Portfar

20130

Freihei

Nr. 142 2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Samstag, 23. Juni 1934

Chefredakteur: M. Braun

9160

Aus dem Inhalt

Gestapospitzel in der SA.

Seite 2

Die Hinrichtungen in Köln

Seite 7

Wirtschaftskrieg mit England

Seite 8

Hindenburg soll entscheiden Gestern und freute

Hitler und Papen in Neudeck

Berlin, 22. Juni. Die schwere Krise im Reichskabinett und die Demissionsdrohung des Vizekanzlers von Papen be: stehen fort, da die mehrstündige Besprechung zwischen Hitler , Papen und Goebbels keine Einigung herbeigeführt hat. Der Reichskanzler versucht zwischen Papen und Goebbels auf der Linie zu vermitteln, daß er erklärt, man könne der Kritik Papens eine gewisse Berechtigung nicht absprechen, aber es sei unrichtig gewesen, daß der Vizekanzler in einer Form öffentlich das Wort genommen habe, die als Affront gegen den Reichspropagandaminister und als Verurteilung der Aktionen aus der Hitlerjugend hätte aufgefaßt werden müssen. Papen trug eine ganze Reihe von Beschwerden aus dem Lande vor, so auch die Behandlung studentischer Korpo: rationen durch die Hitlerjugend und die sich immer wieder:

holenden Ausschreitungen gegen katholische Kleriker und

Laien, Er gab seiner tiefen Enttäuschung über die von ihm nicht vorgesehene Entwicklung zu bolschewistischen" Metho: den Ausdruck und sagte rund heraus, daß er die Verant: wortung nicht mehr länger tragen tönne, wenn nicht der tonservative Charakter der nationalen Erhebung mehr in den Vordergrund dringe.

Inzwischen ist nicht nur der Reichskanzler nach Neudeck zum Reichspräsidenten abgereift, sondern auch der Vize­fanzler hat sich entschlossen, die Reise nach Neuded anzutreten. Vorher hatte der Vizekanzler ein langes Ferngespräch mit dem Reichspräsidenten , das die großen Schwierigkeiten zwi schen ihm und den nationalsozialistischen Parteimitgliedern des Reichskabinetts unterstrich. Er soll n. a. verlangt haben, daß die Veröffentlichung seiner Rede freigegeben wird, da sie als Broschüre erscheinen soll. Dagegen leistet der Reichs: propagandaminister großen Widerstand, da er in der Ver:

breitung dieser Rede ein Durchbrechen seines ganzen bis: herigen Systems erblickt. Die Entscheidung soll nun der Reichspräsident von Hindenburg treffen. Der Kreis um den Vizekanzler von Papen Hofft nach bewährten Er­fahrungen, daß der Schrecken des Agrarbolschewismus", den seine Gutsnachbarn und Freunde ihm wieder recht deutlich nahegebracht haben, auch diesmal seine Wirkung nicht ver: fehlen wird. Es ist natürlich nicht mit einer raschen drama­tischen Entwicklung zu rechnen. Man wird versuchen, die Oeffentlichkeit möglichst lange über die Tiefe des Nisses zu täuschen, aber troß des Schweigens der deutschen Presse ist die schwere Kris im Reichsfabinett dem Volf nicht zu ver= bergen,

Im übrigen bestätigt sich, daß Hindenburg den Text der Papen- Rede mehrere Tage vor der Marburger Veranstal= tung bereits kannte und die Haltung des Vizekanzlers ge= billigt hat.

,, Die Schlacht im Rheinland verloren"

Frankfurt , 22. Juni. ( Inpreß.) Der Verfasser der Box­heimer Dokumente, Dr. Best, der im Vorjahr vom Reichs­statthalter Sprenger als Polizeipräsident abgesetzt wurde, be= tätigt sich jetzt in der Ueberwachungsstelle des SS. - Reichs­führers und Chefs der Geheimen Staatspolizei Himmler . In einer Dienstbesprechung über den Kampf der Reichs­regierung gegen das Zentrum erklärte er, die Schlacht gegen das Zentrum im Rheinland sei verloren. Kirchenbesuch und Teilnahme an Prozessionen sei dreimal so start als vor der Machtübernahme. Das sei darauf zurückzuführen, daß oppo­sitionelle clemente sich den kirchlichen Veranstaltungen an­schlössen.

Goebbels droht

,, Kein Kronprinz, kein Kommerzienrat, kein Großbankier, kein Parlamentshäuptling"

Berlin , 22. Juni. Während in Neuded Reichspräsident, Reichskanzler und Vizekanzler sich bemühen, einen Ausgleich zu finden, hat Dr. Goebbels auf der Berliner Sonnwend­feier die Herrenklub- Leute von neuem demagogisch abge­fanzelt. Ohne Papens Namen zu nennen, hat er ihn und Papens Freunde heruntergepußt wie in den schönsten Zei­ten nationalsozialistischer Agitation:

Ein sehr kluger Mann hat uns vor Jahren einmal in einem längeren Gespräch gesagt, es müßte ein Buch über das Privat­leben des deutschen Menschen geschrieben werden, und ein Kapitel durin müßte heißen: ,, Zur Psychologie des Stecken­pferdes am Feierabend". Er dachte an die Schrebergärtner, die Kaninchenhalter, die Taubenzüchter, die Briefmarken­sammler, kurz, an die Erforschung jener Seelenlandschaft, in die sich der Deutsche flüchtet, auf der Jagd nach dem Eigen­glück, wo ihn kein Wachtmeister und kein Werkmeister kom­mandiert; wo er der unangefochtene Besitzer jenes Freiheits­rauschs ist, den ihm sonst das Leben versagt.

Aber soeben gibt die Deutsche Arbeitsfront " die Parole aus, daß sich ein Privatleben mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht länger verträgt. Im ,, Informations­dienst der Arbeitsfront liest man, daß die Auffassung des Feierabends als Privatangelegenheit einem, rein liberalisti­schen Denken" entspreche. Sie gehe aus von einem falschen, weil übersteigerten Freiheits- und Eigenmächtigkeitsbegriff des Einzelnen. Der nationalsozialistische Staat könne sich nicht damit begnügen, in dieser wichtigen Frage eine libera­listische Nachtwächterrolle zu spielen. Der Feierabend sei eben keine Privatsache, sondern eine Angelegenheit der All­

gemeinheit. Die Folge des übersteigerten Individualismus der Vergangenheit( also der Auffassung des Feierabends als Privatsache) seien wirtschaftlicher und sozialer Zusammen­bruch und gesellschaftlicher Verfall unseres Volkes gewesen. Dieser private Feierabend, sei es, daß er auf der Suche nach Kaninchenfutter, sei es, daß er auf dem individuellen Plüschsofa bei Muttern verbracht wurde, ist also als einer der

Schuldigen an den verruchten vierzehn Jahren ermittelt. Nun

ist es damit aus. Im ,, dritten Reich" darf es eine unkontrol­lierte Flucht aus dem dritten Reich" nicht mehr geben. Das war die Aufgabe von Kraft durch Freude ".

Jeden Tag haben wir jetzt in der nationalsozialistischen Presse die überzeugendsten Beweise dafür, mit welchem Er­folge das liberalistische Denken am Feierabend überwunden wird. Auf den Vergnügungen der Belegschaften tanzt die Frau Direktor mit dem Rottenarbeiter Krawutschke. Inzwi schen spendiert drüben am Tisch der Herr Gemahl eine Lage und versüßt die kommende Lohntüte.

Aber es liegt doch ein tiefer Sinn in allem. Der totale Staat verlangt den totalen Menschen. Das Gefühl, daß er nach Arbeitsschluß nicht mehr erfaßt" werden kann, ise für die Diktatoren ein unerträgliches Gefühl. Sie wittern hier die Nester des Widerstandes, die schweifenden Ge­danken, die Konspiration in der Küche, und garnicht mit Unrecht. Darum wollen sie die Menschen immer unter ihrem

Parlamentshäuptling" Brennglas haben. Da die Machthaber das natürlich nicht

schlossenheit verstehen lernen. Diese Menschen werden den Schritt des Jahrhunderts nicht aufhalten fön­nen. Sie werden zurückbleiben und es paßt auf sie das Wort, das für sie geprägt wurde: Sie sind die Reak­tion, der Rückschritt! Wir werden über sie hinweg­schreiten, und die Geschichte wird nicht von ihnen, sondern von uns schreiben.

,, Mit einmal behaupten sie, die Stimmung flaue ab. Wir sind es nun niemals gewohnt gewesen, Politik mit Aus einem deutschen Privatbrief Stimmung zu machen, und wenn das deutsche Volk hente nicht zu jeder Stunde Hurra schreit, so ist das nur ein Beweis dafür, daß es wieder arbeitet und feine Zeit zum Hurraschreien hat.( Lebhafter Beifall). Sie haben uns nicht an der Uebernahme der Macht hindern können, da wollen sie uns nun am Gebrauch der Macht hindern. Das sind, so rief der Minister unter stürmischem Beifall aus, lächer­liche Knirpse, sie bedauern nicht an sich, daß der Arbeiter einen schlechten Lohn bekommt, sondern sie hoffen, durch ewige Heßerei den Arbeiter dem nationalsozialistischen Staat abspenstig zu machen. Gottlob ist die Intelligenz nicht allein bei diesen Herren in den Klubsesseln zu Hause. Das Tolf hat die Zeit, da diese Herren regierten, noch nicht vergessen. Und wenn sie damals zu schwach waren, die Macht zu erobern, wie sollten sie heute stark genug dafür sein? Das Recht zu Macht haben wir uns angeeignet, weil fein anderer da war, der auf dieses Recht Anspruch erhob, kein Kronprinz, fein Kommerzienrat, fein Groß­bankier und fein Parlamentshäuptling. Sie alle haben die Dinge schlittern lassen, wir aber haben uns der Lawine des Berfalls in den Weg gestellt und sie aufgehalten... Diese Kümmerlinge sagen: Ja, Hitler ist gut, aber was find schon die kleinen Parteifunktionäre, die ungebildeten Menschen, denen wir uns unterordnen sollen? Nun, diese fleinen Leute haben Deutschland erobert. Wenn wir uns auf die vornehmen Herren verlassen hätten, wären wir verlassen gewesen.

Wir Deutschen fennen leider unsere wirkliche Lage zu wenig. Wir wissen zwar, daß unsere Notendeckung nur noch 3,7 Prozent beträgt. Uns ist die deutsche Jolie rung innerhalb Europas und die damit verbundene Rüstung bekannt. Wir kennen die Zahl unserer Arbeitslosen nicht, aber wir wissen, daß man diese Zahl nicht aus den deut­ schen Zeitungen erfahren kann, man muß schon unsere Ar­beitsämter besuchen. Die große Unzufriedenheit aller Schich ten unseres Volfes erhalten wir täglich bestätigt. Den schlechten Geschäftsgang in allen Zweigen unserer Wirtschaft fennen wir zur Genüge. Ob aber all diese Dinge zum Bankerott führen, fönnen wir nicht gründlich genug beur­teilen. Denn wir sehen auch täglich, wie sich unsere Herren" machtpolitisch gefestigt haben. Dagegen fennen wir die Kräfte zu wenig, die für eine Ablösung der zur Zeit bestehenden Macht in Frage fommen fönnten.

Ruft sie zur Ordnung, stemmt Euch dagegen, daß sich fedes hergelaufene Subjekt erlauben darf, am Aufbau unseres Volkes herumzunörgeln. Wenn sie dann eine Zeit lang in die Mäuselöcher gekrochen sind, kommen sie daraus als perfefturierte Nationalsozialisten wieder hervor( Hei­terfeit). Dieser Sorte imponiert Kraft, Selbstbewußtsein und Stärke. Das sollen sie haben. Sie haben unsere Groß­mut nicht verstanden, jest sollen sie unsere Ent

Man spricht zum Beispiel von der Möglichkeit einer Mili­tärdiktatur. Es scheint aber, daß unser Militär wenig Lust hat, über die gegenwärtigen Machthaber zu herrschen. Außer­dem werden sehr viele Leute der Privatarmee von Reichs­ wehr und Marie in Kursen bis zu 12 Jahren Dauer aus­gebildet und damit praktisch in Heer und Marine einge­

aliedert. Alle tragen während der Dauer ihrer Ausbildung die offiziellen Uniformen. Unsere Urteils- und Arbeitsmög­lichkeit wird auch sehr stark dadurch beeinflußt, daß wir die Haltung der 2. und auch der 3. Internationale zu menig fennen, nicht nur zu Deutschland , sondern dazu, wie ein So­zialismus oder Marrismus erreicht werden kann, welche Tattif einzuschlagen ist. Sält die 2. Internationale nach dem deutschen Fiasko an der konsequenten Demokratie fest, wie sie unsere SPD. verfolgte? Gibt die 3. ihre starre Dik­tatur auf? Kommen beide bald zur Vernunft indem sie eine

einzige große proletarische Front anstreben und auch vere wirklichen? Wir" nd zu wenig unterrichtet und können uns daher schwer orientieren. Die Stimmung in deutschen prole­tarischen Kreisen spricht dafür, daß der Zeitpunkt für ein Zusammengehen gekommen ist. Wie schon gesagt: wir sind über unsere eigene und über die internationale Lage zu we­nig unterrichtet.

gerne offen sagen, so wird der Diebstahl am Feierabend sorgfältig in weltanschauliche Ideale eingepackt.

C

Die Aehnlichkeit mit Sowjetrußland ist in die Augen springend. Der konsequente Bolschewismus hat die gleiche Usurpierung des Privatlebens zu organisieren versucht, wo­bei die Russen bei ihrem übergroßen Wohnungselend oft nur aus der Not eine Tugend machten. Der Unterschied ist nur der, daß die russische Jugend schon wieder beginnt, sich nach einem privaten Lebensraum lebhaft zu sehnen, wie die jüngste russische Literatur bezeugt.

Man kann allerdings nicht leugnen, daß die zwangsweise Einordnung der inneren Haltung vieler Menschen in allen Lagern sehr weit entgegenkommt. Vor kurzem besuchten uns zwei junge Menschen aus dem Reiche, die sich jahre­lang aktiv in der sozialistischen Bewegung betätigten und heute im Widerstand gegen das dritte Reich" verharren. Aber sie sagten uns, daß viele Menschen, und gerade solche aus Arbeiterkreisen, den Verlust der politischen und persön­lichen Freiheit gar nicht mehr so bitter empfängen, ja manch­mal schon gar nicht mehr wüßten, was sie damit anfangen sollten. Sie seien innerlich damit einverstanden, daß man für sie denke und dann befehle, und sie empfänden es als gut, daß es nur eine Partei gebe, weil sie dann nicht mehr unter so vielen zu entscheiden hätten. Ja, sogar das Tänzchen der Frau Direktor( die ihre Brillanten am Abend von Kraft und Freude " immer zu Hause lasse), sollten wir in seinen psychologischen Wirkungen auf manche Leute nicht unter­schätzen.

Solche Mitteilungen beschützen uns vor Illusionen. Aber sie zeigen zugleich die Größe der Aufgabe: daß mit der Rück­gewinnung der politischen Freiheit nicht das Entscheidende getan ist, wenn es nicht gelingt, die deutschen Menschen mit dem atmenden Bewußtsein zu erfüllen, der Besit dieser Freiheit sei für sie so notwendig wie Leib und Leben und Bett und Brot.. Argus.

Der Bürgermeister von Straßburg hta die Vermietung des Union- Theaters für eine Rundgebung der rechtgerich teten Abgeordneten barnegaren, de Lastenrie und Xaver Vallat verboten. Die Veranstalter, die den Mietpreis bereits hinterlegt hatten, haben sich dadurch gezwungen gesehen, in legter Minute einen anderen Saal ausfindig zu machen, der aber sehr viel weniger Zuhörer fassen wird als das Theater. Der Bürgermeister von St. Die hat eine Konferenz des Abgeordneten barnegarey überhaupt verboten.