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Fretheil
Peniaze
Nummer 94-2. Jabrgang
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
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Saarbrücken, Dienstag, den 24. April 1934 Chefredakteur: M. Braun
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Aus dem Inhalt 1950
Seite 2
Französisch- englisches
Defensivbündnis
Seite 2
Kongreß der Saacbergleute
Seite 3
Zeichnet Kriegsanleihe!"
Seite 4
In den Dollfuß- Keckern
Seite 7
Polizeirevolte im Saargebiet
Ultimative Forderungen an die Regierungskommission des Völkerbundes Die Berechtigung der Alarmrufe des Präsidenten Knox erwiesen Will das Reich einen nationalsozialistischen Aufstand an der Saar ?
Saar
Am Donnerstag, 19. April, find Teile der faarländischen staatlichen Polizei im Kolping- Haus zu Gar: Gestern und fieute
brücken zusammengekommen, wo sie eine Entschließung faßten, in der in ultimativer Form von der Regierungskommission die sofortige Entlassung derjenigen Polizeibeamten gefordert wird, die bis vor kurzem in reichsdeutschen Diensten gestanden haben. Durch diese Handlung fündigten 60 Beamte der Polizeidirektion Saarbrücken, von denen 15 der Schußpolizei und 45 der politischen und Kriminalpolizei angehören, der Regierungsfommission den Gehorsam. Unter den 15 Schutzpolizisten befinden sich die drei Kommissare Schulemann, Schulz und Holzschuh; die politische Polizei ist ge= schlossen unter der Führung des Kriminalfommissars Becker an der Aktion beteiligt, der die schmachvollen vierzehn Jahre" als Sozialdemokrat verlebt hat.
Wir wissen zur Stunde noch nicht, welche Folgen die Auflehnung der 60 Polizeibeamten haben wird. Aber es erscheint gewiß, daß dieses Ereignis von weittragender Bedeutung ist. Wahrscheinlich ist es noch nie dagewesen, daß in einem geordneten Staatswesen Polizeibeamte es gewagt haben, faktisch ultimative Forderungen an die Regierung zu stellen. Nur aus der Revolutionsgeschichte fennt man solche Beispiele.
Die Meuterei der Polizeibeamten ist offensichtlich als Be: ginn einer Revolution gedacht, welche die Reichsregierung im Saargebiet zu organisieren entschlossen ist.
Der Welt soll gerade in diesem Augenblick gezeigt werden, daß die Regierung des Völferbundes nicht imstande ist, im Saargebiet gegen den Willen der Nazis Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die 60 Revolutionäre laufen übrigens feinerlei Gefahr. Aus eigenem Entschluß hätten fie sich niemals aufgelehnt. Erst die Reichsregierung hat sie aftiviert und sie von der Gefahrlosigkeit ihrer Haltung überzeugt.
Angeblich richte sich die Empörung gegen die von der Regierungskommission im Laufe des letzten Jahres neu eingestellten Polizeibeamten, die bis zum Anbruch des ,, dritten Reiches" in Deutschland gedient haben. Sie sind entlassen worden, weil sie sich eindeutig gegen die Nationalsozialisten gestellt haben.
Die Regierungskommission, die das Saargebiet eben: falls nach Grundsägen verwaltet, die den nationalsoziali: stischen entgegengesezt sind, sah in diesen Beamten aus be= greiflichen Gründen brauchbare Kräfte für die Aufrecht: erhaltung der Ordnung, die in erster Linie von National: sozialisten bedroht wird. Selbstverständlich betrachten diese die„ Emigranten" als das hauptsächliche Hindernis, die Polizei völlig in ihre Hand zu bekommen und auf diese Weise die Regierung wehr: und machtlos zu machen.
Der Haß des dritten Reichs" gegen diese Leute entlädt fich seit Monaten in einem wüsten Verleumdungsfeldzug durch Rundfunk und Presse.
Der Zeitpunkt für den Angriff auf die Regierungsfommission ist mit Ueberlegung gewählt. Es gilt einer Reihe von schweren Gefechten zu begegnen, die der nationalsozialistischen Sache an der Saar drohen.
Die großangelegte Aftion der deutschen Front" hat zweifellos nicht die erhofften Ergebnisse und Wirkungen gezeitigt. Bis zur Stunde sind triumphale Siegesmeldungen ausgeblieben, mit denen sonst die Hitlerpropaganda nicht sparsam ist. Wenn man sich an die Arbeitsschlachten erinnert, die unaufhörlich„ siegreich" geschlagen wurden und wochenlang die Presse beschäftigten, so fann man nur staunen über die bescheidene Zurückhaltung der nationalsozialistischen Presse, was die Tätigkeit der deutschen Front" angeht. Wie schlecht es um diese steht, zeigen die unverbindlichen Pressemeldungen, daß dem Vernehmen nach" sehr bald die Aufnahmelisten geschlossen würden. Dieser Zirkustrick der„ unwiderruflich leßten Gelegenheit" wäre sicherlich überflüffig. wenn die Bevölkerung wirklich hinter der deutschen Front" stünde.
Dagegen ist zu bemerken, daß die oppofitionellen Kräfte gegen das dritte Reich" sich stärker zu regen beginnen. Die größte Sorge bereitet den Nationalsozialisten die Haltung der Katholiken, die der Kulturkampf in Deutsch land zum offenen Widerstand treibt. Ihre schärfste Waffe wird die demnächst erscheinende große fatholische TagesBeitung sein, die der alte saarländische Katholikenführer und
frühere Chefredakteur des ehemaligen Zentralorgans des Saarzentrums, der jezt gleichgeschalteten Saarbrüder Landes- Zeitung", Hoffmann, herausgeben wird. Eine weitere schwere Gefahr für die Reichspolitik ist die verstärkte Tätigkeit der Freiheitsfront, die neue Propagandamethoden bereits mit Erfolg anzuwenden be
ginnt.
Die Kommunisten haben sich nach längerem Schwanfen zu einem bedingungslosen Kampf gegen Hitler- Deutschland entschlossen und treten für den Status quo ein.
In eine Stimmung der Verzweiflung bringt die Natio= nalsozialisten aber die katastrophale Wirtschaftsentwidlung in Deutschland , die den Glauben der saar ländischen Bevölkerung an die nationalsozialistische Füh ländischen Bevölkerung an die nationalsozialistische Führung erschüttert. Die Währungsschwierigkeiten, die gerade jezt neue Devisenverordnungen notwendig machten, und die beginnende Zwangswirtschaft erschreden selbst alte nationalsozialistische Parteigänger an der Saar .
Schließlich wird auch der außenpolitische Horizont des „ dritten Reiches" düsterer. Die Aufrüstung trübt notwen digerweise seine Beziehungen zur angelsächsischen Welt, wie bereits vor einiger Zeit die Aktionen gegen Desterreich die italienische Freundschaft sehr abgefühlt haben. Der außenpolitische Elan der ersten Zeit ist gebrochen. In Genf , wo das Schicksal des Saargebietes beschlossen wird, ist Deutsch land in einer besonders schwierigen Stellung. Man rechnet mit dem Eintritt Rußlands in den Völkerbund, der dann einen bedeutenden Zuwachs an Macht und Ansehen gewinnen würde. Deutschland sähe sich dann als einzige euro päische Großmacht von dem Genfer Forum ausgeschlossen. Bei der nächsten Völkerbundsratssitzung, die am 14. Mai stattfindet, wird der Einfluß der neuen Konstellation sicherlich bereits spürbar werden, wenn über die Modalitäten der Saarabstimung Beschlüsse gefaßt werden.
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Unter diesen Umständen kann die Reichsregierung die Saarfrage nur durch eine direkte Aktion wirksam beein tussen. Sie richtet daher ihre ganzen Anstrengungen auf das Ziel, das gegenwärtige Regierungssystem im Saar: gebiet zu erschüttern.
Es ist ihr bereits in einem beträchtlichen Maße gelungen, die Beamtenschaft, aber auch große Teile der Bevölkerung durch die Drohungen und Versprechungen unter ihren Einfluß zu bringen., Dieser Erfolg war möglich, weil weder die Regierungsfommission, noch der Völkerbundsrat die nationalsozialistische Taktik schnell genug durchschauten und ihr entsprechende Abwehrmittel entgegenseßten. Das Beispiel Desterreichs zeigt, daß außerordentlich viel Energie dazu gehört, mit Parteigängern, hinter denen ein mächtiger Staat steht, fertig zu werden.
Präsident nor hat die Gefahr übrigens flar erkannt und wiederholt den Völkerbundsrat darauf aufmerksam gemacht, daß seine Erefutivorgane unzulänglich sind, um jeder möglichen Gefahr begegnen zu können. In Genf und auch an wichtigen Stellen des Saargebietes selber, scheint man die Alarmrufe nicht ernst genug zu nehmen. Aus Mangel an Entschlußkraft gibt man das Schicksal der Saarbevölkerung in die Hand des dritten Reiches", von dessen gutem oder bösem Willen der Friede im Völkerbundsgebiet abhängt.
Man hat nicht auf den Präsidenten Knor hören wollen. Nun ist das Signal zur offenen Auflehnung gegeben. Der Nationalsozialismus will es auf einen Kampf antommen lassen, wenn die Regierungskommission ihn nicht als die allein maßgebliche Macht im Saargebiet anerkennt. Da nach den bisherigen Erfahrungen und den eindeutigen internationalen Verpflichtungen mit der Kapitulation der Völkerbundsregierung nicht zu rechnen ist, ergibt sich die Frage, welches die weiteren Pläne sind,
Die Frage der neueingestellten Polizeibeamten aus dem Reich soll den Hebelpunkt bilden für die restlose Gleich: schaltung der saarländischen Verwaltung. Unterwirft sich die Regierung, so ist dieses Ziel mühelos er
Denn das Land ist im Treiben, daran ist kein Zweifel. Die letzten Wochen haben es auch den Zuversichtlichsten offenbart. Zwischen den beiden Klippen der materiellen Not und des Gewissenskampfes zieht der Strom, und man hat nicht das Gefühl, daß am Ruder eine feste Hand sei,
Gewaltige Arbeiten sind in Deutschland begonnen worden, und die Regierenden rühmen sich, daß sie Millionen von Feiernden mit Straßenbau und Erntehilfe wieder in die Arbeit bringen würden. Gleichzeitig sperrt das Land die Rohstoffeinfuhr, und es sieht so aus, als ob ganze Industrien demnächst erliegen würden. Die Mark wird hochgehalten mit derselben Verzweiflung, mit der der Kommandant eines untergehenden Kriegsschiffes die Fahne an den Mast nageln läßt. Zugleich wird eine Pumpwirtschaft betrieben, die auf irgendeine Art mit Geldfälschungen enden muß; Anleihen werden bei dem hartherzigsten aller Gläubiger, nämlich der Zukunft gemacht, und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.
Ist in diesem irrsinnigen Experimentieren noch ein Plan erkennbar? Es könnte ja sein, daß dies alles zwar von Sekunde zu Sekunde schwankt und zittert wie die Magnetnadel, die doch zuletzt immer nach Norden weist.
Es sieht aber nicht so aus. Nachdem die deutsche Politik ein volles Jahr lang nichts anderes tat; als Deutschland mili
tärisch und wirtschaftlich aufzurüsten wie eine Festung, halten seine Führer jetzt Reden über die Notwendigkeit der Weltwirtschaft und Verdammenswürdigkeit eine Handelspolitik, die das Land vom Weltmarkt absperren würde. Im gleichen Augenblick aber sperrt es sich tatsächlich ab, kauft nichts mehr vom Ausland und verliert damit wahrscheinlich die letzten Kunden, die ihm selbst noch etwas abkaufen.
Wohin treibt das? Wahrscheinlich in eine Art Kriegskommunismus, in der theoretisch alle gleichmäßig arm sind und einige wenige sich wahnsinnig bereichern werden. Auf dem deutschen Lande haben wir diese Kriegswirtschaft bereits; der Bauer muß abliefern" wie 1917. Die Stimmung des Bauern ist daher so, daß keine deutsche Zeitung mehr etwas darüber zu drucken wagt.
Wenn man nun fragt, was sich bei alledem die Verantwort lichen denken, so muß man schon vorher fragen: Wer ist in Deutschland heute eigentlich verantwortlich? Wer will es noch sein?
Auf ihre Disziplin sind sie drüben bekanntlich stolz. Disziplin bedeutet, daß jeder tut, was ihm befohlen wird. Die lette Quelle aller Befehle ist schließlich nur einer, der Oberste, der Führer. Nur er ist verantwortlich; die andern brauchen nur zu gehorchen und können immer sagen, daß sie nicht schuld seien.
Der Jugendführer Baldur von Schirach hat dieser Tage erklärt, die Idee des heutigen Deutschland sei die Idee der ewigen Jugend. Das war ein ahnungsvolles Wort. Jugend ist etwas sehr Gutes zu ihrer Zeit, aber ewige Jugend ist nur bei Göttern nicht lächerlich. In Deutschland kann man graubärtige Männer im Braunhemd und mit der Aktenmappe unterm Arm herumlaufen sehen, und man hat das Gefühl, daß dies Baldur von Schirachs ewige Jugend sei. Diese Jugend will mit Gewalt nicht älter und nicht reifer werden. Sie will auch mit grauem Bart keine Verantwortung tragen das ist das Geheimnis ihrer Ewigkeit.
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Deutschland treibt in einen Zustand, in dem jeder das Elend mittragen muß und keiner die Schuld mittragen will. Argus.
reicht, tut sie es nicht, was gewiß erscheint, so werden neue Aftionen folgen. Wenn die pflichtvergessene Polizeibeamten gemaßregelt werden, will man sie zu nationalen Märtyrern machen und eine solidarische Haltung aller Beamten herbeiführen, was auf einen Generalstreik hinausliefe. Uns erscheint es nicht schwer, diesem gefährlichen Plan durch eine energische Aktion, welche die Zustimmung der gesamten besonnenen Bevölkerung hätte, zu begegnen. An der Behandlung der 60 Rebellen wird es sich zeigen, ob die Regierung ihre Autorität aufrechterhalten kann oder nicht.
Fortseßung siehe 2. Seite