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Nr. 157 2. Jahrgang

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Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Mittwoch, 11. Juli 1934

Chefredakteur: M. Braun

Aus dem Inhalt

Kartoffelkcawalle

Seite 2

Röhm und Heydebreck im Bild

Seite 3

Seite 4

Die Ausplünderung des Reiches

Französich- englisches

Militärabkommen

Frankreich und Schleicher

Seite 5

Seite 8

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Auch Judenmorde am 30. Juni

Waren das auch ,, Hochverräter" und ,, Meuterer"?

Der Reichslügenmeister Dr. Goebbels hat endlich eine

Rundfunkrede über den 30. Juni angekündigt. Weder der blutige Reichskanzler Hitler noch sein blutiger Reichsjäger­

meister Göring erstatten also Bericht über die mörderischen

Menschenjagden. Auch der Reichslügenmeister fündigt vor: fichtig nur an Der 30. Juni im Spiegel des Auslandes". Das sieht nicht danach aus, als ob er endlich die vor mehr als 8 Tagen angekündigte Totenliste bekannt geben würde. Man scheint nicht einmal zu wagen, dem deutschen Volke eine gefälschte und reduzierte Liste der Ermordeten zu bieten.

Gabriel Riessers Grab geschändet­

burg sind 19 Grabsteine umgeworfen und zum Teil völlig SA. - Invasion in Frankreich

demoliert worden. Auf dem Grabstein des Vorfämpfers der Judenemanzipation, Gabriel Riesser , wurde eine juden- ,, Nur nicht zu Hitler zurück!" feindliche Losung eingerigt. Die Friedhofswärterin und der Gärtner teilen mit, daß sie bei ihrer Arbeit in letzter Zeit Schmähungen zu erdulden hatten und mit Steinwürfen be­droht wurden.

Wir wissen, warum. Die von Hitler und Göring befobles Gefesselte SA. - Offiziere

nen Morde haben weit mehr Opfer gefordert, als selbst diese bedenken und gewiffenlosen Blutmenschen hatten hin­schlachten wollen. Die von der Reichsregierung entfesselte Mordbestie hat in verschiedenen Landesteilen In den pogrome verursacht, über die strengstes Stillschweigen be= fohlen ist. Die ersten Briefe, die uns erreichten, wagten aus Furcht vor den Folgen nur ungenaue Angaben zu machen. Nun erhielten wir aus Schlesien Berichte, für die die in: zwischen ins Ausland entkommenen Verfasser mit ihrem Nas men bürgen. Demnach wurden am 30. Juni bzw. am 1. Juli a. a. ermordet:

Rechtsanwalt Dr. Förster, Hirschberg,

Dr. Charig, Hirschberg,

Dr. Zweig und Frau, Hirschberg, Dr. Schifta n, Landeshut . Bermißt wird seit dem 30. Juni Dr. Lindemann aus Glogau .

Dr. Charig wurde am 30. Juni, zur Vernehmung" bes stellt. Am 1. Juli wurde nachmittags seine Frau angerufen, die Leiche sei zur Beerdigung freigegeben worden.

Rechtsanwalt Dr. Jacobsohn in Glogau ist am

30. Juni in seiner Wohnung mit Gummifnüppeln niederge

schlagen worden. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Der Brief an uns schließt mit den Worten: Warnen Sie

die Saarbevölkerung und helfen Sie durch Bekanntgabe die

Ser Meldung den wehrlosen Juden in Deutschland ." Obwohl wir von der Glaubwürdigkeit unserer Gewährs­leute überzeugt sind, geben wir die furchtbare Nachricht unter Vorbehalt wieder. Wir veröffentlichen sie, um den Druck auf die Reichsregierung zur Bekanntgabe einer Toten: liste zu verstärken. Wir bringen die Meldung ferner, um die Welt aufzurütteln, damit sie nicht nachläßt, die Banditen und Mörder in Deutschland für ihre Untaten zur Verant wortung zu ziehen. Wir fragen unermüdlich:

Wie hoch ist die Zahl der Ermordeten? Wo find die Schuldbeweise?

Wie steht es um die Judenpogrome und ihre Opfer?

Augenzeugenbericht über die Durchführung der Aftion gegen Aus Mannheim erhalten wir verspätet folgenden die rebellierenden" SA.- Führer:

" Am Samstag erschienen vor dem Dienstgebäude des Gaues rpfalz" der SA. - einer erst fürzlich von einem holländischen Industriellen erworbenen luxuriösen Villa in der Otto- Beck- Straße zwei Ueberfallwagen der Polizei. Die Schußleute verhafteten unter Führung eines Offiziers erst die zwei SA. - Wachsoldaten vor der Tür und drangen dann ins Gebäude ein. Nach kurzer Zeit erschienen sie wie­der und hatten in ihrer Mitte zwei höhere SA. - Führer, die fie im Dienstgebäude antrafen. Die beiden Führer wurden auf ein Polizeiauto verfrachtet und nach dem Flugplatz ab= transportiert. Dort legte man den Häftlingen Fesseln an.

Sie würden in ein bereitstehendes Flugzeug gebracht und

nach Berlin abtransportiert. Bis zur Stunde war noch nicht in Erfahrung zu bringen, was in Berlin mit ihnen geschehen ist. Vermutlich nahmen sie an dem Massensterben von SA. ­Führern in der Kadettenanstalt in Lichterfelde teil.

Die Aktion vollzog sich sehr schnell. Ich habe es nur sem Zufall zu verdanken, daß ich gerade am Dienstgebäude vor­Flugplay verfolgen fonnte." beikam und die Polizeiautos mit dem Motorrad bis zum

Man wird in der Annahme nicht fehlgehen, daß sich die Aktion im ganzen Reiche in ähnlicher Weise vollzogen hat

Straßburg , 10. Juli .( Eig. Bericht.) An der Grenzffation Kembs haben 60 SA.- Leute mit voller Ausrüstung elsässisches Gebiet betreten. Die französischen Behörden sind sich nicht schlüssig darüber, was sie mit dieser Massenfahnenflucht anfangen sollen. Die SA .- Leute erklären, daß sie alles mit sich machen ließen, nur hätten sie eine Biffe, nicht wieder nach Deutschland zu müssen. Vereinzelte Ueberfritte von SA .- Leuten an anderen Grenzstellen sind ebenfalls erfolgt.

Justiz an der Saar

Unmögliches aus einem Völkerbundland

Vor zwei Monaten plagte in die Genfer Verhandlungen über die Saarfrage eine Sensation hinein. Der Minister Morize von der Regierungskommission legte den De­legierten eine Denkschrift vor. Sie war eine einzige An­klage gegen die Justiz an der Saar . Auf Grund zahlreicher Einzelfälle wurde bewiesen, daß im Namen der Regie­rungskommission des Saargebiets" zweierlei Recht ge­

und dieser Mannheimer Fall lediglich ein Musterbeispiel sprochen wird. Die Denkschrift erregte um so größeres

darstellt.

ER kam nicht...

In den Luxuslimousinen nach Flensburg

-

Flensburg , 8. Juli. Wir hatten nun hier die nichtöffent­liche nationalsozialistische Führertagung der Nazis. Von einer Wirkung der Moralpredigt Hitlers war nichts zu spüren. Die Herren tamen in den von Herrn Hitler bei andern so verurteilten Luxuslimousinen und lebten auch sonst so epikureisch, wie es in unserer bescheidenen Stadt nur möglich ist. Der Reichskanzler selbst ist nicht gekommen, obwohl man wiederholt um ihn nach Berlin telefonierte. Es kam die Antwort, daß er Berlin nicht verlassen könne.( Er konnte aber inzwischen auf sein Landgut nach Bayern fah­ren. D. F.") Angeblich soll Hitler die Konferenz nicht ge­billigt haben. Auch während der zweitägigen Konferenz soll Uneinigkeit unter den Teilnehmern geherrscht haben. Goeb=

Die gesamte Reichsregierung hat die Verantwortung für bels soll besonders nervös gewesen sein. Man glaube immer die Schandtaten übernommen.

Wir fordern, daß die Reichsregierung dem deutschen Volke fagt, wieriele Männer und Frauen durch die gedungenen Mörder beseitigt worden sind.

noch, daß der Reichskanzler kommen würde. Es wurden SS .­Stürme aus Schleswig- Holstein mobilisiert, die Absperrun­gen auf den Wegen und auf dem Flugplaße vornahmen, da man die unmittelbare Ankunft Adolf Hitlers erwartete, aber der Kanzler kam nicht.

Rings um die Mordliste

Aufsehen, als sie im Gegensatz zur Auffassung der übrigen Mitglieder der Regierungskommission stand. Morize hatte immer wieder in den Sitzungen der Regierung die Einrichtung von politischen Sondergerichten ver­langt. Da er mit seiner Meinung nicht durchgedrungen war, sah er sich gezwungen, diese einzigartige Flucht an die Genfer Oeffentlichkeit zu unternehmen.

*

Es gab Jllusionisten, die der Meinung waren, daß diese Entblößung auf die saarländische Justiz Eindruck machen würde. Weit gefehlt! Die Richter an der Saar blieben in ihrer großen Mehrheit ihren Rechtsprinzipien treu Gerade in der vergangenen Woche ist eine Reihe von Ur­teilen gefällt worden, die die Fälle des Ministers Morize noch in den Schatten stellen.

Am 4. Juli stand ein junger Faschist, namens Schäfer, vor den Saarbrücker Geschworenen. Er war beschuldigt und geständig, in das Haus der Arbeiterwohlfahrt in Saarbrücken eine Art von Höllenmaschine gesandt zu haben, die im Falle der Explosion unabsehbare Folgen für Menschen und Sachgut gehabt hätte. Der junge Mann, übrigens u. a. wegen Vergehens gegen den§ 175 vorbe straft, fand milde Richter. Die Geschworenen glaubten ihm, daß er sich nur einen Spaß" habe machen wollen und sprachen ihn frei. In dieser Verhandlung wagte sein Verteidiger eine offene Morddrohung gegen Mar Braun, den Führer der saarländischen Freiheits­front. Der Vorsitzende war so davon durchdrungen, daß diese Provokation dem allgemeinen Volks- und Rechts­

Auch Koch- Koblenz niedergeschossen/ Die Münchener Geheimnisse empfinden an der Saar entspreche, daß er dem dreiften Berlin

, den 9. Juli 1934.

Vor einigen Tagen wurde im Saargebiet die Nachricht verbreitet, daß der Standartenführer Koch- Koblenz vor den Mörderkugeln Görings nach Saarbrücken geflohen sei. Genaue Nachforschungen haben ergeben, daß die Meldung unzutreffend war. Koch ist von den Schergen Hitlers ab= gefangen und nach Berlin geschleppt worden. Dort wurde er ebenso wie der Stab des Gruppenführers Ernst und andere in der Kadettenanstalt Lichterfelde erbarmungslos nieder geschossen. Koch

gehörte bekanntlich zu den Vertrauten Röhms und Heines. In nationalsozialistischen Kreisen wird behauptet, seine Versetzung von dem Osten nach dem Westen durch die Oberste SA .- Führung hätte nur den Zweck verfolgt, die SA . shangaonist

des Westens im Sinne Röhms zu führen. Mit seinen Gön­ nern hat nunmehr auch dieser SA.- Führer das Schicksal ereilt.

Bisher schwebte ein undurchdringliches Dunkel über die Gründe der Ermordung von Münchner Per­sönlichkeiten. In diese Ermordung wird hinein­geleuchtet durch eine Erinnerung aus dem April 1932. Anfang April 1932 berichtete die Münchener Post" 1932. Anfang April 1982 berichtete die Münchener Post" über die Existenz einer Mördergruppe, Zelle G. genannt, im Braunen Hause in München . Sie teilte mit, daß eine Gruppe unter einem gewissen Horn aus Karlsruhe herbeigeholt worden sei, daß der Gareis- Mörder Schweikart dazu gehöre.

Siehe Seite 2,

Anwalt nicht ins Wort fiel.

Wenige Tage später standen einige junge Reichsdeutsche vor dem Schnellrichter. Sie hatten, den Verordnungen der Regierungskommission zuwider, Flugblätter verteilt, die zum Besuch an einer Saarkundgebung auf reichsdeutschem Boden aufforderten. Jeder erhielt, unter weitgehender Zubilligung mildernder Umstände, 300 Franken Geldstrafe. Als das Urteil gesprochen war, setzten sie sich in das Auto, mit dem sie gekommen waren, und fuhren fröhlich davon. Gleich hinter ihnen aber stand ein Kom­munist vor dem Schnellrichter. Ein strikter Beweis dafür, daß er kommunistische Flugblätter verteilt habe, war nicht zu führen. Aber das Gericht glaubte einem nationalsozia­listischen Zeugen, daß das Flugblatt aus der Richtung"