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Freiheit

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

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Nr. 171 2. Jahrgang

Saarbrücken , Freitag, 27. Juli 1934

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Wichtige eigene

Meldungen über die

Folgen des national­sozialistischen Putsches

Im Innern des Blattes

Chefredakteur: M. Braun

Macht Hitler unschädlich!

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Die Forderung der blutdrohenden Schicksalsstunde an alle Europäer

, Wehallen, denenschuldlos Blutklebtan

den Henkershänden!"

Vor dem Leichnam des von Nationalsozialisten zu Tode gemarterten österreichischen Bundeskanzlers Dr. Dollfuß vergessen und beschönigen wir nichts.

Als wir am Rundfunk die Reden der österreichischen

Minister hörten, in denen die Aufregungen des 25. Juli

zitterten und über denen die Sorgen einer gefahren­Schweren Zukunft lagen, dachten wir an unseren Koloman Wallisch und an die Kameraden, die mit ihm durch Stand­recht starben. Dollfuß und seine Minister haben die Todes­urteile zu verantworten.

Wir dachten an alle Rämpfer und Kämpferinnen des 12. Februar in den Kerkern und in der Emigration draußen und drin in Desterreich. Es waren und sind Männer, die den evolutionären Aufstieg der von ihnen geführten Arbeiterklasse gewaltsamen Kämpfen vorzogen. Bis zuletzt haben sie dem Bundeskanzler Dr. Dollfuß die friedliche Verständigung angeboten. Er aber und seine Um­gebung lebten in dem verhängnisvollen Jrrtum, der die gesamte Welt chaotischen Zuständen entgegenzutreiben droht. Sie verweigern diesem wundervoll disziplinierten, diesem von hohem Kulturstreben erfüllten deutsch - öster: reichischen Arbeitertum die Gleichberechtigung im Staate. Nur so konnte es zu der Erhebung des 12. Februar kommen. Die Schutzbündler verteidigten mit bewaffneter Hand die Gesetze des Landes und die beschworenen Frei­heiten des Volkes gegen eine Bundesregierung, die eid­brüchig und gesetzlos geworden war. Auf der Seite des Schutzbundes war der verfassungsmäßige Staat, auf der von Dollfuß die verfassungsmäßige Ursurpation.

So ist es in den Monaten seither geblieben. Daran pird nichts durch das Ereignis geändert, daß unter dem Segen der politisierten Kirche dem österreichischen Volke eine Verfassung aufgezwungen wurde, die mit den Worten be­ginnt: Jm Namen des allmächtigen Gottes."

Der österreichische Austrofaschismus machte einen ge­michtigen Grund für sich geltend: den mit anarchischen Mitteln arbeitenden reichsdeutschen Nationalsozialismus, der dessen Totalitätsanspruch auf die Staatsführung, also die volle Entrechtung aller politischen Gegner und den unmittelbaren Anschluß an Deutschland unter Bruch aller Verträge und damit unter unmittelbarer Kriegsgefahr forderte. Statt das taktische Bündnis mit dem demokra­tischen Sozialismus zur Rettung des Landes und des Friedens zu suchen, führten Dollfuß und die Seinen den 3weifrontenkampf. Die Folgen sind unabsehbar.

Der österreichische Nationalsozialismus, lediglich eine Filiale des deutschen und protegiert und finanziert, und Siehe Seite 2.

Polizeikommissar Machts

Amtliche Kundgebung!

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit bedarf jede Regierung einer pflichtbewußten und loyalen Polizei.

Seit geraumer Zeit hat die Regierungskommision zu ihrem Be­deuern feststellen müssen, daß neben Beamten, die ihrem Gide ge­mäß aufrichtig und einwandfrei ihre Pflicht erfüllen, sich auch solche befinden, die entgegen ihrem Diensteide unerlaubte Beziehungen zu gewissen anderen Stellen aufgenommen haben. Aus diesem Zustand münen naturnotwendig für das von der Regierungsfommission ver­waltete Gebiet die größten Schäden, wenn nicht sogar ernste Ge­fahren, entstehen.

Um solchen Zuständen nach Möglichkeit vorzubeugen, hat die Re­gierungskommission sich veranlaßt gesehen, Kriminalbeamte zu suchen, die in jeder Hinsicht unbefangen und an dem im Saargebiet be­stehenden Streite der Meinungen vollkommen uninteressiert find. So kam es dazu, mehrere geeignete Beamte aus einem vollkommen neutralen Staate anzuwerben. Hierbei setzte sie voraus, daß diese Beamte feinem politischen Druck im Saargebiet unterworfen werden fönnten und infolge ihrer Sprache und Herkunft allen an sie zu stellenden dienstlichen Anforderungen genügen würden..

Raum war die Absicht der Regierungskommission bekannt gewor den, als auch schon von einer gewijsjen Seite alles unternommen wurde, durch Presse- und Rundfunkkampagne die beabsichtigte An­werbung der obenerwähnten Kriminalbeamten zu hintertreiben, was leider auch gelang.

Inzwischen hatten Personen, die infolge der veränderten poli­tischen Lage im Reich ihre bisherige Tätigkeit im Polizeidienst auf­geben mußten oder freiwillig aufgegeben hatten, sich um Beschäf­tigung im Saargebiet bei der Regierungsfommission beworben. Wenn auch diese Personen als ehemalige deutsche Beamte einer politischen Richtung angehörten, so war bei ihnen vorauszu= lezen. daß sie, als den politischen Machtmitteln unzugänglich, denen gewisse saarländische Polizeibeamte unterlegen waren, ibren Dienst pflichtgemäß ausüben würden.

Frankreich plant Intervention

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Gemeinsames Vorgehen mit Ifallen und England?

Erstes Pariser Edho

Ungeheure Erregung

Paris , 26. Jult. Die gesamte Morgenpresse ist angefüllt mit Berichten über die Vorgänge in Desterreich. Die ersten Nachrichten darüber waren bereits am Mittwochabend in Paris durch eine Sonderausgabe des Intransigeant" ver­breitet worden und haben hier in allen politischen Kreisen eine ungeheure Erregung ausgelöst. Wenn sich auch die großen Zeitungen im Augenblick noch eines besonderen Kommentars enthalten, so lassen sie doch deutlich schon an den Ueberschriften, die sie den Berichten geben, erkennen, daß sie keinen Zweifel an der Mitschuld Deutschlands haben. Dabei flechten die linksstehende Deuvre" ebenso wie das rechtsstehende" Journal" eine Feststellung ein, die geeignet Beide Blätter berichten übereinstimmend, ist, die Vorgänge in Wien schlaglichtartig zu beleuchten.

daß man bereits seit Dienstag in Berlin mehr oder weniger offen von der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit gewiffer Ereignisse in Oesterreich sprach, und daß die Ver­treter der Zeitungen diese Gespräche genau, notiert hätten. " L'Oeuvre" fügt hinzu, man könne wohl an einen Zu fammenhang zwischen Berlin und den Wiener Putschiften glauben, denn man wisse ja, daß die Regierung zu allem fähig sei, Sicher sei, daß ein Nazierfolg in Desterreich für Sitler eine sehr glückliche Ablenkung gewesen wäre. Er hätte ihn als Erfolg der Außenpolitik gebucht, den er sehr nötig brauchen könne, weil ihm der Erfolg auf dem wirt= schaftlichen Gebiete fehle.

Die Blätter beurteilen übereinstimmend die Inter­vention des deutschen Gesandten zu Gunsten der Naziverbrecher als ein bedenkliches Symptom, das Berlin sehr stark belastet, und sie zögern nicht, den Umstand, daß Hitler diesen Schritt seines Gesandten zu diskreditieren suchte, als Heuchelei anzuprangern.

Sobald die ersten Nachrichten aus Wien hier anlangten, konnte man am Quai d'Orsay eine lebhafte Bewegung feststellen. Bereits in den Abendstunden hatte dann auch Außenminister Barthou eine Unterredung mit dem italie­nischen Botschafter in Paris , dem Grafen Pignatti di Cu­stozza, in der die Wiener Ereignisse und ihre etwaigen Aus­wirkungen ausführlich besprochen wurden. Man nimmt hier an, daß ein gemeinsamer Schritt Italiens und Frankreichs in Berlin bevorstehe, um gegen das Vorgehen der österreichischen Nationalsozialisten zu pro­

Unter den wenigen Personen, die die Regierungskommission ous diesen Bewerbern in ihren Dienst übernommen hat, befindet sich der Polizeikommissar Macht 8. Besonderen Wert wird darauf gelegt, festzustellen, daß der ehemalige preußische Polizeikommissar Machts nicht in das Saargebiet geflüchtet ist und daß bisher auch von feiner Seite bekanntgeworden ist, daß dieser Beamte wegen irgendwelchen Vergehen verfolgt werde.

Aus den Personalien des Polizeikommissars Machts, die amtlich belegt sind, geht u. a. folgendes hervor:

Komminar Machts war zunächst Berufsoffizier. Am 23. 8. 1913 trat er als Fahnenjunker in die Armee ein. Im Juni 1914 wurde er zum Fahnrich, im Oktober 1914 zum Leutnant befördert. Bis September 1919 war er aktiver Offizier, in den letzten Kriegs­jahren Führer einer Maschinenngewehrkompanie und einer Maschinengewehr- Scharfschützenkompagnie. Nachdem er bei seinem Stammregiment, dem Infanterieregiment 172, das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten hatte, wurde ihm als Führer der 2. Maschinen­gewehrkompanie, des Infanterieregiments 395 am 27. Januar 1918 das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Im Juni 1918 folgte die Verleihung des silbernen Verwundetenabzeichens für seine dreimalige Verwundung. Im August 1919 wurde er in die neu aufgestellte Reichswehr übernommen. Im September 1919 erfolgt seine Uebernahme als Polizeioffizier in die neuaufgestellte staat­lich preußische Sicherheitspolizei, spätere Schutzpolizei. Im Ok­tober 1919 wurde er zum Polizei- Oberleutnant befördert und im Juli 1920 zum Abteilungsadjutanten beim Stabe der Polizei­gruppe Ost- Berlin ernannt.

Am 1. März 1921 trat er als Referent zur staatlichen Außen­Handelskontrolle über und war als solcher bei der Außenhandels­stelle Feinkeramik in Berlin tätig. Am 1. 4. 1928, mit Beginn der Auflösung der Außenhandelskontrolle ging er zur Industrie über und war daselbst bis zum 30. 6. 1929 tätig. Er stellte dann einen Antrag auf Wiedereinstellung in die Polizei. Das Gesuch wurde genehmigt, und er wurde nach Ablegung der erforderlichen Kom­missarprüfung auf der höheren Polizeischule in Eiche bei Potsdam und nach Absolvierung des erforderlichen Lehrganges am 1. 4. 1930 zum Kriminalfommissar beim Polizeipräsidium Berlin er­nannt. Am 1. 8. 1933 wurde er infolge der Umwälzung in der

testieren, an deren inniger Verbindung mit Berlin feiner­lei Zweifel zu bestehen scheinen." spom

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United Preß" schreibt, daß die französische Regierung die Haltung Italiens abwarten wolle, das entweder allein in Berlin vorstellig werde oder die französische und die englische Regierung als Garanten der österreichischen Unabhängigkeit auffordern dürfte, eine gemeinsame Intervention in der Wilhelmstraße durchzuführen.

Italienischer Protest in Berlin Die außenpolitischen Folgen sofort zu spüren

Ein Telegramm der United Preß" aus Rom sagt: Infolge der österreichischen Ereignisse wird die italienische Regierung

in allernächster Zeit ihren Botschafter in Deutschland instru= ieren, in Berlin Protest zu erheben. Die Regierung hatte vor kurzem beschlossen, den Protestschritt aufzuschieben bis nach der Besprechung Dollfuß- Mussolini, die am Freitag stattfinden sollte. Man betont, daß diese Besprechung nicht verschoben werden soll, es sei denn, daß Dollfuß unter keinen Umständen nach Riccione tommen könne. Mussolini ist be reits in Riccione eingetroffen und wird dauernd telefonisch über die Ereignisse in Desterreich auf dem laufenden gehalten. Ueber den ersten Eindrud über die heutigen Ereignisse in Wien erklärte ein Regierungsvertreter gegenüber der United Preß", daß die Belegung der Radiostation die legte Gefte der nationalsozialistischen Terroristen in Desterreich darstelle, die alle Grenzen des internationalen Rechts überschritte.

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Rom , 26. Juli. Der Eindruck, den in Rom die Wiener Vorgänge hervorgerufen haben, ist außerordentlich lebhaft. Je mehr Einzelheiten über den Naziputsch bekannt wurden, umso mehr wächst das Interesse an den Ereignissen. Schon jetzt zweifelt man nicht daran, daß Deutschland für alles, was in Wien geschehen ist und noch ge= schehen wird, verantwortlich sei. Man spricht hier nicht von einer Revolution, sondern von einer terrori­stischen Bewegung, wobei man das Eingreifen des deutschen Gesandten in Wien als sehr belastend für die Hitlerregie­rung wertet. Gazetta di Popolo" gibt ihrem Bericht die fiebenspaltige Ueberschrift Deutschlands Mitschuld". Das Blatt prüft weiter die möglichen Auswirkungen der Wiener Ereignisse und findet, daß Italien alle für die Zu­funft etwa notwendigen Maßregeln ergreifen müsse.

Führung der preußischen Staatsgeschäfte aus politischen Gründen zwangsbeurlaubt und am 6. Oktober 1933 aus den gleichen Grün­den entlassen.

Daß die Regierungsfommission keine Bedenken zu haben brauchte, einen solchen Mann als zum Polizeidienst geeignet anzusehen, be­darf wohl keiner weiteren Ausführungen.

Ans denselben Kreisen, die die Anwerbung der Beamten aus nen­tralem Staate hintertrieben hatten, setzte sehr bald auch eine Kam­pagne gegen die aus Deutschland angeworbenen Polizeibeamten, insbesondere gegen den Polizeikommissar Machts ein. Die Behaup tungen, wonach Machts im Kriege ein Feigling gewesen sei, Selbst­verstümmelungen verübt habe und dergleichen wiederholten sich so­wohl in der Preise als auch im Wege von Rundfunknachrichten. Nie­mals sind aber der Regierungskommission irgendwelche zuverlässige Beweise für die Wahrheit der genannten Beschuldigungen zugäng­lich gemacht worden. Sie ist somit darauf angewiesen, den amtlichen deutschen Dokumenten Glauben zu schenken, die als Unterlagen zu den erstgenannten Personalien des Polizeikommissars Machts ge­führt haben. Es ist für die Regierungskommission auch schwer, zu glauben, daß man einen Feigling im Felde zum Offizier befördert hat, daß man ferner einem Feigling das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse verleihen konnte. Die Regierungskommission glaubt viel mehr, ernsten Anlaß zu berechtigtem Mißtrauen in die gegen Machts von politischer Seite erhobenen Vorwürfe zu haben.

Zu welchen Verirrungen die gegen einen Beamten betriebene Kampagne lezten Endes führen kann, beweist das Attentat, das auf Polizeikommissar Machts am 24. Juli, vormittags 9 Uhr, verübt worden ist.

Die moralische Verantwortung für solche bedauerlichen Vorfälle fällt denjenigen zu, welche durch Angriffe in der Presse und ver­hezende Ausführungen im Rundfunk unüberlegte Leute zu straf­baren Handlungen verleiten.

Es darf sich niemand wundern, wenn die Regierungskommission, die bereits in der Begründung ihrer zulegt erfolgten Zeitungs­verbote auf die Folgen solcher Heze gegen dienstausübende Beamte aufmerksam gemacht hatte, legten Endes gezwungen wird, zu noch Schärferen Mitteln au greifen