" Deutsche Freiheit" Nr. 125

Das bunte Blatt

Die Frau als Schicksal

Gräfin Hanska, die Tyrannin Balzacs

Eine Reisebefanntschaft war es gewesen, ein leichtes, hei­teres Abenteuer, das nach ein paar Tagen, nach der Abreise, sein Ende finden sollte. Es wurde eine unlösbare, siebzehn jährige Bindung, die abenteuerlichste der in Liebesverwir tungen so erfindungsreichen französischen Romantif.

Herr von Balzac , oder Marquis Honoré Balzac d'En­tragues, wie er sich der Hanska zuliebe nannte, lief einem Traumbild nach, das ihm entglitt, ein Leben lang immer wieder entglitt. Keuchend, ein Sterbender, glaubte er es endlich zu fassen, blind dafür, daß seine Göttin alt und nicht mehr schön war, daß sie ihn nie für voll genommen und in seinen größten Nöten immer im Stiche gelassen hatte. Als er mutterseelenallein starb, schlief die geliebte Frau zwar unter demselben Dach, doch fern von ihm; sie hatte seinen Todeskampf ebensowenig ernst genommen wie sein Leben. Das war die Ursache seiner jahrelangen Qual und unerfüll­ten Sehnsucht, aber es war wohl auch die Ursache seiner hündisch ergebenen Liebe...

All das begann wie ein leichtes, heiteres Abenteuer. Es war im September 1833, an einem sonnigen Vormittag. Balzac sah aus seinem Hotelfenster in Neuchatel dem Trei­ben im Hofe zu. Seit Jahren war es die erste Vergnügungs­reise, die er sich gestattet hatte, vergraben in seine ungeheure Arbeit, stöhnend unter den ungeheuren Geldsorgen, die ihm fein Traum, reich zu werden, aufbürdete. Diese paar Tage in der Schweiz waren so leicht und glücklich gewesen, daß der Vierunddreißigjährige, der sich schon alt und müde fühlte, wieder an seinen Stern zu glauben beginnt.

Ein gegenüberliegendes Fenster öffnet sich, im Rahmen erscheint eine junge Frau. Sie blickt wie er in den Hof, dann treffen sich ihre Blicke. Balzac hält den Atem an. In diesem Augenblick weiß er: mein Traum ist Leben geworden, das ist sie, nach der ich mich gesehnt habe, das ist sie, die Einzige!

Der Dichter hat diesen Augenblick am Hoffenster des Neuchateler Hotels hundertmal beschrieben; noch nach zwölf Jahren konnte er sich jeder Einzelheit dieser ersten Be­gegnung erinnern. Als er diesen Morgen Freunden schil­derte, vermochte er vor Rührung nicht weiterzusprechen. Balzacs großes Glück, großes Leid beginnt mit diesem Tag. Rasch setzt sich das Schicksal in Bewegung; er stürmt die Treppe hinunter, um sich nach der jungen Frau zu erfundigen; es gelingt ihm, ihr und ihrem Mann vorgestellt zu werden. Dieser Anfang fiel nicht schwer; Balzac ist ein Dichter, dessen Ruf schon über die Grenzen Frankreichs dringt. Sie, die Einzige, ist verheiratet, mit einem schlanken, vornehmen, polnischen Grafen, neben dem der untersetzte Balzac mit der Löwenmähne nicht eben vorteilhaft wirkt. Trotzdem fühlt sich Eva Gräfin Hanska geschmeichelt, daß der Romantiker Balzac , dessen Bücher sie mit Begeisterung gelesen hat, feinen Augenblick versäumt, sich ihr als Sklave zu nahen. Denn sogleich war seine Rolle ihr gegenüber bestimmt: aus Honoré de Balzac wurde der Muschik Honoresky, der von der Gunst seiner Herrin beglückte oder ihre Launen demütig ertragende Sklave wenn es ihr nicht gerade gefällt, ihn den Hofnarren spielen zu lassen.

Trotzdem sind die Tage in Neuchatel von Glück und Heiterfeit erfüllt. Herr von Hanska glaubt, seiner Frau vertrauen zu dürfen. Balzac ist viel allein mit ihr, es bereitet ihr Vergnügen, in seinen braunen, großen Augen das Wachsen seiner Leidenschaft zu lesen. Auch ist sie geistig zu empfänglich, um sich dieser himmelstürmenden Beredsam feit entziehen zu fönnen. Er aber unterliegt hemmungslos dem Zauber dieser Frau, die schön, flug und dazu eine Nichte der Königin von Polen ist... Adel hat ihn immer fasziniert, ihm sein Selbstbewußtsein geraubt. Der Adel der

als er sie füssen wollte, mit einer von Efel spizen Stimme ihm zurief: Lassen Sie mich! Ich will nicht! Mir graut vor Ihnen!"? Nein, Aehnliches fommt nicht vor. Aber er leidet, wiewohl er an ihre Liebe glaubt. Er fehrt nach Paris zurück.

Zwei Jahre werden vergehen ohne sie, grauenhafte Jahre! Was weiß diese im Reichtum lebende Frau von dem ge­hezten Dasein ihres von Schulden erdrückten Anbeters! Was weiß sie, wie ihn der Tod seiner Freundin Laura de Berny traf, die jahrelang für ihn gesorgt, mit unendlicher Liebe an ihm gehangen hatte. Frau von Hanska schreibt Briefe, zuweilen zärtliche, zuweilen unfreundliche. So weit ist seine Welt ihr fern, daß sie ihn sogar mit Zweifeln an seinem Talent und was dieses Dichtergenie noch weniger erträgt an seiner geschäftlichen Tüchtigkeit verlegen kann. Er aber liebt sie grenzenlos, allein in seiner Mansarde in der Rue Batailles, er duldet in stummer Qual ihre bösen Launen. Er schreibt: Ich habe mich an Ihre letzten Worte wie an einen kleinen Zweig geflammert, wie einer, der vom Strom fortgetrieben wird. Ich bin niedergeschlagen, aber ich liege nicht auf dem Boden, ich habe immer noch Mut. Dieses Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit ist ärger als alles, was mir sonst geschehen könnte. In mir ist kein Rest von Egoismus. Ich muß alle meine Gedanken, alle meine Ge­fühle an ein Wesen außer mir verschenken. Hätte ich das nicht, wäre ich kraftlos."

Das Jahr 1841. Eine Wendung ist eingetreten, an die er nie auch nur zu denken gewagt hat. Graf Hanska ist ge­storben. Sie ist frei! Er schreibt ihr einen Kondolenzbrief, der wie ein Jubelschrei klingt. Jezt wird er sie heiraten, sein Traum wird in Erfüllung gehen.

Sie läßt ihn für zwei Monate nach Petersburg kommen. Er hat eingesehen, daß die Rolle des glühenden Liebhabers nicht mehr für ihn paßt. Er ist auch für den kleinen Platz dankbar, den sie ihm einräumt. Niemand fragt danach, wie er sich das Geld zu diesen Reisen verschafft, niemand füm­mert sich darum, daß bei seiner Rückkehr achtzehnstündige Arbeit ihn erwartet, die seine erschütterte Gesundheit vollends zerstört.

In dieser Zeit ist alles frant an ihm. Sein Herz versagt. Er leidet an Asthma, hat geschwollene Füße. Aber jeder seiner Gedanken, der nicht seiner Arbeit gilt, gilt ihr. Er wohnt im Arbeiterviertel, mit schreienden Kindern im Hof, unter sich eine Waschküche, deren Dämpfe ihm die Atemluft rauben.

Die Angst, er könne sie verlieren, die ihm niemals gehört hat, wird zu einer siren Idee, zu einem Alptraum. Wie rührend klingt es in seiner Kindlichkeit, wenn er sie be­schwört: Glaube mir, ich bin ein größerer Finanzmann als Rothschild!"

Jahre vergehen, Jahre ungeheuerster Arbeit. Die Mensch­liche Komödie" entsteht und wird in tausend durchwachten Nächten bei literweis getrunkenem schwarzem Kaffee voll­endet. Sein Ruhm wächst von Tag zu Tag, seine Krankheit verschlimmert sich, seine Sehnsucht, endlich mit dieser Frau, die als grande Dame in der Welt herumreist, vereint zu sein, versteigt sich zu fantastischen Plänen.

Wenn sie auch nicht die Seine wird, ihn jahrelang hinhält, sie gibt ihn dennoch nicht frei. Sie hält ihn an ihrer Kette, zieht sie kurz, holt ihn sich, wenn sie die Empfindung hat, daß ihre Grausamkeit zu weit gegangen ist. Er darf zu ihr nach Dresden kommen, in ihrer, ihrer Tochter und ihres

Hanstis spielt in Balzacs Leben eine große und tragische Eine 5000 Jahre alte Stadt

Rolle.

Aber noch verdüstert kein Schatten den Glanz dieser Tage, Balzac schwelgt im Glück seiner Liebe, und wird sie auch nicht im gleichen Maße erwidert, so erfährt er es doch zunächst nicht. Die Gräfin ist gut zu ihm, und kein Mensch fonnte dankbarer sein als er.

Der Tag der Abreise kommt. Balzac ist äußerlich ganz ruhig. Er wird nach Vierzschovnia eingeladen, nach dem ungeheuer großen Gut der Hanska, der Graf erlaubt ihm sogar, mit seiner Frau in Korrespondenz zu treten. Dann fährt ihre Kalesche aus dem Hotelhof. Balzac hält es allein nicht mehr lange in Neuchatel aus. Tag und Nacht durch­fahrend, ist er in vier Tagen in Paris , fällt in sein altes Leben zurück, das sechzehnstündige Arbeit und die Schikanen seiner Gläubiger ausfüllen.

3wei Jahre gehen Briefe hin und her zwischen Paris und Vierzschoonia, Briefe, die an Balzacs Seite immer sehn­suchtsvoller werden. Und eines Tages trifft bei ihm der Brief ein, der die Glücksbotschaft bringt: Frau von Hanska wird nach Wien kommen und dort für einige Wochen Auf­enthalt nehmen.

Was fümmern Balzac die Gläubiger? Als ein großer, vornehmer Herr wird er in Wien auftreten, der der Nichte der Königin von Polen keine Schande machen wird. Eine eigene Rutsche mit einem großen Fantasiewappen daran, Fräcke in allen Farben, für den immer dicker Werdenden Folterinstrumente, ein paar unsinnige Einkäufe bei einem vertrauensseligen Juwelier und der Marqui de Balzac tritt seine Liebestour an.

Der Aufenthalt in Wien gestaltete sich anders, als er ihn

in Perfien entdeckt

Der bekannte schwedische Archäologe Dr. Ture Arne hat in Persien Entdeckungen gemacht, die ein überraschendes Licht auf die Urheimat der Indoeuropäer werfen. Am Fuß des Elbrus - Gebirges im nordöstlichen Teile von Persien un­weit des Kaspischen Sees hat Dr. Arne umfangreiche Aus­grabungen vorgenommen. In einem alten Hügel bei Schah­tepe fand er zahlreiche und höchst interessante Ueberreste einer 5000 Jahre alten Stadt, die infolge einer Naturkata­strophe oder wegen Veränderungen des Klimas um das Jahr 2000 v. Chr. untergegangen ist. Die Bevölkerung dieser alten Stadt gehörte der Kupferzeit an. Die schwedische Expe­dition hat schön gearbeitete Kupfersachen, Statuetten, Dolche, Becher, Lampen usw. aus Kupfer gefunden. Die Hauptmane der Funde besteht aber aus kunstvoll mit bunten Farben be­malten Töpfereisachen. Dr. Arne hat auch 40 Sfelette nach Schweden gebracht. An der Schädelform läßt sich feststellen, daß die Bewohner dieser Siedlung zu der arischen Rasse gehörten. Das alte Schah- tepe- Bolk hat bei seinen religiösen Riten Menschenopfer dargebracht. Ueberhaupt werden durch, die vorliegenden Funde und fortgesetzten Ausgrabungen in derselben Gegend eine Reihe wichtiger vorhistorischer Pro­bleme ihre Lösung finden. Dr. Arne ist gegenwärtig damit beschäftigt, in den früheren Baracken der schwedischen schweren Artillerie in Stockholm eine Ausstellung seiner Funde in Persien anzuordnen. Die Artilleriebaracken sollen mit der Zeit in ein großes historisches Museum um­gewandelt werden.

fich erträumt hat. Frau von Hanſka ist um ihren Ruf besorgt. Pfingsten im Zuchthaus

Von einigen wenigen Besuchen in seinem Hotel abgesehen, fieht er fie nur auf Empfängen, die die Fürsten Schwarzen­ berg und Metternich ihm zu Ehren geben. Möglicherweise fühlt sich die Geliebte von seinem Anblick abgestoßen, sie hat sich aus seinen Briefen ein anderes Bild von ihm gemacht. Er ist ungeheuer dick geworden, sein Antlig schwammig.

Soll es ihm noch einmal ergehen wie bei jener grauen­haften Fahrt auf dem Genfer See mit der Marquise de Gastries, als er bis zu der Szene am Wasser glauben durfte, um seiner selbst willen geliebt zu werden, sie aber,

Aus dem Nachlaß von Felix Fechenbach

Sonnig und flar leuchtet der Pfingsttag ins Land. Aber in dem massigen Steinbau mit den eisenvergitterten Fenstern ist keiner, der des sonnig- flaren Tages froh wird.-

Zelle an Zelle liegt hinter den Eisengittern. Jede Zelle birgt einen Menschen in graubrauner Zuchthaustracht, der dort seine öden Tage und schlaflosen Nächte zubringt. Die fahlgeschorenen Schädel, die glattrasierten Gesichter und die hohl ins Leere schauenden Augen geben allen Bewohnern des großen vergitterten Hauses irgendwie ein gleiches Aus­

Sonntag Montag, 3./4. Juni 1984.

Schwiegersohnes Gesellschaft nach Italien reisen

aber

hinter der großen Freude, sie wiederzusehen, mit ihr bei­sammen zu sein, steht jedesmal der Abschied und die Angst vor den vielen Monaten, die er auf ein neues Wiedersehen wird warten müssen.

" Du bist alles, was ich habe, verlaß mich nicht! Niemals! Du hast mich aller Welt entfremdet..., ich habe niemand mehr!"

Er sucht und findet ein kleines Palais. Es liegt in der Rue Fortuné. Wie er sich über diesen beziehungsvollen Namen freut! Frau von Hanifa ist nach Polen zurückgereift, hat ihm erlaubt, ihr zu folgen. Aber vorerst gilt seine ganze Sorge, das Haus für Eva mit allen erreichbaren Mitteln instand zu setzen. Es wird ein kleines Museum daraus. Jedes Stück ist eine Kostbarkeit, bringt ihn dem Ruin näher. Aber der Gedanke, daß sie das Nest, das er ihr einrichtet, schön finden wird, ist Glück. Und als dies zu ihrem Empfang bereit ist, fährt er voll Hoffnung, sie bald heimführen zu fönnen, zum erstenmal nach dem sagenhaften Vierzschovnia. Er findet seine Erwartungen weit übertroffen: Dieser Herrschaftssiz ist ein Märchenland. Muschif Honoresfy tommt aus dem Staunen nicht heraus. Angst befällt ihn, diese Königin in sein kleines, armes Palais zu führen. Diesmal wird er verwöhnt, aber von Heiraten ist nicht die Rede. Schon befürchtet er, daß es wieder einen Abschied geben wird...

Das Revolutionsjahr zwingt ihn grausam zur Heimkehr. Sein kleines Vermögen ist in äußerster Gefahr. In Paris erledigt er nun das Nötigste, er hält es ohne Eva Hansfa nicht aus. Seine Krankheit schreitet rapid fort, sein Gedächt­nis verläßt ihn. Seit einem Jahre hat er nichts mehr ge­schrieben. Er weiß, seine Abwesenheit von Paris bedeutet seinen Ruin, aber der Gedanke, allein sterben zu müssen, ist stärker als alle Bedenken. Er fährt nach Polen zurück.

In Vierzschovnia wirft ihn der eisige Winter aufs Krankenlager. Grauenhaft, was er leidet. Herz, Lunge, Magen, alles im Versagen. Der verfettete Mann magert zum Stelett ab.

Eines Nachmittags im Jahre 1850 fizt im halbdunklen Zimmer die Gräfin Hansfa an Balzacs Lager. Nachdem Balzac lange schweigend vor sich hingestarrt hat, fragt sie ihn, ob er leidet. Da kann er nicht mehr an sich halten. Es kommt zu einem Ausbruch der Verzweiflung, zu einem Bekenntnis der grenzenlosen Schmerzen, die sie ihm be­reitet hat, daß diese fühle, von dem Schicksal des Genies an ihrer Seite bisher so wenig berührte Frau tief erschüttert sich ihm als Gattin anbietet.

Am 14. März 1850 werden sie in der kleinen Kirche des polnischen Städtchens Berdiczem getraut.

Fünf Monate vor seinem Tod geht ein Traum, der sieb­zehn Jahre gewährt hat, in Erfüllung.

Sie reisen gemeinsam nach Paris . Ein schauerliches Er­lebnis erwartet sie hier: Sie kommen vor das Palais in der Rue Fortuné. Alles ist beleuchtet, aber niemand antwortete auf ihr Läuten... Das Haustor muß aufgebrochen werden. Durch die blumengeschmückten Räume raft Balzacs Diener schreiend, Verwüstung anrichtend: er ist wahnsinnig gewor den. Das ist der Empfang, den das Haus in der glückhaften Straße" Balzac und seiner Göttin bereitet.

Es folgen zwei Monate verzweifelten Ringens mit dem Tod. Am 18, August stirbt Balzac . Die Erfüllung seines Lebenstraumes, die Ehe mit Frau von Hanska, hat ihn nicht gerettet, hat ihn nicht einmal davor bewahrt, allein zu sterben. Sie war im Augenblick seines Todes nicht bei ihm. Das kleine Museum in der Rue Fortuné, mit so viel Liebe und mit blutig erarbeitetem Geld für die Liebste, die Ein­zige, erfauft, wurde von seiner Witwe verschleudert.

So groß sein Werk, so grauenhaft sein Schicksal. Dieses Schicksal: es hieß Frau von Hanska.

sehen. Je sonniger der Tag, je klarer blau das Stückchen Himmel durch die kleinen Gitterfenster schaut, um so bitterer empfinden die in den Zellen ihr Schicksal.

Pfingstfest feiern die Menschen jenseits der Gitter. Aber der heilige Geist, von dem sie so viel reden und schreiben, ist nie über sie gekommen, sie hätten sonst nicht falte, graue Häuser mit vergitterten Fenstern gebaut, ihresgleichen hineinzusperren und zu peinigen mit finn- und geistlosen Vorschriften.

Ich size an meinem Tisch, vor mir ein aufgeschlagenes Buch: Goethes Reinete Fuchs. Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen...." Ferner Gesang dringt durch das offene Fenster. Ich horche auf. Klänge einer Klampfe, bekannte Töne schwingen durch die laue Luft: Bin ein fahrender Gesell, kenne feine Sorgen...."

Immer näher kommt der Sang, entfernt sich dann in gleichem Rhythmus. Junge Burschen auf Fahrt waren vorübergezogen. Jungfroh und sorglos wandern und fingen sie durch den Frühlingstag. Ob sie wissen, wieviel Sehn­sucht aus den Gitterfenstern ihnen nachfliegt?

Meine Gedanken folgen ihnen. Im Geiste gehe ich all die frohen Pfingsttage durch, da ich selbst den Rucksack um­geschnallt und sonnige Pfingsttage durchwandert. Melodien froher Wanderlieder schwirren mir durch den Kopf, und dann sehe ich wieder die Gitterstäbe und dahinter das bißchen Blau des sonnigen Himmels. Und ich renne in meiner Zelle ruhlos hin und her, her und hin.... Jetzt wandern zu können, das ist im Augenblick der einzige Gedanke, der mich erfüllt. Wo, das ist gleich. Die ödeste Gegend wär ein Paradies gegen die fahle Zelle. Und schön ist die Welt überall, wo feine vergitterten Fenster sind.

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Dieses sinnlose Eingesperrtsein! Und warum, warum? Weil die Haßbesessenen stärker und mächtiger sind, als die andern, die versäumt haben, in den Tagen des Aufbruchs den Pfingstgeist neuer Zeit Tat werden zu lassen.

Ihr alle, die Ihr Euch Eurer Freiheit freut, denkt daran! Hinter Gittern hocken noch viele, viele hohläugige Gestalten in graubraunen Kitteln und sinnen über den Pfingstgeist, der nicht für sie über die Welt kam. Der sonnige Tag quält sie mit Erinnerungen an Tage, da auch sie noch frei und unbehindert durch frühlingsgeschmücktes Land schreiten fonnten. Wann wird ihnen Pfingsten wieder ein Festtag werden....?