od the drior
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Freiheit
Nummer 57-2. Jahrgang
Aus dem Inhalt
Keitik an Beocqueville
Seite 3
Vatikan gegen Rosenberg
Seite 3
Maschine macht Weltrevolution
Seite 4
Seite 7
Dollfuß als kleineres Uebel
Chefredakteur: M. Braun
Seite 8
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Freitag, den 9. März 1934
Im Juni vorigen Jahres brachte die deutsche Presse im Auftrag der Regierung und des Luftfahrtministeriums Be: richte von geheimnisvollen feindlichen Flugzeugen, die über Berlin Flugblätter mit Angriffen auf die Regierung ver: breitet hätten. Der Flugzeugtyp sei, so hieß es, ganz unbes kannt, die Geschwindigkeit enorm groß, singender Lärm sei vernehmbar gewesen. Da das Wetter für die Flieger günstig, die Ankunft überraschend, der Abflug mit großer Geschwin digkeit erfolgt sei, habe man keins der Flugzeuge verfolgen fönnen. Die Regierungsstellen haben damals die ganze Sache als eine ungeheuerliche Gefährdung und Beleidigung von Volk und Regierung hingestellt und, weil das Eisen gerade warm zu sein schien, sofort das Recht zum Bau von Verteidigungsflugzeugen gefordert.
Die abgeworfenen Flugzette sollten 12 Zentimeter im Quadrat sein und in vier mit Gummischrift aufgestempelten Zeilen fürchterliche Beleidigungen gegen Kanzler und Regie: rung enthalten.„ Gestern", so schrieben die Amtsstellen,„ ist unser gerechter Anspruch auf Luftrüftung durch den unerhörten Angriff auf uns gerechtfertigt worden. Wir können unter gar feinen Umständen noch länger inmitten schwer be= waffneter Nachbarn ungerüstet bleiben."
Der Angriff war, wie damals ein englisches Blatt schrieb, in der Tat unglaublich. Die feindlichen Flieger flogen so hoch, daß sie von keinem, außer dem amtlichen Auge, gesehen werden fonnten.
Die Wahrheit ist, daß sie nie existierten. Man erfand ihr Auftauchen, um damit für Deutschlands Wiederaufrüftung wahr gewesen ist, bleibt der Abwurf von Flugblättern der Propaganda zu machen. Das einzige, was an der Geschichte oben beschriebenen Art nicht von feindlichen Flugzeugen, sondern vom Garten des Dachcafés der„ Berolina" aus.
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Der Beweis für die Wahrheit dieser Schilderung kam jetzt in die Hand eines englischen Journalisten: Ein Flugblatt, zwei grüne Eintrittskarten für das Dachcafé und der primitive Gummistempel, mit dem die vier Zeilen mit uns geheuerlichsten Beleidigungen" gedruckt wurden. Das sind die vier Zeilen:
Mussolini baut Forts am Brenner
Wien, 8. März. Die tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen Italien und Deutschland wegen der Unabhängigkeit Oesterreichs find mit Sicherheit als der Grund zur Errichtung neuer schweren Grenzbefestigungen auf italienischer Seite anzusehen. Nach ganz zuverlässigen Beobachtungen unserer Gewährslente sind die italienischen Anstrengungen an der Brennergrenze besonders groß. Auf beiden Seiten des Paßhochweges ziehen fich seit dem Herbst begonnene, viele Kilometer lange Wälle und Sperren hin. Ihre Oberfläche ist kriegsmäßig durch Anstriche unauffällig gemacht; die ganzen Anlagen werden von Polizei bewacht. Der Zweck der Anlage ist die Bereitstellung von Plägen für Flugzeugabwehrgeschüße und andere Ar
tillerie. Von der Stellung aus wird der direkte Weg nach Innsbruck beherrscht. Die beherrschenden Höhen des Kreuz und Sandjoches find durch den Ausbau ihrer Zugangsstraßen ebenfalls für Artillerie erreichbar gemacht worden. Ein Blick auf die Karte zeigt sofort, daß diese Befestigungen nur Sinn bei Angriffen aus der Richtung Deutschland haben. hisry
Wien , 8. März. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß noch im Verlaufe dieser Woche, jedenfalls aber vor Abreise des Bundeskanzlers Dollfuß nach Rom , der Bundesführer der österreichischen Heimwehren, Fürst Starhemberg, als Minister ohne Portefeuille in die Regierung eintreten werde. Gleichzeitig sollen sämtliche Wehrformationen,
ſoweit dies bisher noch nicht der Fall war, der Baterländischen Front angeflossen und damit dem Oberbefehl des Bundesfanglers Dollfuß, der bekanntlich der Leiter der Vaterländischen Front ist, unterstellt werden.
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Vordringen der Heimwehr
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abigolun Wien , 8. März. Im österreichischen Kabinett stehen mehrere Veränderungen bevor. Die beiden Mitglieder der nationalständischen Front im Kabinett, Innenminister Kerber und Staatssekretär GI a ß. sollen zurücktreten. Die Frage der Neubesetzung ist noch nicht entschieden. Außerdem soll ein Ministerium ohne Amtsbereich geschaffen und mit einem Heimwehrmitglied besetzt werden.
Hilfe für Oesterreichs Arbeiter
Ausländische Aktionen
Wie der Londoner „ Daily Herald" berichtet, werden gegenwärtig aus dem vom gemeinsamen Nationalrat der Bri tischen Arbeiterbewegung gegründeten Hilfsfonds für: Defterreich 2500 Familien in Wien und in anderen größeren Orten Defterreichs unterstützt. Sie erhalten wöchentlich 30 österreichische Schilling. Der britische Fonds weist ständig neue und große Beiträge auf. So ist an einem Tag an grö
Beren Beiträgen allein mehr als 400 Pfund eingegangen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Beiträge der Zentralorgane der Gewerkschaften, während die Sammlungen in den einzelnen Unterorganen noch im Gange sind. Angehörigen der Schutzbündler und der eingeferferten Von mehreren Seiten aus wurde eine Hilfsaktion für die Parteifunktionäre unternommen. Von offizieller Hilfe für die Hinterbliebenen der Schußbundopfer ist bisher trop der bombastischen Ankündigung von reichen Sammelbeträgen im österreichischen Radio nicht viel zu spüren.
Dagegen wirkt sich bereits wohltuend eine von den eng lischen Gewerkschaften eingeleitete Silfsaktion aus.
Vertreter des Schweizer Gewerkschaftsbundes, die einige Tage in Wien weilten, haben an zuständiger Stelle ihre Be reitschaft erklärt, bis zu 2000 Rinder von Schußbündlern auf längere Zeit in der Schweiz bei Arbeitern, aber auch in bürgerlichen Familien zu beherbergen.
Belgien vorhanden, und auch die Arbeiterschaft der Tschecho Reges Interesse für die Kinderhilfsaktion ist ebenfalls in slowakei wird bei diesem edlen Menschenwerk sicher nicht zurückſtehen.
In dieser Sache meilten die Genossinnen Abgeordneten Blatny und Kirpal dieser Tage in Wien . Sie besuchten bei dieser Gelegenheit auch die unglücklichen Frauen der Wiener Hingerichteten und sprachen ihnen Mut zu.
Ungelöst ist bisher das wichtige Problem der Rechtshilfe für die Eingekerferten und Angeklagten, welches um so schwieriger zu lösen ist, als die hervorragendsten sozialdemokratischen Anwälte von der Regierung grundlos verhaftet worden sind.
Die Probeabstimmung Um die Aechtung
Saarbrüden, 8. März. Die Zahl der Lokale für die Probeabstimmung im Saargebiet, die als Beitritt zur deutschen Front" getarnt ist, vermehrt sich von Tag zu Tag. Die Lotale sind durch breite Werbebänder in schwarzweißroten Farben gekennzeichnet. Die Probeabstimmung geht unter der flaren Parole einer Aechtung aller Gegner vor sich. In großer Aufmachung verkündet die gleichgeschaltete Saarpresse:
Wir sind bereit, mit Franzosen, Engländern und Italies nern, mit Menschen aller Herren Länder über die Saars frage zu debattieren, eines aber wird uns wohl niemand zumuten fönnen, nämlich, daß wir diese Frage hier auf diesem Boden mit Menschen erörtern, die des gleichen Blus tes find wir wir!
„ Sier auf diesem Boden" damit wird deutlich ausgesprochen, daß man jedem Saareinwohner, der sich der sogenannten„ deutschen Front" und ihrem Terror nicht beugen will, das Recht abspricht, im Saargebiet zu leben. So wird die Aechtung aller Gegner proklamiert, und die öffentliche Probeabstimmung, die sich unter den Augen des Völkerbun des vollzieht, liefert die Listen für die Proskription.
Verschärfter Belagerungszustand
Madrid , 8. März. Die spanische Regierung Lerrong hat am Mittwochabend mit Rücksicht auf den drohenden Generals fireit den verschärften Belagerungszustand über ganz Spas nien verhängt.
Die Regierung hat die Verhängung des verschärften Be lagerungszustandes über das ganze Land der Presse gegens über als eine ausgesprochene Vorsichtsmaßnahme erklärt, die in keiner Weise Beunruhigung erzeugen dürfe. Die Regierung wolle damit nur automatisch diejenigen Mittel in die Hand bekommen, die einen Generalstreik nnmöglich machten. Die im Belagerungszustand ents haltene Pressezensur solle nicht in Anwendung kommen.
Ministerpräsident Alessandro Lerroux
, 8. März. In Madrid wurden wieder zwei Bomben an Neubauten von streikenden Bauarbeitern zur Explosion gebracht, die größeren Sachschaden verursachten, aber kein Menschenleben fofteten. Ferner beschossen mehrere schwer verwundet wurde. Streikende aus dem Hinterhalt einen Arbeitswilligen, der
Zwischen Navalmoral und Madrid stieß ein Personenzug mit einem Güterzug zusammen, wobei mehrere Reisende und das Zugpersonal verletzt wurden.
Die Kammer hat dem Gesezentwurf zur Erhöhung der Stärke der Polizeitruppen und Zivilgarde um 2500 Mann zugestimmt.
Die Katholiken drohen
aktion, der stärksten Partei des Landtages, erklärte, er werde Madrid , 8. März. Der Führer der Katholischen Volksdie neue Regierung stürzen, wenn diese bei dem für morgen erwarteten Streit der Drucker das Erscheinen der Madrider Zeitung El Debate nicht garantiere. Diese Zeitung hat ausschließlich katholisch organisierte Arbeiter, die nicht gewillt sind, sich den Anordnungen des sozialistischen Volkshauses zu fügen, weshalb ihr Weitererscheinen technisch möglich ist. Die Regierung sieht aber darin eine Herausforderung für die übrige Arbeiterschaft, weshalb sie im Falle des Streiks bei den anderen Zeitungen die El Debate am Erscheinen verhindern will.
Krise ohne Lösung
Von unserem spanischen Berichterstatter
jibin
I. W. Madrid , 6. März 1934. Im Laufe der vergangenen Woche hat endlich in Spanien die langerwartete Regierungskrise stattgefunden. Seit der Innenminister Martinez Barrio sich zu einem politischen Linkskurs und damit zur Unabhängigkeit des Minoritätenkabinetts Lerrour gegenüber der Rechten bekannt hatte, stand außer Zweifel, daß die Rechte entweder das gesamte Kabinett Lerroug stürzen werde oder auf die Entfernung der Störenfriede Martinez Barrio und Lara ( Finanzminister) aus dem Kabinett drängen würden. Schließlich hatte man sich mit Lerroug auf den letzteren Ausweg geeinigt: Martinez Barrio und Lara mußten abdanken. Als Lerroug diese Entscheidung dem Staatspräsidenten Alcala Zamora überbrachte, erklärte dieser wider alles Erwarten, die politische Lage merde durch den Rücktritt der beiden Minister keineswegs geklärt, er müsse sich bei den verschiedenen Parteiführern darüber informieren, was zu machen sei. Lerroux sah diese Mitteilung als Mißtrauensvotum an und dankte ab. Jn politischen Kreisen war man sich darüber einig, daß es sich bei der hervorgerufenen Gesamtkrise des Kabinetts nur