item, gombi 02

Fretheil

Nr. 169 2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Mittwoch, 25. Juli 1934

Chefredakteur: M. Braun

Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muß zuletzt die Herrschaft werden, denn endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die Welt einen Plan, wenn des Menschen Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich muß die Sitte und Vernunft siegen, die rohe Gewalt der Form erliegen.

Schiller

Hochpolitisches Attentat

Gewaltige Erregung im Saargebiet- SS. - Mann schießt auf den Führer der Polizeiexekutive Schuld der terroristischen., deutschen Front" terroristischen ,, deutschen Das Saargebiet als europäischer Gefahrenherd- Verlogene Darstellung des Deutschen Nachrichten- Büros

Saarbrüden, den 24. Juli 1984. Ein feiges Attentat wurde heute gegen 8.45 Uhr vormit: tags auf Polizeikommissar Machts unternommen. Koms missar Machts, der Zivilkleidung trug, war gerade im Be­griff, an der Bergwerksdirektion die Straße zu überqueren, Als er sich mitten auf dem Fahrdamm befand, sprang ein Mann, der ihm auf der Verkehrsinsel aufgelauert hatte, plöglich von hinten auf Machts zu und gab aus ganz kurzer Entfernung mehrere Schüsse auf ihn ab, ohne ihn zu treffen. Der Ueberfallene lief zunächst einige Schritte auf das Hotel Excelsior zu, riß nun seine Pistole heraus und schoß auf den Angreifer, der das Feuer noch erwiderte, Beim dritten oder vierten Schuß streckte Machts seinen Gegner nieder. Auf die Schüsse hin eilten Polizeibeamte herbei, die den Attentäter in ein nahegelegenes Schuhgeschäft brachten.

Der Attentäter ist der vierzig Jahre alte Johann Baumgärtner aus Saarbrüden und gehört seit Jahren der nationalsozialistischen Partei an. Er ist ein SS.- Mann. Am kleinen Finger der rechten Hand trägt er einen SS.- Ring- breiter filberner Ring mit schwarzem Wappenschild und der Inschrift SS . Der Verlegte wurde ins Krankenhaus geschafft, wo fests gestellt wurde, daß er einen Beckenschuß erlitten hat.

Der Polizeipräsident Mathern ließ sich von dem Polizei: kommissar Machts sofort Bericht erstatten und begab sich

dann mit ihm zum Tatort.

Ein Augenzeuge berichtet: Hente früh stand ich auf der Bahnhofstraße an der Ecke Trierer Straße , unweit vom Hotel Erzelsior. Ich sah mir hier die vielen fremden Autos an, die in dichter Reihe beis einander standen. Plöglich hörte ich einige Schüsse und sah auch sofort einen Menschenauflauf. Kommissar Machts, der in Zivil war, eilte auf den Bürgersteig in Rich: tung Hotel Erzelsior hinüber, und ich wunderte mich sehr darüber, weil mir die Situation ganz unerklärlich war. Da sah ich hinter ihm einen Mann von etwa 35 Jahren von untersetter Gestalt laufen, der auf Machts aus einem Re­volver schoß. Menschen schrien und liefen fort, während die Schüffe knallten. Während dessen zog Machts aus seiner Tasche einen Revolver und gab auf den Mann, der immer noch weiter schoß, einige Schüsse ab. Ein paar Augenblicke war es wie ein richtiges Duell. Plöklich sank der Mann getroffen nieder. Ich hörte noch, wie Machts zu der Menge und zu den Beamten, die herbeigeeilt waren, saate:" Ich fonnte mir nicht mehr anders helfen. Ich war in Notwehr." Der Attentäter wurde dann, wobei eine immer stärker an wachsende Menschenmenge Zeuge war, ins Schuhgeschäft Meffer geschafft. Es ist ein Wunder, daß anscheinend kein Straßenpassant getroffen worden ist.

Die Hetze der deutschen Front" und ihrer gesamten Presse gegen den Emigrantenkommissar" Machts hat ihre Früchte getragen." Man ist von Beschimpfungen und Ver­leumbungen zu Schüssen übergegangen. Nach dem, was feit Monaten in den gleichgeschalteten Zeitungen an der Saar über den Führer der blauen Polizei Saarbrückens gerieben werden durfte, mußten überhitzte fanatisierte Nationalistengehirne annehmen, daß es ein verdienstliches Werk sei, diesen Landesverräter", diesen Separatisten", diesen Deserteur" niederzuschießen.

Der Täter konnte sogar hoffen, wenn er einigermaßen geschickt vorging, freigesprochen zu werden. Jüngst erst hat ein Gericht in Saarbrücken einen Nationalsozialisten in allen Ehren freigesprochen, der in die Arbeiterwohlfahrt, der Wohnstätte Max Brauns, ein Paket mit Sprengstoff geschickt hat. Nur durch den Zufall, daß die Flasche mit dem Sprengstoff auf dem Transport zerbrach, wurde un­geklagten aber verkündete seelenruhig vor Gericht und ohne gerügt zu werden, daß man sich doch freuen werde, wenn dem besagten Max Braun etwas passiere. Wörtlich sagte er, ohne daß er vom Vorsitzenden des Schwurgerichts zur Ordnung gerufen wurde:

" Jeder von uns würde es gerne sehen, wenn dem Herrn Mah Brann eines Tages etwas zu stieße. Wenn ihm wirklich etwas passiert, dann braucht er sich nicht an wundern, Jeder Dentsche

fühlende an der Saar ist ihm seines provozierenden Wirs Der vom Hitlergeist also wahrhaft besessene Jurist vergaß nicht, hinzuzufügen:

kens wegen feindlich gesinnt."

" Ich appelliere an Ihr deutschfühlendes Herz, meine Herren Geschworenen ."

Das war am 4. Juli. Eine offene Morddrohung und Herz", zum Revolver zu greifen. Mordanreizung, ein Appell an ein deutschfühlendes

Die Schüsse auf den Polizeikommissar, deren sich dieser tapfer und kaltblütig erwehrte, gelten nicht nur diesem Bean ten und sind alles andere als ein zufälliges Ereignis. Gewiß haben die Führer der deutschen Front" diesen Bunschen nicht gedungen, aber sie haben die Atmo­sphäre bewußt geschaffen, aus der solche Explosionen entstehen müssen. Der gewalt­Kommissar Machts zu schießen. Er hat die Waffe aus der tötige SS. - Mann hat keinerlei private Gründe, auf den Stimmung und aus der Roheit heraus erhoben, die durch die Agitation der deutschen Front" in ihm erzeugt wor den ist.

Die Zusammenhänge sind klar. Monatelange persön­Demonstrationen der deutschen Front" gegen Amtshand­liche Hetze gegen den Emigrantenkommissar". Offizielle lungen des Kommissars Machts. Begeisterte Schilderungen

dieser Straßenerzesse in der Presse der deutschen Front". Wiederholung dieser Ausschreitungen einen Tag später, und zwar durch eine Probemobilmachung der getarnten SA. und SS. Verbot der Zeitungen der deutschen Front". Offizielle Kriegserklärung an die Regierungskommission durch den journalistischen Führer der deutschen Front", Chefredakteur Hellbrück in Saarbrücken . Verlegung der Amtswaltertagung in reichsdeutsches Gebiet. Uebergang zu illegalen Scndlungen und damit Uebergang zur Jlle­galität.

Der Attentäter hat das alles auf seine Art begriffen: er wollte einfach den niederschießen, den er aus den Zei tungen neben Wax Braun als einen Hauptverräter an der deutschen Sache betrachtete. Daß das Attentat wohl= vorbeceitet war, geht daraus hervor, daß er genau wußte, wann und auf welchem Wege Kommissar Machts zu seinem Dienste g.ng. Das ist allerdings nichts Besonderes, deun aile der deutschen Front" mißliebige Personen wer­den genau bespielt.

Die Schüsse von Saarbrücken müssen in aller Welt alarmierend wirken. Durch den Terror und die

Faulhaber hat eine Liste... Der Kardinal unter schärfster Beobachtung

Paris , 24. Juli.

" Paris Soir" schreibt, daß nene Sorgen dem dritten Reiche" durch den Hl. Stuhl verursacht würden. Der Kar­ dinal Faulhaber , so werde behauptet, besäße eine nahezu vollkommene Liste aller derjenigen, die zu den Opfern des 30. Juni zu rechnen seien. Auf dieser Liste seien die Namen einer großen Zahl Katholiken und Juden verzeichnet, die weder mit Politik, noch mit dem Komplott" des 30. Juni etwas zu tun hätten. Dieses Dokument sei bereits in den sänden des Vatikans. Aber seine Veröffentlichung hieße den Kardinal Faulhaber den schrecklichsten Rachegelüften der deutschen Regierung ausliefern. Die Geheimpolizei, die Gestapo , habe dem Kardinal bereits mitgeteilt, daß er, sofern von diesen Dingen etwas in die

Oeffentlichkeit tomme, wegen Landesvers rats verfolgt werden würde. " Freundliches Land"... mit diesen Worten schließt " Paris Soir" seine interessanten Mitteilungen.

Gebunden an Gottes Wort... Zwei herrliche Zeugen Christi

66

Die beiden Superintendenten der evangelischen Synoden zu Saarbrücken und St. Johann haben an den Dekumeni­schen Rat in Genf folgendes Telegramm gerichtet:

" Die Regierungsfommission des Saargebietes hat die deutschgesinnten Zeitungen des Saargebietes auf drei Tage verboten. Die für dieses Verbot der Oeffentlichkeit be­kanntgegebenen Gründe widersprechen aufs neue einer wahren treuhänderischen Neu= tralität und wirklichen Gerechtigkeit. In den Eingriffen der Regierungsfommission in die freie Meinungsäußerung der deutschgesinnten Bevölkerung sehen wir ein neues Hemmnis für eine wahre Befriedung der Völker. Gebunden an Got­tes Wort und die Bekenntnisse der Väter legen die Unterzeichneten als die Vertreter der deutschen evangelischen Gemeinden an der Saar vor der ganzen evangelischen Christenheit förmlichen und feierlichen Pro­test gegen die Entrechtung des deutschen Volkes an der Saar ein.

Die Superintendenten :( gez.) D. Nold, Jung. Jm Dekumenischen Rat zu Genf werden, so hoffen wir, einige evangelische Christen sitzen, die im Gegensatze zu

Siehe Seite 2.

wilde Hetze der deutschen Front", aber auch durch die Stordbeispiele, die seit Jahr und Tag von den Macht­habern im dritten Reiche" gegeben werden, ist die Mög­lichkeit einer freien Abstimmungsbewegung jetzt schon aufs höchste gefährdet. Dazu kommt, daß die Regierungs­kommission nach ihren eigenen Angaben berechtigte her einen Schuß auf den Kommissar abgegeben haben, Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Exekutive hat.

Wer von den Gegnern der deutschen Front" ist im Saargebiet noch seines Lebens sicher, wer kann ohne Ge­fahr wagen, seine antihitlerische Ueberzeugung frei her­aus zu betätigen, wenn möglich ist, was wir nun innerhalb drei Tagen alles im Saargebiet erlebt haben?

Wir wiederholen und verstärken unsere Mahnungen. Nur eine feste Regierungsautorität, nur eine ganz zuverlässige Exekutive, nur strenge Maßnahmen können das Scurgebiet vor Erschütterungen bewahren, die schwere europäische Folgen haben müssen.

DNB. ,, berichtet"

Wie das halbamtliche Nachrichtenbüro arbeitet, beweist folgende Meldung, die es heute in die Welt gejagt hat: Niedergeschossen!

Heute vormittag, etwa um 9 Uhr, hat der Polizeikommissar Machts einen 3ivilisten in der Nähe des Hauptbahnhofs in der Reichsstraße niedergeschossen. Näheres ist darüber noch nicht zu erfahren. Nach den Mitteilungen

von Augenzeugen soll der Betreffende, der sich in Begleitung einer anderen Person befunden hat, von hinten

ohne zu treffen. Machts habe sich darauf umgedreht und den Mann mit 4 Schüssen niedergestreckt. Er wurde ins Krankenhaus Reppersberg gebracht, wo er sofort operiert werden mußte. Ob die Verlegungen lebensgefährlich sind, läßt sich z. 3. noch nicht sagen. Wie wir erfahren, handelt es sich um einen Chauffeur Johann Baumgärtner, Saar­ brücken , Gravelottestraße 6.

Wir haben das Büro telefonisch gestellt. Es behauptete, fünf- oder sechsmal vergeblich von der Polizei Auskunft ver­langt zu haben. Wir, die wir in keinerlei näherer Beziehung zum Polizeipräsidenten stehen, haben sofort Auskunft er­halten.

Das Büro behauptet, einen Augenzeugen gesprochen zu haben. Es mußte also wissen, daß mehrere Schüsse auf den Kommissar abgegeben worden sind, ehe dieser schoß. Trotzdem beginnt es seine Meldung" Der Kommissar Machts hat einen Zivilisten niedergeschossen".

Es soll damit der klare Tatbestand verdreht werden, daß Machts in Notwehr gehandelt hat.

Jeder anständige und gewissenhafte Journalist würde den Bericht der Feststellung begonnen haben, daß auf den Kommissar ein Attentat verübt worden ist.

Das Deutsche Nachrichtenbüro ist bei solchen Methoden eine Schande für den deutschen Journalismus,