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Fretheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

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Nr. 162 2. Jahrgang

Saarbrücken , Dienstag, den 17. Juli 1934

Chefredakteur: M. Bra un

Nach der

Demaskierung!

Das vernichtende Welturteil

gegen den deutschen Blut­kanzler Seite 4

Nächste Pläne der Reichswehr

Mitteilungen aus Offizierskreisen an einen Mittelsmann der Deutschen Freiheit"

Berlin , 16. Juli( Eigener Bericht). Es ist Ruhe im dritten Reich" Die braunen Machthaber lügen nicht. Aber diese Ruhe ist fürchterlich und man vers steht, warum die Hitler und Goebbels und Göring fie ärger fürchten als die Pest des Marxismus oder die der Reaktion".

Im deutschen Volfe haben zwei Jahre brauner Mord und Jahre Terror die besseren Gefühle nicht auszurotten vermocht. Das beste Merkmal des deutschen Arbeiters, die instinktive Solidarität mit dem schuldlos Mißhandelten über­trägt sich auf die erschossenen Schleicher, Klausener, Bose und die übrigen nichtnationalsozialistischen Opfer des Blutregimes. Die Mienen sind noch finstrer, die Lippen noch fefter zusammengepreßt, wenn von dem Menschenschlacht­haus Deutschland" gesprochen wird. Der Tod hat viele Gegensäße ausgelöscht: auch wer der Gegner des lebenden Schleicher war, bekennt sich heute zu der großen Masse seiner Nächer!

Die Mörder werden nicht froh. Sie sehen die Götzen­dämmerung und können ihr nicht ausweichen. Deshalb suchen fie Vergessen. Göring fährt in eine unbekannte Jagdhütte, um die Bockbrunft zu erleben und zur Abwechselung Tiere statt Menschen zu schießen. Hitler verlebt die meiste Zeit im Flugzeug, wo ihn der Rächer nicht erreichen kann, und Goebbels vermehrte seine Leibgarde um einige gutbezahlte Sünen.

Sie haben alle Ursache zur Vorsicht. Die Gestapo weiß ein Lied von den zahllosen Drohbriefen zu singen, die in den letzten Tagen ihren Weg zu den sauberen Ministern" ge funden haben. Hitler will teinen Drohbrief mehr sehen, von feinem mehr hören und hat befohlen, sie sofort der Polizei zu übergeben. Er zittert oder tobt, wenn er von den Todes= arten hört, die ihm das terrorisierte Volk zudenkt, Göring verbraucht wieder einmal mehr als das normale Maß Morphium und Goebbels möchte am liebsten auf dem Monde wohnen. Ihnen allen solgt der Fluch, der noch jeden Massenmörder getroffen hat.

Viel gefährlicher als das vorläufig nur mit den Zähnen knirschende Volt aber sind die bewußt am Sturz arbeitenden Gegner des Mordsystems. Bei den kommandostellen der Reichswehr herrschte in den letzten zwei Wochen und herrscht auch heute noch eine fieberhafte Tätigkeit. Man soll nur nicht glauben, daß die Wehrmacht etwa durch den Tod Schleichers eingeschüchtert wäre. In ihren Kreisen wird der blutige 30. Juni als der erste Akt" des braunen Dramas bezeichnet. Und wie bei den Attschlüssen der Shakespeareschen Königsdramen liegen die Toten umher" sagte ein hoher Offizier dieser Tage, um dann hinzuzusehen: Der Vergleich ift übrigens gut, weil auch das Ende des Dramas die Ver: antwortlichen als Tote sehen wird..."

Der Mann, den die Reichswehr bisher noch immer vorn stehen hat, ist Blomberg . Aber seine Stellung ist sehr ins Wanten gekommen Hinter ihm steht Fritsch, und deffen Beziehungen zu dem Schleicherflügel sind bekannt. Es be

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darf nur eines neuen Anlasses, den Stein ins Rollen zu bringen. Das Gesellenstück von Fritsch- womit die Ent­machtung der SA. gemeint ist war gut. Wir sind auf sein Meisterwerke gespannt...," sagte man dieser Tage im Reichs­wehrministerium. Das Meisterwerk aber, das ist die Aus­rottung der Nazi überhaupt, die Errichtung der sozialen Militärdiktatur" mit dem Versprechen auf eine nahe Demokratie. Es hilft Göring und Hitler wenig, wenn sie versuchen, mit Blomberg einen Sicherheitspakt abzuschließen; dies Bemühen spricht höchstens für die politische Dummheit Blombergs und des Junkerflügels in der Reichswehr , der heute noch maßgeblich ist in den oberen Stellen des Appa= rates, der aber an Einfluß grade wegen des Mordes an Schleicher ungeheuer verloren hat.

Kreise

Alle Kreise werden geschlossen, wenn ihr nur alles in allem nehm Heines hat einen Spießgenossen meuchlings im Walde abgeschossen oder, wie er es nannte, gefemt.

Dann kam Heines zu hohem Amte. Efelhaft spreizte er sich im Fett scheußlicher Macht, die dem Mord entstammte. Aber schon balde starb der verdammte Mörderkumpan gemeuchelt im Bett.

Alle Kreise werden geschlossen.

Meuchlings stirbt der, welcher meuchlings schießt. Hitler hat seinen Spießgenossen Heines im Bett abgeschossen.

Wann wohl der nächste Kreislauf sich schließt? Der Rote Hans.

Nicht weniger alarmierend hat der Mord an den Nazi­gegnern in den Kreisen der höheren Beamtenschaft gewirkt. Wer ist noch unter solchen Verbrechern sicher?" Fragte ein Kollege Boses. Und sie behaupteten, Deutsch­ land sei eine Anarchie. Dazu die Bauernrevolten, die verbisfene Verzweiflung des Mittelstandes und die illegale Propaganda der Sozialisten es ist keine gute Zeit für die Herren des dritten Reiches". den Rechts­freifen für Sie nahe Zukunft gegeben werden. Allgemein er: wartet man noch weitere Schlächtereien. Das Rätselraten um die zweite Liste ist im Gange. Vielleicht haben die Hitler, Blomberg , Göring und Goebbels noch die Macht zu einem zweiten Schlachtfeft, aber es wird das letzte sein! Be: zeichnend ist weiter, daß von den Kreisen der Nazi den frü: heren sozialdemokratisch oder kommunistisch organisiert ge­wesenen Schichten des Volkes mit einer neuen Abrechnung" gedroht wird, wenn die illegale Propaganda nicht verschwin= den sollte.

Intereſſant find die Verſpettiven, die von tetes Der gerichtete

Viel wahrscheinlicher als die Verwirklichung dieser Naziz drohungen ist jedoch die von Rechts her geäußerte Ver­mutung, daß die zweite Liste die Namen Göring oder Goebbels , vielleicht so agar beide ent halten wird! Zur Zeit ringen die beiden Führer noch um die Gunft Hitlers und Blombergs, wobei Göring un­zweifelhaft im Vorteil ist. Wie lange freilich dieses Verhält= nis andauern wird, weiß niemand. Bei der Geistesverfassung des Hitler ist alles denkbar.

Man darf bei der Beurteilung der gegenwärtigen Situation nie vergessen, daß die Aktion gegen Röhm eine Aktion der Reichswehr gewesen ist; jetzt aber melden sich Neurath und die Diplomatie und fordern den Sturz von Göring und Goebbels . Des ersten, weil seine Brutalität und seine angen­scheinliche Geisteskrankheit ihn unmöglich gemacht hat, des zweiten, weil er nur noch imftande ist, das letzte heile außen: politische Porzellan zu zerschlagen. Die Rede des Goebbels gegen die Weltpresse hat im Außenministerium einen fata= strophalen Eindruck gemacht...

Es erfüllt sich das Wort: Wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden.

Der Generalstreik in San Franzisko

Militärische und polizeiliche Rüstungen

Neuport, 16. Juli. Der Generalstreif in San Franzisko, dessen Beginn auf heute früh 8 Uhr festgesetzt war, be­herrscht die Morgenblätter und verdrängt alle anderen Er­eignisse. San Franzisko machte schon am Sonntag den Ein­bruck einer belagerten Stadt, die niemand zu verlassen wagte, da die Möglichkeit einer Rückkehr ungewiß ist. Die Einstel­lung des Straßenbahnverkehrs begann frühzeitig. Die Lebensmittelläden, die ausverkauft hatten, vernagelten ihre Türen und Fenster. Obwohl die Streifenden selbst durch Bil­dungen von Sicherheitsausschüssen Ausschreitungen vorzu­beugen suchen, fam es bereits zu verschiedenen Zusammen­stößen, die nach Ansicht der Behörden von Kommunisten eingeleitet wurden. In der Nähe der Docks wurde die Natio­nalgarde mit Steinen beworfen, worauf sie Feuer gab. In­folge eines Mißverständnisses ist ein Dockwächter durch einen Bajonettitich lebensgefährlich verlegt.

Da sich bereits Nahrungsmittelmangel fühlbar macht, ver­sucht der Streifausschuß die unruhig werdende Bevölkerung durch die Ankündigung zu trösten, daß eine Anzahl Speise­

häuser offen bleiben würde. Dem gegenüber weist die Presse darauf hin, daß diese Speisehäuser höchstens 3000 Personen versorgen fönnten, bei einer Gesamtbevölkerung von 700 000. Die Elektroarbeiter haben bekanntgegeben, daß sie die Streifabstimmung hinausschieben wollten, da eine Unter­bindung der Stromzufuhr auch die Feueralarmanlagen in der ganzen Stadt lahmlegen würde. Trotzdem sieht die Stadtverwaltung der weiteren Entwicklung der Lage mit größter Besorgnis entgegen, da die Befürchtung wächst, daß es sich um einen revolutionären Anschlag an der ganzen Westküste handelt, dem gegenüber die besonneneren Führer der Gewerkvereine mehr und mehr an Einfluß verlieren werden. Vielfach wird die Ansicht geäußert, daß für San Franzisko schwere Tage bevorstehen, schwerer, als seinerzeit bei dem Erdbeben.

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung stehen außer der Poli­zei, die um 500 Mann vermehrt wurde, und außer der Natio= nalgarde etwa 1000 Mann Bundestruppen zur Verfügung. Siehe Seite 3,

Führer

Der deutsche Reichskanzler ist das höchste und voll­kommenste Instrument der nationalsozialistischen Führer­auslese. Er beruft und er verwirft seine Paladine nach dem ungehemmten Autoritätsprinzip. Sein Rechenschafts­bericht vor dem Reichstag hat dem Volke kund getan, wie sich die rein autoritäre, durch keinerlei Massenkritik ge­hinderte Führung ausgewirkt hat. Nach der gewiß nicht übertriebenen Schilderung Adolf Hitlers gab es in den obersten Regionen der Staats- und Parteiführung nicht vereinzelt, sondern in vielen Exemplaren: Urninge,

Sittlichkeitsverbrecher, Knabenschänder, Alkoholiker,

Meineidige, Spitzbuben,

Defraudanten,

Volksbetrüger,

Prasser und Schlemmer aus open armer Kameraden, Krankhafte Lügner,

Verschworene Cliquen, Postenjäger,

Feiglinge und Heuchler, Pathologische Ehrgeizlinge, Landesverräter,

Hochverräter,

Erpresser, Terroristen, Mörder.

Jeder diefer Lumpen ist von dem Partei- und Staatschef auserwählt und lange Jahre gehalten worden. Tadel an einem dieser Freunde des deutschen Reichskanzlers ist mit harten Kerkerstrafen, ja mit dem Tode gebüßt worden.

Der Reichskanzler hat für die Ermordung dieser seiner Kreaturen die Verantwortung übernommen. Er hat ver gessen, hinzuzufügen, daß er nach dem Führerprinzip auch die volle, Verantwortung für die Schand- und Untaten dieser Schufte zu tragen hat. Er war Mitwisser, in vielen Fällen Befehlsgeber; er deckte die Halunken stets mit seiner Autorität, und er ist daher in vollem Ausmaße ihr Mitschuldiger.

Der Reichskanzler hat sich zum Obersten Gerichtherrn. über die ganze deutsche Nation ausgerufen. Er hat ver­gessen, sich selbst als den intellektuellen Urheber, Förde­rer und Protektor des größten Staatsskandals in der deutschen Geschichte zu richten und abzuurteilen.

Wie konnte er vierzehn Jahre als unverantwortlicher und hemmungsloser Schwäger den Splitterrichter spielen! Nun sieht das Volk, nun offenbart sich der Welt, welches moralische Recht er und seine Rumpane hatten, an einem bei sonstigen Fehlern saubern und puritanischen Staats­wesen, wie der Republik von Weimar , Kritik zu üben. Nehmt alles nur in allem: drei unbedenklich verdienen wollende Geschäftsleute Sklarek, Kutisker und Barmat