Freiheil
Nummer 104-2. Jahrgang
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Sonntag Montag, 6./7. Mai 1934 Chefredakteur: M. Braun
Aus dem Inhalt
Die Enthüllungen
Romagninos
Seite 2
Saar- Abstimmung Mai 1935
Seite 3
Die neue Schreckenswelle
Seite 7
Es ist also jetzt so weit. Das erste offizielle Verbot von katholische Jugend- und Jungmännerverbänden, gegeben zu Schweinfurt am 25. Ostermond 1934, liegt jetzt vor. Es wurde ausgesprochen laut Gaubefehl für Unterfranken , im Einvermit Streicher; es ist verbunden mit Vermögensbe
Die Herausforderung an die Welt schlagnahme, Aulassung der Immobilien zugunsten des poli
DNB. Paris , 5. Mai. Die Außenpolitikerin des » Deuvre" befaßt sich mit der amerikanisch - japanischen Lage und macht dazu einige interessante Ausführungen, deren Quelle die zuständigen Pariser Botschaften sein dürften. So habe sie erfahren, daß Japan die Erklärung über die asiatische Monroe- Dottrin nicht aus einem Expansionsbedürfnis heraus abgegeben habe, sondern aus zwei anderen Gründen:
Der erste sei die Finanzmission, die vor einem Jahre von verschiedenen Großmächten Monet übertragen wurde und die zu einem 50- Millionen- Dollar- Kredit Ameris fas an die chinesische Regierung führte, um ihre Rüstungen zu vervollständigen. Dieser Ausschuß habe ferner seine Studien mit der Prüfung der Mittel zur Reorganisierung des internationalen Konsortiums in China fortgesetzt.
Der zweite Grund, von dem Japan fich habe leiten lassen, sei der demnächst stattfindende Zusammentritt des China : Ausschusses in Genf , der nach dem Austritt Japans aus dem Völkerbund gebildet wurde, und der dem Völkerbund Bericht über seine Arbeiten hinsichtlich der Europäisierung Chinas erstatten soll. Japan habe aus diesen beiden Gründen fofort Stellung nehmen wollen, um Europa und Amerika davon zu unterrichten, daß es eine Einmischung in China nicht wünsche, sondern allein bei der Organisierung dieses Landes behilflich sein wolle. Amerikanischerseits habe man die Bedeutung dieses japanischen Schrittes sofort erkannt und bereits entsprechende Maßnahmen getroffen. Man befürchte, daß, wenn man Japan noch 18 Monate in Asien allein laffen würde, es sich auf einen Krieg gegen Rußland vorbereiten würde, um seine Lage zu stabilisieren. Gleich nach Erhalt der japanischen Note habe die amerikanische Regierung deshalb eine ganze Reihe von Maßnahmen getroffen, die 141 Kriegs: schiffe der amerikanischen Flotte seien vom Stillen Ozean in den Atlantischen Ozean durch den Panamakanal in 47 Stun: den gefahren, anstatt diese Reise in acht Tagen zurückzulegen, wie dies ursprünglich beabsichtigt gewesen sei. Amerita habe ferner sofort den Vinson- Plan bestätigt, d. h. die sofortige Inangriffnahme des Ausbaues der Flotte, die Aufgabe der Militärbasis auf den Philippinen und Ver: stärkung des amerikanischen Stüßpunktes in Honolulu , ferner das Studium der strategischen Punkte auf der Inselgruppe der Alenten, weil hierüber der kürzeste Weg nach Japan führe, und die schnelle Erwägung eines allgemeinen Abkommens mit Rußland , um in kürzester Zeit der ruffischen Rüftungsindustrie die notwendigen Kredite zur Verfügung ftellen zu können.
Neuer japanischer Vorstoß
Tokio , 4. Mai. Die japanische Regierung hat durch den japanischen Generalfonful in Nanking dem chinesischen Außenminister Wang Tsching- wei erklären lassen, daß die japanische Regierung die schwebenden chinesisch- japanischen Fragen möglichst bald zu regeln wünsche, jedoch nur in direkten Verhandlungen zwischen China und Japan . Die Intervention einer dritten Macht werde nicht zugelassen.
Der japanische Generalkonsul hat auch den amerikanischen Gesandten in Nanking , Johnson, aufgesucht und vor einer unbedachten Haltung der Mächte in bezug auf China ge= warnt. Die Erflärung des japanischen Generalfonfuls ist
die Antwort auf den Besuch der Gesandten Nordamerikas , Belgiens und Italiens bei Marschall Tschiang Kai- shef, dem sie angeblich versichert haben, daß die Mächte auch in Zukunft dem chinesischen Reich ihre Unterstützung zuteil werden lassen würden.
Nach diesen Vorgängen ist es zweifellos, daß Japan auf seiner Forderung beharrt, die übrigen Mächte müßten auf eine kollektive Betätigung in China verzichten, auch wenn es sich nur um technische oder finanzielle Hilfeleistung hanoeit. Diese schroffe Außenpolitik Japans jetzt die seit dem Austritt aus dem Völkerbund in die Erscheinung getretene Linie fort. Die japanische Regierung erläßt tatsächlich eine offene Kampferklärung an den Völkerbund, denn dieser hat in der außerordentlichen Völkerbundsversammlung am 24. Februar 1933 eine Erklärung beschlossen, die u. a. besagt, daß die Aufrechterhal tung des Friedens im Fernen Osten eine Frage von internationalem Interesse ist und eine zeitweise internationale Zusammenarbeit für den inneren Aufbau Chinas Voraussetzung für Kommission Lytton hat diese Erklärung wie folgt ereine befriedigende Lösung ist. Der Bericht der
läutert:
„ Es liegt heute ebensosehr im Interesse der Mächte wie im Jahre 1922, beim Wiederaufbau Chinas helfend mitzuwirken und Chinas Unabhängigkeit und ter= ritoriale und administrative Integrität zu sichern, da sie für die Aufrechterhaltung der Friedens unerläßlich sind."
Diese feierlich als„ unerläßlich" für den Frieden auf gestellten Forderungen der Mächte haut der Säbel des japanischen Imperialismus in Fetzen. Er überläßt es allen übrigen Großmächten, sich damit abzufinden oder kriegerische Folgerungen zu ziehen, an deren Ernst man in Tokio zur Zeit nicht zu glauben scheint.
Die japanische Außenpolitik hat sich für ihre Vorstöße einen Zeitpunkt gewählt, den ihre Gegner zur militärischen Antwort nicht recht geeignet finden. Rußland ist noch ruhebedürftig und hat deshalb das Vordringen Japans in der Mandschurei und die Krönung des Kaisers von Mandschukuo Pu i hinnehmen müssen. Die europäischen Mächte aber sind mit den Spannungen infolge der Abrüstungskrise und der Wiederaufrüstung Deutschlands hinreichend beschäftigt. Auch von Nord amerika scheint Japan zur Zeit nichts zu befürchten, weil es genügend Sorgen mit dem Wiederaufbauprogramm Roosevelts gegen die ungelöste schwere wirtschaftliche Krise hat. So ist Japan entschlossen, einen weiteren entscheidenden Schritt zur Aufrichtung seiner Hegemonie in Ostasien zu tun.
Allerdings könnte ein Zusammenstehen der beiden angelsächsischen Weltmächte England und Nordamerika , die beide an der ostasiatischen Entwicklung stärkstens interessiert sind, Japan zwingen, ein Kompromiß über die Aufteilung der Interessensphären Ostasiens einzugehen. Aufteilung der Interessensphären Ostasiens einzugehen. Die weitgesteckten Ansprüche Japans und die Bedrohung, die es wirtschaftlich und politisch für seine Nachbarn bildet, bleiben aber eine dauernde Bedrohung für den Weltfrieden, eine Gefahr, die nicht minder ernst und gefährlich ist als das ungelöste europäische Problem.
Durchhalten! Durchhalten!
tischen Leiters, Untersagung jeden persönlichen Verkehrs unter den früheren Vereinsmitgliedern. Die politische Polizei hat darüber streng zu wachen ,,, im Interesse der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zum Schutze von Volk und Staat". Katholisches Diebesgut wird festlich und legitim eingebracht.
Das ist der Präzedenzfall. Frankenführer Streicher, im Kampf gegen den Davidstern erprobt, wird vorgeschickt, um den ersten gänzlich unverhüllten Bruch des Konkordats in Szene zu setzen. Es fallen unter das Verbot ausdrücklich alle Vereine, die ihrer Sagung nach religiöse Jugenderziehung betreiben, wobei ausdrücklich gesagt wird, daß die Schutzbestimmungen des Konkordats aufgehoben seien. Wir wollen dabei nicht vergessen, daß sich Hitler und Streicher erst vor acht Tagen in Nürnberg getroffen haben und ihre vollkommene Einigkeit fotografisch reproduzierten.
Nur wer das vielverzweigte katholische Vereinsleben von innen her gesehen hat, kann wissen, in welchem Umfange die Jugendverbände zu den Haltepunkten des katholischkirchlichen Seins gehörten. Die Jugendscharen mit den religiösen Flaggen hatten kurz vor der Machtergreifung Hitlers immer noch mehrere Hundertausend Mitglieder, und sehr viel weniger werden es auch heute nicht sein. Ihren priesterlichen Führern sind sie keineswegs immer sehr bequem ge wesen. Sie haben vielmehr den Patriarchen des Episkopats oft Kummer bereitet. Von dieser katholischen Jugend ging in leidenschaftlichem Strome der Wille zur religiösen Erneuerung aus: es genüge nicht, Religionen zu organisieren, sondern man müsse sie vor allem erleben und vorleben. Der Hierarchie wurde vorgeworfen, sich allzu bequem an die herrschenden Wirtschaftsmächte gebunden zu haben. Wir erinnern uns an die Manifeste der bündisch organisierten katholischen Jugend,„ Kreuzfahrer",„ Neu- Deutschland",
,, Quickborn " und anderen, erfüllt von sozialrevolutionärem Auflehnungsgeist, oft in verschwärmt- romantischem Kleide, immer anklägerisch gegen die Sozialordnung oder Unordnung des Kapitalismus .
Es ist also nicht so, daß der Nationalsozialismus jetzt gegen die katholischen Jugendverbände allein deshalb vorstößt, weil sie dem weltanschaulichen Totalitätsanspruch zuwider. laufen. Die Gründe liegen tiefer. Diese jungen Katholiken sind zu einem guten Teile in der Beurteilung politischer und ökonomischer Fragen kraft Erziehung, Tradition und eigener Erkenntnis nicht ins braune System einzufügen. Vom Standpunkt der totalitären Staatsidee aus resehen, sind sie also gefährliche Fremdkörper in Hitlers Pagodenreiche.
Hier hat das Konkordat versagt, weil es versagen mußte. Verträge sind gut und wirksam unter Gleichen. Hier aber
standen die Kontrahenten, von der Rassenlehre bis zur Wirtschaftsethik, in verschiedenen Lagern. Das Verbot von Ober franken entbehrt nicht der Logik und kann nur die Illusionäre enttäuschen.
,, Als wir diese Anordnung lasen, waren wir zunächst sprachlos. Denn unserer einfachen und ehrlichen Auffassung von Verträgen widerspricht nicht nur der Wortlaut, sondern auch
der Inhalt einer solchen Verfügung. Wir waren bisher der
unmaßgeblichen Auffassung, daß doch ein Konkordat zwischen dem Vatikan und dem Reich besteht... Unzuständige Leute bemühen sich, die Unterschriften des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers zu deskreditieren." So schreibt ein katholisches Blatt des Saargebietes. Diese Anordnungen sind selbstverständlich völlig rechtswidrig", fügt die„ Saarbrücker Landeszeitung" hinzu. Aber man möchte doch nicht gleich zu mutig sein. Hinterher kommt die gleichgeschaltete Arabeske, nämlich das Bekenntnis zum„ ehrlichen Wollen des Kanzlers..."
Hitler weiß das nicht! Hitler will das nicht! Wenn man es längst nicht mehr glaubt, daß dieser Reichskanzler wirklich so tun, als ob man es glaube. Und das ist das Peinliche, immer wieder: die betrogene Illusion verschwistert sich zuletzt mit der Heuchelei. Argus.
Der„ Aushungerungsprozeß gegen Deutschland - Schacht ist bei der der Pflegevater des Konkordats ist, so muß man wenigstens Kaiserreichs angelangt- Keine Brechung Bankrottphraseologie des Kaiserreichs angelangt der Zinsknechtschaft!
Am morgigen Sonntag sollte der Reichsbankpräsident Dr. Schacht in Köln sprechen. Die Transferverhandlungen in Berlin nehmen aber einen für den Regisseur des deutschen Finanz- und Währungsbankrotts so sorgenvollen Verlauf, daß er die Reichshauptstadt nicht verlassen kann. Die Kölner sind deshalb um den Genuß einer Schachtrede gekommen. Dafür hat er ihnen im„ Westdeutschen Beobachter" einen Trostbrief geschrieben. Allerdings ist es zweifelhaft, ob er viel Trost spenden fann. Schacht gibt plötzlich das Gerede vom wirtschaftlichen Aufschwung und der sich entfaltenden Konjunkturblüte, daß die Hitler und Göbbels und ihre
Breßlafaien täglich herleiern. Trübselig sagt der Reichsbankpräsident:
Die zahlreichen Exportschwierigkeiten, auf die wir stoßen, wirken ähnlich wie ein großer Materialaushungerungsprozeß, der nicht nur die volkswirtschaftliche Zahlungsfähigkeit Deutschlands , sondern sein Transfervermögen im Kapitalverkehr ruinieren muß, sondern uns auch als Käufer für ausländische Rohstoffe und Fertigwaren mehr und mehr schwächt. Hier stehen wir noch vor sehr großen und schwierigen Aufgaben, und es wird auch weiterhin des ganzenzähen Durchhaltungsmillens des deutschen Volkes bedürfen, wenn wir dieser Lage Herr werden wollen.
Auf die Frage nach der Stellungnahme der Reichsbank zur Frage der Notendeckung und einer etwaigen Abwertung der Mark zur Erhöhung der deutschen Konkurrenzfähigkeit im Auslande antwortete Dr. Schacht u. a.: Die von einem Teil unserer Wirtschaft aus Außenhandelsgründen zeitweilig wohl befürwortete sogenannte Devalierung nach dem Beispiel anderer Länder
fommt für Deutschland nicht in Frage. Nicht nur der Reichsbankpräsident, sondern auch der Reichs= fanzler, der Reichswirtschaftsminister, der Reichspropagandaminister haben sich erst unlängst in diesem