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Pentjake

Nr. 141 2. Jahrgang

Frethei

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

200

Saarbrücken, Freitag, 22. Juni 1934

Chefredakteur: M. Braun

Kalter Militärputsch?

Zu der latenten Krise in der Reichshauptstadt

Nervosität in Berlin

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Berlin , 21. Juni. Der plögliche Rücktritt des Botschaf ters Nadolny in Moskau wird mit dem Vorstoß von Papens in Marburg in Verbindung gebracht. Beide sind persönliche

Freunde des Reichspräsidenten und Vertrauensleute des Kreises um Oskar von Hindenburg mit zahlreichen hohen Militärs. Die Nervosität wird noch gefteigert durch die Rüd: tehr des früheren Reichskanzlers und jezigen deutschen Bots schafters Dr. Luther aus Nordamerika . Es finden täglich Kabinettsizungen statt, die sich mit der bedrohlichen innen­und außenpolitischen Lage beschäftigen. In unterrichteten Kreisen wird mit aller Bestimmtheit behauptet, daß Mussos lini in den Unterredungen unter vier Augen dringend ge= raten habe, den Kurs nach der konservativen Seite hi- überzulenten und sich von radi: falen Mitarbeitern zu trennen. Starfen Eins druck macht die Rücktrittsdrohung Dr. Luthers und seine Schilderung der Wirkungen in Nordamerika , wenn die Zus stände im Innern Deutschlands sich nicht schleunigft ändern und eine Außenpolitik getrieben wird, die Deutschlands Iso­lierung durchbricht.

Hitler in Neudeck

Berlin, 21. Juni. Reichsfanzler Adolf Hitler hat sich nach Neuded begeben, um dem Reichspräsidenten über die Zusammenfunft in Venedig zu berichten.

Möglichkeiten

Aus Berlin wird uns von besonderer Seite ge­schrieben:

Dem, was die Deutsche Freiheit" in den letzten Wochen über die Zunahme der Mißstimmung in Deutschland ge= schrieben hat, ist auch von hier aus kaum etwas hinzu­zufügen. Man fann nur immer wieder betonen, daß die Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen selbst Men­schen ergriffen hat, die noch vor ganz kurzer Zeit als über­zeugte Anhänger des Hitlersystems galten und in deren Gegenwart sich Kritik kaum hervorwagen durfte.

Der Feldzug gegen die Miesmacher bleibt ohne Erfolg. Höchftens die Mitglieder der Hitlerjugend und die jün geren SA.- Leute lassen sich von den anfeuernden Reden der Beauftragten des Propagandaministeriums begeis ftern. Die älteren Leute bleiben, soweit sie nicht zum Besuch der Versammlungen gezwungen werden, den Vers anstaltungen überhaupt fern.

Die fatastrophale Finanzlage, die ausweglofe Situation der auswärtigen Politif, die Unfähigkeit der nationalsoziali stischen Bonzen", die enttäuschten Hoffnungen des städtischen und ländlichen Mittelstandes das sind so die Haupt­themen der Erörterungen, die heute nicht mehr wie vordem nur unter vertrauten Freunden und hinter sorgfältig ver­schloffenen Türen geführt werden, sondern in die man sich auch mit fernerstehenden Personen einläßt, und die Ge­spräche enden regelmäßig in dem Refrain, daß es so nicht bleiben könne, und daß innerhalb fur­zer Frist eine Wendung eintreten müsse.

Aber wie und woher soll diese Wendung kommen? Die mißvergnügten Bürger wissen, daß fie aus eigener Kraft das Regime nicht stürzen können und so setzen sie in wachsendem Maße ihre Erwartung auf die Reichswehr . Der neue Chef der Heeresleitung, General Fritsch wird als der Mann angesehen, der Ordnung schaffen könne und Ordnung zu schaffen bereit sei. Da er sich von rein mili­tärischen Gesichtspunkten leiten lasse, lehne er es ab, die SA. in den Heeresverband aufzunehmen oder sie auch nur zu begünstigen. Röhm werde möglicherweise aus seinem Ur­laub nicht zurückkehren, und ob die SA. nach ihren Sommer ferien wieder ihre alte Rolle spielen könne, sei mehr als aweifelhaft.

Sicher ist, daß Sifler bei seinem jüngsten Besuch der Flotte von den Generälen und Admirälen sehr gründlich in

len Sorgen und auch von Rücksichten auf die Beziehungen zum Ausland bestimmen lassen. Freilich ist der große Füh­rer, wie man weiß, alles andere eher denn fonsequent. Er unterliegt wechselnden Einflüssen und Eindrücken, im Winde, und so wäre es sehr wohl möglich, daß er mor­schwankt trotz aller Posen der Entschlossenheit wie ein Rohr

er

gen oder übermorgen schon wieder auf der andern Seite stände.

Doch es geht nicht nur um das Schicksal Röhms und der SA . Es wird auch von der Beseitigung Leys und Darrés gesprochen, die notwendig sei, um die Bahn für einen neuen Kurs in der Sozial- und Wirtschaftspolitik frei zu machen.

Nun liegt wahrhaftig keine Veranlassung vor, sich für diese Personen einzusetzen, aber der Kampf gegen sie wird nicht geführt, weil der eine ein größenwahnsinniger Trunkenbold und der andere ein für seinen Posten vollkommen unzu­reichend vorgebildeter Schwäßer ist. Es offenbart sich viel­mehr in dem Verlangen nach der Kaltstellung der beiden die reaktionär- fapitalistische Tendenz des mit dem Gedanken einer Militärdiftatur spielenden Opposition. Das herrschende System ist ihr immer noch zu arbeiterfreundlich, zu soziali­stisch und zu revolutionär. Das industrielle Unternehmertum und der Großgrundbesitz, beide im Bunde mit den monarchi­stischen Elementen, suchen die Unzufriedenheit der Bevölfe­rung in ihrem Interesse auszunuzen.

Und sie fühlen sich schon recht stark und sind sehr fiegesgewiß.

Ein Bekannter, den verwandtschaftliche Beziehungen mit dem pommerschen Junkertum verbinden, erzählte mir neu­lich, daß man dort über das nationalsozialistische Treiben nur noch verächtlich lache, während man sich vor einem Jahre entrüstet habe. Die Herren wittern Morgenluft, und ihre Hoffnungsfreudigkeit wird auch von Herrn v. Papen geteilt, der soeben in der Marburger Universität eine Rede

über den Konservativismus als einen der wesentlichsten

Träger des neuen Staatsgedankens gehalten hat. Er ver­dammte nicht, wie die Linientreuen" die reaktionären Kritikaster, sondern er verteidigte sie und rieb sich an denen, die immer noch von dem sozialistischen Charakter des deut­ schen Aufbruchs fantasieren.

Die Reise geht furz gesagt dahin, eine Art Militärherr: fchaft zu errichten, die mit Hilfe des Belagerungszustands etwaigen Widerstand erstiden soll. Hitler , auf dessen pers sönliches Prestige nicht verzichtet werden kann, würde natürlich auch das Aushängeschild dieser Regierung sein. Von den bekannteren Nationalsozialisten würde außer Goebbels , der sich immer auf der Seite der stärkeren Bataillone befindet, vor allem Göring als der Ver­trauensmann des Adels und der Großbourgeoisie, der sich bezeichnenderweise in der Kampagne gegen die Miesmacher einer großen Zurückhaltung befleißigt, übernommen wer= den. Im übrigen würde man auf die Herrenreiter" seligen Angedenkens zurückgreifen und ihnen eventuell im Hinblick auf die Wirkung im Ausland Herrn Brüning zugesellen, von dem mit Recht oder mit Unrecht angenommen wird, daß er sich einem so ehrenvollen Rufe nicht versagen werde.

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Vielleicht wird die Sache nicht ganz so leicht und einfach sein, wie die Verschwörer es sich vorstellen, aber sie rechnen, wie gesagt, mit jener Stimmung auch in dem nicht unbe­dingt rechtsgerichteten Bürgertum, die jede Aenderung der bestehenden Zustände als Erleichterung begrüßen würde. Daß die Arbeiterklasse von dieser Art der Herrschaftsvers lagerung nichts zu erwarten haben würde, liegt auf der Hand. Sie fann sich in dem entbrennenden Streit einfts

weilen nur neutral verhalten und ihre unterirdische Ar

beit verstärkt fortfezen.

Aber sie ist sich bewußt, daß Deutschland eine großfapitali­stisch- großagrarische Reaktion nicht lange ertragen würde,

und unter diesem Gesichtspunkt wäre auch von ihr ausge= sehen ein Bruch mit der bisher innegehaltenen Linie fein Fortschritt. Jeder Konflikt in den Reihen derer, die dem Hafenfreuzbanner folgen, muß in seinen Auswirkungen fommen. Nur darf das Proletariat sich denen nicht zur

Bearbeitung genommen wurde, und mancherlei Umstände schließlich der Demokratie und dem Sozialismus zugute täre, die übrigens bei ihren Voriten denen die braune Verfügung stellen, die das Rad der Geschichte nach rückwärts Urmee von denen unterſtüßt werden, die sich von finanziel- drehen wollen. While a 20 m

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Aus dem Inhalt

SPD. - Führer( 11 vor dem Reichsgericht

Stimmungsumschwung

Seite 2.

Katastrophe

an der Saar

Seite 3

der deutschen Handelsbilanz

Seite 4

Englischee Brief

Seite 7

Gestern und fieute

Das Ausland hat es schon manchmal besser gewußt. Manch­mal hat es sich auch geirrt. Im Mai 1933 war die überwie­gende Meinung in der Welt, daß Hitler sich nicht lange hal­ten werde. Das war damals ein Irrtum, der im Laufe des Sommers erkannt wurde. Dann schlug die Stimmung ins Gegenteil um, und man glaubte, Hitler werde bleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das war auch ein Irrtum. Heute hat man sich ungefähr dahin geeinigt, daß der Nationalsozialis­ mus ein ungewöhnliches Phänomen und wie alle Phänomen sterblich ist.

Vom Drang des Irdischen wird dieser Körper zur Zeit heftig geschüttelt. Die Erschütterungen sind so stark, daß viele Beurteiler ihm keine lange Dauer mehr versprechen. Der Antifaschist erinnert sich mit grimmiger Genugtuung an die Todesjahre der Republik , damals wollten viele von uns nicht so recht sehen, was los war. Ausländische Beur­teiler waren in ihrer Herzenskälte weitsichtiger. Sie sahen das Verhängnis kommen und setzten auf Hitler als den kommenden Mann. Keine Parade der Eisernen Front, kein Loyalitätsbekenntnis eines Reichswehrministers, kein Ver­fassungseid höchster Personen konnte sie daran irre machen. Und heute wird keine Parade in Dresden , kein Besuch in Venedig , kein Parteitag in Gera mehr jemanden über das Ver­hängnis irre machen, das der Nationalsozialismus in sich trägt. Der Zerrspiegel der Propagande biegt für niemanden mehr das Krumme grade. Der Rundfunk, zur Verbreitung von Lügen sehr geeignet, reicht zur Unterdrückung von Wahrheiten nicht aus. Mag die Rede des Herrn von Papen nicht gesendet werden; mögen selbst Zeitungen, die sie enthielten, unter­drückt werden sie ist doch gehört worden. Sie wird ge­wiß nicht so verstanden, daß sie nun volle Wahrheiten ent­hielte; aber sie kratzt aus der dicken, über Deutschland ge­legten Schimmelschicht der Lüge wenigstens einen breiten Fleck heraus.

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Herr von Papen hat spät gesprochen. Es gab Zeiten, zu denen es nützlicher gewesen wäre. Nach dem Reichstagsbrand hätte er ans Mikrophon treten sollen. Damals gabs was zu sagen. Vieleicht bedauert er heute schon, daß er es nicht tat. Damals durfte er noch anklagen; heute redet er nur wie einer, der sich retten will.

Viele Leute kommen sich sehr klug vor, wenn sie zu den deutschen Vorgängen die weise Anmerkung machen: Da­von stürzt Hitler noch lange nicht." Oft werden es dieselben sein, die ein Jahr lang beständig für den nächsten Tag seinen Sturz vorausgesagt haben. Weil damals ihre kindlichen Hoff­nungen Torheit waren, ist heute ihre kaltschnäuzige Ent­täuschung noch nicht Weisheit. Es kommt gegenwärtig nicht auf den Sturz von irgend etwas an, sondern die Erschüt­terung der reaktionären Autorität.

Das Regime schwankt und schüttert, weil es in hartem Prall auf die Macht der Tatsachen gestoßen ist. Gestürzt wird es erst von der Macht einer stärkeren Idee. Daran können irgendwelche Umbildungen, die vielleicht kommen, nichts ändern. Sie werden die Erschütterung nicht wieder in Stabilität, aber auch noch nicht in Sturz verwandeln. Der Glaube an den Sturz an sich wäre ebenso verhängnis­voll wie einst der alleinseligmachende Glaube an die alles besorgende soziale Entwicklung. Nichts geschieht von selbst, alles muß getan werden.

Die Idee, die Hitler stürzen wird, ist die Idee der Frei­heit. Noch ist sie für die meisten mehr Gefühl als Gestalt; noch ist der Gedanke der Freiheit in seiner ungeheuren Konsequenz, in seiner alles ergreifenden revolutionären Ge­staltungskraft, in seiner Allgegenwart von wenigen recht begriffen. Aber das kommt bestimmt. Ans Ziel gelangt, wer ihm zustrebt, solange es noch fern ist. Die Schlacht gewinnt, wer sie vorbereitet, bevor noch der Krieg ausbricht. Zum Träger der Idee wird, wer sich schon zu ihr bekennt, wenn sie vielen noch als lächerlich gilt. Argus.

Bayerische Staatszeitung " zu Ende

München , 21. Juni. Die Bayerische Staatszeitung " veröffentlicht auf der Titelseite des Blattes am Mittwoch folgende Mitteilung:

Die bayerische Staatsregierung hat durch Verordnung vom 12. Juni 1984 mit Wirkung vom 1. Juni 1984 den Völkischen Beobachter" zum Veröffentlichungsorgan der bayerischen Staatsministerien bestimmt. Durch diese Verfügung erweist fich das Weitererscheinen der Bayerischen Staatszeitung" als unmöglich. Wir sehen uns daher gezwungen, das Er scheinen der Bayerischen Staatszeitung" und" Bayerischen Staatsanzeigers" vom 1. Juli 1934 an einzustellen,