Fretheil

Nummer 90-2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Donnerstag, 19. April 1934 Chefredakteur: M. Braun

Aus dem Inhalt

Die Großmächte fürchten Trotzki

Seite 2

Fähes Ende des Abrüstungsspiels

Seite 2

Ministerialcat Diel

Chef der Gestape

Seite 3

Auslieferung

von vier Jungsozialisten

Seite 3

Vom Kriegsschauplatz dec Kicchen

Seite 7

,, Freiheit"-Rufe in Wien

Die Arbeiter sind unbestechlich

Aus Wien wird uns geschrieben:

Am 12. April hat der angeblich als Vertreter" der Wiener Arbeiterschaft ins Rathaus berufene Vizebürgermeister Dr. Winter, ein klerikaler Sozialpolitiker, im Volksheim in der Stöbergasse gesprochen. Mit viel Tamtam wurde eine anschließende Diskussion angeregt. Herrn Winters Propa­gandamacher sind alle Wiener Zeitungen. Er selbst ist Chef­redakteur des Arbeiter- Sonntag" und verspricht, in Kürze in allen Arbeiterbezirken sich mit den Arbeitern auszu­sprechen.

Nun, die erste Diskussion im Margaretchen war sehr auf­

schlußreich. Das Mittagsblatt Die Stunde", das über biefe

,, hochinteressante" Versammlung in der Stöbergasse ein wenig

ausführlich berichtet, wurde von der Polizei beschlagnahmi.

Dieser Bericht aber, den ein Teilnehmer der Versamm lung schreibt, wird hoffentlich unbeanstandet erscheinen.... Etwa 800 Arbeiter hatten sich eingefunden. Die langatmige Rede mit den vielen Versprechungen und verkehrten Lob­hudeleien des Margismus(!), die Herr Dr. Winter hielt, wurde mit eisigem Schweigen aufgenommen.

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Der erste Diskussionsredner war ein junger, politisch geschulter Schlosser, der sich zuerst mit folgenden Worten an Winter wendete( der Angeredete wurde sichtlich bleich!): Bitte ich will reden aber Sie müssen mir garantieren, daß ich nicht morgen verhaftet werde." Lebhafter Beifall. Herr Winter beschwichtigt und sagt zu. Der Arbeiter spricht: Man verleumdet unsere Bewegung, unsere Führer. Tausende ſizen im erter. Wir haben kein Vertrauen zu dieser Re= gierung. Wir glauben Ihnen nichts. Sie wollen uns mit schönen Worten einfangen." Der Arbeiter redet kurz, leidenschaftlich und schließt mit den Worten: Wir fordern Amnestie für unsere Genossen. Herr Starhemberg, der mit seinen Heimehrleuten im Jahre 1982 geputscht hat, einen Anschlag gegen die Republik zugab, ist heute einer der Herren dieses Landes. Was geschah den Hochverrätern der Heimwehr , die Geiseln aushoben, Ver­

Noch drei Leute sprechen: ein Hilfsarbeiter, ein Student, ein ehemaliger Schutzbündler. Der Tenor ihrer Reden? Der gesamte Parteivorstand ist in Haft und ihr faselt uns vor, unsere Führer feien geflüchtet?"- Man hat das Denkmal der Republik geschändet und Victor Adler geschmäht so achten Sie die Tra­ditionen der Arbeiter?"-" Wir haben kein Vertrauen zu dem Major Fey, der mit Kanonen Arbeiter= häuser bombardierte!"

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Solche Diskussionsredner hat Herr Winter nicht erwartet.

Was die österreichische Presse Verschweigen muß

11. April: Explosion von Papierböllern in der Stefankirche, in der Michaelerkirche und Petruskirche.

12. April: Hissung einer roten Fahne auf dem Musikpavillon im Volksgarten in Wien .

18. April: Vor dem Loebener Schwurgericht sagt der ange­flagte Schützbündler W.( der 10 Monate Kerfer erhielt) über den bisherigen Führer der steirischen Schußbündler, Abgeordneten Koloman Wallisch : Er war ein ganzer Kerl, ein Kämpfer, wir lassen ihn nicht beschimpfen, später einmal, meine Herren Geschworenen , wird man ihm ein Denkmal setzen!"

18. April: Demonstration der Frauen verhafteter, Schutz­bündler in allen Orten Oberösterreichs .

18. April: In der Nacht zum 13. April wurden die Fenster­scheiben der in den Remisen stehenden Straßen­bahnzüge mit revolutionären Flugzetteln beklebt.

18. April: In derselben Nacht wurde ein Schußkorpsmann vom Heimatschuß am Fleischmarkt von drei unbe­fannten Männern ,, beraubt". Gestohlen wurden ihm sein Gewehr, sein Revolver, sein Bajonett samt Ueberschwung...

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haftungen vornahmen, ſchoffen- sie wurden amnestiert oder An den Pranger!

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freigesprochen. In Wien aber wurden bisher schon 200 unserer tapfersten Genossen zu schweren Rerferstrafen verurteilt. Darüber, meine Herren, wollen wir gern diskutieren... Tosender Beifall. Freiheit!"- Rufe. Der diensttuende Polizei­offizier will einschreiten. Herr Winter aber hält ihn zurück. Für ihn gibt es ja will er nicht ganz blamiert sein, jetzt fein Zurückschieben.

416.

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Der Chefredakteur der linksgerichteten satirischen Zeitung Der Göz von Berlichingen", Herr Theodor Waldau, der den Sozialdemokraten nachlief und um Arbeiterleser warb, ist mit seinem Blatt ins vaterländische Lager gelaufen. Rette sich, wer fann! Man wird sich Herrn Waldau merken. Wien gibt acht!!

Frankreichs Gegenschlag

Ablehnung der britischen Kompromißvorschläge

Gestern und fieute

In der Deutschen Allgemeinen Zeitung" standen kürzlich ein paar merkwürdige Sätze. Man kann sie in gewisser Hin­sicht das Wichtigste nennen, was seit fünfviertel Jahren in der deutschen Presse stand, und der Leser wird gebeten, sie dementsprechend mit Nachdenken zu lesen. Der Hauptschrift­leiter persönlich hat sie, sorgfältig in einem langen Leitartikel eingebunden, auf das deutsche Volk losgelassen, und Göbbels muß einen besonders milden Tag gehabt haben, als er sie vorbeilaufen ließ:

,, Die Regierung," schrieb das Blatt ,,, hat viel, sehr viel zu tun, und mancher macht es sich heute zu leicht, wenn er seinen eigenen Mangel an Initiative achselzuckend weger­klären möchte: ,, Ja, die Regierung!" Die böse Regierung wird heute gern für alles mögliche verantwortlich gemacht, bloß weil in den Köpfen häufig der Totalitätsgedanke in mißver­standener oder verzerrter Gestalt herumspukt."

Das stand wörtlich in einer gleichgeschalteten deutschen Zeitung: ,,... die böse Regierung." Man versteht wohl: der Schreiber wollte nicht selbst behaupten, daß nach seiner Meinung die Regierung böse sei. Er wollte bloß möglichst sanft sagen, daß alles der Regierung böse ist und auf sie schimpft. Das ist ein Zustand, der im Rundfunk bekanntlich so be­schrieben wird: ,, Noch niemals war eine Regierung so vom Vertrauen des ganzen Volkes getragen wie die unsere."

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An dieser Stelle ist immer vor leichtfertigem Optimismus gewarnt worden. Aber es läßt sich ja nicht mehr gut be­streiten, daß das Regime in Deutschland gegenwärtig eine Vertrauenskrise durchmacht. So etwas kommt vor und geht auch wieder vorbei, mit ein bißchen Glück. Die Weimarer Republik hat in vierzehn Jahren nie rechtes Vertrauen ge­nossen; am wenigsten bei ihren eigenen Anhängern, am meisten noch bei gewissen Gegnern, die sich unter ihr sehr wohl befonden. Und beispielsweise Wilhelm II. hat min­destens seit 1908 kein Vertrauen mehr besessen, was ihn nicht gehindert hat, den Weltkrieg persönlich zu verlieren und dann in Holland die erste deutsche Emigrantenkolonie zu begründen.

Wir möchten ja nun nicht, daß Adolf Hitler zum gleichen Zweck erst einen Krieg verliert; wir könnten uns auch ohne das von ihm trennen. Wir sind andererseits darauf gefaßt, daß er wegen des bißchens Schimpfens nicht weggehen wird; wenn es hart auf hart geht, hat er bewiesen, daß er noch besser schimpft als die meisten andern. An der Unzufrieder­heit in Deutschland wird das Regime nicht zugrunde gehen; darüber wäre demnächst einmal ein sehr ernstes Wort zu reden. Namentlich auch darüber, was wir bei der ganzen Sache eigentlich getan haben. Es ist ja gut, wenn der Gegner schwankt, aber es ist noch besser, wenn man ihn stößt.

Nein, die ersten rauhen Windstöße werden das junge Bäumchen noch nicht entblättern. Aber der erste Blütenstaub ist weg.

Für alles mögliche wird die böse Regierung verantwortlich gemacht schreibt die ,, Deutsche Allgemeine Zeitung". Das ist wirklich schon alles mögliche, wenn man bereits andeuten muß, daß es in Deutschland alles mögliche gibt. Und wir dachten in unsrer Einfalt immer, es gäbe nur Begeisterung, Einigkeit, glühenden Opferwillen und ein Schreiten von Sieg zu Sieg. Statt dessen gibt es alles mögliche, und da die Pe­gierung so lieblos dafür verantwortlich gemacht wird,

Deutschland in voller scheinen es Dinge zu sein, von denen es früher immer hieß,

Auirüstung- Frankreich lehnt die Legalisierung der Vertragsverletzung ab

Unter diesen Umständen..

Paris , 18. April. In gutunterrichteten französischen Krei­sen verlautet, daß die gestern abgegangene französische Note an England drei Schreibmaschinenseiten umfaßt. Die fran­ zösische Regierung erfläre darin, daß sie trotz der hohen Be­wertung der englischen Garantie und der Anerkennung des besseren Verständnisses, das die englische Regierung dem französischen Standpunkt entgegenbringe, nicht ein Abfom­men annehmen könne, das die in Verlegung der Verträge" vorgenommene Aufrüstung Deutschlands legalisiere. Wenn Frankreich doch zu einem solchen Abfommen geneigt gewesen wäre, dann wäre es infolge der Erhöhung der deutschen Rüstungsausgaben und der deutschen Antwort auf die eng­Itsche Anfrage in der Rüstungsfrage davon abgekommen. Da­durch, daß Deutschland auf diese Weise öffentlich die beträcht­lichen Summen darlege, die es für militärische Zwecke ver­wende, befunde es seinen Willen, den früheren Verpflichtun gen zum Troz ohne Umschweife aufzurüsten, ohne auch nur

den Ausgang der noch andauernden Abrüstungsverhandlun­

gen abzuwarten.

Unter diesen Umständen könne der Friedenswille Frants reichs nicht durch einen Verzicht auf seine Sicherheit zum Ausdruck fommen. Auch müsse man feststellen, daß die zwis schen den Großmächten eingeleiteten zweifeitigen Berhands Iungen nicht zum Riele geführt haben. Also sei es Sache der Abrüstunasfonferenz. und zwar in diesem Falle des Sanptausschusses, in der Hoffnung auf einen besseren Aus: gang die Beratungen wieder aufzunehmen. Insofern bleibe die französische Regierung der traditionellen

französischen Politik der Bejahung des Völkerbundes treu. Sie hoffe, innerhalb des Hauptausschusses den Beistand der englischen Regierung im Hinblick auf den Abschluß eines die allgemeine Sicherheit gewährleistenden Abrüstungsabfom­mens wiederzufinden.

Der Wortlaut der französischen Note soll alsbald ver­öffentlicht werden, wenn London mit der Veröffentlichung einverstanden ist.

Im Zusammenhang mit vorstehenden Gedankengängen soll der französische Außenminister Barthou bei Ueberreichung der Note dem englischen Geschäftsträger das Bedauern der französischen Regierung zum Ausdruck gebracht haben, daß fie nicht in weniger fategorischer Form auf die Ausgleichs: bemühungen der englischen Regierung habe antworten Cha­

daß sie unter Hitler unmöglich wären.

Das Blatt nennt das zarterweise den ,, Totalitätsgedanken in mißverstandener Gestalt". Wißt ihr, was das auf einfältiges Deutsch heißt? Dies: die Regierung kann eben auch nicht alles, was sie versprochen hat, und wer ein braver Untertan ist, nimmt sie nicht beim Wort. Außerdem könnte das vor­läufig für den Betreffenden noch sehr unangenehm werden. Wenn man früher einmal einem begeisterten Gleichge­schalteten eine der vielen Unvollkommenheiten des braunen Regimes nachwies, sagte er: der Führer weiß das nicht. Später hieß es: der Führer will das nicht, Heute klagen sie schon: der Führer kann das nicht.

Bis es eines Tages eben doch heißt: Der Führer läßt sich entschuldigen er ist zu Schiff nach Holland . Argus.

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können, deren Bedeutung und deren freundschaftlichen has Eine Schamlosigkeit

rafter sie schätze. Sie hoffe jedoch, daß die Beweggründe ihres Entschlusses bei England Verständnis finden werde.

Nein!

Die französische Stellung

Paris , 18. April: Die Stellung Frankreichs kommt am deutlichsten im Matin" zum Ausdruck, der schreibt, es lägen nicht mehr nur Verstöße gegen die militärischen Be­stimmungen des Versailler Vertrages vor, sondern Deutsch land habe durch seine Rüftungsausgaben selbst unverblümt eingestanden, daß es feine Rüstungen erhöht habe. Infolge Fortsetzung siehe 2. Seite

Das hessische Staatspresseamt zu einem Liebesverhältnis

Darmstadt , 18. April. Das Staatspresse amt gibt befannt: Der 27jährige jüdische Kaufmann Willi Bendorf aus Ober- Ramstadt wurde zum Schuße seiner eige nen Person am 11. April dem Staatspolizei­gefängnis zugeführt, weil er mit der 17jährigen Deutschen Emma Katharina Kehr aus Ober- Ramstadt ge­schlechtlich verkehrt hatte. Der Name der Kehr wird deshalb veröffentlicht, weil sie dem Begehren des Juden keinerlei Widerstand entgegenseßte und damit ihre Pflichtvergessenheit gegenüber ihrer Rasse zum Ausdruck brachte."