Deuvre" erinnert daran, daß in der diplomatischen Ges schichte der Nachkriegszeit ein Präzedenzfall vorliegt. Zur Zeit der Regierung Poincare im Jahre 1921 hat die Bot: schafterkonferenz der alliierten Mächte festgestellt, daß eine damals in Frage stehende Rückkehr der Habsburger nach Ungarn ohne Ermächtigung der Botschafterkonferenz aus= geschloffen sei. Der französische Außenminister Barthou , so erklärt das Blatt, sei gegen jede monarchistische Restauration in Oesterreich ebenso wie gegen einen Anschluß an Deutschland . Dazu fügt das Blatt die aufsehenerregende Warnung: Frank­ reich werde es auf den schwersten wirt:

Paris , 28. Februar 1984. Ueber die Vorgeschichte der gegenwärtigen österreichischen Ereignisse glaubt das Echo de Paris" neue Mitteilungen machen zu können. Mitte Januar, so schreibt das Blatt, wäre fast ein Abkommen zwischen Hitler und Dollfuß ab­geschlossen worden, wonach Habicht als Vizekanzler in das österreichische Kabinett eintreten und das Innen- und das Heeresministerium mit zwei anderen Nationalsozialisten besetzt werden sollten. Dieses Komplott sei durch Major Fey, der als Vertrauensmann Mussolinis gelte, aufgedeckt worden und Dollfuß habe auf einen Wink Mussolinis Berlin den Rücken kehren müssen.

Bier nackte, falte, graue Wände. Die Pritsche dort

und hier als Tisch ein Brett!

Tot ist die Zeit und ohne Ende..

Ich möchte fort!

Oh, daß die Kraft ich hätt'

den dumpfen Kerker aufzureißen-

12

Hoch über mir steht dann der Himmelsrand, and an dem verblaßt

die matten Sterne gleißen,

vom Brand

der Erde nicht erfaßt!

Und da Schein,

-

in seinem blutigroten

anda seh ich sie marschieren, die Lebenden und Toten, in ungeheuren Reih'n! Die Hörner jubilieren!

Jim Die rote Fahne weht! Saa He Im Gleichmaß dröhnt der Schritt, Ga Hoga aus dem die neue Zeit ersteht m teht d Und ichmarschiere mit....

Boll, 1984.

D. F. Die amtliche deutsche Meldung über die Frei lassung und Ausweisung der bulgarischen Kommunisten Dimitroff , Popoff und Taneff versucht zu ent schuldigen, daß die vor zwei Monaten Freigesprochenen jest erst in Freiheit gesetzt wurden. Die Ausweisung habe

ichaftlichen Drud gegen die Zänder, die bie Erzherzog Eugen im Hintergrund bisher nicht erfolgen können, weil die bulgarische Regierung

Unabhängigkeit Desterreichs bedrohten, an

tommen lassen.

Jedenfalls läßt es sich nicht mehr leugnen, daß Mussolini aus der gemeinsamen französisch- italienischen Front zum Schutze der österreichischen Unabhängigkeit bereits wieder ausgebrochen ist, ja, daß diese Front eigentlich nur einen furzen Augenblick lang als Vision bestanden hat. Einig sind die beiden Mächtegruppen- Italien und Ungarn auf der einen, Frankreich und die Kleine Entente auf der anderen Seite- lediglich in ihrem gemeinsamen Wider= stand gegen den deutschen Nationalsozialis: mus. Im übrigen sucht aber Mussolini aus der augenblid lichen Schwächung des Nationalsozialismus in Oesterreich fofort Sondervorteile herauszuschlagen. Der von ihm ge= plante österreichisch ungarische Wirtschaftsblock, der in der Ferne auch die Möglichkeit der Beteiligung eines ge­

Basel, 27. Febr. Der angekündigte Rücktritt des öster­ reichischen Bundespräsidenten Miklas scheint mit Plänen gewisser Kreise zusammenzuhängen, die auf dem Wege über das Amt des Bundespräsidenten das Haus Habsburg wieder an die Macht bringen wollen. Der siebzigjährige, gegen= wärtig in einem Baseler Hotel lebende Erzherzog Eugen gilt nach einer Wiener Meldung als Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten . Aus der Umgebung des Erzherzogs wird dazu der Schweizerischen Depeschenagentur versichert, diese Meldung sei für den angeblichen Anwärter

völlig neu. Der Erzherzog ſelbſt hat sich geweigert, einen erflärte, er wiffe nicht mehr als in der Meldung stehe und Vertreter der Baseler Nationalzeitung" zu empfangen. Er müsse es ablehnen, sich weiter zu der Angelegenheit zu äußern. Der Erzherzog, der im Weltkrieg Oberstkomman­dierender der Tiroler Front war, scheint also zumindest für seiner Person sich alle Möglichkeiten offen halten zu wollen.

Holland liefert aus!

Vier Emigranten über die deutsche Grenze gebracht geheimen Jugendkongresses

Amsterdam , 28. Febr.( Eig. Bericht). Die vier Dents schen, die nach der Aufhebung des Kongresses zur Errichtung einer vierten Jugendinternationale in der Wochenend: herberge De Toorts" ins Polizeigefängnis des Städtchens Laren gebracht wurden, sind durch den Bürgermeister von Laren Jonkheer Nispen, ohne dem Rechtsbeistand der Ver= hafteten Kenntnis zu geben, über die deutsche Grenze gesezt worden. Sieben von den fünfzehn festgenom­menen Ausländern, die ins Polizeigefängnis Amsterdam eingeliefert worden sind, find per Schub über die belgische Grenze gebracht worden. Einzelheiten über die Verschickung der Vier nach Deutschland waren nicht zu bekommen, selbst nicht für den Rechtsbeistand Mr. Benno I, Stokvis- Amster: dam, da der Bürgermeister von Laren, nachdem er An­weisung zur Verschickung nach Deutschland gegeben hatte, verreist war.

Wie jetzt bekannt gegeben wird, war der Kongreß eins berufen von der Commission Centrale Internationale des Jeunes", die zugehört zur Ligue Communiste Internation naliste"( Bolschewits- Leninists).

Die Ausweisung der vier in Laren festgenommenen Deutschen über die deutsche Grenze kommt einer Ausliefe: rung an Nazideutschland gleich. Denn über das weitere Schicksal der Vier besteht wohl kaum ein Zweifel. Dieser Bruch des Asylrechts wirft ein krasses Schlaglicht auf die zunehmende Faschisierung Hollands , vor allem in den tleineren Städten. Wiederholt ist es vorgekommen, daß Bürgermeister kleinerer Orte, vor allem im Often des Landes, versucht haben, deutsche politische Flüchtlinge über die deutsche Grenze zu setzen, obwohl der Artikel 12 des Fremdengesetzes ausdrücklich sagt, daß der Fremde, der als eine Gefahr für die öffentliche Ruhe erachtet wird, über die Grenze gesetzt wird, die er selbst angibt sofern dies sofern dies möglich ist. In diesem Falle hätte durchaus die Möglichkeit

Auflösung eines

bestanden, die vier jungen Deutschen über die belgische Grenze zu segen. In früheren Fällen gelang es durch Ein­greifen der zentralen Instanzen, die Ausweisung nach Deutschland unmöglich zu machen. Der Bürgermeister von Laren hat die Auslieferung an Deutschland vorgenommen, ohne den Rechtsbeistand der Verhafteten in Kenntnis zu sezen und damit das Asylrecht geschändet. Ein Eingreifen zugunsten der Vier von Amsterdam aus war unmöglich, da die Vier bereits an oder gar über der Grenze waren, als ihre Ausweisung bekannt wurde.

Die Erregung in der holländischen Arbeiterschaft über diese grausame Willkür des Bürgermeisters von Laren ist sehr groß. Ein kurzer, amtlicher Bericht über die Aufhebung des Kongresses besagt, daß die Verhaftung erfolgte, weil die Festgenommenen das Verbot der politischen Betätigung von Fremdlingen in Holland verlegt hätten.

*

Amsterdam , 28. Febr.( Eig. Bericht.) Die holländische Polizei hob am Samstag in der Nähe von Laren bei Amsterdam einen sozialistischen Jugendfongreß auf, der zur Errichtung einer IV. Jugendinternationale einberufen worden war. Sämtliche ausländischen Delegier­ten, im ganzen 19 Personen, darunter 8 Vertreter Deutsch­ lands , ferner Vertreter der Norwegischen Arbeiterpartei, der Mont Tag Partei( ebenfalls Norwegen ) und acht Vertreter der Internationalen Kommunistischen Liga( Troßzkisten) wurden verhaftet, da sie entweder ohne gültige Pässe waren oder kein Aufenthaltsvisum der Fremdenpolizei hatten. damer Polizeigefängnis und ins Amsterdamer Unter­Fünfzehn der Verhafteten wurden auf Lastautos ins Amster­suchungsgefängnis eingeliefert, da das Larener Polizei­gefängnis nur über 4 Zellen verfügt. Die Delegation der Troßkisten bestand aus zwei Amerikanern, einem Belgier, einem Franzosen, zwei Schweizern und zwei Deutschen . Die

Fortsetzung fiehe 2. Seite.

die drei Kommunisten nicht als bulgarische Staatsangehörige anerkannte und ihre Uebernahme ablehnte. Nachdem sie russische Staatsangehörige geworden seien, habe die Ab­beförderung nach der Sowjetunion erfolgen fönnen.

Diese Säße fennzeichnen die Verlegenheit der Reichs­regierung, die nicht zugestehen will, daß sie erst durch die Empörung der Weltöffentlichkeit und wiederholte Schritte der russischen Regierung gezwungen worden ist, sich einiger­maßen den Gepflogenheiten eines Rechtsstaates anzupassen. Wenn sie das freiwillig hätte tun wollen, würde sie niemand

gehindert haben, die freigesprochenen Bulgaren sofort zu ent­

lassen und sie unter Polizeiaufsicht zu stellen oder ihnen die Abreise nach einem beliebigen Lande freizustellen. Es ist bisher nicht bekannt geworden, daß andere Länder ihnen die Einreise verweigern wollten. Und wie steht es übrigens mit Torgler ? Wird dieser deutsche Kommunist etwa von der deutschen Reichsregierung nicht als deutscher Staats­bürger anerkannt? Wird seine Uebernahme" außerhalb der Gefängniszelle von Deutsch I and abgelehnt? Daß er ein­geferkert bleibt, beweist, daß die Reichsregierung sich nur widerwillig unter dem Druck des Auslandes zur Freilassung der drei Ausländer verstanden hat. Der Deutsche Torgler bleibt weiter außerhalb der Garantien eines Rechts­staates.

Die Verlogenheit der Reichsregierung äußert sich in dent Hinweis, sie habe darauf warten müssen, daß Dimitroff und Genossen russische Staatsbürger wurden. Rußland würde den drei Kommunisten die Einreise auch nicht verweigert haben, wenn sie nicht die russische Staatsbürgerschaft besessen hätten. Das wußte die Reichsregierung. Dennoch blieben die Freigesprochenen in der Gewalt Görings, dessen Rache sie vernichten wollte. Erst als eine Freilassung anders nicht zu erreichen war, hat Sowjetrußland, zögernd genug, den drei Kommunisten das russische Staatsbürgerrecht verliehen. Als auch das nicht ohne weiteres die Freilassung bewirkte, mußte die russische Botschaft zweimal sehr ernst bei der Reichs­regierung vorstellig werden. Das erste Mal durch mündliche Borstellungen und dann durch die Ueberreichung einer dringend gehaltenen Verbalnote. Beide Schritte blieben erfolglos. Die Verbalnote wurde nicht beantwortet. Ein weiterer Schritt des russischen Botschafters stand bevor, und die Angelegenheit drohte zu einer neuen schweren Belastung der deutsch - russischen Beziehungen zu werden, auf deren Entspannung die Reichsregierung in ihren öffentlichen Reden so viel Wert legt. Nicht zuletzt auch deutsche Wirt­schaftskreise haben schließlich sich ins Mittel gelegt. Sie befürchteten, daß jede Hoffnung auf Belebung des Russen­geschäfts schwinde, und der Weltboykott gegen deutsche Waren durch den Abschen vor der deutschen Regierungs­barbarei einen neuen Auftrieb erhalte.

So wurde der Reichsfanzler allmählich mit wirtschaftlichen und außenpolitischen Gründen für die Freilassung gewonnen. Er legte sich durch sein dem Daily Mail" gegebenes Inter­view öffentlich fest. Göring , der stur und haẞerfüllt blieb, sagte derselben Daily Mail" im Gegenteil, Dimitroff bleibe in seiner Gewalt. Schließlich mußte auch der Galgenminister widerspenstig und protestierend sich fügen. Man bestach den

seelisch kranken preußischen Staatsführer, der sich in Henfer fantasien wiegt, durch ein Geschenk an seine immer un­befriedigende Eitelkeit. Da er über alle ihn erfreuenden Uniformen schon verfügt, machte man ihn am Jahrestage des Reichstagsbrandes zum Ehrenbürger von Berlin und