Freiheit

Nummer 96-2. Jahrgang

# 22

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Donnerstag, den 26. April 1934 Chefredakteur: M. Braun

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Aus dem Inhalt

Vier Sozialdemokraten

von Braunen ermordet

Seite 2

Reichsregierung hinter

saarländischer Polizeirevolte

Seite 2

Oesterreischische

Sozialdemokraten in Front

Seite 2

Frik in Jerusalem

Seite 3

Mordprozeß

von Streicher überwacht

Seite 4

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Passiver Widerstand

Das deutsche Volk bekommt den Schwindel satt

Alle Berichte aus Deutschland lassen erkennen, daß die angebliche Begeisterung der Massen für das Regime start nachgelassen hat. Die von Göbbels zensierten Nachrichten des amtlichen Nachrichtenbüros suchen das vergeblich zu ver­schleiern. Der Zufall hat uns ein nationalsozialistisches Flug­blatt aus Nürnberg in die Hand gespielt, das nun gar nichts Im Tert sieht das so aus:

mehr verschleiert. Es ist ein einziges Jammern über die wachsende Gleichgültigkeit der Volfsgenossen. Sie ist so groß geworden, daß die nationalsozialistischen Führer, wie aus dem Flugblatt hervorgeht, nur noch durch ganz massive Dro hungen wenigstens eine äußerliche Beteiligung an ihren Ver anstaltungen erzwingen fönnen.

Gestern und heute

In Berlin bekommt man jetzt eine große Sache zu sehen. Es ist das Original- Manuskript von Hitlers ,, Mein Kampf ". Der Clou der Ausstellung auf dem Messegelände, die sich ,, Deut­sches Volk deutsche Arbeit" nennt.

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Auf diese Weise wird es ja herauskommen, wer das be­rühmte Buch eigentlich geschrieben hat. Bisher hieß es im­mer, das Werk stamme aus der Feder des fleißigen Privat­Nürnberg, im März 1934 sekretärs Heß, in die Hitler es während seiner Festungshaft

An alle Volksgenossen der Ortsgruppe Nürnberg- Gibitzenhof

Wir machen die Erfahrung, daß viele Volksgenossen u. genossinnen, die nach der nationalsozialistischen Revolution unsere Sprechabende jeden Mittwoch inden Hubertus- Sälen und jeden Donnerstag in der Garten­stadt besuchten, heute nicht mehr so eifrig ihren Nationalsozialismus durch stetigen Sprechabendbesuch be­weisen wollen. Wir wollen nicht annehmen, daß diese eifrigen" Sprechabendbesucher in den Tagen der nationalsozialistischen Revolution nur deshalb gekommen sind, weil sie Angst um ihre Stelle bei der Stadt, beim Staat oder in den Privatbetrieben gehabt haben und sich jetzt, wo sie sich scheinbar etwas sicherer fühlen, wieder von den nationalsozialistischen Versammlungen zurückziehen.

Wir machen ferner die Erfahrung, daß die nationalsozialistischen Versammlungen überfüllt sind, wenn die bekanntesten Redner der Bewegung sprechen und daß die Versammlungen leer sind, wenn ein unbekannter Name als Redner angegeben ist. Auch wissen wir, daß die Kreise des ehemaligen Mittelstandes" es unter ihrer Würde finden, nationalsozialistische Versammlungen zu besuchen, denn man sagt sich: wir Bürger sind ja schon immer national gewesen, uns braucht man nicht erst zu erziehen!"

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Deutsche Volksgenossen! Wir erwarten, daß Ihr alle ohne Unterschied des Standes, des Ranges, der Konfession die Versammlungen der NSDAP . besucht, um Euch dort Aufklärung zu holen und um Euch dort im nationalsozialistischen Geist, im Sinne Adolf Hitlers zu Nationalsozialisten erziehen zu lassen. Es komme keiner mit der Ausrede, für ihn sei das nicht nötig, er sei schon früher national gewesen. Zwischen Nationalismus und Nationalsozialismus besteht ein himmelweiter Unterschied. Wir möchten auch besonders an die staatlichen und städtischen Angestellten und Arbeiter ein offenes Wort richten: Glaubt ja nicht, daß wir uns die nicht merken, die sich nie an unseren Sprechabenden sehen lassen!"

Wir werden in Zukunft in jedem Sprechabend wieder Anwesenheitslisten zirkulieren lassen und aus den darin enthaltenen Namen ersehen, wie sich dieser oder jener Volksgenosse zum neuen Deutschland Adolf Hitlers stellt und wie er diese Einstellung beweist, indem er fleißiger Besucher unserer Sprechabende ist. Volksgenossen! Werdet fleißige Besucher der Sprechabende der NSDAP . und laßt Euch zu National­sozialisten in dieser Schule des neuen Deutschlands erziehen. Wir brauchen Eure Mitarbeit am Aufbau unseres deutschen Volkes und Vaterlandes. Wir können aber nur Mitarbeiter brauchen, die den Geist dieses neuen Deutschland erfaßt und verstanden haben. Volksgenossen, die Ihr vom Winterhilfswerk unterstützt worden seid, beweist Euere Dankbarkeit, indem Ihr Euch fleißig zu unserer Bewegung haltet und damit zeigt, daß wir bei der nächsten Unterstützungsaktion sagen können: Diesen. Mann oder jene Frau können wir mit gutem Gewissen unterstützen; denn die haben den Willen, dem neuen Deutschland Adolf Hitlers zu dienen!" Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß es eine Selbstverständlichkeit ist, daß die Parteigenossen und die­jenigen, die Opferring- Mitglieder unserer Ortsgruppe sind und damit gleichsam auch zur Elite gehören, immer in den Sprechabenden anwesend sein müssen.

Wir haben 14 Jahre um Euere Seele gekämpft und gerungen Durch Euer Ja"-Wort am 12. November habt Ihr bewiesen, daß es Euch Ernst ist, im neuen Deutschland mitzuarbeiten. Laßt Euch zur Mitarbeit und Mit­hilfe erziehen, formen und bilden in den Sprechaben den der NSDAP.!

Mit welchen Mitteln im einzelnen aus den Volksgenoffen die nötige Begeisterung herausgedrückt wird, zeigt ein zwei tes Dokument. Den Erwerbslosen wird bei Kundgebungen ein Zettel in die Hand gedrückt wie dieser:

Bestätigung.

Inhaber dieser Bestätigung hat die Erwerbs­losen- Kundgebung in der Festhalle am Luif­poldbain am 6. November 1933 besucht.

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National- Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei Gauprogandaleitung: gez. Ho13. Ohne diesen Wi gibt es an der Stempelstelle weder Ar­beit noch Unterstützung.

Armer Radelmann, das ist ja wahrhaft fammervoll. Nach einem Jahr nationaler Revolution" fchon diese Teilnahms. Tofigfekt! Dabei hat man allen Grund anzunehmen, daß schon

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Heil Hitler! gez. Rackelmann Ortsgruppenleiter.

bisher die Begeisterung nur sehr äußerlich gewesen ist. Das Flugblatt sagt ja selbst, daß die Besucher in den ersten Tagen der braunen Revolution offenbar nur aus Angst gekommen seien. Das dürfte denn auch zum guten Teil der Grund da­für sein, daß heute noch die Versammlungen beim Auftreten rednerischer Kanonen überfüllt sind.

Wir wissen, daß manche Leser es für eine Uebertreibung halten, wenn wir das Hitlerregime in erster Linie für ein Regime des Terrors erklären. Die beiden Dokumente be= meiſen an einem kleinen Ausschnitt wieder einmal, daß die deutsche Deffentlichkeit gegen den ganzen überhizten Rum­mel tief gleichgültig ist. Wenn fie ihn mitmacht, dann aus Angst. Die lesten Reden von Göbbels und Darre beweisen übrigens dasselbe.

Offiziell heißt das aber: Die ganze Nation steht einig und geschlossen hinter Adolf Hitler ,

in Landsberg diktiert habe. Dieser Heß ist heute Reichsmini­ster. Noch selten ist das Anfertigen von Manuskripten so großartig belohnt worden. 115

Aber man darf wohl hoffen, daß auch Schriftzüge des Füh­rers selbst sich auf diesen Blättern finden. Denn die Hand­schrift des Ministers Heß mag ja ganz interessant sein, aber wir selbst müssen sagen, daß wir auf die von Adolf Hitler neugieriger sind.

Wer in diesem Manuskript blättern durfte, würde in ihm vermutlich auch all die schönen Stellen finden, die in den späteren Auflagen des Buches mit so viel Weisheit gestrichen wurden. Zum Beispiel jene, in der der Meister der deutschen Rede davon spricht, wie man das Volk beschwindeln müsse. Aber vor allem würde uns die Handschrift interessieren. Man hat von ihr bisher nicht viele Proben in der Oeffent­lichkeit gesehen. Wir erinnern uns eines Faksimiles aus der nationalsozialistischen Presse, viele Jahre vor der Macht­ergreifung. Hitler war damals noch fast unberühmt und stiftete einen Spruch für eine Spende zugunsten politischer Gefangener: Deutscher , hilf denen, die dir helfen wollten. Sieben Worte also. Man mußte kein Schriftsachverständiger sein, um an diesen Schriftzügen zum mindesten eins auffällig zu finden: es war eine Schrift ohne alle Ecken, ganz weich, ganz fließend, Rundung an Rundung. Eine Schrift, die sozu­sagen aus lauter Verbeugungen bestand.

Eine spiritistische Zeitschrift in Deutschland beschäftigte sich kürzlich wieder einmal mit seiner Handschrift. Es waren zwei sehr karge Proben, an die sie sich halten mußte: zwei Namensunterschriften aus früheren Jahren und aus der Ge genwart. Auf dies dürftige Material kann man natürlich keine Analyse gründen, wenn die Zeitschrift es dennoch tat, war das der übliche Unfug, den diese Sorte Journalistik seit Jahr und Tag in Deutschland treibt. Trotzdem war der Unter­schied zwischen beiden verblüffend. Auf den ersten Blick fast keine Aehnlichkeit. Die erste beinahe eine Kinderhandschrift mit großen, klaren Buchstaben; die zweite bereits so unleser­lich wie die eines Generaldirektors.

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Aber das Merkwürdigste und jedem Blick sofort Auffal­lende war der Unterschied in der Schreibrichtung. Die erste zog von links unten nach rechts oben in die Höhe, die zweite sank von links oben nach rechts unten hinab. Die deutsche Zeitschrift meinte, das verrate Bescheidenheit eine Eigen­schaft, die der Führer bisher sorgfältig verborgen hat. Wie dem auch sei: in der Handschrift geht es bereits ab­wärts. Sind das Ahnungen, die den Schreiber beherrschen? In einem Jahr kann man vielleicht mehr darüber sagen. In der am meisten verbreiteten Form seiner Unterschrift findet sich ein ganz merkwürdiges Bild. Die Schriftzüge steigen leicht an, übrigens nicht geradlinig, sondern gewunden. Das am Schluß aber steht plötzlich um eine volle Länge tiefer als die anderen Buchstaben. Es sieht aus wie ein Abhang, wie ein Abgrund, wie eine steile Felswand.

Im alten Rom wurden bekanntlich Politiker, die Miẞ­

erfolg gehabt hatten, zum Tarpejischen Felsen hinabgestürzt. Daraus entstand die Redensart, daß es nicht weit sei vom Capitol bis zum Tarpejischen Felsen. Die großen Diktatoren der Geschichte haben dies Schicksal fast alle an sich erfahren, und der dies Wort prägte, war selbst einer von ihnen. Die Handschrift der Weltgeschichte ist voll trüber Ahnungen, die zum Zuverlässigsten gehören, was die Diktatoren ihr entneh­men können. Argus.

News Chronicle will wiffen, daß vor zwei Tagen ein Sendbote Trottis aus Paris in London eingetroffen ist, um Sie britische Regierung zu überreden, Tropki einen Bu fluchtsort auf einer der Inseln im Aermelkanal zu ges währen. Dem Blatt zufolge kann damit gerechnet werden, daß einflußreiche Persönlichkeiten, darunter angeblich auch Lloyd George Fürsprache bei der Regierung für das Gesuch einlegen werden,