Fretheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Aus dem Inhalt

Die neue Genfer Veetagung

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Neue Vertrauensratswahl

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Göcing an seine Beclinee

Seite 3

Deutsche an der Riviera

Seite 5

Saarbrücken, Sonntag Montag, 3./4. Juni 1934

Chefredakteur: M. Braun

Nr. 125 2. Jahrgang

Sturmtag: 13. Januar 1935

Kampf für Deutschlands Freiheit an der Saar

Saar­

Die Verhandlungen zwiſchen Italien , Deutschland und Frankreich haben zu einer Einigung über die Car Gestern und fieute

abstimmung geführt. Als Abstimmungstermin ist der 13. Januar 1935 vorgesehen. Am Montag wird der Völkerbundsrat in öffentlicher Sihung zu der Einigung Stellung nehmen und gleichzeitig die Mitglieder der Abstimmungskommission ernennen.

Saarbrücken , 2. Juni.

Jn Saarbrücken bedecken sich an diesem Samstag die Häuser mit Fahnen. Um die Mittagsstunde haben die Kirchen feierliches Geläute. Für 6 Uhr abends sind Dank gottesdienste angesetzt. Ob nur für eine Konfession oder für alle konnten wir räudigen Schäflein noch nicht er­fahren. Jedenfalls ergeht das Kommando der deutschen Front" an alle, die Entscheidung von Genf als einen Sieg des deutschen Nationalismus zu feiern. Der Völkerbund , gestern noch ein niederträchtiger Verschwörerklub zur Entrechtung Deutschlands im allgemeinen und zur Herab­würdigung des Saargebietes zu einem Negerstaat im be­sonderen, wird sachte als Hort freiheitlicher Entschei­bungen zu loben begonnen. Ganz von ferne taucht sogar die Möglichkeit eines Verstehens mit den Franzosen auf, die eben noch wieder einmal das verniggerte Volk West­ europas waren.

Der befohlene Freudenausbruch aller Hitlerfilialen an der Saar zeigt, wie besorgt die so siegesgewiß tuenden Herrschaften waren. Sie fürchteten jeden Monat, um den die Volksabstimmung an der Saar hinausgeschoben wor­den wäre. So wenig sicher sind sie der Festigkeit des Regimes in Deutschland . So unbehaglich ist ihnen der Gedanke, die rapid wachsende Ernüchterung im Reiche könne noch vor der Abstimmung entscheidend in das Saargebiet vordringen. So sorgenvoll blicken sie auf die Devisenlage, auf die Handelsbilanz, auf die Teuerung, auf die Währung, auf die Rassenheze, auf die Katholiken verfolgung, auf die Rüstungspolitik, auf die außenpoli tischen Narrensprünge, auf die innere Zersetzung des ,, Dritten Reiches ". ,, Nur noch 225 Tage!" rufen die Zeitungen der deutschen Front" ins Land. Jmmer noch 225 Tage! So meinen sie es in Wirklichkeit.

Die deutsche Freiheitsfront an der Saar weiß, daß ihr ein Kampf bevorsteht, der die Anspannung aller Kräfte erfordert. Auch die Einigung aller, die aus politischen An­schauungen und aus deutschen Sorgen, wie immer sie be gründet sein mögen, heißen Herzens und kühlen Kopfes eine Niederlage der Diktatur wollen. Aus Haß und Leidenschaft gegen deren Barbarei, aus tiefster Liebe zu Deutschland und zur Größe seiner Nation. Weil die Quellen unseres Widerstandes so rein, weil der Wille unseres Angriffs gegen die Hitlerschande so deutsch ist wie unsere Zunge, berührt uns keine Aechtung und keine Drohung. Das sozialistische Arbeitsvolk an der Saar beugt sich dem Terror der deutschen Front" nicht, läßt sich durch bie gewaltige Machtentfaltung des dritten Reiches" nicht schrecken, weil jeder dieser Träger sozialistischer Kultur die Sicherheit in sich fühlt, daß in ihm die besten Tradi tionen deutscher Kultur mit dem Glauben an eine freie Zukunft seiner Klasse und seines Volkes sich vereinen und jeder Uebermacht und ihrem Terror trogen.

Daß die deutsche Front" nicht mit geistigen, sondern mit terroristischen Mitteln, ohne die kein Faschismus denk­bar ist, um die Entscheidung ringt, ist auch in Genf an­erkannt worden. Die französische Regierung hat der Fest: setzung eines Abstimmungstermins nur unter der Be: bingung politischer Garantien zugestimmt. Unzweifelhaft muß die Reichsregierung sehr weitgehende Zumutungen angenommen haben, die sie aus nationalem Prestige und aus der Würde nationaler Souveränität weit von fich ge­wies n hätte, wenn ihr nicht schwerste inner- und außen politische Sorgen Vorsicht auferlegten. Womit noch nicht gefagt ist, daß irgendwer in der Reichsregierung auch nur entfernt daran dächte, irgend eine der übernommenen Garantien wirklich zu erfüllen. Darüber müssen sich die anderen Kontrahenten klar sein. Wir sind gespannt zu erfahren, welche Garantien sie ihrerseits gegen einen notorisch betrügerischen und vertragsbrüchigen Partner aufgerichtet haben.

liche Sicherungen für die Gegner der deutschen Front" eröffnen.

Dennoch wird die Festsetzung des Abstimmungstermins sofort mit neuen terroristischen Drohungen begrüßt. So schreibt die Saarbrücker Zeitung ", die sich ihre Subven­tionen aus den Blutsummen des dritten Reiches" beson­ders eifrig zu verdienen bestrebt ist:

Reinesfalls aber dürfen die noch nicht näher bekannten Garantien" für die deutschfeindlichen Ele­mente ein Freibrief sein, der ihnen die Fortsetzung ihres verantwortungslosen Treibens ermöglicht. Und weil wir diesem Treiben nicht länger ausgesezt sein wollen, des= halb erwarten wir, daß der Völkerbundsrat möglichst bald die Abstimmungsfommission ernennt und sie umgehend ins Saargebiet entiendet..

Das klingt wie die lächerliche Forderung, als solle die Abstimmungskommission alle die Saarländer in ihrer politischen Betätigung hindern, die sich als Gegner der deutschen Front" bekennen. Natürlich ist daran nicht zu denken, aber ohne terroristische Wunschbilder geht es nun einmal bei den Knechten der deutschen Diktatur nicht ab.

,, Deutschfeindliche Elemente!" Das ist die Sprache wil­helminischer Borniertheit von den vaterlandslosen Ge­ſellen, von der Rotte von Menschen, nicht mert, den Namen Deutsche zu tragen. Das ist die Verblödung bürgerlicher Hurrakanaille, die jahrzehntelang lügnerisch Deutschland in Nationale und angeblich Antinationale zerrissen hat. Das ist die Vergiftung jedes politischen und moralischen Kampfes um Verfassung und Kultur der Nation.

Wir pfeifen auf diese Diffamierung. Wir verachten die Geschäftspatrioten, von denen sie ausgeht. Ihre brei­testen schwarz- weiß- roten und ihre längsten Hakenkreuz­fahnen können die Schande nicht perbergen, daß gerade. deutsche Maulpatrioten in der Stunde der Gefahr Deutsch land immer wieder verraten haben. Nicht umsonst müssen ihre gekauften Federn immer wieder gerade einen sozial­demokratischen Dichter zitieren und sein Wort von dem ärmsten Sohn, der in Deutschlands höchster Gefahr sein treuester war.

,, Deutschfeindliche Elemente". Wie schlimm wäre es mit dem Deutschtum an der Saar bestellt, wenn die breiten Kolonnen der Gegner dieser sogenannten deutschen Front" deutschfeindliche Kräfte wären: Sozialdemokraten, freie Gewerkschafter, Arbeitersport und Arbeiterjugend, Kom­munisten, Pazifiſten, katholische Priester und katholische Laien in großer Zahl, die bedrohten jüdischen Volks­genossen und alle, denen die Freiheit deutschen Geistes nicht feil ist um Uniformen und Kommißstiefel. Diese

Elemente" werden in den 225 Kampftagen, die vor uns liegen, noch zeigen, was sie unter Deutschtum verstehen und niemand wird uns auf deutschem Boden und inmitten einer deutschen Bevölkerung daran hindern.

Neben der Sozialdemokratie und den sonstigen Organi­sationen der Freiheit sind es die Kommunisten, die heute als erste auf den Plan treten. Eine Proklamation der

Kommunistischen Partei schafft Klarheit über ihr saar­politisches Ziel. Die kommunistische Partei Deutschlands ist mit uns entschlossen, das Arbeitsvolk an der Saar dem deutschen Sklavenregime nicht preiszugeben. Die Kom­munisten begründen ihren Entschluß mit anderen Worten als wir, und ihre Agitation wird sich in anderen Bahnen bewegen. Das ist selbstverständlich und ist leicht zu er tragen.

Eins aber tut not: Zusammenraffen aller sozialistischen

und kommunistischen Kräfte auf das nächste gemeinsame Ziel: die Niederlage des gemeinsamen Tod. feindes an der Saar . Der Schlag gegen den Ban­ditismus, der unsere Brüder fesselt und mordet, ob sie nun drei Pfeile oder den Sowjetstern trugen.

Obwohl es schwierig ist, am eigenen Grabe die Leichen­rede zu halten, hat die ,, Frankfurter Zeitung " das Kunst­stück fertig gebracht. Sie hat sich an die Oeffentlichkeit ge­wandt und gebeten, daß man sie nicht für tot halten möge. Die letzten persönlichen Bindungen zu ihrer stolzen Tradi­tion sind soeben gelöst worden, und nun ist, den Blick aus dem Massengrab auf erloschene Sterne gerichtet, das Leben erst schön. Stramm in Reih und Glied liegt sie da neben dem Hamburger Fremdenblatt wie der Zittauer Volkszeitung, und es gibt doch ein Fortleben nach dem Tode, sogar nach dem Selbstmord.

Der

Das Blatt teilt mit, daß die bisherige Inhaberfamilie Sonnemann- Simon nichts mehr mit ihm zu tun hat. bisherige praktische Eigentümer und Leiter des Blattes, Dr. Heinrich Simon , Protestant und Nichtarier, scheidet aus. Das ungeteilte Eigentum erwirbt der langjährige Inhaber der Minderheit der Anteile", worunter man den I. G. Farben­trust zu verstehen hat wenn auch in getarnter Gestalt. Ist dies Schicksal gerecht?

Die Frankfurter Zeitung " hat nach dem Umsturz von 1933 zwischen ihren Zeilen öfters die Sehnsucht nach Cha­rakter bewiesen; Charakter selbst brachte sie als Ganzes nicht auf, denn sonst würde sie heute nicht mehr existieren. Es gibt in ihrer Redaktion noch Männer, von denen man nicht annehmen kann, daß sie innerlich kapituliert haben. Die Maßgebenden dagegen sind mit fliegenden Fahnen zu Hitler übergegangen und haben eben dadurch über die an­deren triumphiert.

Ganz plöglich kam das nicht. Das Blatt war schon lange im Rückgrat weich, lange, bevor Hitler kam. Etwa 1929/30 begann der Einfluß der Farbenindustrie. Er mag sich nicht in direkten Forderungen geäußert haben, aber die bisher führenden Redakteure flogen nur so hinaus; ein anderer Teil ging freiwillig, noch andere verloren ihren Einfluß. Das war selbstverständlich keine Konzession an den National­sozialismus, der damals nur als Gegner in Betracht kam

und scharf bekämpft wurde. Aber es war überhaupt eine

Konzession, und das war das Schlimme. Eine Konzession an den sogenannten Zeitgeist, der, in noch gepflegter Hülle, be. reits der faschistische war. Das kam gerade zu dem krampf­haften Bekenntnis zum Liberalismus zum Ausdruck. Denn dieser Liberalismus bedeutet in der heutigen Zeit nichts an­deres als Reaktion. Und die Leser verstanden ihn richtig. Bereitschaft zu jeder Unterwerfung in Politischen , wenn das der sogenannten, Wirtschaft" diente. Es ist keine Entschul­digung und keine Ehre für die Propheten dieses Liberalis. mus, wenn sie diese Folge ihrer Politik anfangs kaum er. kannten.

Zum tatsächlichen Leiter des Blattes wurde 1930 der Berliner Korrespondent Dr. Rudolf Kircher, der die Zeitung bisher in London vertreten hatte. Kircher drückte praktisch Simon immer mehr an die Wand; unter dem Schriftleiter. geset des dritten Reiches" wurde er auch offiziell der Chef­redakteur. Er gab in den letzten Monaten dem Blatt jene üble Note, die es praktisch zum Betrüger an harmlosen Lesern werden ließ. Während zwischen den Zeilen immer noch eine gelegentliche Kritik versucht wurde, forderte Kircher die Leser auf, sich zum dritten Reich" zu be­kennen.

Eine noch dunklere Figur war der Pariser Korrespondent Sieburg . Er ist persönlich seit langem mit Göring befreundet, wohl noch aus der Zeit her, als sie gemeinsam in Kopen­ hagen lebten. Sieburg ist offen als Werber für das ,, dritte Reich" aufgetreten; er hat damit weder in Paris noch in Warschau das Ansehen seines Blattes gemehrt.

Wenn Heinrich Simon jetzt ausscheidet, so trifft das Schick.. sal keinen Unschuldigen. Gewiß, wenn er die Tradition des Blattes bereits in früheren Jahren entschiedener verteidigt hätte, so hätte er damit gewiß das ,, dritte Reich" nicht ver­hindert. Aber in seiner politischen Unentschiedenheit drückt sich die Ziellosigkeit einer ganzen Generation bürgerlicher Politik aus, die letzten Endes an allem schuld ist. Simon hat auf seine Art bis zulegt geglaubt, die sogenannte Unab­

In den sozialistischen Grundlagen mögen breite Hin Den Zeitungen der deutschen Front" ist bei dem Ge- dernisse zwischen den beiden Arbeiterparteien bestehen hängigkeit der Frankfurter Zeitung " bewahren zu können. und viele mögen sie für unverföhnlich halten. Um diese Entscheidung geht es im Saarkampfe nicht. In dem

Sie ist zum Schluß sogar unabhängig von ihrer Tradition und ihren demokratischen Idealen geworden und darum

banken an Garantien nicht ganz wohl zumute. Das Ab­und seine spezielle Aufgabe, Diskriminierungen" zu be- Willen, die faschistische Front zu schlagen, ist volle Einig liegt sie heute mit Recht neben 3000 anderen Blättern im stimmungsobergericht über den Abstimmungstag hinaus ftrafen, macht den Terroristen einige Enroe Sie wissen nicht genau, melche Möglichkeit diese Garantie und ähn

Fortsetzung stehe 2. Seite

Massengrab der deutschen Pressegesetzgebung.

' Argus