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Nr. 158 2. Jahrgang

Aus dem Inhalt

Zur Einberufung des Reichstags

Seite 3

Die Gerüchtemacherschlacht

Seite 3

Die Unruhen an der Saac

Seite 4

Papens Marburger Rede

Seite 5

Brände und Sabotage

Seite 7

Zum Verbot der Schweizer Presse

Seite 8

Chefredakteur: M. Bra un

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Donnerstag, 12. Juli 1934

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Dic ,, fcurige Zunge" führt Krieg

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Der deutsche Reichslügenmeister richtet tolldreiste Drohungen an die Weltpresse

Furcht

Die Regierung ist wohl unterrichtet über all das, was an Eigennus, Charakterlosigkeit, unwahrhaftigkeit, Unritter: lichkeit und Anmaßung sich unter dem Deckmantel der dent: schen Revolution ausbreiten möchte. Sie täuscht sich nicht darüber hinweg, daß der reiche Schatz an Vertrauen, den ihr das deutsche Volk schenkte, bedroht ist. Wenn man Volks­nähe und Volksverbundenheit will, so darf man die Klugheit des Volkes nicht unterschätzen, muß sein Vertrauen erwidern und es nicht unausgesetzt bevormunden wollen. Das deutsche Volt weist, daß seine Lage eine ernste ist, es spürt die Wirt= schaftsnot, es erkennt genau die Mängel mancher aus der Not geborenen Geseze, es hat ein feines Gefühl für Gewalt und Unrecht, es lächelt über plumpe Versuche, es durch eine falsche Schönfärberei zu täuschen.

Vizekanzler v. Papen in Marburg .

*

Berlin , 11. Juli. Der Reichslügenminister Dr. Goeb= bels mit dem Titel Reichsminister für Propaganda und Boltsaufklärung spricht 24 Stunden lang durch den Rund­funk zur Welt. Das ist keine Uebertreibung. Die Rede, die gestern abend in deutscher Sprache gehalten worden ist, wurde in den Nacht- und in den heutigen Tagesstunden für vier Erdteile gefunft: in deutsch , in französisch, in englisch , in italienisch, in spanisch und portugiesisch.

Mit Spannung werden sich in hundert Ländern ungezählte Millionen Menschen diese erste amtliche Kundgebung des deutschen Reichskabinetts nach den Mordtaten angehört haben. Wir hoffen es, denn diese Rede ist ein Zeugnis für die Verkommenheit dieser Reichsregierung, wie es ihre Tot­feinde nicht schlimmer hätten herstellen können. Alle Welt erwartete, daß endlich amtlich gesagt werden würde, was an der Monatswende in Deutschland wirklich geschehen ist. Das wäre für jeden geistig gesunden Menschen die einzig überzeugende Widerlegung der durch die ganze Welt schwir renden angeblich so falschen oder übertriebenen Meldungen gewesen. Davon aber hörte man nichts. Rein nichts!

Statt der erwarteten lückenlosen Totenliste gab der Reichs­minister eine lückenlose Liste von wilden Beschimpfungen gegen die Weltpresse.

Der Mann, der hoch bezahlt wird, weil er Propaganda für das Deutsche Reich treiben soll, hat eine pamphletische Rede gehalten, die alle Welt noch mehr gegen Deutschland auf­bringen muß. Was tut nach den Erklärungen des Ministers, der für die Pflege der Beziehungen zur Zeitungswelt be­rusen ist, die internationale Presse, was sind die Jour­nalisten, die noblen vornehmen und wahrheitsliebenden deutschen Redakteure natürlich ausgenommen? Man hört in der Ministerrede:

Böswillige Verhekung, Spülicht feiger Lüge, frankhafte Fantasie, standalöse Vorgänge, heuchlerisches Pathos, Lügenkampagne, Bosheit, Greuelmeldungen, Hezze, nach Strich und Faden gelogen, Lügenkollegen, der Etel kommt einem hoch, systematische Vergiftung, übelste Art der Re:= volverjournalistit, Strupellosigkeit gewerbsmäßiger Lügen fabrikanten, hysterische Verleumdung, boshafte und ver= leumderische Journalistit, Inspiratoren dieser Hege, ge wissenloses und hinterhältiges Treiben, Verleumdungen der Weltjournalistik, gewerbsmäßige Lügenfabrikanten, Lügenjournaille, hysterische und pathologische Wutaus­brüche.

Es ist faum zu fassen, aber der Frömmste kann jeden Eid darauf leisten: Diese Sammlung von wüsten Schimpfereien ist wirklich alles, was der deutsche Reichsminister aus eigener Gedankenkraft zu einem der abscheulichsten Ereignisse der neueren Geschichte der Welt zu sagen hat. Alles. Er schloß seine Rede mit einem lauten und hörbaren Pfui Teu= fel!" Das ist in der Tat die Charakteristik, die dieser Vor­trag verdient.

Hat der Reichsminister den Verstand verloren, der ihm biz fetzt zugetraut wurde? Hält er das ganze deutsche Volk für überzeugte Nationalsozialisten, also für politische Jdioten? Glaubt er die Welt außerhalb Deutschlands ließe sich durch Goebbelsche Schimpforgien gleichschalten? Nicht nur jeder anständige Journalist, jeder normal denkende Mensch wird dem Minister vorhalten, daß keine Regierung sich über Ge= rüchte" beschweren darf, wenn sie selbst mit allen Mitteln des Terrors die Wahrheit über ihre Taten unterdrückt,

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Welch eine Methode für einen Reichsminister: Er sucht aus tausenden Auslandszeitungen( wir stellen fest, daß nicht eine dieser Nachrichten in der Deutschen Freiheit" enthalten rear) ein Dußend unrichtiger Meldungen oder Kommentare zu= sammen und macht über grauenhafte Morde Wize wie ein Conferencier über Seft und schöne Frauen.

Der Reichslügenminister sagt zynisch von dem ungesei­lichen Hinschlachten der vielen- wievielen eigentlich? Volksgenossen, gegen die zum Teil erwiesenermaßen nichts vorlag, von denen einige nach halbamtlichen Auskünften infolge Mißverständnis" erschossen worden sind, daß alles sich ordnungsmäßig abspielte".

Eine Regierung, die bis zur Stunde trotz der Aufforde­rung auch besorgter Freunde des Regimes weder eine Totenliste noch das geringste Beweismate= rial für die Schuld der Erschossenen vorgelegt hat, wagt mit frecher Stirn der Welt zu sagen:

" Sie hat die Vorgänge des 30. Juni mit einer bei: ipiellofen Offenheit dem eigenen Volke und der Welt dargelegt. Sie hat mit nichts zurückgehal= ten und in allem der Wahrheit die Ehre ge= geben. Denn sie war der Ueberzeugung, daß die Nieder: schlagung der Revolte von der Nation und von der Welt dann am besten verstanden würde, wenn ihre Hintergründe und die daraus ohne Eingreifen des Führers vermutlich entstandenen Gefahren ohne jede Bertuschung der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wur: den. Auch darin unterscheidet sie sich von ihren Vorgänge= rinnen, daß sie Dinge, die die öffentliche Kritik heraus: fordern, nicht mit dem Mantel der Lüge zudeckt. sondern sie ohne jede Rücksicht den Augen des Vol: fes preisgibt, damit das Bolt erkenne, wie notwendig und richtig ihr Handeln ist. Ist so etwas an dreister Herausforderung der Wahrheit schon je dagewesen?

Nichts über die Zahl der Opfer, nichts über ihre Schuld, nichts über die Untersuchung, nichts über das Verfahren, nichts über die Todesurteile, nichts über die Hinrichtungen, nichts über die Vorgänge bei unzweifelhaften Morden wie bei Schleicher und Gattin und Klausener, nichts über die Gründe der gegen den Willen der Angehörigen vorgenomme= nen vielen Einäscherungen, nichts über das Material, das bei ,, ordnungsmäßigem Abspielen" doch vorliegen müßte, ist der Deffentlichkeit bekanntgegeben worden. Und da redet der Mordpropagandist von Wahrheit und Klarheit".

Der Minister fordert den Spott und den Hohn der ganzen Welt heraus, wenn er die Disziplin" der deutschen Presse rühmt, deren Redakteure in Todesangst keine Zeile zu schreiben wagen.

Er steht vor aller Welt als Lügner da, wenn er behauptet, in der deutschen Presse gäbe es keine Verunglimpfung fremder Staatsmänner. Das sagt der Propagandist einer Partei, deren Presse den österreichischen Bundeskanzler und dessen Minister mit ganzen Kübeln von Unflat ständig überschüttet! Wir hörten die Rede eines Hilflosen! Selbst die Auswahl seiner übrigens zum Teil gefälschten Zitate beweist es. In seiner Zitatenmischung gab Dr. Goebbels nicht einen ein­zigen Satz gerade der Auslandspresse, die in Deutschland verboten ist: aus den Schweizer Zeitungen. Damit ist klar erwiesen, was ohnehin auf der Hand lag: man sperrt die Schweizer Zeitungen aus Deutschland aus, weil sie in deut­scher Sprache geschrieben und daher für die Mörder und Lügner besonders gefährlich sind.

Die Nervosität in der Reichsregierung muß allmählich sich der Grenze politischer Unzurechnungsfähigkeit nähern, denn der Reichsminister Dr. Goebbels drohte mit einer offenen Kriegserklärung an die gesamte Weltpresse:

" Ich glaube, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen, wenn ich mit Empörung und Entrüstung dagegen Protest einlege und mit aller Dentlichkeit erkläre, daß die deutsche Regierung nicht gewillt ist, weiterhin Auslandskorrespondenten in Deutschland zu dulden, die auf eine solche Weise die Bölker gegeneinander hezen und eine Atmosphäre heraufbeschwören, die jede ehrliche und unvoreingenommene Beziehungssehung der Nationen zus einander unmöglich macht."

Das ist die Drohung, alle fremden Journalisten auszuweisen, die fernerhin wagen sollten, über Deutschland etwas anderes zu schreiben, als was Mörder und Räuber ihnen befehlen. Die Drohung soll Kraft martieren, aber sie ist das Eingestände

Bischöfe preisen die Mörder

Die organisatorische und moralische Zusammen­bruch der Evangelischen Kirche

Das Schicksalder deutschen evangelischen Kirche könnte auch einen Richtprotestanten jammern, wenn es nicht so überreich verdient wäre. Duzende von Menschen wurden im Namen der gleichen Hakenkreuz­fahne erschossen, die die Fahne der streitbaren Kirchen­führer ist. Im Zeichen des Evangeliums hätten sie auf Grund der Untaten des 30. Juni einen Sturmruf an die Gläubigen ergehen lassen müssen, wenn noch eine Spur von protestantischer Gesinnung in den beamteten Kirchen­männern lebendig wäre. Aber was geschieht? Nie tobte der innere Kirchenstreit so wild wie in den hinter uns liegenden zehn Tagen. Während Tote verscharrt wurden, standen Pfarrer mit dräuenden Gebärden gegeneinander, um im Namen des Evangeliums Macht über die Kirchen­organisation zu gewinnen. Die Gläubigen sahen stau­nend zu.

Zwei Hitler - Bischöfe haben gewagt, den 30. Juni mit dem Kruzifig zu segnen. Der eine ist der sächsische Lan­desbischof Goch , gleichzeitig Führer der Deutschen Christen " an Elbe und Pleiße. Er hat eine General­verordnung erlassen mit folgenden Säßen:

,, Unser Volt und unsere Kirche sind durch Gottes gnä dige Führung und durch das mannhafte Handeln unseres Führers aus schwerer Gefahr errettet worden.... Ta ist es unsere Pflicht, im Gottesdienst dem Herrn für diese Errettung zu danken. Ich ordne hiermit an, in Predigt und Gebot am kommenden Sonntag in allen Gemeinden des Landes der Hilfe Gottes sowie des Führers zu gedenken. Wir wollen alle für: bittend hinter ihm stehen, daß Gott ihn weiter be hüte und zu seinem großen Wert Kraft und Gelingen schente."

Noch ein wenig toller treibt es freilich der Ham­burgische Landesbischof Tügel, ein besonders privi legierter SA.- Mann Jesu . Die Kirche habe, so heißt es in seiner Verfügung, Adolf Hitler , dessen eiserne Entschlossenheit Deutschland auch heute wieder gerettet habe, und das von ihm getragene große Werk zu unterstützen". Gleichzeitig verbietet Tügel seinen Gläubigen jede Erörterung kirchenpolitischer Fragen, denn, wieder wörtlich, die Predigt habe nicht Steine zu bieten, sondern Brot.

Brot, ein wenig mit Blut gemischt nicht wahr, Herr Bischof? Mit eiserner Entschlossenheit" wurde gemeu­Siehe Seite 2.

nis elender Feiglinge, die ihre Untaten weder vor dem Volfe noch vor der Welt zu verantworten wagen.

Wird sich die Weltjournalistik diese Herausforderung durch den aus dem Gleis geratenen Minister gefallen lassen? Das ist nicht anzunehmen. Schon ist für heute abend der Vorstand der Vereinigung der ausländischen Presse in Berlin einbe­rufen, um zu beschließen, welche Stellung diese Vereinigung zur Goebbelsrede nehmen soll.

Es ist ausgeschlossen, daß die gesamte Weltpresse sich dem Terror der deutschen Reichsregierung fügt. Deren Aeuße rungen nehmen immer mehr die Verzweiflungsrufe schei­ternder Hasardeure an, die in ihrem Sumpf ersticken.

Schmährede"

Paris , 11. Juli. Die Goebbelsrede wird im allgemeinen in der hiesigen Presse noch nicht kommentiert, doch lassen die Ueberschriften, die die Zeitungen den Berichten über die Rede geben, schon die Stellungnahme der Presse deutlich erkennen. Fast in allen Ueberschriften kehrt das Wort wieder: Schmäh­rede Goebbels gegen die ausländischen Zeitungen.

Ablehnung in England

London , 11. Juli. Die Morgenpresse bringt längere Aus­züge aus der Goebbelsrede. So weit schon Kommentare ge­geben werden, sind sie eine eisige Ablehnung der Goebbels­schen Methoden. Keine Zeitung bringt irgendwelches Ver­ständnis für die deutsche Reichsregierung und ihren Propa­gandisten auf