Nr. 156 2. Jahrgang
Chefredakteur: M. Braun
Aus dem Inhalt
Röhms
Bekenntnisbriefe
die der Reichskanzler kannte,
in vollem Wortlaut
Seite 3
எம்.
Die Zweifel an dem Bestand des Regimes werden stärker
Industriegebiet, 8. Juli, Wir erhalten folgenden Bericht eines ebenso vertrauenswürdigen wie urteilsfähigen illegal arbeitenden Freundes im Industriegebiet: Euerem Wunsche entsprechend habe ich mich am Montag auf die Bahn gesetzt und bin die ganze Woche in Westdeutschland hin und her ge= fahren, um zu hören, was man nun über den Volkskanzler und seine herrlichen Taten sagt. Da ist zunächst eines wahr: heitsgemäß festzustellen, wenn der Hitler nur die Röhm und Heines und andere Bestien abgeschlachtet hätte, würde sich bei den Nichtnationalsozialisten niemand darüber aufgeregt haben. Insbesondere wir Sozialisten haben ja nie daran ge= zweifelt, daß Hitler über Leichen geht, und daß er seine Anhänger systematisch zur Blutarbeit erzieht. Die vielen Morde an unseren Kameraden beweisen es. Also hat man fich nicht gewundert, daß nun das Morden der Braunen unter sich beginnt. Ueberall hat man mir erzählt, daß es auf den Straßen und in den Wirtschaften vergnügte Gesichter gab, als die Erschießung der SA- Führer bekannt geworden ist. Die Stimmung schlug erst um, als von dem „ Selbstmord" Schleichers und dann von dem Tode seiner Frau berichtet wurde. Da wurde man mißtrauisch, und es regte sich so etwas wie die innere Solidarität des anständigen Deutschen mit seinem Volks= genossen, auch wenn er in einer ganz anderen Volksschicht lebt. Von da ab begann auch der Unglaube an alle weiteren Meldungen, die man noch hörte und das„ Gerüchtemachen" setzte ein. Ihr müßt nämlich wissen, daß heute noch viele Menschen in Deutschland nichts Näheres kennen über den Tod Klauseners und die Einäscherung seines Leichnams. Auch was Ihr mitteilt über die Ermordung Kahrs und anderer war sogar mir neu, der ich mir ausländische Zeitun gen beschaffe, wo ich kann und auch immer am Radio alle möglichen ausländischen Sender zu erreichen versuche.
Das ist jetzt wieder ziemlich gefährlich geworden, denn alle irgendwie Verdächtigen werden stärker beobachtet. Es ist aber nicht damit zu rechnen, daß die seit Monaten zu be= obachtende offene Ablehnung des Systems durch große Boltsteile in der letzten Woche geringer geworden ist. Im Gegenteil hat der Reichskanzler persönlich eine Schlappe erlitten, und man hört den Gruß Heil Hitler " noch weniger als in der letzten Zeit schon. Man redet viel davon, daß in der letzten Woche nicht mehr berichtet wurde, wo sich der Reichskanzler aufhält und bringt das mit Attentatsfurcht zusammen.
Die nächtliche Fahrt am 29. Juni von Godesberg zum Flugplay Hangelar, wie mir ein Freund in der Gestapo er: zählte, sei unter nie erlebten Sicherungsmaßnahmen vor fich gegangen. Hitler , Goebbels und die anderen waren in den Autos geradezu mit den Lei: bern der Polizisten gedeckt, und man benutte nicht die Landstraßen, sondern Feldwege. Der Arbeitsdienst von Bonn war außerdem zum Schuhe und Absperren mobilifiert. In Köln machte man sich übrigens lustig über die Berichte von Ovationen für Göring bei seinem Besuch in der rheinischen Metropole. Sein Auto sei so geraft, daß er von der Spalier bildenden Jugend gar nicht habe erkannt werden können und die Fanfaren der Hitlerjugend erst bes gannen, als Görings Anto schon weit weg war. In den Vor: orten habe man den Kerl gar nicht beachtet.
Die augenblickliche Rückwirkung der Morde auf die S. An den Reichskanzler!
darf nicht überschätzt werden. Viele Leute sind froh, wenn sie die Schinderei nicht mehr mitmachen müssen und viele wagen jetzt, fich abzumelden, weil sie glauben, damit den Intentionen von oben zu dienen. Wenn Ihr jezt Warnungen left, man möge die angeblichen Verrätereien der Führer nicht die SA. entgelten lassen, so ist das dahin zu verstehen, daß seit langem die SA. geradezu verachtet wird. Auch sind in legter Zeit da und dort SA. Leute auf offener Straße zusammen gehauen worden, wenn sie frech wurden. Es
=
Bon vielen Seiten aus dem Inlande und dem Auslande find Sie bestürmt worden, endlich die Totenliste Ihres Mordfestes bekannt zu geben.
Im Saargebiet haben Ihre Presse und führende Persön lichkeiten Sie beschworen, den„ Gerüchten" und Behauptungen der deutschfeindlichen Emigrantenpresse" durch Tatsachen ents
gegenzutreten.
Die treuesten Stügen der deutschen Front" fürchten die
beginnen die Racheakte an den gestürzten fleinen Größen, politische Wirkung Ihrer Massenmorde gerade im Saargebiet.
und man muß, wenn es anders rum" kommt, mit furchtbaren Entladungen rechnen,
Wir lesen hier nur noch„ Dementis über die Auslands: und die Emigrantenpresse", aber in unserem Untertanenverstand fragen wir uns, warum wir denn die Auslands= presse nicht lesen dürfen, wenn sie nur unsinnige Fantasien über Deutschland bringt, wo doch das Propagandaministe= rium der ganzen deutschen Presse Widerlegungen geben fönnte. Daß wir, solange Hitler regiert, jemals die Wahrheit über die Zahl der Morde und die sonstigen Ereignisse erfahren werden, glauben wir nicht, aber es ist auch der schon weit verbreitete Eindruck, daß das jezige Regime und damit Hitler persönlich nicht mehr lange an der Macht blei= ben kann. Dafür lassen sich natürlich keine Beweise anführen, sondern nur Stimmungsfaktoren, aber ich erinnere Euch daran, daß Ihr uns draußen auch einen übertriebenen Step: tizismus entgegengesezt habt, als wir die Tiefe des Stim: mungsumschwungs zuerst schon vor Monaten mitteilten und außerdem fest behaupteten, daß in den obersten Regionen eine Art Umsturz bevorstehe Das Volf bis weit hinein in die Nazikreise hat eben den Glauben an die Stabilität die: ser Regiererei verloren.
Man kann die Auslandspresse verbieten, aber man kann feine Kartoffeln und kein Fett schaffen. Ueberall hörte ich, daß eine Kartoffelnot ist wie im Kriege. Auf die Familie werden nur 2 bis 3 Pfund Frühkartoffeln auf einmal verab= reicht, weil man keine Devisen für die Frühkartoffeln hat, die vor allem aus Holland sonst in das Industriegebiet tamen. Die für die Aermsten verbilligte" und doch noch immer sündtenere Margarine fehlte wiederholt wochenlang. Von der Erwerbslosen: und Wohlfahrtsunterstützung wird jeder ausgeschlossen, wenn sich in der Familie auch nur ein einziges Mitglied befindet, das den Lohn eines Notstands=
Niemand trant Ihnen oder Ihrem Reichsjägermeister Göring oder Ihrem Neichslügenmeister Goebbels zu, daß einer dieses blutigen Kleeblatts die Wahrheit sagt. Aber die Betrogenen, die sich des„ Heil Hitler!" zu schämen beginnen, wollen den fie bedrängenden Gegnern doch wenigstens etwas über Ursachen und Verlauf des von Ihnen angerichteten und mit Ihrem Kopf zu verantwortenden Blutbades erfahren.
Sie aber schweigen schuldbewußt und feige. Ein Verlenm der, der Sie immer waren, beschuldigen Sie Opfer Ihres Blutrausches des Landesverrats ohne die Spur eines Bes
weises.
Wir wollen Ihnen sagen, warum Sie schweigen. Wir wollen Ihnen sagen, warum man in dieser ganzen schicksalsschweren Woche Ihr tierisches Brüllen am Rundfunk nicht gehört hat:
Sie haben Furcht vor dem Volke. Sie wissen, daß die Mehrheit der Nation, wie die ganze Kulturwelt, Sie als Mörder gerichtet hat. Sie wagen nicht einmal mehr Lügen über Ihre Blutarbeit zu verbreiten. Sie wissen genau, daß noch so abgeschwächte Berichte den Abschen vor Ihnen und Ihrem verbrecherischen Tun lawinenartig anschwellen Tassen würden.
Mögen Sie nun weiter schweigen oder mögen Sie sich ends lich wieder zu verlogenen Reden aufraffen: die Tatsachen flagen Sie an!
Und nicht eher werden Ihre Feinde, die sich seit einer Woche in Deutschland um Millionen Männer und Frauen vermehrt haben, ruhen, bis an Ihnen und Ihren Kumpanen das Urteil vollstreckt ist, dem Sie nicht entgehen dürfen.
Straßenkämpfe in
arbeiters erreicht. Auf diese Weise entstehen die niedrigeren Amsterdam
Erwerbslosenzahlen
Unsere alte Garde in den Betrieben steht fest, und was wir selber vor kurzem nicht geglaubt haben, wird Tatsache, daß man wieder mit Hochachtung von der Sozialdemokratie spricht und Vergleiche zwischen einst und jetzt zieht. Wenn es zu politischen Aktionen kommt, werden die alten Kaders wieder da sein und viele jetzt Indifferente oder gezwungene Nationalsozialisten mitreißen.
Wir wollen aber nicht in Optimismus machen, sondern nur sagen, daß die Hitlerei innerlich erschüttert ist und Deutsch: land inneren Umwälzungen entgegengeht.
Heß ruft: Hilfe!
Vom Massenmord zum Pazifismus
Berlin , den 8. Juli Der Führer zum Massenmord, Hit Ier, schweigt. Der Minister für erweiterte Massenschlächterei, Göring , schweigt. Der Propagandist aller Verbrechen und Zutreiber für die Massenhinrichtungen, Dr. Goebbels , schweigt. Alle drei triesen noch so von Menschenblut, daß sie sich einstweilen der zivilisierten Menschheit nicht präsentieren dürfen.
Darum hörten wir heute die Stimme des Herrn Rudo If Seß, Stellvertreter des Führers im Rundfunt. Er sprach von Ostpreußen her zu den Deutschen und zur Welt. Daß er derselbe große Lügner ist, wie sein Chef und dessen Reklame= tommis, hat er mit dieser Rede bewiesen. Er gab von dem persönlichen Verhalten Adolf Hitlers am Montag Schil
Erwerbslose Jugend geht aus Verzweiflung auf die Barrikade Acht Tote und 60 Verwundete auf seiten der Arbeiterschaft
Amsterdam , 8. Juli. Am Donnerstag brachen in Amsterdam Unruhen aus, die sich zu regelrechten Straßenschlachten steigerten. Die reaktionare Regierung Colijn hatte eine Senkung der Erwerbslosenunterstügung von über 10 Prozent angeordnet, die am Samstag in Kraft getreten ist. Als von radikaler Seite die verzweifelte Stimmung der Erwerbslosen noch geschürt und zum gewaltsamen Widerstand aufgerufen wurde, rotteten sich in den Arbeitervierteln jugendliche Erwerbslose zusammen und demonstrierten worfen und die einrückende Polizei wurde mit Steinen gegen die Demonstranten ein, fand aber unerwarteten Widerstand und machte schließlich von der Waffe Gebrauch. Das war das Signal zu einem Alarm der radikalisierten Arbeiterschaft und in den Arbeitervierteln, be= sonders aber in den ausgesprochenen Elendsquartieren, wuchsen die Demonstrationen zum organisierten Widerstand gegen die Staatsgewalt. Jm Nu waren Barrikaden aus Baumaterialien, aus Wagen und Gerümpel aufgeworfen und die einrückende Polizei mit Steinen usw. empfangen. Die Folge war ein schärferes Vorgehen der Exekutive, die regelrechtes Pistolenfeuer auf die Widersacher eröffnete. Als einige Verwundete und ein Toter das Opfer dieser Polizeikampagne geworden waren, trat in den späten Nachtstunden einige Ruhe ein. Aber angestachelt durch die drakonischen Maßnahmen der Polizei und durch die Blutopfer der Arbeiterschaft erwachte der Fortsetzung fiebe 2. Seite. Widerstand in den Morgenstunden des Freitag nicht nur
derungen, die nachweislich grob unwahr sind. In keiner Minute hat sich Hitler selbst den von ihm zur Abschlachtung Gezeichneten anders als unter dem Schuße Schwerbewaffneter gegen Wehrlose gegenübergestellt. Keiner der nach München Eingeladenen ahnte etwas von einem Gericht oder einem Ueberfall. Sie glaubten, den vertrauten Führer vor sich zu sehen und wurden plötzlich von Henkersknechten überfallen.
Nichts wußte Rudolf Heß über die Schuld der Schlei= cher, Klausener, Schotte, Jung, Rahr, Gerlich zu sagen. Er wagte auch nicht, vor den Ohren der Welt das