Pent

OM IS A bow odgonetonatio

Fretheil

Nummer 113-2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Freitag, 18. Mai 1934

Chefredakteur: M. Bra un

Aus dem Inhalt

Deutschlands Wirtschafts­

katastrophe wächst

Seite 2

Ein neuer van der Lubbe

Seite 2

Bericht

des Saacministers Morize

Seite 3

Deutscher Frauenprotest

Seite 7

Hitler hat entschieden

Für liberalistische Wirtschaftsordnung gegen jede Art Sozialismus

Darwin und Eugen Richter

Auf dem zweiten deutschen Arbeitsfongreß" hat der deutsche Reichskanzler am Mittwoch im Sizungssaal des Preußenhauses zu Berlin eine programmatische Rede ge­halten. Zuhörer war das, was er Volksgemeinschaft" nennt: das Unternehmertum aller Art und die bezahlte und be­waffnete Bonzofratie der Deutschen Arbeitsfront ". Weit draußen im Lande durften die Arbeiter und Angestellten an ihren Radioapparaten schweigend zuhören.

In den letzten Wochen ist viel darüber orakelt worden, wie Adolf Hitler in dem innerpolitischen Ringen zwischen den tapitalistischen Mächten und den drängenden sozialrevolutio nären Massen seiner eigenen Bewegung optieren werde. Nach dieser Kanzlerrede ist die Antwort einfach und klar: der nationalsozialistische Parteiführer befennt sich mit den ältesten liberalen Schlagworten zur freien Wirtschaft des Rapitalismus, lehnt jede Sozialisierung mit fanatischem Hak ab und will mit allen Mitteln der Propaganda seine Wirt­schaftspolitik frühfapitalistischer Art den Volksmassen als ge­meinnüßig einreden. in

Daß er vom Marrismus nichts versteht, beweist Hitler zum tausendsten Male. So, wenn er den Unsinn daherredet, der Margismus behaupte, alle Menschen seien gleich". Als wenn nicht auch die Marristen die Vielgestaltigkeit der menschlichen Begabung wüßten und anerkennten und gerade auch us dieser Erkenntnis eine Wirtschaftsverfassung und Gesell­schaftsordnung anstrebten, die diese Vielfalt sich entwideln läßt, statt sie für Millionen und aber Millionen Menschen zu hemmen.

Halten wir uns an das, was der Führer einer Bewegung, die das Wort Sozialismus" im Schilde führt, über seine Grundsäße verfündet:

Das freie Leben ist so natürlich wie der Kampf in der Natur draußen, der auch keine Rüdsicht nimmt und viele Lebewesen vers nichtet, sa daß nur das Gesunde übrig bleibt. Würde man diesen Grundsatz durch die Sozialisierung be= feitigen, so würde man die Prinzipien unserer Staatsvers waltung auf den Ausbau unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens übertragen und wir würden damit jammervoll Schiffbruch erleiden.

Das ist das Bekenntnis zur darwinistischen Aus­Iese der Lebensfähigen durch den rüciichts­Iosen Kampfums Dasein, übertragen auf das Wirtschaftsgebiet. Es sind Säße, die den hellen Jubel auf jedem Kongreß der Liberalen in den sechziger und den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hervorgerufen

haben würden.

Da immer dringender aus dem Volke der Ruf sich erhebt, wo denn der Nationalsozialismus " bleibe, und was man eigentlich darunter zu verstehen habe, gibt der Führer der nationalsozialistischen Bewegung eine Antwort. Hier ist sie: Wenn man mich fragt, was verstehen Sie unter Nationalsozialismus, so habe ich zu antworten: Nichts anderes, als daß zur Erhaltung unserer Gemein­schaft auf jedem Plaz unseres Lebens die höchsten Fähigkeiten ausschließlich zum Einsatz gebracht werden. unter feinen Umständen verstehe darunter Ich verstehe irgendeine Bürokratisierung unseres gesamten Lebens, das heißt, ich verstehe unter Nationalsozialismus nicht, daß ich jemand an einen Platz stelle, auf einen Grundsaß, der nicht durch Sachlichkeit bedingt ist. Wer führt, muß von Natur aus dazu bestimmt sein, und das erweist sich durch feine eigene Leistung und Fähigkeit. Das muß er unter Beweis stellen, und zwar nicht durch staatliche Aufsichts­behörden, sondern durch den Erfolg... Wenn es uns aber gelingt, diese höchsten Fähigkeiten unseres Volkes überall zum Einsatz zu bringen, so daß auf jedem Plaz der fähigste Mensch steht, wenn wir das in einem gewiffen Umfange erreichen wollen, dann sei es sinnlos, wenn wir bie dabei naturgemäß tausendfältig in Erscheinung treten den Differenzen ansgleichen ließen durch so primitive Methoden wie Aussperrung, Streit usw.... Wenn wir die höchsten Fähigkeiten nüglich anwenden und die höchste Pro­duktionskraft auf allen Gebieten entwickeln, dann muß das zwangsläufig allen zugute kommen und es gehört wieder nur eine ganz verwirrte fleine egoistische Meinung dazu, sich gegen eine Erhöhung des Lebensstandards zu fträuben, die indirekt wieder allen zugute fommt. Ich habe in meinem Leben leider Unternehmer kennengelernt, die Schuhe fabrizieren, aber empört sind, wenn sie hören, daß

ein Arbeiter zwei Paar Schuhe habe. Da kann ich nur lagen: Heilige Einfalt.

Der Unternehmer, der dem Arbeiter zwei Paar Schuhe und zwei Röcke neidet, ist gewiß recht blöde, und wir leugnen nicht, daß es solche Leute gerade auch in der Gefolgschaft Hitlers , zumal aus mittelständlerischen Schichten, in großer Menge gegeben hat und gibt. Aber sind die wirtschaftlichen Ueberlegungen des deutschen Reichskanzlers viel ver­nünftiger?

Seine Wirtschaftspolitik führt zurück auf den freisinnigen Fortschrittsmann Eugen Richter und seine Zeit, die da lehrte, daß der freie Wettbewerb und der Sieg der ge= schäftlichen Tüch igkeit zwangsläufig" zum Wohlstand aller führen müsse. Wir bezweifeln, ob der deutsche Reichskanzler, der nicht eben ein sehr belesener Mann ist, das Heftchen Die Irrlehren der Sozialdemokratie" von Eugen Richter ie in der Hand gehabt hat. Wenn er es aufschlägt, wird er feststellen können, daß alles das, was er nun der Welt als " Sozialismus verfündet, in den ältesten Lehren des Libe­ralismus zu finden ist.

Nur sind in dem seit jener Zeit verfloffenen halben Jahr: hundert mit der freien fapitalistischen Wirtschaft einige Er­fahrungen gemacht worden. Sie hat nämlich die Völker ge= rade wegen der ungehemmten und ungeregelten Entwicklung aller Produktivkräfte von Krise zu Krise geführt und schließ­lich in die Katastrophe des Weltkrieges hineingerissen, aus der sie sich bis jetzt nicht erheben konnte. Und neue Welt­fatastrophen drohen! Nicht, weil der Margismus" sie her­vorruft, sondern weil der kapitalistische Kampf ums Dasein, den Hitler als Glücksspender preist, mit den Erzeugungs­und Verteilungsproblemen der Weltwirtschaft nicht fertig werden kann. Was in dem engen Kopfe Hitlers als ver­schrobene Bürokratisierung" spuft, ist in Wirklichkeit die Frage des Jahrhunderts: wie nämlich die überreich ent­wickelten technischen Produktionsfräften der Welt den Massen der Menschen wirklich zugute kommen fönnen. Dieser Hitler wird es nie begreifen, aber deswegen bleibt es doch Tatsache, daß jede sozialistische Dynamik und Systematif auf plan­volles Wirtschaften gerichtet sein muß. Der Sozialismus läßt sich nicht durch Phrasen und abgelebte liberale Re­miniszenzen aus der Welt reden.

Eine Ahnung davon hat natürlich auch der deutsche Reichskanzler. Er will zwar nicht bürokratisieren, aber moralisieren und reglementieren. Der Staat, den er, genau wie die alten Liberalen für eine unparteiische über den Wirtschaftsinteressen schwebende Einrichtung erklärt, der Staat muß aufpassen, daß der Kampf ums Dasein in schönster friedlicher Ordnung verläuft. Die Unternehmer müssen den ungesunden Egoismus abschwören, und die Arbeiter müssen sich dafür erkenntlich zeigen, indem sie nicht mehr streifen, sondern sich mit den Löhnen zufrieden geben, die ihnen nach dem Grundsatz Gemeinnuß geht vor Eigennut" in höherer Weisheit zugeteilt werden:

Der Staat ist nicht der Büttel eines Unternehmers oder eines Arbeitnehmers, sondern er steht über beiden Inter : essenten und sorgt für Einigkeit und die Freiheit des Rechtes und der Vernunft, die für uns alle gleich sind. Und wer sie nicht befolgen will, wird erfahren, daß über seinem Eigennuk der Gemeinung der Nation steht, der durch uns seine Repräsentation erfahren hat.

Der Reichskanzler irrt sich, denn in jedem Staate ringen die verschiedenartigsten Interessen um die Macht und auch im faschistischen Deutschland ist dieser Kampf offenbar. So­gar aus der Kanzlerrede dringen diese Machtkämpfe hervor. Einstweilen ist der neue deutsche Staat noch sehr labil und nur in einer Willensäußerung fest und zielflar: in seiner Büttelarbeit für kapitalistische Interessen gegen die

Gestern und heute

Seltsam, welch leuchtende Wahrheit alte, scheinbar schon ein wenig abgegriffene Zitate unter gänzlich verwandelten Zeitverhältnissen bergen können. Von Karl Marx stammt das Wort, daß sich große historische Vorgänge zu wiederholen pflegten: das erstemal sind sie eine Tragödie, das zweitemal eine Farce.

Das paẞt genau auf den Sozialismus. Es gibt in der Ge­schichte der menschlichen Gesellschaft keine Idee, die so viele Abenteuer erlebt wie diese. Heroisch ist er zur Welt gekommen, aber welch ein Kauderwelsch hat der National­sozialismus aus ihm gemacht! Wir haben einen Hände- an- die Hosennaht- Sozialismus, Sozialismus schmort in den Eintopf­gerichten mit, er sitzt auf den Schaufelgriffen der Zwangs­arbeiter, er brütet hinter den Abzügen auf den Lohnlisten. Es ist immer wieder lohnend, Herrn Thyssen oder Baron von Schröder , neuerdings sogar Herrn von Papen unter der Garde altbewährter Sozialisten in Reih und Glied zu sehen.

Aber das ist nicht nur Sozialismus. Es ist noch viel mehr. Es ist nämlich ,, Sozialismus der Tat". Dafür haben wir so­eben ein besonders überzeugendes Beispiel.

Man erinnert sich, daß jüngst von den Arbeiterurlaubern im Zeichen von Kraft und Freude" viel die Rede war. Die Herren Treuhänder und Gauleiter gingen durch Spaliere ab­reisender Arbeiter und selbst Herr Dr. Ley ließ es sich nicht nehmen. In illustrierten Zeitungen sah man sie später auf Veranden von Schwarzwaldhäusern, erstaunt in die Sonne blinzelnd.

Aber die Unternehmer knurrten. Sie sollten die Urlaubs­tage bezahlen! So hatten sie den Sozialismus nicht ver­standen. Kurz, soeben haben sich die Grubenherren des Aachener Gebiets mit aller Entschiedenheit geweigert, die Kosten zu tragen. Da schritt Dr. Ley ein und verfügte durch seinen Adjutanten folgendes:

,, Die Urlaubszeiten im Bergbau an der Wurm, sind den Urlaubszeiten an der Ruhr gleichzusetzen. Die Differenz be­zahlt die Deutsche Arbeitsfront ."

Es handelt sich hier um 30 Prozent des in Frage kommen­den Lohnausfalls. Da sich die Unternehmer weigern, ihn zu bezahlen, bezahlt ihn einfach die ,, deutsche Arbeitsfront ". Mit tiefer Bewegung teilt das der Treuhänder mit folgendem Zusatz der Oeffentlichkeit mit: ,, Sozialismus der Tat, wie er treffender und wirksamer nicht gezeigt werden kann."

Wir haben nie etwas Treffenderes und Wirksameres er­lebt. Wer ist die ,, deutsche Arbeitsfront ", wovon lebt sie, wer gibt ihr die Mittel, soweit sie den Gewerkschaften nicht gestohlen wurden? Mit anderen Worten: die Arbeiter werden mit ihrem eigenen Gelde auf Urlaub geschickt. Ihre Freude bezahlen sie mit der schaffenden Kraft ihrer Hände. Dank, Dank, lieber Herr Dr. Ley!

Im Ernst: wie wäre es früher einem Gewerkschaftsführer ergangen, wenn er den Vorschlag gemacht hätte, die Kasse für Urlaubsgelder der Mitglieder in Anspruch zu nehmen? Stürme der Empörung wären ihm entgegengebraust, wie er es wagen dürfe, die Verpflichtungen der Unternehmer aus dem Kampffonds der Arbeiter abzulösen.

Heute können sie sich dagegen nicht wehren. Noch nicht. Diejenigen, die zu Anfang diesem Sozialismus- Truge ver­fielen, beginnen sehend zu werden. Zuerst aus dem einfachen Grunde, weil sie zählen können. Wo früher ein Gewerk­schaftssekretär war, sind heute überall drei oder vier, mit hohen SA.- Graden, aber in erschreckender Unwissenheit. gegenüber den täglichen Fragen der Lohnpolitik, des Arbeits­rechts, des Versicherungswesens. Begegnen die Arbeiter heute einem ihrer früheren gewerkschaftlichen Vertrauens­leute auf der Straße, so drücken sie ihm verstohlen die Hand, manchmal etwas schuldbewußt, wenn sie früher mit dabei waren, auf den ,, Bonzen" zu schimpfen.

Heute wissen sie nämlich erst, was das ist. Heute sehen sie in den Autos der neuen deutschen Volksgemeinschaft den echten sozialistischen Opferdienst der Soldaten der, natio­nalen Revolution"..

Ihre Gasentwicklung ist noch stark. Aber die Furcht vor der Panne ist schon da.

Boltsteile, die wirklich eine sozialistische Ordnung wollen. Aktive Kommunisten

Der Reichskanzler hat sich programmatisch schärfer, als seit Jahr und Tag zu diesem Bütteldienst bekannt. Er will die unzufriedenen Massen der Arbeiter und Angestellten durch die Staatsgewalt an die freie Profitwirtschaft des Kapi­talismus binden. Aus dessen neuem Aufstieg hofft er nach einer gewissen Zeit auf die Befriedigung der Massenwünsche. Und wenn dieser Aufstieg nicht kommt? Wenn weder die Ar­beiterschaft, noch die Bauern, noch der Mittelstand die bis jetzt ausgebliebenen Segnungen des dritten Reichs" spüren, wenn sie den Glauben im Herzen" verlieren, den der Reichskanzler als ihre stärkste& raft aufruft?

Dann werden sie die Hitlerei verfluchen und zum Teufel jagen, und die Ratlosigkeit und Tatlosigkeit der Kanzler­reden zeigt uns an, daß kommen wird, was fommen muß.

33 Personen in Erfurt verhaftet

gus.

Erfurt , 16. Mai. Nach wochenlangen Beobachtungen und Ermittlungen der Staatspolizeistelle Erfurt erfolgte in Ser Nacht zum Mittwoch ein Zugriff auf die illegale kommu­nistische Organisation. Nachdem zunächst am 16. Mai abends ein von Berlin nach Erfurt entsandter Sonderfunktionär der KPD . bei einem Treffen in einer der städtischen Anlagen festgenommen worden war, wurde in der Nacht unter Hinzu­ziehung von Kriminalpolizei, Feldjägern und SS. der Schlag gegen die illegale Bezirksleitung ausgeführt. Er war von vollem Erfolg. Sämtliche Funktionäre der Leitung, die Funktionäre der Nebenorganisationen und der Vertriebs stelle für illegales Propagandamaterial sowie ein größerer Personenkreis, der das illegale Material vertrieb, insgesamt 33 Personen, darunter drei Frauen, wurden festgenommen.